Lass dein Haar herunter – Die tiefere Bedeutung des Märchens Rapunzel

Die Geschichte von dem Mädchen mit dem langen Haar, das von einer bösen Hexe in einem Turm eingesperrt wurde, ist vermutlich jedem Kind bekannt, insbesondere weil Disney dieses Märchen durch einen Zeichentrickfilm in das Gedächtnis eingeprägt hat. Doch waren und bleiben Märchen stets ein wichtiger Aspekt der früheren und heutigen Kindheit. Sie sind spannend, etwas gruselig und haben in den heutigen Versionen immer ein Happy End.

Aber die Geschichte war nicht nur in Deutschland zu Lebzeiten der Grimms bekannt. Die älteste überlieferte Geschichte einer jungen Frau, welche ihre Haare als Leiter für ihren Liebhaber zur Verfügung stellt, geht bis auf die Persische Mythologie zurück. Auch der Legendenschatz der griechischen Antike greift die Geschichte in „Danaë“ wieder auf, und nicht zuletzt erscheint die Sage wieder in der christlichen Legende von St. Barbara. Neben dem lehrenden pädagogischen Charakter der Volksmärchen werden diese in der heutigen Zeit sogar unter psychologischen Gesichtspunkten analysiert.

Die Geschichte von Rapunzel

Es war einmal vor langer langer Zeit, da lebte ein Mann mit seiner Frau. Das Paar wünschte sich schon sehr lange sehnlichst ein Kind, doch ihre Wünsche wurden nicht erhört. Doch eines Tages war es der Frau, als würde der liebe Gott ihren Wunsch erfüllen. Im hinteren Teil ihres Hauses hatte das Ehepaar ein kleines Fenster, welches einen herrlichen Blick auf den angrenzenden prächtigen Garten freigab. Die herrlichsten und schönsten Blumen und Kräuter wuchsen hier. Doch war der Garten von einer hohen Mauer umgeben und niemand im ganzen Land wagte, das Grundstück zu betreten, denn es gehörte einer mächtigen und weithin gefürchteten Zauberin.

Eines Tages nun stand die Frau an besagtem Fenster und blickte verträumt in den Garten hinab. Sie erblickte ein Beet, auf welchem die schönsten Rapunzeln wuchsen, die so frisch und grün aussahen, dass sie ein tiefes Verlangen danach packte, sie zu essen. Dies Verlangen wuchs nun Tag für Tag weiter und weil sie wusste, dass sie die Rapunzeln nie könnte essen, so ward sie immer dünner, blasser und elender darüber. Ihr treuer Mann erschrak sehr über den Zustand seiner Frau und fragte endlich: »Was fehlt dir, liebe Frau?« - »Ach«, antwortete sie ihm, »wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserem Hause zu essen kriege, so sterbe ich. «

Der Mann, der seine Frau sehr lieb hatte, dachte: »Eh du deine Frau sterben lässest, holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten, was es will. « Als die Abenddämmerung sich niedersenkte stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Handvoll Rapunzeln aus und brachte sie eilig zu seiner Frau. Voller Vorfreude machte diese sich sogleich einen Salat daraus und aß diesen in voller Begierde. Da sie ihr aber so gut gemundet hatten, verspürte sie am darauf folgenden Tag eine dreimal so große Begierde, weitere Rapunzeln zu essen.

Um seine Frau zu besänftigen, blieb dem lieben Mann nichts anderes übrig, als erneut über die Mauer in den Zauberergarten zu steigen. Doch so wie er die Mauer herabklettern wollte, erschrak er fürchterlich, denn genau vor ihm, von Angesicht zu Angesicht, stand die fürchterliche Zauberin. »Wie kannst du es wagen«, sprach sie mit zornigem Blick, »in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekommen. « - »Ach«, antwortete er, »lasst Gnade für Recht ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen. Meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt und empfindet ein so großes Gelüsten, dass sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme.«

Da ließ der Zorn der Zauberin etwas nach und sie sprach zu ihm: »Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst. Allein ich mache eine Bedingung: du musst mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen und ich will für es sorgen wie eine Mutter.

Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Zu seinem 12. Geburtstag schloss es die Zauberin in einem Turm ein, der tief in einem Wald gelegen war und weder Treppe noch Türe hatte. Nur ganz oben hatte er ein kleines Fensterchen. lass mir dein Haar herunter. Nach einigen Jahren trug es sich zu, dass ein Königssohn eben durch den Wald ritt, in welchem sich der Turm befand. Als er an diesem vorüberkam, vernahm er einen so lieblichen Gesang, welchen er noch nie zuvor vernommen hatte. Und so verweilte er dort still und lauschte.

