Mascha Kaléko: Interpretation des Gedichts "Das graue Haar"

Mascha Kaléko, geboren am 7. Juni 1907 als Golda Malka Aufen im galizischen Chrzanów, war eine bedeutende deutschsprachige Dichterin. Um Pogromen zu entgehen, zog ihre Mutter mit ihr und ihrer Schwester 1914 nach Deutschland. Kaléko besuchte die Volksschule in Frankfurt am Main und begann 1925 eine Bürolehre, während sie Abendkurse in Philosophie und Psychologie besuchte. Sie heiratete 1928 ihren Hebräisch-Lehrer Saul Aaron Kaléko. Gegen Ende der 1920er Jahre kam sie mit der künstlerischen Avantgarde Berlins in Kontakt.

1929 veröffentlichte Mascha Kaléko erste Gedichte, die im heiter-melancholischen Ton die Lebenswelt der kleinen Leute und die Atmosphäre im Berlin ihrer Zeit widerspiegeln. 1933 publizierte sie „Das Lyrische Stenogrammheft“, über das der Philosoph Martin Heidegger später an sie schrieb: „Ihr Stenogrammheft zeigt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben ist.“ Obwohl das erfolgreich verkaufte Werk, im Januar erschienen, bereits im Mai den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen zum Opfer fiel, gab Rowohlt 1935 eine zweite Auflage heraus.

Im Dezember 1936 kam ihr Sohn Evjatar Alexander Michael zur Welt, Vater war der Dirigent und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver. Am 22. Januar 1938 wurde die Ehe von Saul und Mascha Kaléko geschieden, sechs Tage später heiratete sie Chemjo Vinaver. Mascha behielt den Namen Kaléko als Künstlernamen bei. Die neue Familie emigrierte im September 1938 in die Vereinigten Staaten von Amerika. 1939 veröffentlichte Kaléko Texte in der deutschsprachigen jüdischen Exilzeitung „Aufbau". 1944 erhielt die Familie Vinaver/Kaléko die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Nach dem Krieg fand Kaléko in Deutschland wieder ein Lesepublikum, „Das Lyrische Stenogrammheft“ wurde erneut von Rowohlt erfolgreich verlegt (1956). 1960 lehnte sie die Annahme des Fontane-Preises der Akademie der Künste in Berlin (West) ab, weil sie die Auszeichnung nicht aus der Hand des Jury-Mitglieds Hans Egon Holthusen, einem ehemaligen Mitglied der SS, entgegen nehmen wollte. Im selben Jahr wanderte sie mit ihrem Mann (ihm zuliebe) nach Jerusalem aus. 1968 starb ihr musikalisch hochbegabter Sohn in New York, 1973 ihr Mann. Sie starb jedoch am 21.1.1975 in Zürich an Magenkrebs, 14 Monate nach dem Tod ihres Mannes.

Zu ihren Werken gehören:

  • 1933: Das lyrische Stenogrammheft. Verse vom Alltag.
  • 1935: Kleines Lesebuch für Große. Gereimtes und Ungereimtes
  • 1945: Verse für Zeitgenossen.
  • 1956: Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große.
  • 1961: Der Papagei, die Mamagei und andere komische Tiere. Ein Versbuch für verspielte Kinder sämtlicher Jahrgänge
  • 1967: Verse in Dur und Moll
  • 1968: Das himmelgraue Poesiealbum der Mascha Kaléko
  • 1971: Wie’s auf dem Mond zugeht und andere Verse
  • 1973: Hat alles seine zwei Schattenseiten.

MASCHA KALÉKO - QUALVERWANDSCHAFT

Analyse des Gedichts "Das graue Haar"

Das Gedicht "Das graue Haar" besteht aus vier Strophen mit vier Versen und einer weiteren Strophe mit zwei Versen und ist konstant in einem fünfhebigen Jambus geschrieben. Das Reimschema verändert sich von Strophe zu Strophe. Die erste Strophe ist im Kreuzreim geschrieben, die zweite jedoch umarmend. Die dritte Strophe beginnt mit einem Paarreim und bildet mit der vierten Strophe einen Kreuzreim. Abschließend wurde in der fünften Strophe wieder ein Paarreim verwendet.

