Die Frisur der schwarzen Engel: Ein Akt der Würde und Nächstenliebe

Die Barber Angels Brotherhood ist mehr als nur eine Gruppe von Friseuren. Mit ihrer ungewöhnlichen Kleidung, die eher an eine Rockergruppe erinnert, setzen sie ein Zeichen der Solidarität und Menschlichkeit. Wo die schwarzen Friseur-Engel der Bruderschaft auftauchen, muss niemand Angst haben. Ganz im Gegenteil: Die Barber Angels verschenken mit einem kostenlosen Haarschnitt ein Stück Würde an Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Die Initiative des Biberacher Friseurmeisters Claus Niedermaier begeistert inzwischen Berufskollegen weltweit. 2016 hat er den Hilfsverein mit zehn Kollegen gegründet. Seither ist die Mitgliederzahl auf mehr als 450 angestiegen, die Barber Angels sind in allen Bundesländern aktiv. Woche für Woche schweben die Engel in ihrer Freizeit aus, um in Suppenküchen und Bahnhofsmissionen Obdachlose zu frisieren - gegen Gotteslohn.

Ein gepflegtes Erscheinungsbild mit einer ordentlichen Frisur soll den vom Schicksal gezeichneten Frauen und Männern Ansporn sein, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, vielleicht sogar eine geregelte Arbeit zu finden. Inzwischen kommen längst nicht mehr nur Obdachlose zu den Aktionen der Barber Angels. Sie frisieren alle Hilfsbedürftigen. "Menschen, bei denen es hinten und vorne nicht reicht", wie es Claus Niedermaier formuliert.

Immer öfter werden die Friseure dabei mit Altersarmut konfrontiert. "Kürzlich habe ich eine 80-jährige Frau frisiert, die sich seit Jahren keinen Haarschnitt leisten konnte. Dabei ist das Aussehen so wichtig für ein würdevolles Leben im Alter", sagt Niedermaier.

„Barber Angels“ frisieren das Selbstbewusstsein von Obdachlosen

Die weltweite Expansion der Barber Angels

Das Engagement der Barber Angels hat sich längst über Grenzen hinweg herumgesprochen. Weltweit folgen Friseure dem Vorbild ihrer deutschen Berufskollegen. So sind Gruppen, sogenannte Chapter, in Österreich und in der Schweiz entstanden, in Norwegen und in den Niederlanden sowie in Spanien und Südamerika. Insgesamt haben sich zwischen Chile und Nordkap knapp 700 Friseurinnen und Friseure der Barber Angel Brotherhood angeschlossen. Demnächst wollen nach Kolumbien auch Friseure in Brasilien ein weiteres Chapter gründen.

Die Einsätze der Friseur-Engel laufen nach einem festen Schema ab. Sie kontaktieren Sozialeinrichtungen. Diese vergeben Gutscheine an Bedürftige. Bei den Aktionen sind 15 bis 20 Angels vor Ort, die am Tag bis zu 150 Menschen frisieren. Mitunter bringen sie Mediziner mit, die den Gesundheitszustand prüfen und bei Bedarf einen Arztbesuch empfehlen. Augenoptiker spendieren Sehtest und Lesebrillen.

Jeder Barber Angel sollte bis zu sechs Einsätze im Jahr für die gute Sache einbringen, manche kommen auf 30, Claus Niedermaier ist fast jedes Wochenende unterwegs. Die Kosten für Anreise und Verpflegung übernehmen die Friseure selbst, Material wie Haarwaschhauben oder Hygieneartikel werden über Spenden finanziert.

Um Spenden zu generieren, fahren die Barber Angels auch schon mal zum berühmten Hardrockfestival nach Wacken, wo sie Besuchern und Rockstars gegen eine Spende Mähne und Bärte stutzen. Bei ihren Einsätzen sind die Barber Angels oft zu Tränen gerührt, wenn sie von den Lebensläufen der Menschen hören und ihre Dankbarkeit spüren.

