In der Popgeschichte steht die Gesichtsbehaarung nicht für Macht, sondern für Mode und Individualität - auch für provozierende Irritation wie im Falle von Conchita Wurst, deren „Körperpolitik“ die traditionellen Geschlechterrollen infrage stellt. Bevor jeder Mann, der in halbwegs brauchbaren Mengen Testosteron produziert, sich einen Bart stehen ließ, haben Musiker mit Bart für Meilensteine gesorgt und das Fell ums Kinn genutzt, um eine Aura wahlweise von Wildheit, Weisheit oder Ursprünglichkeit zu verbreiten.
Der Damenbart wird aktuell viel beachtet, dank Conchita Wurst. Der Bart des weiblich gestylten Sängers und Travestiekünstlers Tom Neuwirth, der sich als Kunstfigur Conchita Wurst nennt, ist echt, im Gegensatz zum angeklebten Schnurrbart von Lady Gaga oder dem angemalten Schnauzer des Schwestern-Duos CocoRosie. Schon die Malerin Frida Kahlo machte ihren Oberlippenflaum zu ihrem Markenzeichen. Und im alten Ägypten klebten sich Pharaoninnen Haare ans Kinn, um mit den Barthaaren Macht zu symbolisieren.
Frida Kahlo mit ihrem Oberlippenflaum als Markenzeichen
Der Vollbart, nebst seiner wuchernden Variante Rauschebart, ist seit einigen Jahren bei den Hipstern des Pop schwer in Mode. Eine üppige Barttracht gilt geradezu als Erkennungszeichen der Hipster-Szene, jener urbanen Subkultur, die sich als Alternative zum Mainstream versteht. Vor allem in der Neofolk- und Freakfolk-Bewegung, der „New Weird Americana“-Szene und fast in jeglicher Independent-Spielart lässt man der Natur und den Barthaaren freien Lauf.
Der Rasierapparat ist tabu z.B. für den Antifolk-Sänger Devendra Banhart, den Indie-Folkmusiker Justin Vernon alias Bon Iver, den Alternative-Country-Rocker Steve Earle, den Wahl-New Yorker und Songpoeten Scott Matthew, den schwedischen Folksänger Kristofer Aström, die Hälfte der US-amerikanischen Folkrock-Band Averett Brothers (gleiches gilt für die Fleet Foxes aus Seattle und auch für die britische Folkrock-Band Mumford and Sons usw.), auch der Ex-Pulp-Sänger Jarvis Cocker greift seit einiger Zeit nicht mehr zum Glattrasierer und sogar Popstar Justin Timberlake ließ sich einen Vollbart wachsen.
Gewaltige Rauschebärte galten früher als hinterwäldlerisch und dazu noch als unhygienisch, weil man Speisereste und Schlimmeres im wuchernden Haardickicht vermutete. Heute zieren üppigste Bartvorhänge die angesagtesten Insider-Helden - wie etwa den kanadischen Beardo Ben Caplan, den „ersten Posterboy des weltumspannenden Hipstertums“ Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy, den Super-Produzenten Rick Rubin, oder auch den rheinhessischen Mundart-Blues-Sänger Billy Crash. Die legendären Rauschebart-Pioniere ZZ Top begründeten schon Ende der siebziger Jahre den Bartkult im Rock.
ZZ Top - die Rauschebart-Pioniere im Rock
Der berühmteste Bart der Rockgeschichte dürfte Frank Zappas markante Kreation eines buschigen Oberlippenbewuchses in Seehund-Form, kombiniert mit einem „keck unter die Unterlippe getupften Bartklecks“ sein. Zappa war auch der erste Rockmusiker, der sein Haupthaar zu Mädchenzöpfen band, sich dazu in Frauennachthemden kleidete und damit seinen Zappa-Bart zum Damenbart umfunktionierte. Dass es um die Stilisierung seines Bartes und die Verwendung des Bart-Logos einen peinlichen Rechtsstreit zwischen der Zappa-Witwe und den Veranstaltern der Zappanale in Bad Doberan gab, sei hier nur am Rande erwähnt.
