Kreisrunder Haarausfall: Ursachen, Diagnose und Behandlungsansätze

Die Alopecia areata ist eine chronische, immunvermittelte Erkrankung, die durch akuten oder chronischen Haarausfall gekennzeichnet ist und alle Lebensalter betreffen kann. Von einem solchen Haarausfall sind in Deutschland schätzungsweise zwei Prozent aller Menschen - Männer und Frauen gleichermaßen - betroffen. Der kreisrunde Haarausfall kann mit einem hohen Leidensdruck einhergehen.

Wir stellen Hintergründe zum kreisrunden Haarausfall vor: Warum er bei Kindern, Frauen und Männern auftritt, welche Ursachen dahinter stecken und welche Therapien helfen.

Was ist kreisrunder Haarausfall?

Kreisrunder Haarausfall ist auch unter dem Namen Alopecia areata bekannt. Der kreisrunde Haarausfall, beziehungsweise Alopecia areata, gehört zu den am weitesten verbreiteten Erkrankungen mit Haarverlust. Bei der Erkrankung mit Alopecia areata entstehen meist plötzlich runde kahle Stellen auf dem Kopf. Die Erkrankung kann allerdings auch in Schüben verlaufen.

Manchmal tritt kreisrunder Haarausfall außerdem im Gesicht auf, wie an den Wimpern, den Augenbrauen, im Bart oder an der Behaarung des Körpers. Außerdem kann beim sogenannten Ophiasis-Typ, einer Sonderform des kreisrunden Haarausfalls, der Haarverlust im Nacken beginnen und sich rundherum um den Haaransatz entlangziehen.

Formen des kreisrunden Haarausfalls

  • Alopecia areata totalis: Beinhaltet den Ausfall aller Kopfhaare (ggf. auch der Augenbrauen- und Wimpernhaare).
  • Alopecia areata universalis: Die kahlen Stellen im Haar können zusammenfließen und zu einem kompletten Haarverlust auf dem Kopf (totalis) oder am Körper (universalis) führen.
  • Alopecia areata vom Ophiasis-Typ: Hier fallen die Haare bandförmig am Hinterkopf und Nacken aus. Die Haare oben und seitlich am Kopf sind nicht betroffen.
  • Alopecia areata diffusa: Der diffuse Haarausfall ist meist über den ganzen Kopf verteilt, manchmal auch an einzelnen Stellen konzentriert.

Kreisrunder Haarausfall - Ist er heilbar? | Dr. med. Barbara Meyer-Lehmann

Ursachen von Alopecia areata

Die Ursachen sind noch nicht geklärt. Infekte oder starker psychischer Stress könnten als Auslöser infrage kommen. Experten vermuten, dass es sich bei der Alopecia areata um eine Störung des Immunsystems handelt. Dabei kommt es zu einer Autoimmunreaktion, bei der der Körper nicht nur Bakterien, Viren und andere Krankheitserreger bekämpft, sondern sich fälschlicherweise auch gegen körpereigene Zellen richtet.

Die Abwehrzellen greifen die Haarwurzeln an, die daraufhin ihre Arbeit einstellen und in einen Ruhezustand fallen. Dadurch tritt Haarausfall auf. Manchmal fallen auch nur pigmentierte Haare aus und graue oder weiße Haare bleiben stehen. Allen Autoimmunkrankheiten gemeinsam ist, dass das Immunsystem eine gestörte Toleranz gegenüber körpereigenen Stoffen aufweist. Ebenfalls kann eine Corona-Infektion zu Haarausfall führen.

Man geht zusätzlich von einer genetischen Komponente aus. Bei bis zu 25 Prozent der Betroffenen lässt sich eine familiäre Häufung der Erkrankung feststellen. Auch psychogene Ursachen können zumindest teilweise eine Rolle spielen. Der kreisrunde Haarausfall kann manchmal bei starkem Stress, Prüfungen, nach Unfällen oder Trauerfällen auftreten. Bisher sind keine vermeidbaren Risikofaktoren bekannt.

Mögliche Risikofaktoren für Rückfälle

  • Beginn der Erkrankung im Kindesalter
  • Dauer des Haarausfalls länger als ein Jahr
  • Bandartiger Haarausfall am Hinterkopf und Nacken
  • Schwere Verläufe mit komplettem Haarverlust
  • Erkrankungen der Nägel
  • Neigung zu Allergien (Atopie)
  • Auftreten von kreisrundem Haarausfall in der Familie

Symptome und Diagnose

Die ersten Symptome eines kreisrunden Haarausfalls sind Haarverluste an einzelnen Stellen, die letztlich zur Ausbildung eines umschriebenen kahlen Flecks führen. Das passiert oft relativ rapide oder in Schüben. Es kann am gesamten Kopf beginnen oder andere Körperstellen betreffen, zum Beispiel Arme, Beine, Bart, Wimpern oder Augenbrauen. Bei einer Sonderform, dem Ophiasis-Typ, sind insbesondere der Nacken und die seitlichen Haaransätze betroffen. Die Kahlstellen können im Verlauf größer werden und auch mit anderen Herden konfluieren.

