John Kelly und die Kelly Family: Eine Marke mit Höhen und Tiefen

Seit fast fünf Jahrzehnten musiziert John Kelly erfolgreich mit seiner Familie. Die Kelly Family ist längst eine Marke. Doch es gab schwierige Zeiten. Ein Gastbeitrag des Sängers.

„Ihr habt eine wichtige Aufgabe. Ich möchte, dass ihr in die Welt geht und alle Menschen und alle Kinder auf der Welt glücklich macht durch Musik“ - das waren die Worte meiner Mutter am Sterbebett. Nur durch sie und den Freigeist meines Vaters entwickelte sich The Kelly Family in den vergangenen 50 Jahren zu einer eigenen Marke.

Meine Familie ist für viele Menschen eine Marke, die eine tiefe Bedeutung hat. Mehr noch: Wir sind eine große Familie, zu der auch unsere Fans gehören. Alle, die zur Marke gehören, haben eine eigene Geschichte, die sie mit uns verbindet. Das ist mehr als dieser Hype, den die "Bravo" generiert hat und uns zu einer neuen Zielgruppe gebracht hat: den Teenagern, die nächtelang vor Stadien zelteten, um in der ersten Reihe bei unseren Konzerten zu stehen. Davor hatten wir eher ein Familienpublikum - das haben wir noch heute. Dazu zählen auch die meisten Teenager von damals. Wir haben vielen mit unserer Musik geholfen, viele aus Depressionen befördert. Es gibt zig persönliche Geschichten, die Menschen mit uns, unserer Marke, verbinden. Das prägt und ist für immer.

Jeder Fan hat uns in einer bestimmten Zeit seines Lebens getroffen - und Zuflucht bei uns gefunden. Wir sind Halt. Vielleicht sind wir die Familie, die sie zu Hause nicht haben. Sie konnten und können ihre Tür schließen und mit uns zusammen sein. Manche lernten uns auf Straßenkonzerten kennen und verliebten sich in unsere Musik. Manche sind Fan aufgrund der Energie unserer Musik.

Die Gründung unserer Marke, deren Herz meine Eltern sind, liegt in den Sechzigerjahren. Angefangen hat alles, als mein Vater den Fernseher aus dem Fenster geworfen hat. Er wollte, dass wir uns mit uns beschäftigen und nicht mit der Flimmerkiste. Er war ein freier Geist. Also haben wir zusammen musiziert, uns unterhalten. Meine Mutter hat uns das Tanzen beigebracht. Mein Vater hat den Clown gespielt. Bei uns zu Hause war immer Party. Das ganze Dorf in Spanien, in dem ich aufgewachsen bin, war eingeladen. Der Spirit war immer da.

Nachdem wir also jahrelang hobbymäßig Musik gemacht haben, wurde es professionell. Wir wollten ursprünglich nicht bekannt werden und damit Geld verdienen. Aber meine Eltern hatten einen Traum: Menschen glücklich zu machen. Das ist uns gelungen und gelingt uns noch heute. Auch wenn diese Marke, unsere Marke, auch Tiefs durchlebte.

Zunächst aber ging es steil bergauf: In den Siebzigerjahren hatten wir unseren ersten Boom mit den ersten Nummer-1-Hits in Holland und Belgien und Top-15-Platzierungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dann durchlebten wir eine schwierige Zeit: Als meine Mutter 1982 an Krebs gestorben ist, haben wir alles verlassen und sind weggegangen.

Die Kelly Family zu Beginn ihrer Karriere. (Quelle: IMAGO / APress)

Erst Ende der Achtzigerjahre sind wir zurück nach Deutschland gekommen und haben neu angefangen. In den Neunzigern kam das Comeback samt großem Durchbruch und der schon erwähnten medialen Überpräsenz.

Ende 2000 gab es dann einen erneuten Bruch. Wir waren im Stress und hatten Burn-out. Schließlich hat sich nur ein Teil von uns wieder zusammengefunden. Kathy war nicht dabei, ich war nicht dabei. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Marke einen Knacks: Mein Vater war nicht mehr an der Macht und fünf oder sechs meiner Geschwister haben eigene Platten produziert und mit der Marke weitergemacht.

