Theo Waigel hält zwei bemerkenswerte Rekorde: Keiner stemmte den schwierigen Job des Bundesfinanzministers länger als der CSU-Mann. Neun Jahre hielt er durch und dies auch noch in der schwierigsten aller Finanzzeiten, den Jahren der Wiedervereinigung. Und keinen Politiker schmücken auch nur halbwegs so buschige Augenbrauen wie ihn.
Theo Waigel (2015) (Quelle: Wikimedia Commons)
Im Bundesfinanzministerium in Berlin lässt sich zurzeit eine Karikaturen-Ausstellung besichtigen unterm Titel "Die Augenbraue" mit Arbeiten der Karikaturisten Horst Haitzinger, Dieter Hanitzsch und Ernst Maria Lang. Die schönste Karikatur glückte Horst Haitzinger.
Waigel und Oskar Lafontaine, einst SPD-Finanzminister, sitzen gemütlich nebeneinander beim Angeln am Teich. Und träumen davon, was sie mit dem Fisch machen, wenn sie einen fangen. Waigel denkt an einen Fisch auf dem Grill mit dem Kopf von Edmund Stoiber, bekanntlich sein überaus ungeliebter Parteifreund. Als es Lafontaine wegen seiner Krebsoperation schlecht ging, schickte Waigel ihm den Katalog der Ausstellung mit dieser Karikatur.
Waigels Motiv, wie er gegenüber stern.de bekannte: "Bei allem Ärger, den er mir bereitet hat, verstehen wir uns gut.
Klaus Stuttmann gehört zu den bekanntesten Karikaturisten Deutschlands. Seit Jahrzehnten kommentiert er mit spitzem Stift die Tagespolitik - unverwechselbar und preisgekrönt. Natürlich stand dabei in den vergangenen 16 Jahren auch immer wieder Angela Merkel im Mittelpunkt - nachzusehen in Stuttmanns gerade veröffentlichtem "Merkelbilderbuch".
Der Abschied der Kanzlerin von der politischen Bühne stimmt ihn wehmütig. Die Figur sei ihm ans Herz gewachsen, sagt Stuttmann im Interview. Außerdem spricht er über Merkels typische Merkmale, wie sie Deutschland geprägt hat - und wen er als Nachfolger am liebsten zeichnen würde.
Klaus Stuttmann: Ich denke ja. Es würde auf jeden Fall erkennbar sein.
In ihren Zeichnungen im Buch, die in den frühen 90er-Jahren beginnen, verändert sie sich. Gab es einen Punkt, an dem Sie das Gefühl hatten, Merkel gut getroffen zu haben?
Es hat ein bisschen gedauert, weil sie anfangs, als sie noch "Kohls Mädchen" war, sehr jung war. Und bei jungen Frauen ist es immer ein bisschen schwierig, mit wenigen Strichen die Person zu treffen. Später bekommen sie dann Konturen, das macht es einfacher. Das war dann bei Frau Merkel doch relativ früh der Fall.
Alle kennen die Merkel-Raute, aber gibt es noch andere Merkmale, die typisch für sie sind?
Die Raute war eigentlich nicht von Anfang an präsent. Ich weiß gar nicht mehr, welcher Kollege das als erster entdeckt hat. Ich hatte, als Merkel Kanzlerin wurde, hauptsächlich ihre Anzüge im Kopf. Anfangs hatten ihre Jacketts immer drei Knöpfe, später waren es vier, mittlerweile sind es bis zu sechs. Das war ihr Erkennungszeichen.
Hinzu kam ihre Physiognomie, da waren es vor allem die Frisur, die beinahe wie ein Helm wirkte, und die Mundwinkel, die ziemlich früh nach unten zeigten und inzwischen eine sehr scharfe Kante sind.
Nein, diese Figur wächst einem ans Herz. Sie verselbstständigt sich irgendwann, sie bekommt ein Eigenleben, das parallel zur realen Person läuft, und gehört bald zur Familie.
Ja, auf jeden Fall ist da auch Wehmut dabei. Aber das geht mir eigentlich bei allen Politikern und Politikerinnen so, mit denen ich lange gearbeitet habe und die dann irgendwann abtreten. Das war schon bei Kohl so. Er war mir zwar persönlich weniger sympathisch als Frau Merkel, aber auch bei ihm gab es eine gewisse Wehmut, nachdem ich ihn 16 Jahre begleitet hatte. Aber das war auch bei Gerhard Schröder und Joschka Fischer oder Theo Waigel so - es war immer bedauerlich, wenn man sie gut drauf hatte und sie dann abtreten.
