Das Bild, belichtet im Mai 1991 auf AGFA-Papier (Format: 9x12 cm), trägt auf der Rückseite den Aufdruck ":5’91:" und den handschriftlichen Vermerk meiner Patentante: „Mai 1991 einen Tag später.“ Sie bezieht sich dabei auf den Tag nach ihrer Silberhochzeit.
Ich habe das Bild dieses Jahr in meiner Geburtstagspost gehabt. K. schreibt mir jedes Jahr. K. ist gar nicht meine richtige Tante, sondern die Tochter des längst verstorbenen Bruders meiner Großmutter. Meine Oma hat immer viel von ihrem Bruder erzählt, besonders als sie altersdement war, wiederholten sich ihre Fragen nach seinem Tod. Er starb kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit 20 Jahren in einem U-Boot. Meine Oma war damals etwa zwölf Jahre alt. Wenn ich neben ihr saß, fragte sie oft, ob sein Skelett noch im U-Boot sei. Ob ihn nicht jemand herausholen könne. Ob er da Luft bekäme. Fragen, die sie sich als junges Mädchen gestellt hat. Vielleicht. K. ist also ihre Nichte.
Sie ist auf vielen Fotos meiner Oma zu sehen, immer lachend mit leicht vorstehenden Zähnen. Es gibt also diese junge Halbwaise K., die ich von Fotos kenne und meine Patentante K., die ich kenne, weil wir sie früher gelegentlich besucht haben. Sie wohnt in einem niedersächsischen Dorf, Nähe Harz, Nähe Sachsen-Anhalt. Sie wohnt da, seit ich denken kann. Wir haben manchmal unsere Ost- und manchmal unsere Westverwandtschaft besucht. Die innerdeutsche Grenze hat die Familie meiner Großmutter geteilt. Der Kontakt wurde stets gehalten. K. betrieb mit ihrem Mann eine Putenfarm. Ich bekam jedes Jahr zu Weihnachten und zum Geburtstag ein Paket mit 1 Esslöffel, 1 Gabel, 1 Messer, 1 Teelöffel aus Silber sowie ein Wurstsortiment. Das Besteck verschwand nach einigen Tagen auf dem Gabentisch im Schlafzimmerschrank meiner Eltern, die Wurst verspeisten wir selig. Am Besten fand ich das Frühstücksfleisch aus der Dose. Das Silberbesteck liegt nun in einer Kiste in der Garage. Ich habe ausreichend Besteck und weiß nicht, was ich damit machen soll, zumal es mir nicht so gut gefällt. Ich werde es meinem zu seinem achtzehnten Geburtstag überreichen, in der Hoffnung, dass das Besteckdesign aus den 90ern dann der Hit sein wird.
Im Mai 1991 fuhren wir, meine Oma, mein Opa, mein Vater und ich zu ihrer Silberhochzeit. Es war ein Riesending. Ich war sechs Jahre alt und war dabei, wie man eben so dabei ist. Ich kannte fast niemanden von den Söhnen, Schwägerinnen, Freunden, Kolleginnen. Alle waren aufgeregt und froh, mein Vater und mein Großvater unterhielten sich miteinander auf Gebärdensprache und nickten freundlich, wenn die hörenden Verwandten laut und deutlich auf sie einredeten, ihnen auf die Schultern klopften wie kleinen Kindern. Mein Opa schepperte sich dann einen rein und tanzte Standard mit allen Ladies. Ich musste auch. Ich habe mich sehr geschämt, das weiß ich noch. Ich fühlte mich wie eine kleine Frau und wollte aber keine von diesen weinseligen Frauen sein, die BHs tragen und Schmuck und laut lachen. Es gab außerdem Polterabend und Buffet.