In der ersten Strophe fällt dem lyrischen Ich ein graues Haar des Partners zu Füßen, welches sie darauf aufmerksam macht, dass die jungen und lebhaften Jahre vorbei sind. Die Personifikation in Vers 2 („Es sprach zu mir:“) zeigt, dass diese Erkenntnis für das lyrische Ich überraschend und in gewissem Maße erschreckend ist, was auch durch das Wort „welk“ im ersten Vers erkennbar wird.

Dass die Jugend nun zu Ende ist, wird durch viele Naturmetaphern klar. Auch bildet in Vers drei der Mai, der im Jahr ein Monat der Blüte ist und hier die jugendlichen Jahre darstellt, mit dem Schnee, das Ende eines Kalenderjahres, was mit dem Tod assoziiert werden kann, eine Antithese. Dieses Stilmittel und die Benutzung von „düsteren“ Wörtern wie „dunkelt“ und „Nacht“ in Vers vier stellen das Älterwerden sehr negativ dar, und zeigen die Haltung des lyrischen Ichs im Hinblick auf das fortschreitende Alter.

Dies wird in Strophe zwei nochmals verstärkt zur Kenntnis gebracht. Erneut wurden viele Naturmetaphern verwendet, die hier jedoch neben dem Älterwerden und dem Tod an sich auch noch diverse Gebrechen auf dem Weg des Alterns verbildlichen. In Vers fünf wird erneut der Tod dargestellt („Bald wird der Sturmwind an die Scheiben klopfen“), und eine Antithese zwischen Vers sechs („der so voll Singen war“) und Vers sieben („hockt stumm […] eine Krähenschar“) zeigt, dass der Lebensabschnitt der Jugend und das junge Erwachsenenalter endgültig vorbei sind. Auch wird dadurch ein gewisses Bedauern und eine Sehnsucht klar, wodurch verdeutlicht wird, dass diese jungen Jahre voller Leben und Spaß nie wieder kommen werden.

In dieser Strophe lassen sich erneut viele Worte finden, die mit Negativem und Schlechtem assoziiert werden können, wodurch eine sehr düstere und unheilvolle Stimmung geschaffen wird, welche auch die Angst des lyrischen Ichs vor dem Altern symbolisiert.

Strophe drei beginnt mit einer erneuten Nennung des grauen Haars, wodurch das Gefühl entsteht, als würde man von den finsteren Gedanken weg und in die Realität zurückgezogen. In diesem Abschnitt des Gedichts erfährt der Leser zum ersten Mal das Geschlecht des lyrischen Ichs, da es das Gegenüber mit „Liebster“ (V. 11) anspricht, woraus sich schließen lässt, dass das lyrische Ich weiblich ist. Auch wird viel über die Beziehung verraten, welche als sehr harmonisch und gleichgestellt bezeichnet werden kann. Dies kann man zum einen dadurch erkennen, dass die Kommunikation der Partner ausschließlich über Blicke stattfindet, was eine Vertrautheit und innige Beziehung symbolisiert.

Auch wird die Harmonie durch das Versmaß ausgedrückt, da weder ein Hebungsprall noch ein Senkungsprall vorliegt, sondern sich ohne Unregelmäßigkeiten durch das Gedicht zieht. Die Gleichgestelltheit der Partner in ihrer Beziehung wird dadurch verdeutlicht, da weder die männlichen noch die weiblichen Kadenzen überwiegen, sondern ein Gleichgewicht bilden.

