Ungleichheit auf dem Friseurstuhl: Warum Frauen oft mehr zahlen als Männer

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Eine Frau und ein Mann betreten den Friseur, beide mit kinnlangen Haaren und dem Wunsch nach einem neuen Schnitt. Am Ende zahlt die Frau mehr. Doch warum ist das so? Diese Frage beschäftigt viele und wirft ein Schlaglicht auf das Thema Gender Pricing im Friseurgewerbe.

Eine Kundin beim Friseur (Symbolbild)

Kunden haben sich an die Preisunterschiede gewöhnt und hinterfragen kaum noch die Schilder mit "Damenschnitt" und "Herrenschnitt". Doch wie rechtfertigen Friseure diese Differenzierung?

Die Argumente der Friseure

Friseure begründen die unterschiedlichen Preise oft mit dem höheren Zeitaufwand und der Komplexität der Damenschnitte. Eine Friseurin aus München erklärt, dass man bei Männern nicht so lange brauche wie bei Frauen, und der Kunde letztendlich für die Zeit bezahle. Allerdings räumt sie ein, dass Männer mit langen Haaren theoretisch genauso viel zahlen müssten wie Frauen.

Ein anderer Salon in Sendling argumentiert, dass der Haarschnitt bei Frauen generell aufwendiger sei, selbst bei kurzem Haar, beispielsweise wegen eines Ponys. Zudem seien Frauen "anspruchsvoller". Im Terminkalender werden für Frauen 45 bis 60 Minuten eingeplant, während für Männer 35 bis 45 Minuten vorgesehen sind. Der zusätzliche Zeitaufwand bei Frauen wird oft mit aufwendigerem Föhnen und der Verwendung von Rundbürsten begründet. Ein Friseur räumt sogar ein, dass das Abteilen einzelner Strähnen bei langem Haar aufwendiger sei, und fügt hinzu: "wahrscheinlich ist das diskriminierend, gell?"

Die Kritik der Antidiskriminierungsstelle

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) hält wenig von der Argumentation mit dem höheren Aufwand, da dies eine pauschale Unterstellung sei. Im vergangenen Jahr veröffentlichte die ADS eine Studie, die ergab, dass Frauen für den gleichen Kurzhaarschnitt im Schnitt 12,50 Euro mehr zahlen. Fast 90 Prozent der Friseure verlangen solche nach Geschlechtern differenzierten Preise. Sebastian Bickerich, Sprecher der Antidiskriminierungsstelle, betont: "Wir glauben aber nicht, dass deutsche Frauen andere Haare haben als österreichische." In Österreich gibt die Wiener Friseurinnung eine Preisliste heraus, die keine Unterschiede mehr zwischen Frauen und Männern macht.

Gender Pricing bei Friseuren

Die ADS befindet sich derzeit im Gespräch mit den Innungen, um eine ähnliche freiwillige Selbstverpflichtung auch für deutsche Friseurgeschäfte zu erreichen. Einige wenige Friseure haben die Preislisten bereits ohne Druck von oben umgestellt.

Gender Pricing: Was ist das?

Eine Preisdifferenzierung nach Geschlecht wird als "Gender Pricing", "Woman-Tax" oder "Pink-Tax" bezeichnet. Dabei müssen Frauen für gleiche oder gleichartige Leistungen oder Produkte tiefer in die Tasche greifen als Männer.

Die "Pink Tax" ist keine tatsächliche Steuer, sondern beschreibt das Phänomen, dass speziell für Frauen vermarktete Produkte teurer sind als solche für Männer oder neutrale Produkte. Diese Produkte unterscheiden sich häufig nur geringfügig, etwa durch Farbe oder Verpackung.

Beispiele für Pink Tax sind Rasierprodukte und Parfüms, die für Frauen oft teurer sind, obwohl sie sich kaum von den Produkten für Männer unterscheiden. Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2017 ergab, dass fast 90 Prozent der Friseure für einen gleichartigen Kurzhaarschnitt von Frauen einen höheren Preis verlangen als von Männern.

Die Rolle der Geschichte

Der Obermeister der Friseur-Innung Berlin, Jan Kopatz, erklärt, dass die Preisunterschiede historisch bedingt seien: „Ich glaube, wir sind da wirklich aus diesem historischen Bereich hergekommen, weil es einmal den Herrenfriseur- und den Damenfriseurbereich gab und dort die Dienstleistungen aufgrund vieler Sachen unterschiedlich kalkuliert waren.“

Auch der Marketing-Professor Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU in Düsseldorf ist der Meinung, dass wir es schlichtweg gewohnt sind, dass Frauen im Friseursalon mehr Geld lassen. Er rechnet jedoch nicht damit, dass sich dies in Zukunft ändern wird, da Unternehmen die Freiheit haben, die Preise für Frauen höher anzusetzen.