Die süße Stimme Rapunzels, die sich ihre Einsamkeit damit vertrieb zu singen, erweckte in dem jungen Mann das Verlangen, zu ihr hinauf zu steigen. Und so suchte er vergeblich um den ganzen Turm nach einer Türe oder Treppe. Daraufhin ritt er heim, vergaß aber nicht den Gesang, der ihm so sehr das Herz gerührt hatte, und so ging er jeden folgenden Tag hinaus in den Wald, um dem Gesang zu lauschen. lass dein Haar herunter. Da ließ Rapunzel ihr langes goldenes Haar herab und die Zauberin stieg daran empor.

Es verging nur ein kurzer Moment und schon fielen die Haare des Mädchens zu dem Königssohn hinab, welcher auch gleich den Aufstieg wagte. Zuerst erschrak Rapunzel sehr über diesen Fremden, der zu ihr herein kam. Sie hatte zuvor mit ihren Augen auch noch nie einen Mann erblickt. Doch der Jüngling redete sehr freundlich mit ihr und erzählte, dass von ihrem Gesang sein Herz so sehr berührt worden war, dass es ihm keine Ruhe gelassen hatte, bis er sie selbst gesehen habe.

Rapunzel verlor darauf ihre Angst und als der Königssohn sie fragte, ob sie ihn zu ihrem Manne haben wolle, so dachte sie: »Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel.« Und so sagte sie ja und legte ihre Hand in seine. Dann sprach sie zu ihm: »Ich will gerne mit dir gehen, aber ich weiß nicht, wie ich herabkommen kann. Und so verabredeten sie, dass er nun jeden Abend zu ihr kommen sollte, denn tagsüber erschien die Zauberin.

Diese merkte zunächst nichts von Rapunzels Verabredungen, bis sich das Mädchen eines Tages selbst verriet. Denn sie sagte: »Sag mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur, Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als der junge Königssohn.« - »Ach, du gottloses Kind«, rief da die Zauberin erbost, »was muss ich von dir hören! Ich Dachte, ich hätte dich von aller Welt geschieden und du hast mich doch betrogen!«

In ihrem grenzenlosen Zorn packte die Zauberin Rapunzels Zopf, wickelte sie einige Male um ihre linke Hand und griff mit der rechten Hand nach der Schere. Mit einem lauten „Ritsch, Ratsch“ waren die schönen langen Haare abgeschnitten und lagen auf der Erde. In ihrer Wut verbrachte die Zauberin Rapunzel in eine völlig leere und abgeschiedene Gegend, wo sie ihre Strafe für ihre Untreue verbüßen sollte. Hier musst das arme Mädchen nun in großem Kummer und Elend fortan leben.

Die Zauberin aber machte sich am gleichen Tage wieder auf den Weg zum Turm, befestigte die abgetrennten Haare am Fensterhaken und wartete darauf, dass am Abend der Königssohn wieder kam. so ließ sie die Haare auch herab. Der Königssohn stieg nun, wie gewohnt hinauf, ohne zu wissen, was ihn im Turm erwartete. Denn oben angelangt fand er nicht seine wunderschöne Rapunzel vor, sondern vor ihm stand die böse Zauberin und stierte ihn mit giftigen Blicken entgegen.

»Aha«, rief sie höhnisch, »du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr. Die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken.« Der Königssohn war so erfüllt von Verzweiflung und tiefem Schmerz, dass er sich den Turm hinabstürzte. Durch glückliche Fügung überlebte er zwar seinen Sturz, doch zerstachen ihm die Dornen der Hecke am Boden die Augen und so war er fortan blind.

Er irrte im Wald umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren und weinte und jammerte fortwährend über den Verlust seiner lieben Rapunzel. Als er nun so elendig mehrere Jahre umhergeirrt war, geriet er endlich in die Einöde, in der sich Rapunzel mit den Zwillingen, ein Mädchen und einen Jungen, lebte, die sie geboren hatte. Als der Königssohn nun eine ihm vertraute liebliche Stimme vernahm, ging er eilends darauf zu. Und wie er näher kam, so erkannte Rapunzel ihn sogleich, fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei ihrer Tränen fielen dabei auf die Augen des Jünglings. Wie durch ein Wunder erlangte er daraufhin sein Augenlicht zurück. Sogleich machte sich das Paar mit den Kindern auf den Weg in des Jünglings Königreich, wo die Familie mit großer Freude empfangen wurde. Hier lebten sie noch lange glücklich und vergnügt.

