Die Geschichte des Friseurhandwerks ist reich an Anekdoten und spiegelt oft die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen einer Epoche wider. Im Freilichtmuseum Hagen wird diese Geschichte nun museal aufbereitet, und die Ausstellungsstücke erzählen von einer Zeit, in der der Friseurbesuch nicht immer eine Selbstverständlichkeit war.
Erste Frisierfunde, wie Rasiermesser oder Salbtöpfchen, stammen bereits aus der Antike. Der historische Exkurs der Hagener Salon-Werkstatt führt vom alten Ägypten, wo Männer wie Frauen lange Perücken trugen, bis hin zum Bart von Kaiser Wilhelm II.
Der Mechanismus der Nachahmung ist bis heute typisch im Friseurhandwerk: "Waren es damals der Hof oder der Kaiser, die vorgaben, was 'in' ist, so sind es heute die Pop- oder Fußballstars. Die Haare als Statussymbole spielten zu jeder Zeit eine große Rolle", sagt Thomas Kahle. So spiegelt der Wandel der Frisuren auch gesellschaftliche Veränderungen wider.
Denn die Pflege des Haars diente stets nicht nur der Körperhygiene, sondern auch der Selbstdarstellung. Heute gehört der Besuch beim Friseur oder Hairstylisten für die meisten Menschen zum alltäglichen Leben. Das war nicht immer so.
Das professionelle Frisieren war zu vielen Zeiten für einige Bevölkerungsschichten nicht erschwinglich. Klassenfotos aus dem Ruhrgebiet der Jahrhundertwende zeigen das Gros der Schüler mit Glatze.
„In den 1930er-Jahren gab es dann die 'Glatze mit Vorgarten': hinten kahl, vorne Pony, was unter der Mütze aussah wie eine Vollhaarfrisur", erläutert Thomas Kahle.
Diese Frisur war also nicht nur ein Ausdruck des Zeitgeistes, sondern auch eine pragmatische Lösung für Menschen, die sich keinen regelmäßigen Friseurbesuch leisten konnten.
Die "Glatze mit Vorgarten" war somit ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Notlage vieler Menschen in den 1930er Jahren. Sie symbolisierte Sparsamkeit und den Wunsch, trotz begrenzter Mittel ein gepflegtes Äußeres zu bewahren.
Neben zahlreichen Exponaten wie einer hölzernen Verkaufstheke, historischen Werkzeugen, Desinfektionsgeräten und Rasierapparaten ist der mehr als 50 Jahre alte, noch funktionstüchtige Arbeitsplatz aus einem ehemaligen Herrensalon Herzstück der Hagener Werkstatt.
Was die Vitrinen und Ausstellungsstücke des Salons erzählen, entbehrt bisweilen der Vorstellung, die wir heute mit einem Friseurbesuch verbinden. So gehörte im Mittelalter beispielsweise das Ziehen von Zähnen ebenso zur Handwerkskunst der Bader und Barbiere wie der Aderlass, das Schröpfen mit Blutegeln oder der chirurgische Eingriff.
"Bis in die 50er-Jahre war es auch hier zu Lande durchaus noch üblich, dass ländliche Friseure Zähne zogen", sagt Thomas Kahle, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Hagener Freilichtmuseums, der die Schau mit einem Team konzipierte.
Seine Majestät hatte über einen seiner Offiziere von einem Coiffeur gehört, der nicht nur sein Handwerk, sondern auch tolle Sprüche beherrschte. Er befahl: "Bringen Sie mir den Mann." So wurde der Berliner Haby Hofcoiffeur und Friseur der High Society.
Er erfand und vertrieb die Rasiercreme "Wach auf" und die Barttinktur "Es ist erreicht". Diese versprach den Herren in Kombination mit dem nächtlichen Tragen einer Bartbinde am nächsten Morgen einen Kaiser-Wilhelm-Aufsteiger, den Schnurrbart mit den aufstrebenden Spitzen.
Sie operierten Brüche, verkauften Zigaretten, stutzten Bärte und waren meist die ersten, die die neuesten Skandale zu Ohren bekamen. Vor allem aber widmeten sie sich dem Haarschnitt.
Die Geschichte des Friseur-Handwerkes ist nun auch im westfälischen Hagen eine museale Angelegenheit. Das Freilichtmuseum hat in einem kleinen Fachwerkhaus ein weiteres Stück Handwerksgeschichte in die Gegenwart geholt.
Der Besuch beim Friseur war also mehr als nur eine Frage der Körperpflege; er war ein sozialer Akt, der den Austausch von Informationen und die Pflege von Beziehungen ermöglichte.
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