Es ist kein Geheimnis, dass neue Lebensabschnitte oft eine neue Frisur nach sich ziehen. Auch Christian Lindner, Hoffnung der angeschlagenen FDP, hat die Herausforderung, seine Partei aus der Krise zu führen, mit einer haarigen Maßnahme begleitet.
Christian Lindner im Laufe der Jahre
Gemäß dem Motto "freie Frisur für freie Demokraten" nahm der 34-Jährige das liberale Parteiprogramm beim Wort und beseitigte sämtliche lichten Stellen auf seinem Kopf. Sein Haupthaar ist nun wieder gänzlich undurchschaubar. in jedem Winkel, selbst den einstigen Geheimratsecken, herrscht Wachstum. Während die FDP noch damit beschäftigt ist, die Haare, die sie bei der Bundestagswahl lassen musste, wieder einzusammeln, hat ihr NRW-Landessvorsitzender die Lücken auf seinem Kopf kurzerhand geschlossen.
Mit dem Ergebnis, dass zumindest er wieder etwas jünger, dynamischer und zuversichtlicher rüberkommt als der Rest seiner Parteigenossen. Man könnte jetzt gemein sein und behaupten: Das coolste an der FDP ist somit das Haar von Christian Lindner. Aber auch wenn das zutrifft, tut es hier nichts zur Sache - jedenfalls nicht in politischer Hinsicht. Was aber unbedingt näher betrachtet werden sollte, ist die Frage, welche Relevanz Lindners kosmetischer Eingriff für die Männerwelt haben wird.
Erstes Korrespondenten-Gemurmel hob an über die wohl neue Frisur des FDP-Fraktionschefs, die irgendwie sonderbar gelegt wirkte und ungewohnt dicht. Lindner ist der 34 Jahre alte Hoffnungsträger der am Boden liegenden Liberalen. Er ist redegewandt und smart, selbst das lichter werdende Haupthaar ist ihm nie öffentlich als Verfall seiner Jugendlichkeit ausgelegt worden. Doch diesmal wirkte die Frisur, sagen wir, ambitionierter.
Gewöhnlich verebben solche parlamentarischen Randbeobachtungen im Kantinengespräch, wäre nicht die „Bild“-Zeitung zu Wochenbeginn mit einer handfesten Nachricht auf den Markt gekommen: Lindner hat sich einer Haartransplantation unterzogen. Follikel vom Hinterkopf werden dabei verpflanzt und schenken dem Schopf neue Fülle. Lindner zitiert Klopp. Der FDP-Politiker wollte das Geheimnis seiner verschwundenen Geheimratsecken zunächst nicht offiziell lüften. Sein Büro wimmelte Anfragen zu dem kosmetischen Eingriff ab.
Schließlich soll Lindner Ende des Jahres FDP-Bundesvorsitzender werden und die Liberalen aufrichten, die gerade ihre Abgeordnetenbüros im Bundestag räumen müssen und Hunderte Mitarbeiter zum Arbeitsamt schicken. Da könnte es sonderbar wirken, wenn der designierte Vorsitzende parallel die Künste der Beauty-Doktoren auf der Düsseldorfer „Kö“ preist. Die Rückkehr zu den liberalen Wurzeln hatte man sich anders vorgestellt.
BVB-Trainer Klopp hatte zuletzt mit dem Bekenntnis einer Haartransplantation für Aufsehen gesorgt. Seinem Image hat es nicht geschadet. Allerdings ist Klopp Teil des Showgeschäfts, eine Marke der Unterhaltungsbranche. Er bewegt sich in einem Millionengewerbe, in dem auch Englands Nationalstürmer Wayne Rooney zuhause ist, der seit Jahren chirurgisch gegen seinen Haarausfall kämpft. Aber in „Waynes World“ pinkelt man eben auch schon mal morgens um fünf gegen die Fassade eines Pubs. Bei Stars, über die man sich freuen und ärgern will, werden kosmetische Korrekturen als Teil des Gesamtkunstwerks akzeptiert.
Lindner ist zwar der erste Politiker, aber nicht die erste Person öffentlichen Interesses, die sich zu dem Eingriff bekennt. Alles begann damit, dass der Borussen-Trainer im April sein schütteres Haar auffüllen ließ und gar nicht erst versuchte, den Eingriff zu verheimlichen. Schnell ging ein nervöses Raunen durch die Männerwelt. Hieß das nun, dass es okay ist, seiner Glatze den Kampf anzusagen? Dass die Furcht vor einem Aufschrei unbegründet war? Weil Eitelkeit und die Auseinandersetzung mit Äußerlichkeiten doch kein weibliches Monopol ist?
Die Antwort gaben sich viele Herren gleich selbst - und zogen nach. Seit Klopps publikumswirksamer Haartransplantation sei der Umsatz um 30 Prozent gestiegen, zitiert die Bild den Leiter einer Düsseldorfer Klinik. "Auch Wirtschaftsleute und Politiker kommen vermehrt", heißt es. Laut einer Befragung unter den Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) verzeichnet fast ein Viertel der Chirurgen (23,5 Prozent) einen Nachfrageanstieg bei Haarverpflanzungen.
Nun also Christian Lindner. Auch der FDP-Politiker hat seine Entscheidung nicht groß abgestritten. Ebensowenig, wie er davon ablenken möchte, dass Klopps Vorstoß dafür mitverantwortlich gewesen sein dürfte. Indem er dem Beispiel von Jürgen Klopp folgte, hat Lindner eine Botschaft aufgegriffen und weitergetragen: Haar-Transplantationen sind weder ein Zeichen für Schwäche noch unmännlich. Sie sind einfach nur ebenso fragwürdig oder vertretbar wie alle anderen Schönheitskorrekturen auch. Je mehr Menschen sich ihnen unterziehen, desto weniger Mut wird künftig dazu nötig sein, sich verschönern zu lassen.
