Pierluigi Collina: Der Schiedsrichter-Superstar mit der Glatze

Pierluigi Collina, der als bester Schiedsrichter aller Zeiten gilt, musste 2005 die Pfeife aus der Hand legen. Sechsmal wurde er zwischen 1998 und 2004 zum „Welt-Referee“ gewählt. Collina war der am meisten geachtete, aber auch gefürchtete Unparteiische.

Pierluigi Collina, einer der bekanntesten Schiedsrichter der Welt.

Einzigartiges Erscheinungsbild

Collinas Markenzeichen war seine fehlende Gesichtsbehaarung. Er ging seit seinem 24. Lebensjahr kahl durchs Leben, als der rasierte Schädel noch nicht als Mode-Gag galt. Schuld daran war eine Stoffwechsel-Krankheit. Ob ein Schiedsrichter mit Glatze tatsächlich problemlos pfeifen könnte, überlegten die Obmänner ernsthaft.

Collinas Erfolg gab Eltern mit ähnlichen Schicksalen ihrer Kinder Mut, wie zahllose Dankesbriefe bestätigten. Er konnte pfeifen.

Der "Weltpolizist des Fußballs"

Dieser stechende Blick. Die aufgerissenen, hellblauen Augen unter dem Stirnrunzeln. Man mochte fast glauben, sie würden dem Gegenüber prüfend in die Seele blicken und herausfinden, ob da gerade etwas Unlauteres im Spiel war. Die Profi-Seele wusste spätestens jetzt, dass sie sich fortan besser an die vereinbarten Regeln hielt.

Nach Ansicht der „Neuen Züricher Zeitung“ verkörperte er die Fiktion vom unbestechlichen Schiedsrichter. "Ich erschrecke manchmal selbst, wenn ich mich im Fernsehen sehe", bekannte er.

Die Philosophie des Pierluigi Collina

Der beste Referee ist der, den man während der 90 Minuten nicht bemerkt. Diese Weisheit existiert womöglich seit der Erfindung des Rads. Pierluigi Collina streifte sich als Teenager erstmals das schwarze Hemd über und zog aus, das Dogma pfiffig umzuwälzen. Der beste Referee sollte der sein, der für ein gerechtes Spektakel sorgte. Nicht DER Protagonist des Spiels, sondern EINER von 23. Dazu durfte der Schiedsrichter notfalls ruhig auffallen.

Respekt, Gerechtigkeit, Vertrauen, nannte Collina als Voraussetzungen, der Schiedsrichter in seiner Urfunktion als integrer Regelhüter, aber auch Adjutant. Insbesondere Kommunikation diente ihm dabei als hervorragendes Vehikel.

Unkonventionelle Methoden

Dem hitzigen Atmosphäre in einem heiklen Qualifikations-Duell zwischen der Türkei und England kam er in der Halbzeit bei, als Collina die beiden Kapitäne David Beckham und Alpay zur reinigenden Dreier-Runde in seine Kabine zitierte. Monate später erzählte ihm der Engländer, nicht bloß die vernünftige Unterhaltung hätte "die heikle Partie gerettet", sondern vor allem die mystischen Rauchschwaden, die in der schwitzigen Schwüle über Collinas Kahlkopf emporstiegen.

In einem Süd-Duell zwischen Foggia und Bari regnete vor dem Start der zweiten Hälfte alles, was nicht niet- und nagelfest war, auf die Torhüter nieder und Collina verzichtete zur Entschärfung auf den Seitenwechsel. Unorthodox, aber es half.

Kritiker kreideten ihm dann meist Selbstdarstellung an und von einer Prise erarbeiteter Eitelkeit kann er sich wohl nicht freisprechen. Einige Emotionen durften sich gelegentlich trotzdem einschleichen. Als Collina im Sommer 2005 das Abschiedsspiel von Ciro Ferrara im neapolitanischen Stadio San Paolo leitete, musste auch er bei der Rückkehr von Diego Maradona unter den Vesuv nach 14 Jahren zugeben: "Ich bin zwar Schiedsrichter, doch die Zuneigung der Leute hier für diesen Menschen bereitete mir Gänsehaut."

