Wolfgang Amadeus Mozart, ein Name, der untrennbar mit klassischer Musik verbunden ist. Doch wer war Mozart wirklich, jenseits der Legenden und Perücken? Dieser Artikel beleuchtet einige weniger bekannte Fakten und Aspekte seines Lebens und Schaffens.
Mozart mit seiner Familie
Schon in jungen Jahren reiste Mozart mit seinem Vater in verschiedene große Städte wie München, Paris und London. Bei seinen Auftritten zog er sich immer fein an und setzte eine Perücke auf, wie es damals Mode war. Mozart verbrachte 14 von 36 seiner Jahre nicht zu Hause, sondern unterwegs.
Komponisten konnten kaum vom Markt leben. Jenseits der Auftragshonorare werfen die Werke nichts ab; Urheberrecht und damit Tantiemen gibt es noch nicht. Zumindest sein Vater ist es. Gleichzeitig ist er wohl froh, dass er überhaupt eine Anstellung hat.
Wenn der Vater dem Sohn schreibt, macht er Vorhaltungen. Der Sohn antwortet mit frommen Verstellungen. Der Vater fordert Festanstellungen und Höflichkeit der Herrschaft gegenüber. Der Sohn wird dann behaupten, er bete den Rosenkranz. Der Vater fordert musikalische »Gefälligkeit« und Sittsamkeit. Der Sohn antwortet mit geheucheltem Interesse am musikalischen Lakaientum und denkt doch längst das Gegenteil.
Wolfgang Amadeus Mozart
Mit Mozart schieben sich die Instrumentalstücke mehr und mehr in den Vordergrund des europäischen Musiklebens. Er ist ein Umstürzler, der gegen sich selbst loszugehen hätte, denn er ist durchaus im traditionellen Kunstgeschmack verankert. Bis dahin war Musik kaum mehr als Gesangsbegleitung. Er mag den Adel zwar nicht besonders, aber er wünscht sich nichts sehnlicher, als von ihm geehrt zu werden, zu leben wie er.
Vor allem in seinen Klavierkonzerten betritt er Terrain, das nie zuvor betreten wurde. Da er einer der größten Klaviervirtuosen seiner Zeit ist, kann er auch als Komponist an neue Grenzen vorstoßen. Am eigenwilligsten wohl das Klavierkonzert Nr. 9 Es-Dur KV 271, früher »Jeunehomme« genannt und vergangenes Jahr als Konzert für die Pianistin Victoire Jenamy identifiziert. In seinem Andantino, zwischen zwei hellen Dur-Sätzen, sackt es plötzlich in Tiefen, von denen man nicht wusste, dass es sie geben könnte. Dort träumt das Klavier in Moll, in einem weltabgewandten Dialog mit dem dunkel antwortenden Tutti. Dieses Konzert, schrieb Mozart-Biograf Einstein, habe Mozart »nie übertroffen«.
Legen wir Mozart, den Symphoniker, auf, die Symphonie in g-Moll KV 183, die mit einem Schlag alle Galanterien vom Tisch fegt und nach dem Herzen greift. Mozart komponiert sie 1773, und kein Mensch weiß heute, wie dieses Meer an Verzweiflung zustande kam. Dieser gezackte Aufruhr in der Auftakt-Septime, die Synkopen im Kopfsatz, die Abstürze - was macht den so traurig, fragt man sich, was wühlt da dem 17-Jährigen die Brust auf?
Mozart-Biograf Hermann Abert meint, ein »Selbstbekenntnis« herauszuhören, und vermutet, Mozart habe die Moll-Symphonie in einer trüben Stunde geschrieben. Auch in Zukunft wird seine Musik nur selten biografische Einblicke geben. Berufliche Enttäuschung, Liebeskummer? Nichts ist belegbar. Sie läuft als durchgeformte, klassische Tonspur neben dem Leben her. Das ist das »Gläserne« (Joachim Fest) und Rätselhafte an diesem Klassiker: Af-fekte werden sublimiert. »Das Mittelding -das Wahre in allen Sachen« ist und bleibtsein Ideal. »Musik muss allzeit Musik bleiben.« Ein im Übrigen doppeldeutiger Satz, der einerseits nach unpolitischen Bücklingen vor einem unpolitischen Publikum klingt und gleichzeitig wie ein Avantgarde-Manifest für Neue Musik.
Und die Musik? Sie wird außerhalb der Kirche nicht gerade in andächtiger Stille genossen. Man hört Opern so, wie man heute Radio hört, zerstreut. Am lautesten geht es in den Opernhäusern zu, in die man sich begibt, um zu feiern und zu trinken und bisweilen die Vorhänge der Logen zuzuziehen und zu juchzen. Man gibt sich zwanglos. Die Logeninhaber bringen ihre Lakaien kostenlos mit hinein, die »ihre Notdurft überall verrichteten«, wie Piero Melograni in seiner lesenswerten Biografie schreibt. Auch ist das Opernpublikum in Parteien gespalten wie bei einem Fußballspiel. Jeder hat seine Favoriten, seinen Tenor, seine Ballerina, und brüllt die der anderen nieder.