Auf dem Foto, das mir K. dieses Jahr geschickt hat, stehen sechseinhalb Personen vor einem Fachwerkhaus - roter Backstein, braunes Holz, weiße Plastikfenster. Links sieht man angeschnitten einen halben Mann in Jeans in einem türkisem Blouson. Er steht vor einer hellbraunen, martialischen Holzbank. Der rechte Teil des Bildes lässt im Hintergrund eine Garteneinheit erkennen. Eine Tanne, eine Forsythie, Laubbäume, am Boden Calendula. Der Boden ist aus Waschbetonplatten. Der angrenzende Parkplatz ist aus S-förmigem Verbundpflaster. In der Ecke unten rechts erkennt man ein weißen, kastenförmigen PKW. Ein Westauto.
Von den sechs weißen Menschen kenne ich fünf mehr oder weniger gut. Die Frau ganz links kann ich nicht zuordnen. Sie hat viele wellige, braune Haare, trägt einen hellrosa Zopfpullover über einem weißen Kragenhemd und eine weiße Stoffhose, keine Strümpfe und braune Damenslipper mit etwas Absatz. Ihre Hände sind vor der Brust verschränkt. Neben ihr steht R. Er ist der Sohn der Cousine meines Vaters, die dieses Jahr mit 93 Jahren verstorben ist. Sie war vielleicht bei der Stasi. Weiß keiner. Mutmaßungen. Sie hatte immer Himbeerbonbons am Start und sehr wenig Haar, litt an Diabetes und aß maßlos viel Torte. Ich mochte sie. R. jedoch war mir immer fremd. Auf dem Bild trägt er ein bunt gemustertes Hemd mit dunkelblauer Jeans. R. trägt auch Lederschuhe. Herrenlederschuhe. Er hat blondes Haar und ich sehe in seinem lachenden Gesicht zum ersten Mal die Ähnlichkeit zu seiner Mutter. Seine Augen sind geschlossen. Er nahm sich vor einigen Jahren das Leben.
Daneben K. War das seine Frau? Oder die Tochter der Schwester meiner Oma? Ich weiß es nicht mehr. Sie trägt ein senfgelbes Jacket in Übergröße, ein weißes Shirt, das sie in ihre schwarzen Jeans gesteckt hat, dünne schwarze Strümpfe und schwarze Lederschuhe. Ihre Haare sind kurz und dunkelblond, sie redet mit der/dem Fotograf*in. Ich erinnere mich, dass ich sie lustig fand. Sie gefällt mir auch heute noch. Sie hat ihre Hände in den Jackentaschen.
Meine Oma steht zwischen K. und meinem Vater. Sie hat eine graue Kurzhaarfrisur, eine Brille und schaut skeptisch, aber glücklich. Sie umarmt K. und meinen Vater. Ihr weißer Kragen ist frisch gestärkt und könnte sauberer nicht sein. Sie trägt einen pinken Baumwollpullover darüber und eine lange, zarte Goldkette, dazu eine graue Bügelfaltenhose ohne weitere Falten, durchsichtige Strümpfe und braune Ledersandaletten.
Mein Vater daneben, umarmt sie und meinen Opa. Er trägt blaue Jeans, schwarze Lederherrenschuhe, einen braunen Gürtel, den er heute noch trägt, ein beiges Hemd, mäßig gebügelt und lächelt freundlich. Ganz rechts mein Großvater. Er hat ein auberginefarbenes Blouson an, eine auberginefarbene Jeans, braune Lederschuhe, die er 40 Jahre getragen hat, einen bunten Strickpulli und auch ein weißes, gut gestärktes Kragenhemd. Darunter trägt er mit 100%iger Sicherheit ein sehr weißes Feinrippunterhemd der Marke Schiesser. Sein Brillenglas färbt sich bei Sonnenlicht dunkel. Er hält seine Hände sanft vor der Lende. Er lächelt und blickt auf etwas links außerhalb des Bildes.
Es ist das erste Wiedersehen der Familie nach der Wende.