Ein Umdenken ist möglich

Einige Friseure haben bereits auf Unisexpreise umgestellt. Shan Rahimkhan, Inhaber von Salons in Berlin, findet das Preiskonzept nach Geschlecht nicht mehr zeitgemäß: „Es kann ja nicht sein, dass Frauen mehr zahlen als Männer, obwohl da der gleiche Zeitaufwand dahinter steckt.“ Deshalb berechnet er den Preis nach Aufwand und Zeit, also genderneutral.

Gender Pricing: Frauen zahlen oft mehr - die PinkTax #fragBR24💡 | BR24

Auch der Friseursalon Sander 13 in Berlin behandelt seine Kunden geschlechterneutral und hat einen mittleren Preis errechnet, den Frauen und Männer zahlen. Mitinhaberin Johanna Mertens sagt: "Ich habe das noch nie verstanden mit den unterschiedlichen Preisen für Männer und Frauen."

Allerdings räumt Shan Rahimkhan ein, dass sein neues Preismodell nicht unbedingt ökonomisch sinnvoll ist und er zumindest in den ersten Monaten nach Einführung mit finanziellen Einbußen rechnet. Er ist jedoch überzeugt, dass mit geschlechtsneutralen Preisen mittelfristig mehr gewonnen als verloren wird.

Was können Verbraucherinnen tun?

Verbraucherinnen können bewusst einkaufen, Preise vergleichen und Produkte wählen, die geschlechtsneutral oder für Männer gekennzeichnet sind, wenn sie günstiger sind. Sie können Initiativen unterstützen, die sich gegen Pink Tax positionieren, und Fälle von Pink Tax melden. Außerdem ist es wichtig, sich der Pink Tax bewusst zu sein und andere darauf aufmerksam zu machen.

Grundsätzlich können Unternehmen ihre Produkte frei gestalten, der Handel legt die Preise fest. Allerdings verstößt es gegen das Diskriminierungsverbot, wenn eine Person nur aufgrund ihres Geschlechts mehr zahlen muss. In diesem Fall kann man sich auf das Gleichbehandlungsgesetz berufen und den günstigeren Preis einfordern.

Die Hildesheimer Perspektive

Eine Recherche in Hildesheimer Frisiersalons bestätigte das Bild der finanziellen Benachteiligung. Von 17 befragten Salons gestaltet nur einer die Preise nicht nach Geschlechtern: Fön-ix. Dort wurde 2017 die Preisdifferenzierung nach Geschlecht abgeschafft. Allerdings gibt es weiterhin die Kategorien männlicher Haarschnitt und weiblicher Haarschnitt. In einem Salon zahlen Frauen einen symbolischen Euro mehr als Männer: Hair-Artisten.

Lösungsansätze und Forderungen

Es gibt verschiedene Lösungsansätze, um die geschlechtsspezifische Preisgestaltung im Friseurgewerbe zu überwinden:

  • Unisexpreislisten: Die Preise werden nach Haarlänge oder Aufwand berechnet, unabhängig vom Geschlecht.
  • Transparente Preisgestaltung: Die Preislisten müssen klar und verständlich sein, sodass Kunden die Preisunterschiede nachvollziehen können.
  • Sensibilisierung: Kunden und Friseure müssen für das Thema Gender Pricing sensibilisiert werden, um ein Umdenken zu fördern.
  • Gesetzliche Regelungen: Es könnten gesetzliche Regelungen erlassen werden, die eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts bei der Preisgestaltung verbieten.
Salon Preisdifferenzierung nach Geschlecht Kategorien
Fön-ix Nein Männlicher und weiblicher Haarschnitt
Hair-Artisten Ja (1 Euro mehr für Frauen) Geschlecht

Preisgestaltung in Hildesheimer Friseursalons (Beispiele)

Es bleibt zu hoffen, dass sich in naher Zukunft ein Umdenken durchsetzt und Friseursalons ihre Preisgestaltung fair und transparent gestalten, sodass alle Kunden für gleiche Leistungen den gleichen Preis zahlen.

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