Im Judentum müssen Frauen nach der Heirat ihre Haare bedecken. Immer mehr orthodoxe Jüdinnen wählen dafür eine Perücke, auch "Scheitel" genannt. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe dieser Tradition, die religiösen Gebote und die modischen Aspekte, die damit einhergehen.
Eine orthodoxe Jüdin in Jerusalem mit einer Perücke.
Seit Jahrhunderten kommen religiöse jüdische Frauen mit Hüten, Kopftüchern und Perücken dem Gebot nach, ihren Kopf zu bedecken, sobald sie verheiratet sind. Die Kopfbedeckung hat ihren Ursprung in der Thora, im Talmud und in der Kabbala. Es ist ein markantes Signal, ein Ausdruck von Bescheidenheit und Integrität und ein soziales Signal nach außen.
Nirgendwo heißt es in der Tora ausdrücklich, dass Frauen ihr Haar bedecken müssen. Die Tora spricht jedoch im Buch Numeri von einem sogenannten Sotah-Ritual, bei dem geprüft werden soll, ob eine Frau eine Ehebrecherin ist. Als Zeichen der Erniedrigung muss die Frau ihr Haar entblößen. Aus dieser Bibelstelle folgerten die Rabbinen später im Talmudtraktat Ketubot, dass verheiratete Frauen ihr Haar bedecken müssen.
Es zeigt eine klare Grenzziehung zwischen Öffentlichem und Privaten: der Anblick des Frauenhaars ist nur dem Ehemann vorbehalten. Außerdem geht es darum, unauffällig für andere Männer zu sein. Das alles hat mit dem übergeordneten Konzept der Zniut zu tun.
Zniut - übersetzt Bescheidenheit - ist ein Schlüsselbegriff im Judentum: ein umfassendes Lebensgebot, wonach die Gläubigen in Worten und Taten und eben auch in der Bekleidung anständig, unauffällig und zurückhaltend durch die Welt gehen mögen. Bei Frauen beinhaltet das neben gewissen Kleidungsvorschriften - Röcke statt Hosen und bis zum Ellbogen reichende Ärmel - eben auch die Haarbedeckung.
Einige orthodoxe Frauen zeigen ein wenig Haar, aber nur im Rahmen der Vorschriften. Das ist eine Handbreite sozusagen, und viel ist da jetzt auch nicht.
Immer mehr orthodoxe Jüdinnen tragen Perücken und folgen damit nicht nur dem religiösen Gebot, ihr Haar zu bedecken, sondern orientieren sich gleichzeitig an Trends. Denn die traditionellen "Scheitel" sind ein Prestigeobjekt. Frauen mit glänzenden, seidigen Haaren gehören in Israel zum Straßenbild wie die schwarzen Hüte und Kippas der Männer. Erst auf den zweiten Blick ist zu erkennen, dass die Frauen "Scheitel" tragen.
"Ein Drittel der Frauen wählt mittlerweile die Perücke", sagt Vittorio Sasson, seit 15 Jahren Besitzer eines großen Perückenvertriebs. Es gebe eine neue Generation gläubiger Juden, die der Religion zwar eine große Bedeutung beimesse, "es aber trotzdem modisch mag", sagt er.
Auch wer sich verhüllt, kann sich attraktiv verhüllen. Mal ist es das modische Kopftuch, ausgesucht nach den Farben der Saison, und mal ist es die Perücke, die viel schöner ist als die eigenen Haare.
Jüdische Frauen mit unterschiedlichen Kopfbedeckungen: Perücke und Tuch.
Wie hochwertig eine Perücke ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab, sagt Amir Zahavi. Ist das Haar künstlich oder echt, woher kommt es? Vor allem Haar aus Osteuropa sei beliebt, weil es fein und hell sei. "Die Frauen dort verwenden meist kaum Pflegemittel, die das Haar angreifen", sagt Zahavi.
Auch die Verarbeitung spielt eine Rolle: Hat die Perücke eine Scheitelpartie, ist sie kostspielig. Zudem sind längere Haare teuer. Dazu kommt die monatliche Reinigung im Salon. "Eine Perücke zu waschen, ist komplizierter als normales Haar", sagt Zahavi. Bis zu vier Jahre hält eine Durchschnittsperücke, bis zu zehn Jahre eine hochwertige, die umgerechnet 1000 Euro kostet.
Eines gilt für alle Perücken: Sie müssen koscher sein. "Das bedeutet, dass das Haar nicht aus Indien stammen darf", erklärt Rabbiner Schlesinger, der auf Perücken spezialisiert ist. Bis 2004 stammte das Haar vieler Perücken aus Tempeln, wo sich religiöse Hindi den Kopf scheren. "Das Religionsgesetz verbietet, von einer Tat zu profitieren, die einem anderen Gott gewidmet ist", sagt er.
Um sicherzugehen, werden Haarfabriken kontrolliert und nach erfolgter Kontrolle Koscher-Zertifikate ausgestellt. "Seitdem fahre ich nach China und kontrolliere Fabriken, damit ich für ihre Perücken Koscher-Zertifikate ausstellen kann", sagt er.
Welche Perücke eine Frau wählt, hängt von der Richtung des Judentums ab, der sie folgt. Perücken werden in der Regel vor allem von Aschkenasim getragen - Juden, die ursprünglich aus Mittel- und Osteuropa stammen. "Während einige Frauen einen Hut über Haarteilen tragen, ziehen andere schulterlange Perücken in unauffälligem Braun vor", sagt Salonbesitzer Sasson.
An der Frage, ob ein Sheitel dem Geist des Gebots entspricht, scheiden sich die Meinungen. Sephardische Juden sagen, eine Perücke verfehle den Sinn der Sache. Sie propagieren das Tragen eines „Tichels“, also eines Kopftuchs oder eines Huts. Auf der anderen Seite argumentieren die aschkenasischen Juden vor allem damit, dass eine Perücke weniger auffalle und damit eine Frau vor möglichen Anfeindungen besser schütze.
Der Kauf der Perücke ist ein wichtiger Schritt. "Weil Perücken Teil der Repräsentation sind, stellen Familien andere Investitionen zurück", sagt Perückenhändler Sasson. Salons wie der von Zahavis Mutter Rivka sind Ausnahmen. Vor 25 Jahren hat sie das Geschäft gegründet. "Bei uns findet die komplette Herstellung statt. Erst werden die Haare nach Länge, Farbe und Dicke sortiert, dann einzeln auf das Netz geknüpft, anschließend grob geschnitten", beschreibt Zahavi den Prozess, der etwa 100 Arbeitsstunden dauert.
Oft kommen Frauen und sehen traurig aus", sagt Salongründerin Zahavi, 64 Jahre. "Doch mit der neuen Perücke gehen sie aufrechter und strahlend wie eine Königin.
Die Kosten für eine Perücke können stark variieren, abhängig von verschiedenen Faktoren wie Material, Herkunft und Verarbeitung:
| Faktor | Beschreibung | Preisspanne |
|---|---|---|
| Material | Synthetisch oder Echthaar | Synthetisch: Ab 100 Euro Echthaar: Ab 700 Euro |
| Herkunft | Haar aus Osteuropa, China oder Indien | Osteuropa: Teurer China: Mittelpreisig Indien: Günstiger (aber nicht koscher) |
| Verarbeitung | Handgeknüpft oder maschinell gefertigt | Handgeknüpft: Teurer |
| Zusätzliche Kosten | Reinigung und Anpassung | Variabel |
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