Hätte ich eine Rückschau gemacht mit den vollständigen Karikaturen, mit Sprechblasen und Texten, dann hätte man die Zusammenhänge genauer erklären müssen, weil die meisten Leute die Situation, in der die Karikatur entstanden ist, nicht mehr verstanden hätten. Also habe ich damit experimentiert, die Texte wegzulassen, damit sich die Leser nur anhand von Merkels Physiognomie sowie der ganzen Politiker, mit denen sie zu tun hatte, erinnern können.
Doch, die meisten schon. Es gab ein paar, bei denen ich auch noch mal nachschauen musste, aber es gibt im Laufe der Jahre immer größere Themen, an denen man sich orientieren kann. Am Anfang geht es um den Machtkampf innerhalb der Partei, gegen Kohl und Schäuble und die ganze Männer-Bande, gegen die sich Merkel durchsetzen muss. Später geht es um Schröder, Fischer und Sigmar Gabriel. Und es gibt inhaltliche Abschnitte, die ganzen Krisen: Finanzkrise, Griechenland-Bashing, die Flüchtlingskrise, Corona. Dann gibt es Merkel als Weltpolitikerin, die über der Bundespolitik schwebt.
Ich schaue schon hin, aber es verändert sich eigentlich nicht mehr so viel. Zumindest meine Comicfigur verändert sich nicht mehr massiv.
Ich habe es immer mit Staunen und einer gewissen Bewunderung beobachtet, wie sie sich durchgesetzt hat. Ich habe mich auch immer wieder gefragt, welche Motivation dahinter steckt. Nach außen wirkt sie nicht machtbesessen, im Gegensatz etwa zu Schröder, der bekanntlich am Gitter des Kanzleramts gerüttelt hat. So etwas konnte man bei ihr nie erkennen.
Deshalb fragt man sich bis heute, was sie innerlich dazu antreibt, immer an die Spitze zu kommen.
Nein, habe ich nicht. Das hat niemand. Außer vielleicht ihr Mann.
Ihre Unaufgeregtheit, das Uneitle, die Zurückhaltung - ich kann mir gut vorstellen, dass das eine gewisse Sicherheit vermittelt. Im Gegensatz zu einem Rowdy wie Schröder hat sie immer eine gewisse Sicherheit gegeben und, weil sie so lange an der Macht war, auch eine gewisse Beständigkeit. Einigen Menschen gibt das sicherlich das Gefühl, dass sie wie eine Mutti ist.
Ja, es gibt wenige Menschen, die sich so freiwillig und ohne großes Unglück oder Skandal aus der Politik verabschieden. Bei Bismarck war das auch anders, er wurde von Kaiser Wilhelm II. weggeschickt, wie auch viele Politiker in der Bundesrepublik von den Wählern, etwa Kohl oder Schröder - man denke nur an die Elefantenrunde nach dessen Abwahl. Merkel dagegen hat das offensichtlich geplant und es scheint so, als würde sie fröhlich ins Privatleben starten.
Ich denke schon, einfach durch die Länge der Amtszeit und all dem, was darin passiert ist, etwa der Energiewende oder der Aufhebung der Wehrpflicht. Merkel hat die Politik doch ziemlich umgekrempelt, auch durch ihre ungewöhnliche Denkweise, und hat dieses Land durch ihre Person geprägt.
Das war mir tatsächlich egal. Ich habe natürlich den Unterschied registriert, gerade am Anfang, die innerparteilichen Kämpfe gegen die Männer. Das war auch für einen Karikaturisten amüsant anzuschauen, und insofern hat Merkel natürlich auch als Frau eine Rolle gespielt. Aber in der Politik, bei den inhaltlichen Schwerpunkten, eigentlich nicht.
Als Zeichner würde ich Laschet bevorzugen, der liegt mir am meisten. Scholz ist okay und Baerbock ist ganz schwer. Ich hoffe, dass sie außer ihren Augenbrauen bald ein bisschen mehr Konturen ins Gesicht bekommt. Sie ist nicht nur als junge Frau schwer zu zeichnen, sondern sie hat auch ein bestimmtes Lächeln, das schwer ist. Bei ihr bin ich mit mir noch nicht zufrieden.