Ich wollte nie aufgeben, aber der Kelly-Family-Spirit war nicht mehr da - weil mein Vater nichts mehr zu sagen hatte. Einige meiner Geschwister blockierten ihn. Das war manipuliert und für mich absolut inakzeptabel. Das war ein Albtraum für mich, der ursprüngliche Geist der Kelly Family fehlte in der neuen Konstellation. Aber das Ergebnis spricht für sich: Es hat nicht funktioniert.

Bis zum Comeback 2017 gab es unterschiedliche experimentelle Phasen, aber nie gab es den Kelly-Family-Spirit von früher. 2011 oder 2012 war die Marke zwar nicht in den Seelen der Menschen tot, aber im Showbusiness schon. Ich habe aber daran geglaubt, dass sich die Marke wieder aktivieren lässt.

Und dann ist Folgendes passiert: Ich übernachtete in einem 30-Euro-Hotel in Ostdeutschland. In der Ecke stand ein Achtzigerjahre-Fernseher. Ich habe durchgezappt und bin bei Shop 24 hängen geblieben, wo die Amigos gerade eine Best-of-Platte anpriesen. Das begeisterte mich und ich bat meinen Anwalt herauszufinden, wer hinter dem Projekt steckt. Wenig später saß ich im Flieger nach Berlin, um mit dem Senderchef ein Kelly-Family-Paket zusammenzustellen: die besten 80 Lieder, die ganze Karriere zum 35. Bandjubiläum. Ich habe eineinhalb Jahre mit ihm zusammen daran gearbeitet, Videos geschnitten und das ganze Konzept mit der Genehmigung meiner Geschwister konzipiert. Manche haben dran geglaubt, manche nicht.

Am Ende hat es super funktioniert und sehr viele Verkäufe generiert. Letztlich hat Semmel Concerts von diesem Erfolg erfahren und gemerkt, dass da großes Potenzial ist. So haben wir schon sechs Jahre vor dem großen Comeback ein Comeback-Angebot bekommen. Es hat von da an lange gedauert, weil alle noch in Soloprojekten waren, aber alles hat sich gefügt.

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Jetzt machen wir das erste Konzert seit 2020, das erste seit der Pandemie. Ich habe das Gefühl, es wird sehr emotional. Wir ticken alle anders heute und die Welt tickt anders. Viele haben gelitten in der Pandemie und ich glaube, es wird sie befreien und ihnen helfen, abzuschalten und zurück in die alten Zeiten zu kommen.

Erinnerungen an Stuttgart und die Anfänge

Stuttgart - Alle, die die Hanns-Martin-Schleyerhalle restlos füllen, am Samstagabend, haben ihre Erinnerungen mitgebracht, an die singende Familie, die vor 20 Jahren ihre Herzen und die Hitparaden eroberte. Auch Angelo, Jimmy, Joey, John, Kathy und Patricia, jene Geschwister, die sich nun wieder zusammengeschlossen haben und auf Tournee sind, erinnern sich. „In Stuttgart“, gesteht Patricia Kelly, „habe ich meinen ersten Kuss bekommen.“ Freilich, fügt sie hinzu, sei es bei einem Kuss geblieben, damals, als die Familie im grün-roten Doppeldeckerbus durchs Land zog, in Fußgängerzonen spielte.