Damals aber galt es, mit dem Lärm fertig zu werden und gegen ihn anzuspielen und sich zu behaupten, und Mozart tat es mit einer ganzen Serie von Meisterwerken. Seine Symphonien zum Beispiel. Die erste schrieb er vermutlich mit acht, und viele Generationen später überfällt Dirigent Nikolaus Harnoncourt beim Gedanken daran »eine Gänsehaut«, denn es ist eigentlich doch klar, »dass ein Kind rein philosophisch gar nicht so weit sein kann, um (diese) Einsichten zu vermitteln«.
So beugt sich Mozart also nicht immer nur über Himmelswerke wie »Idomeneo« oder die »Entführung aus dem Serail«, sondern auch über Kanons wie »Leck mich im Arsch« KV 231, der mit seinen zarten Sopranen geradezu für Kirchenschiffe geschrieben ist. Der Kanon »Difficile lectu mihi mars« KV 559 ist leicht zu übersetzen mit »Schwer, mich am Arsch zu lecken«. Dann ist da noch »O du eselhafter Martin« mit der nicht mehr überraschenden Zeile: »oh leck mich doch geschwind im Arsch«.
Auf der Suche nach Festanstellungen fährt der ausgelassene Wolfgang Amadeus mit der Mutter nach Paris. Viele Tausende Kilometer hat Mozart in seinem Leben in Kutschen zurückgelegt. Er war der am weitesten gereiste Komponist seiner Tage, was in den radio- und internetlosen Zeiten immer noch die wirkungsvollste Art war, seinen Namen unter die Leute zu bringen.
Er nimmt die Absagen leicht. Er genießt - Bekanntschaften, Liebschaften, Zeitvertreib. Der Vater schickt Brandbriefe. »Ihr müsst nach Geld trachten«, schreibt er. So nackt hat man selten nach Zaster rufen hören. Und wieder: der Auftrag sei, »Geld zu erwerben«. Und da es nicht klappt, sieht Vater Leopold alle »im Dreck sitzen«.
Er lebt sich aus. Seine Briefe an das »Bäsle« Maria Anna Thekla sind verwirrende erotisch-obszöne Ausbrüche, die lange vor der Nachwelt verborgen in Giftschränken herumlagen. Er schreibt: » ... dreck! dreck! O dreck! O süßes wort! dreck! schmeck! auch schön! dreck, schmeck! dreck! leck! o charmante! dreck, leck! Das freüet mich! dreck,schmeck und leck ...« So läuft das noch einige Zeilen weiter, seltsame Zeilen, die er 1778 aus Mannheim ans Bäsle schreibt.
Erst vor 40 Jahren sind diese Passagen der deutschen Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Heute gelten sie als einer von vielen Hinweisen darauf, dass Mozart am Tourette-Syndrom gelitten haben soll, einer psychischen Störung mit einer ganzen Reihe von Tics, wie dem Grimassenschneiden, dem Grunzen, dem Ausstoßen schmutziger Worte.
Damals jedoch fiel Mozart mit seinen Derbheiten nicht weiter auf. Sie wurden unter überschäumender Lebensfreude verbucht. Das Rokoko war trotz seiner Perückentürme ein reichlich wildes Zeitalter, und Fäkalsprache war durchaus Mozartscher Familienspaß.
Die Pariser Zeit gilt als die unglücklichste in Wolfgang Mozarts Leben. Er kehrt als Geschlagener zurück, kehrt heim in den Dienst des Erzbischofs, in die Fänge des düsteren Vaters, und er schreibt hier die jubelnde »Missa Solemnis« KV 337, die zu Unrecht im Schatten der zeitlich benachbarten »Krönungsmesse« steht. Neben dem himmlischen »Credo« bietet die Messe ein handwerklich ausgepichtes herbes »Benedictus« in a-Moll, das in seiner kontrapunktischen Struktur kaum dem Geschmack von Magnifizenz entsprochen haben kann - Protest als musikalisches Kassiber.
Es spricht einiges dafür, dass Mozart seinen Rausschmiss kurz darauf provoziert hat, doch Colloredos Behandlung hilft dabei ganz erheblich. Der Bischof ließ ihn zu sich nach Wien kommen, wo er gerade weilte, offenbar hauptsächlich, um ihm Unterordnung beizubringen. Er ist Asket, kein Verschwender wie andere barocke Mäzene. Beurlaubungen vom Dienst kommen bei ihm nicht in Frage. Und bestimmt nicht für Mozart, denn Colloredo hält nur die italienische Oper in Ehren und für den Gipfel der Kunst.
Mozart ist kein Italiener. Er ist 25, und nur er selbst glaubt, dass er der Größte ist. Er sieht nicht gerade imposant aus, gerade mal 1,60 klein, blass und dünn, und ständig in Bewegung und in seiner Virtuosität unheimlich. Colloredo weiß nichts mit ihm anzufangen. Er lässt ihn mit dem Gesinde in der Küche essen.