Meist wenden sich Betroffene mit ihren Symptomen zuerst an den Hausarzt oder Dermatologen. Das typische Muster des Haarausfalls macht die Diagnose einfach. In der Familienanamnese kann es zusätzlich Hinweise auf gehäuft vorkommenden kreisrunden Haarausfall geben.

Zusätzlich sucht die Ärztin oder der Arzt mit einem Auflichtmikroskop (Dermatoskop) die lichten Stellen nach den typischen abgebrochenen Haaren ab - den „Ausrufezeichen-Haaren“. Außerdem kann die Ärztin oder der Arzt einen Zupftest machen. Lassen sich die Haare an den Rändern der kahlen Stellen leicht auszupfen, weist das ebenfalls auf kreisrunden Haarausfall hin.

In einer Blut- und Urinuntersuchung können weitere Ursachen, die den Haarausfall zusätzlich begünstigen, festgestellt werden. Der Arzt kann sich mit einem Dermatoskop die Kopfhaut genau anschauen. Dort kann er an den kahlen Stellen die Poren der Haarfollikel erkennen, was ein Zeichen dafür ist, dass die Haare prinzipiell nachwachsen können. Bei einem Trichogramm werden Haare ausgezupft und unter einem Mikroskop begutachtet. So lassen sich Hinweise auf verschiedene Zyklusphasen des Haars oder Schädigungen der Haarwurzeln erkennen.

Beim Trichoscan wird eine kleine Stelle der Kopfhaut rasiert und drei Tage später das Wachstumsverhalten der nachwachsenden Haare analysiert. Eine Gewebeprobe der Kopfhaut kann helfen, Entzündungen oder Infektionen der Kopfhaut, zum Beispiel durch einen Pilz, auszuschließen.

Behandlungsmöglichkeiten

Aus therapeutischer Sicht standen bislang noch keine allgemein verfügbaren oder zugelassenen Behandlungsoptionen zur Verfügung, die dauerhaft oder zumindest langfristig den kreisrunden Haarausfall unterbinden. Es gab Off-Label-Therapieversuche, die aber nur bedingt zufriedenstellend waren wie die Behandlung mit unspezifischen Immunsuppressiva wie Glukokortikoide, Methotrexat oder Ciclosporin sowie topische entzündungshemmende Kortison-Lösungen.

Wichtig ist der frühzeitige Kontakt zu einem Haarspezialisten, der über medikamentöse und bio-regenerative Methoden beraten kann. Die Haarfollikel sind beim kreisrunden Haarausfall oft nicht unwiederbringlich zerstört, sondern nur in einem Ruhemodus und können daher reaktiviert werden. Zur Therapie des kreisrunden Haarausfalls wird eine Vielzahl verschiedener Medikamente eingesetzt. Diese können den Verlauf verlangsamen und für neuen Haarwuchs sorgen. Dabei sind unterschiedliche Applikationswege möglich.

Es kann lokal eine cortisonhaltige Creme oder Lösung aufgetragen werden. Bei kleinen Herden kann auch Cortison in die Kopfhaut gespritzt werden. Diese systemische Therapie wirkt oft gut, die Tabletten müssen aber über einen längeren Zeitraum in einer erhöhten Dosis eingenommen werden, wodurch die typischen Nebenwirkungen einer Cortisonbehandlung auftreten können. Nach Absetzen der Tabletten kann der Haarausfall erneut auftreten. Der Arzt wird deshalb eine Cortisontherapie besonders sorgfältig abwägen.

Durch eine Anwendung über mehrere Monate wird auf der Kopfhaut eine allergische Entzündungsreaktion ausgelöst. Oft sind die neu wachsenden Haare erst einmal weiß und lagern erst einige Wochen später Pigmente ein. Die DCP-Therapie gilt als sehr erfolgreich, wird jedoch nur in wenigen spezialisierten Zentren durchgeführt.

Helfen kann auch eine PUVA-Behandlung (PUVA= Psoralen plus UV-A). Dabei wird der phototoxische Stoff Psoralen auf die betroffenen Hautstellen aufgetragen und diese dann mit UV-A-Licht bestrahlt. Eine lokale Therapie mit einer Minoxidil-Lösung wird eigentlich bei erblich bedingten Haarausfall angewendet. Als Alternative gilt Dithranol, welches auch als Cignolin oder in den USA als Anthralin bekannt ist und normalerweise bei der Behandlung der Schuppenflechte eingesetzt wird.