Ich war einer der ersten tagespolitischen Karikaturisten, die angefangen haben, digital zu zeichnen. Seit 2000 zeichne ich nur noch mit dem Tablet, es gibt also keine Originale mehr von mir. Da kann man viel, viel einfacher, schneller und flüssiger zeichnen als auf Papier. Und die Zeichnung ist auch viel schneller in der Redaktion. Das war ein großer Umbruch.
Ich bin da eher pessimistisch. In der gedruckten Zeitung hat die tagespolitische Karikatur meistens einen festen Platz und eine prominente Stellung, deshalb fällt auch oft der erste Blick darauf. Das fehlt, bis auf wenige Ausnahmen, in den Online-Angeboten. Deshalb verliert die Karikatur an Bedeutung. Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass das den Redaktionen ganz Recht ist.
In einer Zeit, wo sich Politik nur noch als „Flick-Werk" darbietet, in der nicht mehr die Politik den Charakter verdirbt, sondern manche Charaktere die Politik verderben, blüht der Humor(Scherz, Spaß, Spott, Witz) über die Politik. Andererseits wird allerorten, auch von Politikern, der Niedergang des Humors in der Politik beklagt, der Verlust der Fähigkeit der Politiker, auch in schwierigen Situationen eine politisch gespannte Atmosphäre mit Esprit und Witz zu entschärfen und über sich selbst und andere zu lachen.
Daß den Volksvertretern das Lachen abhanden gekommen ist, zeigt auch ein Blick auf die 520 Abgeordnetenphotos. Die große Mehrheit der Bundestagsabgeordneten, genau 273 nämlich, haben sich mit ernstem Blick ablichten lassen. Knappe 100 von ihnen, darunter Bundeskanzler Helmut Kohl, Innenminister Friedrich Zimmermann wie auch Rainer Barzel, konnten sich zu einem „halben Lächeln" durchringen. Nur wenig mehr als ein Dutzend Abgeordnete, davon die meisten weiblich, lachen . richtig', nämlich breit, offen und ungezwungen. So stellt sich auf den ersten Blick die Gemütslage der Abgeordneten des 10.
Mit ernstem Gesicht auch die humorig-rühmliche Ausnahme: der um Schlagfertigkeit nie verlegene Arbeitsminister Norbert Blüm.
Der ehemalige Werkzeugmacher und promovierte Philologe verdient nicht nur einen „Pluspunkt für den Mut“ zu seiner klein-ovalen Brille (Originalton Blüm: „Ein bißchen progressiv muß das Aussehen auch sein, selbst wenn Harmonie und klassische Schönheit darunter leiden"), vergeben von drei Bonner Augenoptikern im Auftrage des „Förderkreises politischer . Rhetorik" (Blüm dazu: „Ich brauche keinen Ghostwriter - ich bin für un-verblümtes Reden"), sondern auch einen Plus-punkt dafür, über seine Karriere nie die Spontaneität seiner hessischen „Gosch" („Wir brauchen mehr Spontaneität.
Den „Sexualismus" -Theorien des Kölner Kardinals Höffner zum Trotz, hält es der katholische Pragmatiker lieber mit Goethes Faust („Grau, teurer Freund, ist alle . Theorie'. Und grün des Lebens goldner Baum") und kennt sich - frei nach Schillers Wilhelm Teil und Roland Kaisers einschlägig bekanntem Schlager („Es kann die frömmste Nachbarin nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt") - sogar im , Necking‘ recht gut aus: „Alle wollen den Gürtel enger schnallen, aber jeder fummelt am Gürtel der Nachbarin herum".
Immerhin hat seine nächste Nachbarin, seine Frau, um für sein leibliches und seelisches Wohl zu sorgen (Marita Blüm: „dieser Mann hatte Hunger, der hatte viel größeren Hunger als ich, nach außen zu wirken"), ihr Studium für den „Herz-Jesu-Sozialisten" aufgegeben, der wie jeder Mensch natürlich auch weniger gute Eigenschaften besitzt: „Er ist sprunghaft und flatterhaft.
Jedenfalls ist er kein graumausiger Technokrat mit blassem Profil und personalbogenfreundlichen Aufstiegs-Unauffälligkeiten, sondern ein eigenwilliger Parlamentarier und Sympathieträger der Bundesregierung, der es meisterhaft versteht, dem Volke nicht nur auf die sparunwilligen Finger, sondern auch aufs Maul zu schauen.
