Besonders für Frauen ist der Haarausfall eine schlimme Folgeerscheinung der Chemotherapie. Eine Kühlkappe, die während der Therapie auf dem Kopf getragen wird, soll den Haarausfall mindern.
Anna Hunner-Mekhail ertastete den Knoten in ihrer Brust im April und erhielt die Diagnose Krebs im Mai. Schnell war klar, dass nicht nur eine Operation, sondern auch eine Chemotherapie nötig ist. Eine starke Chemotherapie, eine, die mit dem Verlust ihrer wunderbaren langen braunen Locken einhergehen wird.
„Doch ich hatte ja diese große Hoffnung“, erzählt die 38-jährige Sozialpädagogin, die mit ihrem Mann und den drei Kindern in Neu-Ulm lebt. „Ich wusste, dass es eine Kühlhaube gibt, die meine Haare rettet."
Eine Chemotherapie wird mit Medikamenten - sogenannten Zytostatika - durchgeführt, die eine Teilung von Krebszellen verhindern und sie absterben lassen. Das kann auf verschiedene Arten passieren, beispielweise indem die Medikamente den Stoffwechsel der Zellen unterbrechen.
Zytostatika wirken nicht nur auf die Krebszellen, sondern auf alle Zellen, die sich im Körper schnell teilen und so greifen einige auch die Zellen der Haarwurzeln an. Etwa 80 bis 90 Prozent von ihnen befinden sich immer in der Phase der Teilung. Wenn die Chemotherapie dort ansetzt, fallen die Haare etwa zwei bis vier Wochen später in unterschiedlicher Menge aus oder brechen dicht über der Wurzel ab. Oft sind auch Augenbrauen, Wimpern, Bart und Körperbehaarung betroffen. Je höher die Dosis der Medikamente, umso mehr muss mit dieser Nebenwirkung gerechnet werden.
Für viele Patienten, vor allem für Frauen, zählt der Haarverlust zu einer der schlimmsten Begleiterscheinungen der Chemotherapie. Seit einiger Zeit gibt es die Möglichkeit, diesen Ausfall durch eine Kühlung zu mindern. Eine spezielle Kappe kühlt die Kopfhaut auf etwa vier Grad Celsius ab. Das führt dazu, dass sich die Gefäße in diesem Bereich zusammenziehen. Dadurch sinkt der Blutfluss und es gelangt weniger Wirkstoff in die Kopfhaut.
Die konstante Kühlung der Kopfhaut durch neue Techniken führe zu einer Verengung der Kopfhautgefäße. Durch die dadurch verminderte Durchblutung der Kopfhaut kommen auch weniger der schädlichen Substanzen der Chemotherapie bei den Haarwurzeln an. „Dadurch kann die Schädigung der Haare vermindert, der Haarverlust teilweise, im besten Fall sogar ganz verhindert werden“, erklärt Würstlein.
Die Kappe wird 30 Minuten vor Beginn der Behandlung angelegt und die Patienten behalten sie während der gesamten Infusionszeit auf. Je nach Medikament und Dosis schließt sich dann noch eine 30- bis 150-minütige Nachkühlungszeit an.
Die Behandlung läuft so ab: Die Kühlung der Kopfhaut erfolgt ab 30 Minuten vor dem Start der Chemotherapie und muss auch mindestens 60 Minuten nach Ende der Chemotherapie noch laufen. Das Prinzip dahinter lässt sich so erklären: Den Haarverlust verursachen hochwirksame Krebsmedikamente, so genannte Zytostatika. Denn sie zerstören nicht nur Tumorzellen, sondern auch gesunde Zellen - und hier vor allem schnell wachsende Zellen wie die der Haarwurzeln.
Im Münchner Brustzentrum an der LMU wird Patientinnen die Kühlhaube im Rahmen einer Studie seit 2015 kostenlos angeboten. Als Ausbildungszentrum bemüht man sich gerade darum, erklärt Würstlein, auch nach Ablauf der Studie das kostenlose Angebot aufrechtzuerhalten. „Denn Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht“, sagt Würstlein. In manchen onkologischen Praxen werden die Kühlhauben aber als Eigenleistung oder über eine Finanzierung durch Spenden, Vereine, Selbsthilfegruppen angeboten. Im Schnitt müsse mit 80 bis 100 Euro pro Einsatz beziehungsweise pro Dreiwochenzyklus gerechnet werden.
Bisherige Auswertungen zeigen aber, dass rund 70 bis 80 Prozent der - meist weiblichen Nutzerinnen - durch die Kappe einen Großteil der Haare oder sogar alle behalten. Im Moment wird noch untersucht, ob die Kappe bei verschiedenen Haartypen unterschiedlich gut wirkt und für welche Zytostatika sie sich besonders gut eignet.
Getestet wurden die Kühlhauben bisher vor allem an Frauen mit Brustkrebs, die sich einer Chemotherapie mit sogenannten Anthrazyklinen beziehungsweise Taxanen unterzogen haben. Bei ihnen fielen tatsächlich weniger Haare aus als bei Personen, deren Kopfhaut nicht gekühlt wurde. Sie brauchten beispielsweise seltener eine Perücke, um den Haarausfall zu kaschieren.
Es gibt jedoch bisher nur wenige aussagekräftige Studien zur Wirksamkeit der Kühlhaube gegen den Haarverlust bei einer Chemotherapie. Ein Kritikpunkt ist, dass nur wenige Männer und überwiegend Frauen teilgenommen haben. Außerdem unterschieden sich die Studien hinsichtlich der verabreichten Zytostatika, Dauer der Chemotherapie und Art der eingesetzten Kühlkappen. Auch wie ausgeprägt der Haarausfall war, wurde auf verschiedene Weise gemessen. Daher sind die Studienergebnisse mit Vorsicht zu betrachten.