Befragt nach seinem emotionalsten Erlebnis, verweist Claus Niedermaier auf einen Einsatz auf Mallorca. Im Fußballstadion von Palma haben 55 Barber Angels aus ganz Europa rund 400 Bedürftigen die Haare geschnitten. "Man glaubt gar nicht, wie viele Menschen auf der Ferieninsel in Armut leben. Und die Corona-Pandemie hat die Lage noch verschärft, weil viele Servicekräfte aus der Tourismusbranche ihren Job verloren haben", verweist Niedermaier auf die Schattenseiten im vermeintlichen Urlaubsparadies. "Aber wir haben die Menschen wieder zum Strahlen gebracht.

Anerkennung dafür kommt nicht nur von den Menschen, denen die Barber Angels helfen. So wurden sie schon von Bundespräsident Steinmeier zum Sommerfest eingeladen. Besonders stolz ist Claus Niedermaier aber auf den Grand Prix Humanitaire de France.

Die Barber Angels schneiden Bedürftigen die Haare - gratis und inklusive guter Laune, Häppchen und kleinen Geschenken. Manchmal brauchen die Friseure bei ihren Einsätzen eine Extraportion Fingerspitzengefühl, denn die Gäste bringen besondere Geschichten mit. Ein frischer Haarschnitt gibt den Menschen ein Stück Würde zurück. "Sie fühlen sich dann viel besser", so Friseurmeister Uwe Kennemund.

Ein Tag bei den Barber Angels in Bielefeld

Schon eine halbe Stunde, bevor es losgehen soll, warten vor dem „Haus der Kirche“, einem Gemeindehaus in Bielefeld, zehn Menschen. Die Kirchenmitarbeiter haben früh am Morgen Stühle rausgestellt, damit keiner im Stehen warten muss. Es ist ein warmer Sonntagvormittag im Juli, die Stimmung im Ostmannturmviertel ist gelöst, die Kaffeekanne wird reihum gereicht.

In den Räumen des Gemeindehauses sind heute nämlich die Barber Angels zu Gast, genauer: die Mitglieder des sogenannten „Chapters“ Ostwestfalen-Lippe. Die Barber Angels sind eine Gruppe aus Friseurinnen und Friseuren, die meist einmal pro Monat gratis Wohnungslosen und Bedürftigen die Haare schneiden.

Gegründet wurde der Verein im Jahr 2016 von Friseurmeister Claus Niedermaier. Mittlerweile gibt es weltweit mehr als 400 Barber Angels, die regelmäßig in den Räumen sozialer Einrichtungen denen die Haare schneiden, die sich einen Friseurbesuch sonst nicht leisten könnten. Die meisten Barber Angels sind in Deutschland unterwegs, es gibt allerdings auch in anderen Ländern Ableger des Vereins, zum Beispiel in Österreich, der Schweiz, auf Mallorca und sogar in Chile.

Das Markenzeichen aller „Engel“: Sie arbeiten in schwarzer Kleidung, die an eine Motorradkluft erinnert - obwohl nur wenige Mitglieder wirklich Motorrad fahren. Die Kleidung soll einerseits den Wiedererkennungswert der Gruppe steigern. Andererseits unterstreicht es das Motto der Gruppe: Ob Friseur oder Gast, hier ist jeder gleich.

Drinnen warten die zehn Engel in schwarzen Kutten, auf der Brust ist der Spitzname eingestickt. Die bürgerlichen Namen werden nicht so gern verraten - aus Datenschutzgründen, man weiß ja nie, wem das Engagement missfällt. Gleich geht es also los, die Frisierplätze sind schon vorbereitet: Scheren, Spiegel, Besen, alles ist fertig für den Einsatz.

Uwe Kennemund leitet den Einsatz in Bielefeld. Einige Gäste, die er heute bedienen wird, kennt er schon. Sie sind seine Stammkunden, manche hat er schon sechs Mal bedient. Generell ist es allen Barber Angels wichtig, dass von Kunden oder Gästen statt von Bedürftigen oder Obdachlosen die Rede ist. „Im Prinzip geht es hier zu wie im normalen Salon“, erzählt der Friseurmeister, während er den Blick über den Raum schweifen lässt und seinen Kollegen beim Waschen, Schneiden und Föhnen zusieht. „Hier wird jeder gleichbehandelt“, sagt Kennemund.