. Unverblümte“ Kraftwörter sind ein nicht unwesentlicher Bestandteil der deutschen Sprache, denen man mit pikiert hochgezogenen Augenbrauen und den drei berühmten Anstands-Pünktchen und Auslassungs-Strichelchen nicht beikommt. Dies wußte schon der sprachgewaltige Luther, der trotz der seinerzeit herrschenden Vorurteile gegenüber Nonnen („wie die Nonn die Hur") die entlaufene Nonne Katharina von Bora ehelichte und sich fragte, warum das Wort „. Arsch“ nicht dasselbe Existenzrecht" haben dürfe „wie zum Exemplum . Waldesruh oder . Sonnenschein ".
Um die Wirkung und Macht der deutschen Kraftwörter wußte auch der konservativ-feinsinnige Geheimrat Goethe im Staate Sachsen-Weimar, dem nicht nur zwei Seelen, und diese vielen Seelen nicht nur, ach! in der Brust wohnten, sondern auch auf der Zunge und, ach! im Bette lagen - und der, als Staatsmann auch vierzehn Jahre Theaterdirektor,, im übrigen der Meinung zuneigte, Politik und Theater verderbe die Weiber: „Was tun unsere jungen Mädchen im Theater?
Dies wissen die Schwaben, die den „Götz-vonBerlichingen-Spruch" als „Schwäbischen Gruß" lieben und pflegen - und dies wissen nur nicht die Bürokraten und Bürokraten, die den „Sitzbezugspunkt (S)“ des Fahrers einer land-oder forstwirtschaftlichen Zugmaschine in einer vom EG-Rat herausgegebenen Richtlinie (Bundesrats-Drucksache 14/1979) wie folgt definieren: Er sei „der auf der Längsmittelebene des Sitzes gelegene Schnittpunkt zwischen der tangential zum unteren Teil der gepolsterten Rücklehne verlaufenden Ebene und einer horizontalen Ebene.
Nicht festgelegt wurde immerhin, wie das . Gesäß“ des jeweils mit diesem „Sitzbezugspunkt" in Berührung kommenden Fahrers zu berechnen sei - und ob die Formel solcher Berechnung mit vier Buchstaben auskäme.
Daß ein „Zugmaschinenführer", der wie Helmut Schmidt schon Verständnisschwierigkeiten bei Strom-und Gasrechnungen hat, selbst bei überdurchschnittlich juristischem Interesse diese „Brüsseler Spitzen" kaum zu lesen, geschweige denn zu goutieren gewillt ist, liegt auf der Hand. Seinen Verdruß an der in solchen Formulierungen kabarettreifen Sprache der Gesetzgebung äußerte in der Bundestagssitzung vom 17.
Nicht ganz - möchte man dem elegisch gestimmten Bayernfürsten zurufen, denn es gibt ja noch den launigen Blüm, der sehr wohl die Sprache des Humors und somit ein Stück politischer Kultur zu pflegen weiß. Ihm ist durchaus zuzutrauen, daß er das Erbe des fröhlichen Spötters Adenauer nicht nur anzutreten, sondern auch auszufüllen vermag.
Ähnlichkeiten zwischen dem Rüsselsheimer Blüm und dem Kölner Original Adenauer, der seinen jungen Entwicklungshilfeminister und heutigen „Wahl-Kölner" Walter Scheel („Herr Scheel, Sie sind von der janzen FDP derjenige, der den fröhlichsten Eindruck macht. Wie kommt denn dat?") auf dessen Bemerkung, er sei eben auch „ein fröhlicher Rheinländer", einmal frozzelte: „Sie kommen doch aber aus Solingen, und dat wissen Se doch: dat Bergische Land iss für uns Kölner Sibirien", sind unverkennbar, sowohl hinsichtlich des Tonfalls als auch der Technik des Witzemachens, welche bei beiden in der Ausnutzung des Unerwarteten, in der Auflösung und Vernichtung einer Gedankenfolge besteht - man schaue sich nur Teile und Repliken einer Rede des ersten deutschen Bundeskanzlers vom 13. Juni 1950 an, einer Entgegnung auf die kritischen Ausführungen des damaligen SPD-Vorsitzenden und Oppositionsführers Kurt Schumacher, in der Adenauer schon gleich zu Beginn mit einem rhetorischen „Blümchen" aufwartete: „Der Bundesregierung ist von Herrn Dr. Schumacher gesagt worden, sie sei ein Wackelkontakt.