So reservierte er sich die notwendige Zeit für Menschlichkeit, wenn es der Moment erforderte. Ob er nun den apathischen Oliver Kahn nach dem WM-Finale 2002 oder den entgeistert am Boden liegenden Stefan Effenberg im wahnwitzigen Champions-League-Endspiel 1999 behutsam tröstete. Auch das sei Fußball. Wie im Leben. Von der Freude zur Desperation genüge bisweilen ein Augenblick.

Collina reflektierte es stets als die moderne Crux in Sport und Alltag, dass der Erfolgsgedanke "Sieg um jeden Preis" als Normalität akzeptiert wurde, somit unsportliche Mittel zum Zweck provoziere und schließlich insgeheim legitimiere. Eine Kultur, in der schon der Zweite als Verlierer gelte, sei eine gefährliche Evolution, denn auch in der Niederlage liegen Meriten und Erkenntnisse. Deshalb dürfe das Stadion laut Collina nicht zum tolerierten Niemandsland der Desperados ausarten, einem rechtsfreien Gehege für knapp zwei Stunden.

Letztlich ging es Collina immer um die Quadratur des Feldes und er sprach von Courage, die den Schiedsrichter adele - "der Mut, schwierige und wichtige Entscheidungen sekundenschnell im Rechtssinn zu fällen, ohne Konsequenzen zu fürchten". Diese Integrität nahm man ihm stets ab.

Kritik und Kontroversen

Dem personifizierten Kreuzritter gegen den faden Stereotyp, Referees würden Frustrationen verpasster Lebens-Chancen als sadistische Vergelter in Schwarz ausleben. "Es bedeutete keine Libido, die rote Karte zu ziehen.

Nicht von ungefähr war Collina (neben seinem Landsmann Roberto Rosetti) der einzige Referee, der während des Manipulations-Skandals des Calcio die Wut von Strippenzieher Luciano Moggi auf sich zog. Dessen Objektivität und Sauberkeit müsse bestraft werden, zürnte Moggi damals.

Ein Jahr zuvor hatte Collina dem Job bereits Arrivederci gesagt. Ein Werbevertrag mit General Motors veranlasste die durchaus zuvor informierte Schiedsrichter-Vereinigung dazu, ihn in die Serie B zu versetzen, da Opel zu den Sponsoren des AC Milan zählte. Collina erklärte, er hätte keinerlei Probleme, in der zweiten Liga zu pfeifen, der Vertrauensentzug hingegen traf ihn tief: "Ohne Glaube in den Schiedsrichter ist es sinnlos weiterzumachen.

Das Erbe des Pierluigi Collina

Der erste und womöglich letzte Schiedsrichter-Superstar hörte nach 28 Karriere-Jahren auf. Er hatte auf seinen unzähligen Reisen die Figur des Schiedsrichters in eine andere Dimension erhoben. Collina war in Werbe-Spots, Zeichentrick, auf Videospiel-Covern oder Musik-Videos dabei, seine Karikatur zieren Graffitis und hob er die Hand, gab es selten Proteste.

Seine Einsätze präparierte er in langstündigen Videostudien, in denen er sich Systeme, Links- und Rechtsfuß oder Spielschemata einpaukte. Dabei kickte Collina in der Jugend zunächst als Libero, bis ihm der Banknachbar auf dem Gymnasium seines Geburtsorts Bologna eines Tages zuflüsterte, es gäbe da so einen Schiedsrichter-Tag, und ob man da nicht mal zum Spaß vorbeischauen sollte.