Im Gegensatz zu den vorhergegangenen Strophen jedoch ist diese Strophe nicht von dunklen Begriffen geprägt. Auch lässt sich hier der Wendepunkt des Gedichts erkennen. Denn das lyrische Ich entdeckt den Blick ihres Partners im Spiegel und sieht sein Lächeln, wodurch ihre fast schon panische Angst vor dem Älterwerden bzw. dem Sterben gemildert wird, da sie bestürzt und entsetzt das graue Haar betrachtet und sich ihre Gedanken gemacht hat und diese nun mit ihrem Ehemann teilen will, er jedoch, anstatt sie in ihrem Unmut zu bekräftigen, dieser Entdeckung mit einem Lächeln gegenübersteht. Er nimmt diese Erkenntnis im Gegensatz zu seiner Frau gelassen und sieht das Älterwerden nicht als einen Weg, den man meiden sollte oder den man verdrängen sollte, sondern sieht das ganze als eine Herausforderung, die es gemeinsam zu bestreiten gilt.

Ob seine Lebensgefährtin diese Zeit mit ihm durchstehen will, wird in der nächsten Strophe behandelt. Erneut findet die Kommunikation ausschließlich über Blicke statt, und er fragt seine Frau, ob sie ihm in diesem Abschnitt beiseite steht. Die Bezeichnung ihrer als „Nachtigall“ in Vers 14 verdeutlicht, dass er sie nach wie vor liebt, und diese Beziehung weiterführen will, da sie für ihn trotz seines Alters die Frau seines Lebens darstellt. Auch zeugt die Strophe etwas von Angst vonseiten des Ehemanns, der sich davor fürchtet, dass die junge und immer noch schöne „Nachtigall“ ihn aufgrund seiner Alterserscheinungen verlässt. Und wegen dieser Bestätigung der anhaltenden, innigen Liebe nimmt seine Ehepartnerin ihre Ängste und Sorgen in Kauf, um auch die schweren Jahre mit ihrem Liebsten zu verbringen. Dass dieser Beschluss nicht auf die Schnelle und leichtfertig gefasst wurde, verdeutlicht Vers 16, der wie eine Herausforderung zu verstehen ist.

Durch die Wiederholung („kommt, […] kommt!“, V.16) stellt sich das Paar den Problemen und fordert diese heraus. Dass sich die beiden Gefährten gemeinsam und als Einheit den kommenden Gebrechen stellt, wird durch die Antithese „allein“ (V. 14) und „zwein“ (V. 16) und durch das Reimschema bekräftigt.

Zusammenfassung der Stilmittel

Das Gedicht verwendet eine Vielzahl von Stilmitteln, um die Themen Vergänglichkeit, Liebe und Akzeptanz des Alterns zu vermitteln. Hier ist eine Übersicht:

Stilmittel Beispiel Wirkung
Kreuzreim Erste Strophe Verbindung und Harmonie der Verse
Umarmender Reim Zweite Strophe Einschließende und intensive Wirkung
Paarreim Dritte und fünfte Strophe Direkte und klare Aussage
Jambus Durchgehend Regelmäßiger Rhythmus, der den Fluss des Gedichts unterstützt
Personifikation "Es sprach zu mir" (V. 2) Verlebendigung des grauen Haares, das als mahnende Stimme wirkt
Naturmetaphern "Mai" und "Schnee" (V. 3), "Sturmwind" (V. 5) Verbindung von Natur und Lebensphasen, um Vergänglichkeit und Alter darzustellen
Antithese "Mai" und "Schnee" (V. 3), "Singen" und "Krähenschar" (V. 6-7), "allein" und "zwein" (V. 14, 16) Hervorhebung von Gegensätzen, um die Veränderung und die gemeinsame Bewältigung zu betonen
Dunkle Begriffe "welk" (V. 1), "dunkelt" (V. 4), "Nacht" (V. 4) Erzeugung einer düsteren Stimmung, die die Angst vor dem Altern symbolisiert
Ansprache "Liebster" (V. 11), "Nachtigall" (V. 14) Ausdruck von Zuneigung und Vertrautheit zwischen den Partnern
Wiederholung "kommt, […] kommt!" (V. 16) Verstärkung des Entschlusses, die Herausforderungen des Alters gemeinsam anzunehmen

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