Die Äußerung des damaligen SPD-Parteichefs Kurt Beck im Dezember 2006, einem Arbeitslosen zu raten, sich zu waschen und zu rasieren, um seine Jobchancen zu verbessern, löste eine bundesweite Debatte aus. Hier eine detaillierte Betrachtung der Ereignisse, Reaktionen und Folgen.
Kurt Beck (links) und Henrico Frank (rechts). (Foto: dpa)
Auf dem Wiesbadener Weihnachtsmarkt sprach Kurt Beck einen 37-jährigen Arbeitslosen namens Henrico Frank an, der sich lautstark über Hartz IV beschwerte. Beck entgegnete daraufhin: „Wenn Sie sich waschen und rasieren, finden Sie auch einen Job.“ Diese Aussage wurde vom „Wiesbadener Tagblatt“ zitiert und fand schnell bundesweite Verbreitung.
Der Mann hatte zuvor lautstark auf seine Situation aufmerksam gemacht. „S'Lebbe iss doch wie's iss", habe der SPD-Vorsitzende den dabei stehenden Genossen seine forsche Reaktion erklärt. Der 37 Jahre alte Arbeitslose war keineswegs beleidigt und versprach, sich zu waschen und zu rasieren.
Die Reaktionen auf Becks Ratschlag fielen gemischt aus. Während einige Verständnis zeigten, äußerten andere scharfe Kritik.
Verständnis kam dagegen aus den Reihen der Union und der SPD. Der wirtschaftspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Laurenz Meyer (CDU), nahm Beck dagegen in Schutz. Dessen Äußerung könne «möglicherweise ein hilfreicher Ratschlag gewesen sein», sagte er dem Onlinemagazin der «Welt». Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Klaus Brandner, sagte, solche Ratschläge würden in jedem Bewerberseminar vermittelt.
Als Reaktion auf Becks Ratschlag organisierten Arbeitslose eine Wasch- und Rasieraktion vor dem Mainzer Landtag. Damit protestierten sie gegen die Hartz-IV-Reformen und die ihrer Meinung nach simplifizierenden Aussagen Becks.
Mainz - Aus Protest gegen die Hartz-IV-Reform und gegen die Hygiene-Hinweise des SPD-Bundesvorsitzenden Kurt Beck haben Arbeitslose die viel diskutierten Körperpflege-Tipps Becks mit einer Wasch- und Rasieraktion vor dem Mainzer Landtag wörtlich genommen. Mit dem öffentlichen Frisieren wollte die Organisation die nach ihrer Ansicht "populistischen und simplifizierenden Aussagen" Becks ad absurdum führen und gegen die Diffamierung von Erwerbslosen protestieren.
Die Teilnehmer übergaben 21 Bewerbungen mit der Hoffnung auf eine Job-Vermittlung an Staatskanzleichef Martin Stadelmaier (SPD). Die Staatskanzlei kündigte an, den rund 20 Arbeitslosen bei der Suche nach einem Job behilflich zu sein.
Das Erwerbslosen Forum übergab für den SPD-Bundesvorsitzenden auch drei Geschenke: einen Frisierstuhl, ein Haargel mit dem Slogan "Master of Disaster" ("Herr der Katastrophe") und einen Sack Haare.
Henrico Frank, der Arbeitslose, dem Beck den ursprünglichen Ratschlag gegeben hatte, spielte weiterhin eine Rolle in der Debatte. Er distanzierte sich später von Beck und kritisierte, dass der Ministerpräsident nicht auf seine körperlichen Beschwerden Rücksicht genommen habe.
Frank sagte, die Gespräche mit Beck hätten sich für ihn "erledigt": Der Ministerpräsident und SPD-Chef habe nicht auf seine körperlichen Beschwerden Rücksicht genommen und ihm vielmehr "wahllos Jobangebote um die Ohren geschlagen". Von insgesamt acht Angeboten habe er sieben nicht annehmen können. "Ein Gespräch mit dem ominösen Achten steht noch an", sagte Frank. Dabei handele es sich nicht um einen Betrieb, sondern um einen privaten Arbeitsvermittler.
Der Sprecher des Erwerbslosen-Forums, Martin Behrsing, distanzierte sich von Henrico Frank, weil dieser mehrere Stellenangebote wie auch einen Gesprächstermin mit Beck abgelehnt hatte. "Wir geben ihm kein Podium", sagte Behrsing. "Wenn man ein Gesprächsangebot von Kurt Beck nicht annimmt, dann ist das dumm."
Interessanterweise gab Frank später Beck Tipps zur Popularitätssteigerung und schlug eine CD-Produktion und einen Auftritt in einem Musikvideo vor. "Wir haben ja gesehen, dass man auch mit Bart einen Job findet", sagte Frank.
Henrico Frank
John-Philip Hammersen, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg, äußerte sich ebenfalls zu der Thematik: «Sicherlich kommt es bei einer Bewerbungssituation auch auf Äußerlichkeiten an.
Die Debatte um Becks Äußerung lenkte die Aufmerksamkeit auch auf die generelle Situation von Arbeitslosen und die Kritik an Hartz IV. Das Erwerbslosen-Forum Deutschland kritisierte, dass Repression und Verarmung zunähmen und die Arbeits- und Wirtschaftspolitik völlig verfehlt seien.
Behrsing plädierte außerdem für einen gesetzlichen Mindestlohn von zehn Euro brutto und kritisierte, dass es nach zwei Jahren Hartz IV einen Boom von Ein-Euro-Jobs gebe. Anna Fleischer vom ver.di-Bezirkserwerbslosenausschuss Wiesbaden sagte, dass derartige Arbeitsgelegenheiten vielerorts in direkter Konkurrenz zu noch beschäftigten Arbeitnehmern stünden.
Der stellvertretende Landesvorsitzende der WASG Rheinland-Pfalz, Hans Werner Jung, bezeichnete SPD-Chef Beck als "neofeudalen Provinzfürsten".
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