Ihr Bruder Jimmy, zwei Jahre jünger als sie, erinnert sich nicht oder ganz anders an die Stadt. „Stuttgart?“, sagt er, überlegt, zuckt mit den Schultern, schüttelt den Kopf. Doch dann fällt ihm etwas ein: jene Wette, die er in Dublin verlor, wegen der er sich sein langes Haar abschnitt. Der Vater, Dan Kelly, erfuhr vom Haarschnitt unmittelbar vor einem Konzert, das die Familie auf dem Cannstatter Wasen für 80 000 Zuhörer geben sollte. „Damals“, sagt Jimmy, „waren die langen Haare unser Markenzeichen.“

Im September 1997 fand dieses Konzert vermutlich statt; „zwei Spezialisten“ erinnert sich Jimmy, sorgten dafür, dass der plötzlich kahle Sänger wieder aussah wie ein echter Kelly: „Ich musste eine Perücke tragen!“

Der Erfolg und seine Schattenseiten

Die hüftlangen Haare der Jungen waren es, die Kleider vom Flohmarkt, das Leben der Großfamilie auf einem Schiff im Kölner Hafen, die Geschichten von der Straße, die die Kelly Family Mitte der 1990er Jahre zum eigentümlichsten Medienphänomen ihrer Zeit werden ließ.

Die Familie selbst begann unter ihrem Erfolg zu leiden, zog sich zurück. Vater Dan Kelly starb 2002 in Köln; die elf Kinder, die mit ihm bisweilen auftraten, gingen ihre eigenen Wege, auch das gepflegte Bild der heilen Welt im Abseits der Konsumgesellschaft begann zu bröckeln.

Die sieben Kellys, die nun in Stuttgart auf der Bühne stehen, scheinen all dies vergessen zu haben. Oder denken nur mit milder Ironie daran zurück. Es ist ein Abend des Wiedersehens, Wiedererkennens. Die Idole sind gealtert - Kathy ist nun 54 Jahre alt, Paul, wie sie ein Kind aus Dan Kellys erster Ehe und nur in frühen Jahren mit der Familie unterwegs, ist 53, hat einen langen Soloauftritt als Sänger und Drehleierspieler. John ist 50, Patricia 48, Jimmy steht kurz vor seinem 47. Geburtstag, Joey ist 45, Angelo, einst das Nesthäkchen, ein Star noch vor dem Stimmbruch, ist füllige 36 Jahre alt, trägt das Haar noch lang und lässt es fliegen, wenn er sich ans Schlagzeug setzt und aufregend darauf donnert.

Gereifte Persönlichkeiten und neue Wege

Ein neues Album der Kelly Family erschien im Frühjahr 2017 - es enthält alte Hits in neuen Arrangements sowie neue Songs. Und so funktioniert auch das Konzert in der ausverkauften Schleyerhalle: großzügig schöpfen die Kellys aus der Vergangenheit, präsentieren sich dabei aber, so viele Jahre später, als gereifte Persönlichkeiten. Patricia pflegt einen rustikal karierten Look, ihre Geschwister dagegen haben auf die eine oder andere Weise den Glamour für sich entdeckt. John tritt zunächst mit einem goldenen Zylinder auf.

Eine Vorbühne zieht einen weiten Kreis in die Halle, schließt einen Teil des Publikums ein. Flammen schießen auf, Konfetti regnet herab, Wellen blauen Wassers irrlichtern über den Bühnenboden, auf der Bildwand mischen sich Vergangenheit und Gegenwart.

Zu Beginn des Konzertes werden die Kellys von sechs versierten Musikern begleitet; später treten sie als Geschwister dort hinaus, nahe an ihr Publikum, begleiten sich selbst. Sie spielen auf akustischen Instrumenten, Akkordeon, Gitarre, Trommel, Mundharmonika, sie singen, sie tanzen. Sie beschwören ihre irischen Wurzeln herauf und vierblättriger Klee dreht sich hinter ihnen.

„An Angel“, 1994 auf Platz 2 der deutschen Hitparade, wurde einst gesungen von Angelo und Paddy Kelly - nun beginnen John und Angelo das Stück, Patricia und Kathy steigen ein, die Geschwister finden zusammen, die Halle singt selig mit.

Der Kelly Family gelingt es im Jahr 2018, die alten Gefühle zu erneuern, noch einmal Gospel, Folklore, Pop und Schlager, die Rock-Pose und die schmelzende Ballade zusammenzubringen. Ihr Publikum hat erlebt, wie sie erwachsen wurden und träumt mit ihnen noch einmal seinen liebsten Traum.

tags: #John #Kelly #Perücke

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