Psychologische Deutung des Märchens

Am Anfang dieses Märchen steht wieder einmal der Gegensatz von Männlich und Weiblich, der auch in der Bibel am Anfang steht und dort aus einem ganzheitlichen Wesen durch Trennung entstanden ist. Diese Polarität oder Gegensätzlichkeit, die wieder nach Vereinigung strebt, wird zum Motor der Entwicklung einer ganzen Welt, im Großen wie im Kleinen. Wie dieser Motor funktioniert und welche Kräfte hier wirken, wird in unserem Märchen mit Symbolen des alltäglichen Lebens beschrieben.

Aus dem Wunsch von Mann und Frau wird die Natur schwanger, um die vom Geist gezeugte Seele zu gebären. Das kleine Fenster im Haus erinnert an unsere Sinne, die mit begrenzter Sicht aus dem Körper in die äußere Natur schauen, in den malerischen Garten, wo die Früchte unserer Wünsche wachsen. Dieser Garten steht allerdings in der Macht einer Zauberin, die durch Illusion wunderbare Dinge erscheinen läßt. Und nach diesen Dingen greift der Mensch mit der Kraft der Begierde, wobei man hier seine weibliche Seite als die verlangende Kraft und die männliche Seite als die erkennende und handelnde Kraft betrachten kann. Diese Kräfte spielen miteinander wie Feuer und Wasser.

Doch das Spiel zwischen Männlich und Weiblich sollte man nicht allzusehr auf unser äußeres Geschlecht beziehen. Jeder Mensch hat beides in sich. Es geht hier vor allem um eine wesenhafte Symbolik, die sich natürlich auch in der äußeren Welt in den Rollen zeigt, die wir spielen.

Wie im Leben, so nimmt auch hier unser Märchen seinen Lauf. Die menschliche Begierde läßt sich nicht so einfach erfüllen. Auch wenn wir es gewöhnlich nicht glauben, jeder einmal befriedigte Genuß verdreifacht sie nur. Die Abenddämmerung erinnert hier an die Verdunklung des reinen Bewußtseins, so daß der Mann die gegebenen Grenzen der Natur nicht akzeptieren will und nach den fremden Früchten greift. „Rapunzel stechen“ besagt soviel, daß es auch um die Wurzeln der Pflanze geht. So ist hier vermutlich nicht unser bekannter Feldsalat gemeint, sondern eine blaue Glockenblume mit einer fleischigen Wurzel, die im Mittelalter gern im Garten für Salate und Gemüse angebaut wurde.

Der Mann wird natürlich irgendwann von der Zauberin in Form der Illusion überrascht und muß einen hohen Preis dafür zahlen. Denn die werdende Seele wird bereits an die Illusion der Welt verkauft, noch bevor sie geboren wurde. Wir kommen nicht als eine reine und unbelastete Seele in diese Welt, sondern tragen die Last unserer Eltern und Vorfahren.

Nun, die Seele wird also von ihren Eltern getrennt, wird von einer Zauberin aufgezogen und kennt ihren wahren Ursprung nicht. Als sie das fruchtbare Alter erreicht hatte, ab dem sich das Weibliche und das Männliche wieder verbinden wollen, wird sie in einem einsamen Turm inmitten der Natur eingesperrt, zu dem das Männliche keinen Zugang finden soll. Denn die Illusion weiß, daß sie die Seele verliert, sobald sie sich wieder mit dem männlichen Geist der Erkenntnis vereint.

Und was ist dieser Turm? Er erinnert an unseren materiellen Körper mit dem kleinen Fensterchen der Sinne, wo wir sozusagen in einer kopflastigen Welt der Begriffe und begrenzten Sicht leben und wie ein stolzer Turm die Natur überragen wollen. In der Bibel wird von einem ähnlichen Turm gesprochen, dem Turmbau zu Babel. Wer denkt da nicht an unsere versteinerten Konzepte und klebrigen Illusionen, aus denen wir den Wehrturm unseres Egos mauern?