Bei vielen anderen Autoimmunerkrankungen haben sich Calcineurinhemmer wie Tacrolimus oder Pimecrolimus als erfolgreich erwiesen. Bei der Alopecia areata sind sie aber nicht wirksam. Dasselbe gilt für Biologicals - neue, gentechnisch hergestellte Medikamente.

Da sie aber auch keine Nebenwirkungen haben, kann ein Versuch gestartet werden mit Kopfhautmassagen mit hochwertigen Ölen wie Kokosöl oder Arganöl. In der Homöopathie wird empfohlen, für eine gesunde Darmflora und einen ausgeglichenen Säure-Basen-Haushalt durch ausgewogene Ernährung zu sorgen.

Neue Therapieansätze: JAK-Inhibitoren

Am 20. Juni 2022 hat die EU-Kommission (einem Votum der Europäischen Arzneimittelagentur EMA folgend) mit dem Januskinase-Hemmer Baricitinib nun ein erstes Medikament zur Behandlung Erwachsener mit schwerem kreisrunden Haarausfall zugelassen. Der JAK-Hemmer ist bereits seit 2017 auf dem Markt und wurde ursprünglich für die Behandlung der rheumatoiden Arthritis entwickelt. Eine erste Zulassungserweiterung erfolgte 2020 für die atopische Dermatitis (Neurodermitis). Der Einsatz bei kreisrundem Haarausfall (Alopecia areata) eröffnet Dermatologinnen und Dermatologen nun neue Wege.

„Mit Baricitnib können wir die schwere Alopecia areata nun zielgerichtet behandeln. Für die Patientinnen und Patienten bedeutet das einen Zurückgewinn von Lebensqualität, denn die Belastungen von Haarausfall auf die Psyche und die damit einhergehende Stigmatisierung sind groß“, sagt, Prof. Dr. med. Michael Hertl, Präsident der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG).

Die Behandlung mit Baricitinib, das als Tablette einmal am Tag verabreicht wird, gilt als sicher. In zwei doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten Zulassungsstudien (BRAVE-AA1 und BRAVE-AA2) erwies sich der JAK-Hemmer in Vergleich mit Placebo als deutlich wirksamer. Untersucht wurde vor allem, wie sich das Medikament auf das Nachwachsen der Kopfhaare auswirkt.

In beiden Studien wuchsen die Haare bei 35,9 bis 38,8 Prozent der Studienteilnehmenden nach, die eine Dosierung von 4 mg Baricitinib erhalten hatten. Im Vergleich dazu waren es bei einer Dosierung von 2 mg Baricitnib bei BRAVE-AA1 22,8 und bei BRAVE-AA2 32,6 Prozent. In den Placebogruppen lag der Prozentsatz bei ca. 6,2 bis 16,6 Prozent. Auf der Basis dieser Ergebnisse wurde daher Baricitinib in der höheren Dosierung mit 4 mg zugelassen. Die Studienergebnisse zeigen, dass mit Baricitinib eine mindestens 80-prozentige Wiederbehaarung der Kopfhaut möglich sein kann.

Ergebnisse der BRAVE-AA1 und BRAVE-AA2 Studien:
Dosierung von Baricitinib Prozentsatz des Haarwachstums (BRAVE-AA1) Prozentsatz des Haarwachstums (BRAVE-AA2)
4 mg 35,9% 38,8%
2 mg 22,8% 32,6%
Placebo 6,2 - 16,6% 6,2 - 16,6%

Zu den Nebenwirkungen einer Therapie mit Baricitinib können erhöhte Cholesterin-Werte, Atemwegs- und Harnwegsinfektionen, Kopfschmerzen, Zoster (Gürtelrose) und Herpes-Infektionen an der Haut gehören. Eine automatische Erstattung der Verordnungskosten ist für alle Arzneimittel gegen Haarverlust durch das Gesetz ausgeschlossen. Für Patientinnen und Patienten heißt das, sie müssen die sehr teure Therapie (etwa 1000 Euro pro Monat) bis auf weiteres aus eigner Tasche zahlen. Anträge auf Kostenübernahme können aber auf individueller Basis an die Krankenkasse gestellt werden.

Es ist daher ratsam, sich bereits im Anfangsstadium an einen Haarspezialisten zu wenden, um bio-regenerative Methoden und eine eventuelle Haartransplantation frühzeitig einsetzen zu können. Durch die fehlgesteuerte Immunreaktion werden die Haarwurzeln fälschlicherweise von Immunzellen angegriffen und das Wachstum gelähmt. Das erklärt einerseits, warum weißes Haar oft vom Haarausfall verschont bleibt und andererseits, warum die ersten nachwachsenden Haare häufig ebenfalls weiß sind.

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