Während sich heute die Menge vor jedem D-Prominenten verneigt, schimpfte Colloredo damals seinen Mozart »Bube, schurcke, Pursche, liederlicher kerl«, auch »Flegel« und »Fex«. Mozart seinerseits muss klargemacht haben, wie sehr er den Bischof verachtet. Als der ruft: »Scherr er sich weiter, wenn er mir nicht recht dienen will«, nimmt Mozart dankend an und kündigt.
Graf Arco will vermitteln, doch am 8. Juni 1781 reißt auch ihm die Geduld. »Bey der thüre durch einen tritt im arsch hinaus« sei er geworfen worden, berichtet Mozart erregt seinem Vater. Dieser Tritt war der wichtigste der abendländischen Musikgeschichte. Er war der Beginn von Mozarts freier Künstlerkarriere.
Endlich kann das Genie im eigenen Rhythmus leben, im prächtigen Wien, der Metropole mit ihren 50 000 Einwohnern, die über Oper und Theater und sogar erste Konzerthallen verfügte. Nach Kinderruhm und Teenagerwirbel beginnt für Mozart also die dritte Karriere: die als freier Künstler. Es hilft, zum Start, dass sein liberaler Monarch Josef II. ein deutsches Singspiel bei ihm bestellt.
Mozart nimmt begeistert an. »Von Liebe verstehen nur wir Deutschen etwas«, ruft er Salieri im Film »Amadeus« zu. »Was ihr euch unter Liebe vorstellt, alle eure krähenden männlichen Soprane und die fetten augenrollenden Pärchen, das ist ... das ist Quatsch.« So ähnlich denkt er wirklich. Er mag weder den italienischen Opernbetrieb noch die französische Lebensweise. In seinen Briefen beteuert er immer wieder, ein »ehrlicher Teutscher« zu sein, wahlweise auch ein »geschickter Teutscher«, und sein Gefühl der »Zugehörigkeit zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation« erwies sich, so Musikwissenschaftler Ulrich Konrad, sein Leben lang als »konstant«.
So komponierte er also zu einem deutschen Libretto die »Entführung aus dem Serail«, ein absurdes übermütiges Haremsmärchen, in dem sich am Schluss alle kriegen und den aufgeklärten Pascha Selim hochleben lassen. Ein Bombenerfolg. Mozart hatte Wien im Sturm genommen. Auf seinen langen Konzertabenden, Akademien genannt, verblüfft er die Platzhirsche, von Antonio Salieri bis zum Opernmatador Vicente Martín y Soler, mit eigenen neuen Werken. Er tritt zum öffentlichen Wettstreit gegen den Tastenakrobaten Muzio Clementi an und spielt ihn in Grund und Boden.
Mozarthaus Wien
Trotz großen Erfolgen und vielen Arbeiten wurde Mozart kein reicher Mann. Und das Geld gab er immer wieder schnell aus. Letztendlich starb Mozart völlig verarmt im Alter von nur 35 Jahren am 5. Dezember 1791 in seiner Wiener Wohnung. Mozarts Todesursache ist unklar.
Ab 1787 sank der Komponist in der Gunst des Wiener Publikums - zeitweise. Zwischen 1788 und seinem Todesjahr 1791 schickte er mindestens 20 Briefe an seinen Freund und Logenbruder Johann Puchberg, in denen er von ihm Geld erbat. Der Grund für diese "Bettelbriefe" lag weder in seiner angeblichen Armut begründet noch ist sie durch Alkoholkonsum zu erklären. Tatsache war: der geniale Tonsetzer konnte nicht mit Geld umgehen. Er gab mehr aus, als er einnahm. Auch der Lebenswandel seiner Frau Constanze mag dazu beigetragen haben. Am stärksten zu seinen finanziellen Problemen dürfte aber Mozarts Spielleidenschaft beigetragen haben. Der hatte eine Schwäche für Billard, Karten- und Glückspiele - oftmals ging es dabei um Geld.
Es glich einer Sensation, als Anfang Januar 2005 die Tagespresse den Fund eines bis dato unbekannten Mozartbildes in der Berliner Gemäldegalerie vermeldete, das am 27. Januar, dem Geburtstag Mozarts, offiziell dem Publikum vorgestellt wurde.
Tatsächlich hat Edlinger - Rolf Schrenk hat es dokumentiert - ein "Herrenbildnis" gemalt, datiert 1790, das in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts aus dem Münchner Kunsthandel in den Besitz der Berliner Gemäldegalerie überging.
Wer die wenigen als authentisch zu betrachtenden Mozartbildnisse kennt, hat keinen Zweifel an der Authentizität des Abgebildeten. Es ist ein zwar auffällig aufgedunsener, krank wirkender, aber doch unverkennbarer Mozart im grünen Rock, mit Rüschenkragen und grau gepu-derten Haaren, wenn nicht gar Perücke.
Das Edlinger-Porträt von Mozart
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