Dortmund. Für einen Tag das Asphaltgrau der Straße verdrängen: Die Pendlerroute B1 in Dortmund verwandelte sich zur Loveparade 2008 in einen kitschig knalligen „Highway of Love”. Darauf der größte Stau den die Verkehrsader je erlebt hat. 1,6 Millionen Menschen und 37 „Floats” (Paradewagen) schoben sich über die Spuren. Wer begibt sich freiwillig in so zäh fließenden Verkehr? Die WR war dabei, um der bunten Masse ein paar Gesichter zu geben.
Kurz bevor die Floats ihre Motoren und dröhnenden Bässe anwerfen und die Raver im Takt der Musik Arme und Beine um sich werfen, bahnt sich Johannes Stuchlik seinen Weg auf den Mittelstreifen der abgesperrten B1. Sein Outfit ist, abgesehen von einer orangen Mütze, eher beige als bunt und mit 73 Jahren übertrifft er den Altersdurchschnitt der Loveparade um fast fünf Jahrzehnte. „Wenn man sein ganzes Leben in Dortmund wohnt und dann die Chance hat, ein Mal über den Ruhrschnellweg zu laufen, dann nutzt man die auch”, sagt der Rentner.
Musik und Kostüme sind für ihn zweitrangig. So viele Menschen auf einem Haufen, dass konnte er sich einfach nicht vorstellen und wollte es selbst sehen. So wie tausende andere Senioren oder junge Familien mit Kindern, die am Rand der zwei Kilometer langen Strecke stehen. Sie wollen die Ausgeflippten sehen, die man bisher nur aus dem Fersehen kannte und werden selbst ein Teil der Parade.
„Free Hugs and Kisses” steht auf ihrem selbstgebastelten Schild: „Knuddeln und Küßchen für Umme” übersetzt sie das frei. In ihrem neon-grünen Engelchen-Kostüm will sie heute ein bißchen Liebe unter das Volk bringen. Dabei geht es nicht um wildes Knutschen mit fremden Männern, „sondern um anderen ein gutes Gefühl zu geben. Einer sollte für den Anderen da sein. Das ist die Loveparade.” Als sich die Wagen und die Masse in Bewegung setzt, fällt es ihr schwer, das Schild weiter hochzuhalten. Mehr Platz zum Tanzen haben da diejenigen, die einen der begehrten Plätze auf einem Float bekommen haben. So wie Frank und sein Kumpel Thorsten. Normalerweise arbeiten sie als Beamte bei der Stadt. Den Ort und ihren Nachnamen verraten sie besser nicht. Denn sie wollen unerkannt die „Sau raus lassen”. Mit Schlaghose, Seidenhemd und riesiger Afro-Frisur wollen sie auffallen um jeden Preis. „Im Büro beklatscht dich Keiner. Hier stehst du mittendrin und von unten jubeln dir wildfremde Menschen zu. Geil”, sagt Frank.
Mitten im Schlamm steht Miguel Duarte. Er ist aus Sao Paolo gekommen. Aus Brasilien nach Dortmund. In dem Trikot seiner Nationalmannschaft steht er zwischen den Ravern. „Ich mag die Musik und habe die Loveparade schon öfter im Fernsehen gesehen und dieses Jahr ist ein „Float” aus Sao Paulo mit dabei”, erzählt er. Darum ist er kurzentschlossen mitgereist.
Vom Karneval in Rio sei er Menschenmassen gewöhnt. „Hier ist der Techno besser, aber es ist zu kalt”, ist sein Fazit. Er zieht es mit einem Lächeln. Rund um die Bundesstraße verkaufen zahlreiche Einzelhändler kleine Snacks, Wasserflaschen und vor allem Bierdosen. „Aber wenn man Regenschirme gehabt hätte, dann hätte man das Geschäft seines Lebens gemacht”, meint Verkäufer Willi Lengst. So einen hätte auch Marie Spickhoff gebrauchen können. In ihrem Bikini hat sie weiter getanzt als nachmittags der letzte große Schauer kam und sich die Meisten einen Unterschlupf suchten. Es ist ihre siebte Loveparade. Sie hat Ausdauer. Ob es ihre Beste war?
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