Dem Direktor des interdisziplinären Krebszentrums am Universitätsklinikum Augsburg reichen die bisherigen wissenschaftlichen Studien noch nicht aus. „Zudem ist der Effekt für mich zu häufig ungenügend. Etwa 50 Prozent der Patientinnen verlieren trotz Kühlhaube ihre Haare.“ Auch aus diesem Grund und nicht wegen des größeren Pflegeaufwands und der hohen Anschaffungskosten werde die Kühlhaube in Augsburg nicht angeboten.
Fazit der aussagekräftigen Scalp Cooling Alopezia Prevention-Untersuchung, kurz SCALP-Studie genannt: Von den 95 Frauen, die während der Chemotherapiezyklen eine Kühlkappe trugen, ging etwa jeder zweiten höchstens 50 Prozent ihres Schopfes aus. Außenstehende bemerken einen solchen Haarverlust meist gar nicht. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Bekamen die Frauen ein Krebsmittel, das den Wirkstoff Taxan enthielt, zeigte die Kühlhaube bessere Ergebnisse als bei einer Anthrazyklin basierten Chemotherapie.
Typische Nebenwirkung ist ein kältebedingter Kopfschmerz, der aber rasch abklingt und nur wenige Betroffene dazu bringt, die Anwendung zu beenden. Weitere Nebenwirkungen sind bisher nicht bekannt.
Zu den hauptsächlichen Nebenwirkungen zählen nach Angaben von Würstlein Kopfschmerzen, ein Kältegefühl und Kreislaufbeschwerden.
Nur wenige der Probandinnen klagten über unangenehme Begleiterscheinungen der Behandlung wie Kopfschmerzen, schmerzende Haut, Übelkeit oder Frösteln. Sieben Frauen brachen jedoch die Kühlung per Kappe vorzeitig ab: Sie ertrugen die Kälte nicht. Tatsächlich ist das Verfahren kompliziert und langwierig.
Mancherorts wurden Befürchtungen laut, dass durch die verminderte Chemotherapiekonzentration in der Kopfhaut Metastasen unter dieser Haut (Skalpmetastasen) begünstigt werden könnten.
Der Einsatz der Kappe wird nicht von den Krankenkassen übernommen. Jede Anwendung kostet circa 100 Euro.
In Deutschland bieten Fachkliniken- und Praxen die bis zu 2 000 Euro teure Kühlkappenbehandlung an. Zuschüsse gewähren die Krankenkassen - wenn überhaupt - nur im Einzelfall und auf Antrag, der dann vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) begutachtet wird. Im Hilfsmittelverzeichnis der Krankenversicherungen ist die Kühlkappe bisher nicht verzeichnet.
Für Anna Hunner-Mekhail ist das Thema nun erledigt. Sie versteht die Entscheidung der Donauklinik Neu-Ulm zwar nicht, weil sie von vielen Frauen weiß, die händeringend nach einer Lösung für den Erhalt ihrer Haare suchen. Aber sie konnte nicht länger warten - die Chemo startet.
Es gibt keine zuverlässige Methode, dem Haarausfall bei einer Chemotherapie vorzubeugen. Manche Patientinnen oder Patienten versuchen es mit einer Kühlung der Kopfhaut während der Behandlung. Die Methode ist aber nicht gut untersucht.
In Studien wurde untersucht, ob Druck (Kompression) auf die Kopfhaut den Haarausfall verhindern kann. Druck lässt sich zum Beispiel über enge Hauben oder Druckmanschetten auf dem Kopf ausüben. Ziel ist es, die Durchblutung der Kopfhaut herabzusetzen, damit weniger Zytostatika zur Haarwurzel gelangen. Die Kombination aus Kühlung und Kompression der Kopfhaut zeigte in Studien vorbeugende Effekte, was den Haarausfall angeht.
Bisher gibt es kein Medikament, das vor einem Haarausfall durch die Chemotherapie schützen könnte. Untersucht wurde in Studien zum Beispiel das Haarwuchsmittel mit dem Wirkstoff Minoxidil (zugelassen für erblich bedingten Haarausfall). Das Mittel wird auf die Kopfhaut aufgetragen und scheint die Durchblutung der Haarfollikel und somit das Haarwachstum zu verbessern.
Hirse enthält Aminosäuren, Vitamine und sogenannte Phytoöstrogene. Das sind sekundäre Pflanzenstoffe, die eine östrogenähnliche Struktur besitzen. Hirse wird als Therapeutikum gegen Haarausfall vermarktet. Die Wirksamkeit ist aber nicht ausreichend in größeren wissenschaftlichen Studien nachgewiesen.
Weitere Tipps für den Umgang mit Haarausfall:
So haben ihre Freundinnen an einem Sonntagnachmittag ihre Locken in vier lange Zöpfe geflochten und abgeschnitten. „Dadurch kann ich meine Haare leichter der Kinderkrebshilfe spenden“, erzählt sie. Sie hat nun einen raspelkurzen Schnitt. „Ich habe mich aber mit meiner neuen Frisur angefreundet“, erzählt sie und lacht. Überhaupt ist sie eine starke Kämpfernatur. „Für mich wäre es wesentlich schlimmer, meine Kinder, mein Mann, meine Eltern hätten Krebs. Da ist man viel ohnmächtiger.
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