Einer von ihnen ist Wilfried Lutterklas, genannt „Willi“. Er wurde gerade schon frisiert, das lange, weiße Haar fällt ihm jetzt wieder glänzend und mit frisch geschnittenen Spitzen über die Schultern. Auch der Bart wurde in Form gebracht. „Mein Friseur hier weiß schon ganz genau, was ich möchte. Ich gehe seit mehreren Jahren zu den Einsätzen“, sagt Lutterklas, während er sich seinen grünen Hut wieder auf den frisch frisierten Kopf setzt. „Ich habe mich schon seit Wochen auf den Termin gefreut.“

Blomeier ist, genau wie Friseurmeister Kennemund, im Internet auf den Verein gestoßen. „Rund vier Wochen vor dem Einsatz schicken wir Einladungen raus, heute waren 60 Plätze zu vergeben, 20 Leute können spontan frisiert werden“, erzählt der Sozialpfarrer am Stehtisch an der Eingangstür, auf dem die Gästeliste zum Abhaken bereitliegt.

Helfen, das möchte auch Tatti Worgull an diesem Sonntagnachmittag. Worgull ist angestellte Friseurin in Herford, seit 2018 ist sie bei den Barber Angels. Ihren ersten Einsatz hatte sie in Paderborn - und zwar als Gastengel. Wer sich der Gruppe anschließen möchte, muss nämlich erst mal einige Probeeinsätze ableisten. „Man weiß ja vorher gar nicht, was einen erwartet“, sagt Worgull.

Denn auch wenn es allen Barber Angels wichtig ist, dass jeder Mensch gleichbehandelt wird: Die außergewöhnlichen und oft schwierigen Lebenssituationen, in denen die Gäste stecken, müssen doch mitgedacht werden. Bei den Einsätzen gibt es deshalb immer jemanden, der eine Art Security-Funktion erfüllt. Uwe Kennemund, der heutige Einsatzleiter, sagt: „Wenn die Leute zum Beispiel Alkohol getrunken haben, muss man mit ihnen anders reden.“ Denn sie dürfen die Barber Angels aus rechtlichen Gründen nicht frisieren - genau wie Gäste, die eine Kopfverletzung haben. „Manche sind dann enttäuscht oder werden wütend“, sagt Kennemund.

Auf einem anderen Tisch liegen kleine Geschenke für die Gäste, zum Beispiel Zahnpasta, Haargel oder Bartpflegeprodukte. Eine vierköpfige Familie wird gerade fotografiert, es werden Vorher-nachher-Bilder geknipst.

Vor der Tür, aus der sich vorhin Willi Lutterklas mit seinem Rollator geschoben hat, sitzen kurz vor Einsatzende dieselben Menschen, die dort auch schon am Mittag saßen. Die Männer und Frauen unterhalten sich, lachen miteinander, genießen die Sonne. Sie wurden längst von Kennemund, Worgull und ihren Kollegen frisiert, die Haare sind frisch geschnitten und die Bärte gestutzt. Nach Hause geht es trotzdem noch nicht.

Die Barber Angels Brotherhood in Zahlen

Die folgende Tabelle fasst einige wichtige Fakten über die Barber Angels Brotherhood zusammen:

Merkmal Details
Gründungsjahr 2016
Gründer Claus Niedermaier
Anzahl der Mitglieder Über 450
Anzahl der Mitglieder weltweit ca. 700
Tätigkeitsbereich Deutschland, Österreich, Schweiz, Norwegen, Niederlande, Spanien, Südamerika
Zielgruppe Obdachlose und bedürftige Menschen
Leistungen Kostenlose Haarschnitte, Bartpflege, gelegentlich medizinische Beratung und Sehtests

Die Barber Angels sind ein leuchtendes Beispiel dafür, wie man mit einfachen Mitteln Großes bewirken kann. Ihr Engagement schenkt nicht nur ein besseres Aussehen, sondern auch Hoffnung und Würde.

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