Bei beiden hätte sich der sächsische Schriftsteller Erich Kästner - der über den deutschen Humor fragt: „Sind wir so unbefangen heiter wie die Südländer? Besitzen wir den Esprit der Franzosen? Haben unsere Staatsmänner Witz? „Nein.
Beide hätte Shakespeare als „Burschen von unendlichem Humor" bezeichnet. Und wenn Erich Kästner sagt, daß es am heitersten „noch am Fuße der deutschen Pyramide" zugehe, „beim Fußvolk", völlig humorlos werde es „erst in den höheren Regionen", so haben sich die Doktoren Adenauer und Blüm nie vom „Fußvolk" gelöst, da sie nie den Kontakt zur Sprache des „Mannes von der Straße" verloren haben, wo Vielfalt, Urkraft, Unverdorbenheit und ein echtes Vergnügen am Wort zuhause sind.
Mit ihrem Dialekt, der nach Goethe „doch eigentlich das Element ist, in welchem die Seele Atem holt", blieben der Rheinländer Adenauer und der Hesse Blüm bei allem politischen Höhenflug bodenverhaftet und im stammestypischen deutschen Humor beheimatet. Eine sprachliche Gemeinsamkeit, die Norbert Blüm in anderem Zusammenhang einmal herausstellte: „Wir Hessen - wie übrigens auch die Rheinländer - haben Schwierigkeiten, , ch‘ und .seh'auseinanderzuhalten.
Auch der in Frankfurt am Main geborene Goethe, von seinem Vater eigens zum Studium nach Leipzig geschickt, weil dieses Klein-Paris als Stätte feiner Lebensart und vorbildlicher Umgangssprache galt, bekannte sich bis ins späte Alter hinein zu seinem hessischen Sprachstamm. Reimte er doch, wie im „Faust" nachzulesen, das Wort „neige" auf „Schmerzensreiche". Man sieht: Adenauer und Blüm befinden sich in bester dialektaler Gesellschaft, wobei die drastischere Bildhaftigkeit seiner Sprache („In Neandertal warn die Arbeitsplätze billig, so 'ne Keule hat nicht viel gekostet") den Katholiken Blüm mehr in die Nähe des Reformators Luther rückt.
Doch ob Kanzelprediger, Bundesarbeitsminister, Sozialausschüßler, Krebs, IG-Metaller oder Seemann, man sollte ihn nicht allzu sehr festlegen, da er es selber nicht tut und keine Etikettierungen mag: „Etiketten sind was für Flaschen und nicht für Menschen!" - zumal sich hinter seiner Agilität und Mitteilsamkeit in Wahrheit Schüchternheit und Empfindsamkeit zu verbergen scheinen.
Ein interessantes . Blümchen auf oftmals karger Wiese", um mit den Bonner Augenoptikern im Bilde zu bleiben, dem auch auf dem steinigen Acker des neuen Justemilieu ein kräftiges individuelles Wachstum und eine lange gesunde Blütezeit beschieden sein möge. Wollen wir hoffen, daß es nicht gerupft wird.
Bleibt nur die Frage, wann das Amt des Bundeskanzlers für Blüm vakant wird. Nimmt man Kohl auch dies unbesehen ab, so sollte Blüm bei Hans-Dietrich Genscher Vorsicht walten lassen, wenn dieser mit einer Beendigung seiner Politkarriere kokettiert und ein Freiwerden des Außenministerpostens und der Vizekanzlerschaft in Aussicht stellt. Auch wenn dieser von erbitterten „Wendegegnern" ungeliebte Politiker öffentlich darüber sinniert: „Wenn ich einmal nicht mehr im Amt bin, mache ich eine Consulting-Firma auf und berate die Minister, wie man möglichst lange im Amt bleibt", so ist für voreilig startende Amtsbewerber Vorsicht geboten.
Würden da die Flammen hochzüngeln, wenn der gar nicht . bange Mann'nicht nur die Öffentlichkeit, sondern letztlich auch sich selbst . Wie sagte doch Ephraim Kishon in seiner Laudatio auf den 1979 zum Träger des „Ordens wider den tierischen Ernst“ gekürten Hans-Dietrich: „Als Schüler soll er die besten Noten bekommen haben, weil er seine Lehrer mit sofortigem Rücktritt bedroht hat", und nach „dem Zeugnis seiner Amme hat er schon im Alter von vier Jahren seine Mutter gegen seinen Vater und den Vater gegen die Mutter ausgespielt und beide ein Jahr später gegen die Großeltern".