Den einzigen Zugang in den Kopf der jungen Seele sollte die Zauberin selbst haben, und dafür gibt es dann natürlich auch einen Zauberspruch, um den Weg zu öffnen. Das Haar spielt in diesem Märchen eine besondere Rolle, wie feingesponnenes Gold, das zum einen auf eine gewisse Reinheit der Seele hindeutet, aber auch auf die Illusionsgespinste, die wir im Kopf haben. Vielleicht sind auch die verflochtenen Gedanken gemeint, die sowohl ein Weg der Illusion als auch der Weg zur Befreiung sein können.

Die Länge der Haare mit 20 Ellen, also ungefähr 12 Metern, ist natürlich märchenhaft und würde bei einem Haarwuchs von 12cm im Jahr auf ein Alter von 100 Jahren schließen lassen. Das ist immer das Wunderbare an einem Märchen, daß man mit wachsendem Geist merkt, daß vieles sprichwörtlich „an den Haaren herbeigezogen“ ist.

Unser Kopfhaar spielt in der Menschheitsgeschichte schon immer eine wichtige Rolle. Zum einen bringen die Haare unser inneres Wesen zum Ausdruck. Denken wir hier an die wilden Haare der Hippie-Zeit, die extravaganten Frisuren und Perücken im Rokoko, die angriffslustigen Hahnenkämme der Punker, die asketischen Frisuren der Mönche, die verfilzten Haare der indischen Yogis und vielleicht auch unsere eigenen Versuche, in der Frisur eine passende Identität zu finden.

Aber man sagt, Haare gleichen nicht nur Antennen, die Botschaften nach außen funken, sondern auch empfangen können. Im Tierreich ist das klar, denn dort kennen wir die Tasthaare, wie zum Beispiel den Schnurrbart der Katzen. Es wird auch von den alten Hexen berichtet, daß sie ihre Haare lang und offen trugen, um die Botschaften der Geister einzufangen. Wie auch immer, zumindest sind unsere Haare mit unserem Gefühl verbunden, und in unserem Märchen spielen sie eine entsprechend wichtige Rolle.

Die gute Nachricht ist, daß man die wachsende Seele nicht ewig in den Turm der Illusion einsperren kann. Die Verbindung mit dem männlichen Prinzip ist wesenhaft und läßt sich nicht verhindern. Natürlich sehen wir hier zuerst auf der oberen Ebene den Prinzen, der vom Gesang angezogen die Herausforderung annimmt. Und welches Mädchen wünscht sich nicht, von einem echten Prinzen erobert zu werden? Die tiefere Ebene ist natürlich wieder der Geist, der in Form der Erkenntnis die Natur erobert. Der wahre Geist, das reine Bewußtsein, ist der wahre König, und sein Sohn ist der suchende Geist, der auf dem Weg zur wahren Erkenntnis ist, die natürlich nicht getrennt von der Natur zu finden ist.

Was hier zunächst wie ein Liebesabenteuer aussieht, ist auch im Geistigen eine große Sache, und die tieferen Erkenntnisse finden oft plötzlich und auf seltsame Weise ihren Weg in unser Bewußtsein. Auch sie erscheinen zunächst sehr fremd, und wir schrecken vor ihnen zurück. Doch wenn man ihrer Botschaft lauscht und Vertrauen findet, dann vereint man sich schnell mit ihnen, und sie finden immer leichter ihren Zugang zu unserem Wesen. Das ist die berühmte geistige Hochzeit, die auch im Hohelied der Bibel beschrieben wird, und den Weg zur Befreiung aus der Herrschaft der Illusion verspricht.

Der Weg zur Befreiung ist natürlich voller Hindernisse. Wir machen Fehler und verraten uns selbst. In einer älteren Version dieses Märchens heißt es an dieser Stelle: »Sag' sie mir doch Frau Gothel, meine Kleiderchen werden mir so eng und wollen nicht mehr passen.« Nun, die neue Liebe kommt irgendwie zum Ausdruck, zuerst in der Parteilichkeit und später sogar in einer Schwangerschaft, die sich auf der tieferen Ebene natürlich auch auf den Geist bezieht. Die Bibel würde sagen: „Sie wurde schwanger vom heiligen Geist!“ Doch die Illusion gibt nicht so schnell auf und benutzt die Waffen der Natur: Trennung, Leid und Blindheit. Um diesen Weg der Reinigung kommt kaum eine Seele herum. Dazu wird ihr sogar das Haar abgeschnitten, das bisher ihr geistiger Zugang war. Klar, jedes Kind fragt irgendwann, weshalb nicht der Prinz einfach das Haar abgeschnitten und am Fensterhaken festgebunden hat, damit sich beide nacheinander abseilen konnten. Das ist das Wunderbare am Märchen, das hinter solchen Fragen immer tiefere Erkenntnisse warten.