Mittlerweile tanzen jedoch nicht mehr die Spieler, sondern nur noch die einstigen Kollegen nach seiner Pfeife. Seit 2007 ist er Schiedsrichterkoordinator der italienischen Ligen. Und dabei ist der «Fußball-Kojak» so kompromisslos wie eh und je - was nicht allen gefällt: Wegen Morddrohungen musste Collina vor einem Jahr sogar unter Polizeischutz gestellt werden. Einschüchtern ließ er sich dennoch nicht. Sein Selbstbewusstsein, das ihn auf dem Platz so entscheidungssicher machte, ist ungebrochen.

Als erster und einziger Unparteiischer stieg Collina im Millionen-Business Fußball selbst zum Star auf. Große Unternehmen schmückten sich mit ihm und bescherten dem Schiedsrichter schon zu seiner aktiven Zeit Jahreseinnahmen von mehr als 200 000 Euro.

Als Finanzberater und Absolvent der Wirtschaftsfakultät der Universität Bologna wusste Collina seine Popularität immer schon zu versilbern, wofür er im Kollegenkreis auch Neid erntete: «Collina dreht ja fast schon mehr Werbespots als David Beckham», moserte einst der österreichische Schiedsrichter Günter Benkö.

Andere Kollegen wie der deutsche Volker Roth lobten Collina dagegen für dessen unnachahmliche Regelauslegung. Standen die Regeln der Gerechtigkeit im Weg, setzte sich der Charakterkopf einfach darüber hinweg: So ließ er 1997 zur Halbzeit im Spiel zwischen Foggia und Bari einfach den Seitenwechsel ausfallen, weil Foggias Fans den gegnerischen Torhüter vor ihrer Kurve mit Wurfgeschossen bombardierten. Bei der Europameisterschaft 2000 zeigte er dem Tschechen Latal wegen Schiedsrichterbeleidigung die Rote Karte, obwohl der auf der Bank saß. Seine spontane Regelerweiterung ist heute im Reglement verankert.

Collina pfiff stets unorthodox und kompromisslos. «Ich erschrecke manchmal selbst, wenn ich mich im Fernsehen sehe», sagte er einmal. Kein Wunder, dass viele Fußballer nicht nur Respekt, sondern geradezu Angst vor dem Charakterkopf hatten, dessen Glatze zum Markenzeichen wurde.

Auch hierzulande war Collina ein gern gesehener Schiri, obwohl er den Deutschen kein Glück brachte. Seine Karrierehöhepunkte wurden zu bittere Stunden für den deutschen Fußball: 1999 leitete er das Champions-League-Finale, das Bayern München durch zwei Tore in der Nachspielzeit mit 1:2 gegen Manchester United verspielte. Und 2002 pfiff er Deutschlands 0:2-Finalniederlage bei der WM in Japan und Südkorea gegen Brasilien.

Pierluigi Collina bei der Arbeit.

Einige Anekdoten aus Collinas Karriere

  • Glatze: "Ich war 24, als meine Haare zu Weihnachten ausfielen."
  • Lieblingsspieler: "Früher war es Maradona."
  • Größtes Spiel: "Das WM-Finale 2002."
  • Heißestes Spiel: "Für mich das Finale des Jahrhunderts: Die unglaublichen drei Minuten beim Champions-League-Finale Bayern gegen ManU in Barcelona. Die Deutschen waren am Ende wie betäubt, starrten ins Nichts."
  • Vorbereitung: "Vor jedem meiner Spiele habe ich viele Stunden mit Videostudium verbracht."
  • Trophäen: "Die Wertvollste ist das WM-Final-Trikot von Ronaldo, aber ich besitze auch das von Didi Hamann."
  • Diät-Tipps: "In der Halbzeit esse ich Obst. Man muss nicht soviel trinken und vermeidet einen Wasserbauch."
  • Hobbys: "Meine Frau liebt Musik, betäubt mich im Auto mit Hard-Rock. Ich selbst mag alles."
  • WM in Deutschland 2006: "2006 werde ich 46 Jahre alt sein und laut FIFA zu alt. Für mich war das Kapitel WM in Japan und Südkorea abgeschlossen."

Pierluigi Collina 🇮🇹-The Best Ref In The World

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