So scheinen Genschers leise angedeuteten Rücktrittsabsichten tatsächlich auf eine Verwandtschaft mit seiner früheren Generalsekretärin Irmgard Adam-Schwaetzer hinzudeuten. Wieso? - Oder ein Mann, der sich immer damit herauszureden versucht: Jeh weiß, daß Sie glau-ben, Sie hätten verstanden, was Sie meinen, daß ich es gesagt hätte - aber ich bin nicht sicher, ob Sie wissen, daß ich das, was Sie von mir gehört haben, gar nicht gemeint habe!
Fraglich ist, ob ein zurückgetretener Genscher noch bei den papuanischen Kopfjägern willkommen wäre, die ihm, wie Ephraim Kishon berichtete, nach einem ministerialspendablen Besuch den Namen „der kleine weiße Elefant, der goldene Eier legt" gaben. Für die Inder übrigens ist der Elefant das weiseste und vorausschauendste Landtier, Sinnbild des guten Gedächtnisses und der unaufhaltsamen Kraft. Es wäre eine Verarmung nicht nur der politischen Symbolpalette, wenn uns dieses Tier und seine Partei nicht erhalten blieben.
Ein Mutmacher selbst in schwierigsten Zeiten, für das deutsche Volk wie für seine Partei, war Konrad Adenauer. Man erinnere sich nur seiner Worte vor den Delegierten des CDU-Parteitages 1962: „Meine Freunde, nun möchte ich Ihnen sehr menschlich und offen doch einiges sagen. Als ich zum erstenmal vor über zwölf Jahren Bundeskanzler wurde, habe ich den Professor Martini in Bonn gefragt, ob er wohl glaube, daß ich trotz meines hohen Alters die Arbeit noch ein Jahr leisten könne. Er hat mich pflichtgemäß untersucht und mir dann gesagt - und das hat mich sehr beruhigt -: Sie werden sicher anderthalb Jahre die Arbeit leisten können. Und das sind jetzt elf Jahre her, meine Damen und Herren! (Heiterkeit) Man sieht an diesem Beispiel, daß man der Barmherzigkeit Gottes keine Schranken setzen soll!
Wenn der „gotische Rheinländer" (so der langjährige Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, Franz Meyers, der sich als „barocker Rheinländer" gerne von Adenauer abhob), der „Alte von Rhöndorf", mit seiner Gerissenheit, seinem Beharrungsvermögen und seinem kölnisch-strammen Katholizismus (verzweifelte Bemerkung des Papstes bei einer Adenauer-Audienz in Rom, die der im Vorzimmer harrende Adjutant aufschnappt: „...
Der von Barth signalisierte Mangel an Gefühl für Humor im modernen Menschen wurde schon 1907 vorausgesehen, als F. Baldensperger in Paris „Les Döfinitions de l’Humour" schrieb: „Man kann durchaus der Meinung sein, daß die genauen Zielvorstellungen, die das heutige Leben jedem vorschreibt - die wachsenden Bedürfnisse des Berufslebens und der Mobilität, die Übernahme bestimmter gleichlautender philosophischer Gegebenheiten durch die Mehrheit -, eine geistige Atmosphäre schaffen, die für den Humor immer ungünstiger wird."
In einem solchen geistigen Klima, so Baidensperger, kann nicht erwartet werden, daß Humor in reichem Maße auf-blüht. Heute, etwa achtzig Jahre später, können wir das Bild, das Baidensperger zu entwerfen suchte, abrunden. Die moderne technologische Gesellschaft erwartet von allen, aber ins-’ besondere vom „Repräsentanten aller", vom Politiker, das rasche Erfüllen von Funktionen und läßt wenig Raum für Spiel und Phantasie, für Kreativität und Humor.
Diese Gesellschaft wird vom Leistungsprinzip beherrscht, ist fundamental aktivistischer Art und daher nicht sehr auf Witzemachen und Lachen eingestellt. Das bürokratische Ordnungsprinzip hat sich auf fast alle Sektoren des Lebens ausgedehnt, und dieses Prinzip ist bekanntlich beherrscht von Rationalität und Effizienz, von Objektivität und Neutralität - wahrlich kein geeigneter Nährboden für lebendigen Humor. Wir leben tatsächlich in einer Zeit der - auch politischen - Slogans und Schlagzeilen, der Klischees und Platitüden und werden nur allzuoft ins Schlepptau genommen von dem, was man eine Eskalation moderne...
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