„Gothel“ bedeutet angeblich soviel wie „Patin“ und besagt zumindest, daß sie sich zwar gut um die Seele kümmert, aber nicht die wahre Mutter ist. Es kann aber auch nur ein beliebiger Name sein, welchen die Seele hier verwendet, weil sie ihre wahre Mutter nicht kennt.

Ja, so hinterlistig kann die Illusion sein. Sie verbannt die wahre Seele, nimmt ihren Platz ein, überwältigt den Geist und macht ihn blind. Das ist es vielleicht, was wir das illusorische Ich oder Ego nennen.

Und doch ist das Happy-End nicht aufzuhalten. Nach einer Zeit des Leidens, die immer auch eine Zeit der Reinigung und Prüfung ist, findet sich wie von selbst, was zusammen gehört, weil es in Wahrheit untrennbar ist. Jegliche Illusion ist vergänglich und kann nicht ewig herrschen. Die unvollkommenen gegensätzlichen Pole erkennen sich, auch wenn sie weit und lange getrennt waren, und vereinen sich wieder zur Vollkommenheit. Das Leiden der Seele heilt die geistige Blindheit, und dann führt der Geist die Seele in das Reich seines Vaters, des wahren Herrschers. Und wenn sie (in unserer Vernunft) nicht gestorben sind, dann leben sie dort noch immer glücklich vereint.

Das mag das Ende unseres Märchens sein, aber natürlich nicht das Ende der Welt. Sie dreht sich weiter, denn auch diese Vereinigung war nicht fruchtlos.

Die Symbolik der Charaktere und Elemente

Wie alle Märchen ist auch das Märchen Rapunzel von den Gebrüdern Grimm vielschichtig zu interpretieren. Besonders zeigt sich dies in der Lebenseinstellung der Frau. Symbolisch steht ein üppiger Garten für die Welt, die durch die Kraft der Frau zum Blühen und Gedeihen gebracht wird. Lebt sie diesen Bereich nicht, so hat sie einen Teil in ihrer Seele ausgeschlossen, den sie dringend leben müsste. Also steht der durch die Zauberin bewachte Garten für den seelischen Bereich, den sich jede Frau in ihrer weiblichen Entwicklung erobern sollte.

Die Frau hier im Märchen Rapunzel kommt gar nicht auf die Idee, selber etwas zu tun, um sich ihren Garten zu erobern. Sie verharrt tatenlos und hofft, dass etwas geschieht. Auch dass ihr Mann nun das tut, was eigentlich ihre Aufgabe gewesen wäre, stillt ihr Begehren nur für kurze Zeit. Im Märchen wird die Frau vollkommen unselbständig dargestellt, kindlich hoffend, alles zu bekommen, was sie braucht und selber nichts Aktives dazu beitragen zu müssen.

Sie schaut nur auf den bunten Garten und die grünen Rapunzeln, und durch ihre Untätigkeit bleibt ihr Leben unausgefüllt und voller Sehnsucht - nach Leben und Liebe. Warum verspricht der Mann im Märchen der Zauberin aus Angst das Kind, das das Paar erwartet? Ein Mann, dessen Leben sozusagen nur um seine Frau kreist, die Passivität seiner Frau stützt, der ihre Aufgaben übernimmt, aus Angst, sie zu verlieren, der wird sein Kind an seine Frau verlieren.

Die Zauberin steht für die unerlöste Seite der Frau; der Frau, die noch zu viel Angst hat, ihren Platz im Leben einzunehmen. Beide, Mann wie Frau, haben ihren Entwicklungsschritt in die Eigenständigkeit noch nicht gewagt.

Gleich nach der Geburt holt sich die Zauberin das Kind und gibt ihm den Namen Rapunzel. So weist also schon der Name darauf hin, dass die Mutter das Kind völlig für sich beansprucht und die Befriedigung all ihrer Wünsche und Sehnsüchte von ihrem Kind erwartet. Die Zauberin - also die angstvolle Seite der Mutter, die es versäumt hat, ihren Garten zu bestellen - macht die Tochter zu ihrer Welt.

Frau Gothel, wie die Zauberin heißt, braucht die Tochter zum Leben, sie ist ihr ganzer Lebensinhalt. Mit der Pubertät beginnt ein Entwicklungsprozess, in dem sich Töchter von ihren Müttern abnabeln möchten. Das aber kann Frau Gothel, kann die Mutter nicht zulassen. Jeden Tag nun kommt Frau Gothel zu Rapunzel und lässt sich an deren langen Haaren hochziehen. Es ist die Kraft, die den Garten der Welt zum Blühen bringen kann.