Riskant: Das Alter kann man nicht frisieren. FDP-Hoffnungsträger Lindner hat sich nun für einen anderen Weg entschieden, und niemand weiß, ob persönliche Eitelkeit oder politisches Kalkül oder eine Mischung aus beidem ihn dabei leiteten. Die Jugendlichkeit ist schließlich sein Markenzeichen. Er war jüngster Landtagsabgeordneter in NRW, wurde „Bambi“ genannt. Er ist Autofan mit Rennfahrerlizenz. Er schreibt mit Alt-Liberalen wie Hans-Dietrich Genscher kluge Bücher, was viele auch deshalb so interessant finden, weil hier auf den ersten Blick Jung und Alt zusammengefunden haben. Der Versuch, diese Jugendlichkeit mit chirurgischen Mitteln zu konservieren, ist gerade für Lindner riskant.
Seine Kritiker nennen ihn einen begnadeten Polit-Darsteller, der gut reden und auftreten könne, dem aber als wichtigste Überzeugung der Blick für die strategische Marktlücke zu Eigen sei. Womöglich markiert Lindners Transplantation aber auch den Einstieg in eine neue Gelassenheit im Umgang mit dem Politiker-Aussehen. Man hat schließlich schon zahlreiche öffentliche Typ-Veränderungen mit großem Tamtam begleitet, die heute keinen mehr aufregen könnten: Joschka Fischers Abspeckläufe, Christian Wulffs Frisurenwechsel, Frank-Walter Steinmeiers Wiederentdeckung der Hornbrille, Karl-Theodor zu Guttenberg im ACDC-T-Shirt.
Christian Lindner beim Dreikönigstreffen 2024
Aber nicht nur Parteifreunde freuten sich auf den öffentlichen Auftritt des FDP-Vorsitzenden. So wurde der obige Satz von Christian Lindner auch als sympathisches Bekenntnis zur eigenen Haarverpflanzung aufgenommen. Alljährlich lädt die FDP am 6. Januar zum traditionellen Dreikönigstreffen nach Stuttgart ein, diese bedeutende Großveranstaltung stellt zugleich auch den politischen Jahresauftakt der Partei dar.
Beim Dreikönigstreffen am 6. Seit seiner Haartransplantation sind unterdessen mindestens anderthalb Jahre vergangen. Offen ist nach wie vor, welche Wünsche Herr Lindner im Zuge der Planung seiner Eigenhaarverpflanzung gegenüber dem ausführenden Haarchirurgen geäußert hat und was ihn dazu bewogen hat, die Gewebe traumatisierende FUT-Methode zur Durchführung zu wählen. Die aktuellen Bilder zeigen jedoch deutliche Spuren der vorangegangenen Behandlung, insbesondere die optisch sehr beeinträchtigende, streifenförmige Ausdünnung am Hinterkopf und die breite längliche Narbe von Ohr zu Ohr, welche durch die Entnahme des Hautstreifens entstanden ist (Strip-/Streifenmethode FUT).
Für den Moment bleiben nur Spekulationen, ob sich Herr Lindner möglicherweise einer Nachbehandlung zur Optimierung seines Behandlungsergebnisses unterziehen wird. Hierfür würde eine minimalinvasive Haartransplantation mittels der IFUE- bzw. FUE-Methode die gewebeschonendere und modernere Alternativmethode sein.
Bei männlichen Politikern indes gerät Schummelei auf dem Schopf schnell zu einer Frage der Glaubwürdigkeit. Hier sind die Geschlechterrollen noch klar definiert. Die Frisuren-Evolution von Kanzlerin Angela Merkel wurde von der Öffentlichkeit über Jahre wohlwollend begleitet. Ihr Coiffeur Udo Walz ließ sich ungeniert dafür bewundern, wie er mit Schnitt und Farbe Typveränderungen kreiert. Oder als NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft einmal mit einer neuen Frisur aus den Ferien kam, philosophierten Frauenzeitschriften ganz selbstverständlich darüber, ob dies ein neuer „Macht-Schnitt“ sei.
Ein begnadeter Instinktpolitiker wie Alt-Kanzler Gerhard Schröder wusste das und verklagte 2002 die Nachrichtenagentur ddp. Die hatte eine Imageberaterin Schröders gelungenen Auftritt und seine modische Kleidung rezensieren lassen - fatalerweise mit dem Hinweis, er solle seine grauen Schläfen doch nicht mehr wegtönen. Die Anwälte des SPD-Politikers gingen dagegen gerichtlich vor, weil es sich bei der Haarfarbe des Kanzlers um keine „Petitesse“ handele.
CSU-Mann Michael Glos musste erst über 60 und Bundeswirtschaftsminister werden, bis er 2008 dem natürlichen Grau nichts mehr entgegensetzen mochte. Bis dahin hatte Ehefrau Ilse höchstselbst stets die Farbtube bei ihm angesetzt. „Wenn man älter wird, dann werden die Haar grauer“, bilanzierte Glos irgendwann fatalistisch, und es klang wie ein sympathisches Resümee zum demografischen Wandel.
Christian Lindner in jungen Jahren
| Jahr | Position |
|---|---|
| 2013 | Parteivorsitzender der FDP |
| 2021 | Bundesfinanzminister |
| 2024 | Rückzug aus der Politik |
tags: #Christian #Lindner #Haarfarbe
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