Rapunzel in verschiedenen Fassungen

Rapunzel ist ein Märchen der Brüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen, KHM 12). Ein sehr ähnliches Märchen (Märchentyp ATU 310: Jungfrau im Turm) ist schriftlich bereits in der Märchensammlung Pentameron (1636) von Giambattista Basile festgehalten (Petrosinella). Auch die Französin Marie-Catherine d’Aulnoy hat den Stoff in ihren Feenmärchen verwendet.

Die Gebrüder Grimm nahmen das Märchen „Rapunzel“ 1820 in ihre Sammlung der Kinder- und Hausmärchen auf. Der typische Heißhunger einer werdenden Mutter richtet sich auf die Rapunzeln, die die Schwangere im Garten der Nachbarin erblickt. Ihr Mann stiehlt den Salat seiner Frau zu liebe mehrmals aus dem Garten, bis er von der Besitzerin, einer Zauberin, auf frischer Tat erwischt wird. Die Zauberin holt das Kind, ein Mädchen, nach der Geburt, und nennt es nach dem Objekt der mütterlichen Begierde „Rapunzel“.

Als es 12 Jahre alt wird, wird das Mädchen von der Zauberin, die sie „Frau Gothel“ nennt, in einen einsam gelegenen Turm ohne Tür gesperrt. Ein fremder Königssohn wird durch Rapunzels Gesang zum Turm gelockt und beobachtet heimlich, wie die Zauberin in den Turm gelangt. Als diese fort ist, benutzt er den erlauschten magischen Satz: „Rapunzel, Rapunzel, lass mir dein Haar herunter!“, klettert zu dem Mädchen hinauf und gewinnt ihre Zuneigung. Doch Rapunzel verrät sich versehentlich der Zauberin gegenüber. Die schneidet ihr daraufhin den Zopf ab und verbannt Rapunzel.

Mit Hilfe des abgeschnittenen Zopfes lässt sie den ahnungslosen Königssohn wieder in den Turm steigen, bedrängt ihn, dass dieser verzweifelt vom Turm springt. Während der Königssohn kummervoll und blind durch die Welt irrt, gelangt er zu dem Ort, wo Rapunzel verbannt wurde. An ihrem Gesang erkennt er sie wieder. Erst Rapunzels Tränen können die Blindheit des Königssohns heilen.

Die Zauberin wird in dem Märchen auch als „die Alte“ oder von Rapunzel als „Frau Gothel“ (d.h. die Patin) bezeichnet. Dieser spezielle Garten lässt da an eine kräuterkundige, weise Frau denken. Weise Frauen kamen ja in jenen Zeiten (die sehr langen andauerten) schnell in den Ruch, eine Hexe oder mit dem Teufel verbunden zu sein.

Märchenquelle: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren (Gesamt)

Zusammenfassung der wichtigsten Punkte

Das Märchen Rapunzel ist reich an Symbolik und psychologischen Deutungen. Hier sind einige der wichtigsten Punkte zusammengefasst:

  • Der Garten: Symbolisiert die weibliche Seele und die Welt der Frau.
  • Die Zauberin: Steht für die unerlöste Seite der Mutter und die Angst vor Eigenständigkeit.
  • Rapunzels Haare: Symbolisieren die Kraft und Lebendigkeit, die den Garten zum Blühen bringen können.
  • Der Turm: Repräsentiert die Isolation und den Mangel an Freiheit.
  • Der Königssohn: Steht für den Geist und die Erkenntnis, die zur Befreiung führen.

Das Märchen Rapunzel ist nicht nur eine spannende Geschichte, sondern auch eine tiefgründige Auseinandersetzung mit Themen wie Weiblichkeit, Eigenständigkeit und Befreiung. Es bietet wertvolle Einblicke in die menschliche Psyche und regt zum Nachdenken über die eigenen Lebensumstände an.

Tabelle: Charaktere und ihre Symbolik

Charakter Symbolik
Rapunzel Weibliche Seele, Lebendigkeit, Kraft
Zauberin (Frau Gothel) Unerlöste Mutter, Angst, Kontrolle
Königssohn Geist, Erkenntnis, Befreiung
Ehepaar Männliche und weibliche Prinzipien, unerfüllte Wünsche

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