Die Voll- und Rauschebärte erfreuten sich schon Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre großer Beliebtheit, weil „der bärtige Look, wie man ihn von den frühen amerikanischen Siedlern kannte, für Integrität und Reife stand, und Verachtung gegenüber Image, sowie Distanz zu der Oberflächlichkeit des Pop ausdrücken wollte“ (Simon Reynolds). Die Hippies demonstrierten „ihre Unangepasstheit und gesellschaftliche Verweigerungshaltung mit möglichst viel Haar“ (S. Danicke). Alles was damals Rang und Namen hatte, ließ die Barthaare sprießen: allen voran John Lennon, aber auch Paul McCartney, Joe Cocker, Jim Morrison, Jerry Garcia, Ian Anderson u.a.. Sogar alle fünf Beach Boys trugen in jener Zeit Vollbärte. Barry und Maurice Gibb von den Bee Gees blieben Bartträger auch über die siebziger Jahre hinaus.
Die Beatles mit Bart
Die Helden der studentischen Protestbewegung von 1968 waren Männer mit Bart: Che Guevara, Fidel Castro und Karl Marx. Auch die antiken griechischen Philosophen, ob Aristoteles, Sokrates oder Platon, waren allesamt bärtig, weshalb man wahrscheinlich mit dem Bart bis heute Weisheit und Intelligenz verbindet. Bärtige Männer sollen sympathischer und vertrauensvoller wirken als glattrasierte.
Haare sind wichtig in der Musikwelt. Von den Pilzköpfen der Beatles über die Fönfrisuren von Duran Duran bis hin zu den, naja, Skulpturen von Jedward haben es Bands immer wieder geschafft, sich oberhalb der Stirn einen unverwechselbaren Look zu verschaffen und im besten Falle sogar Nachahmer zu finden. Natürlich gilt das nicht nur für das Haupthaar.
Für alle, die Dragqueens mit Vollbart seltsam finden, habe ich Alternativen aufgelistet, die auch musikalisch deutlich mehr zu bieten haben. In der Liste wurden nur Solisten berücksichtigt. Es müssen überzeugte Bartträger sein, keine Typen, die einfach bloß zu faul sind, sich regelmäßig zu rasieren. Dreitagebärte, Schnauzer und selbstverständlich Goatees reichen natürlich nicht aus, um sich für diese Ehrenhalle der Gesichtsbehaarung zu qualifizieren.
Sie zierten Künstler, Kaiser, Komiker und Diktatoren: Bärte. einestages zeigt die wichtigsten und berühmtesten Trendsetter in Sachen Gesichtsfrisur. Bei manchen war der Bart ein politisches Statement, Clark Gable und Abraham Lincoln wollten mit ihrem hauptsächlich Frauen beeindrucken. Reisen Sie in der einestages-Bildergalerie durch die Jahrzehnte!
Einer der ersten berühmten Bartträger war Abraham Lincoln, der 16. Präsident der Vereinigten Staaten. Den Bart ohne Schnauzer soll "Abe" auf Wunsch der elf Jahre alten Grace Bedell stehen gelassen haben. "Wenn Sie Ihren Backenbart wachsen lassen, werde ich meine Brüder dazu bringen, Sie zu wählen, und es würde besser aussehen, weil Ihr Gesicht so dünn ist. Grace behielt recht: Lincoln ließ den Bart stehen und wurde Präsident. Bis heute ist der Bart als Lincoln, Schifferkrause oder Chin Curtain bekannt, wird aber hauptsächlich von verheirateten Amish oder Mormonen getragen.
Ein wenig erinnert Karl Marx' wallende Backenmähne an die Haarpracht des Weihnachtsmanns. Tatsächlich war dieser Bart aber keinesfalls ein Ausdruck von Gutmütigkeit, sondern ein zeitgenössisches Kennzeichen der Revolution. Der Revoluzzerbart kam mit der französischen Juli-Revolution 1830 auf und verbreitete sich nach 1848 auch in Deutschland. Der Trend hielt sich in Revoluzzer-Kreisen bis ins 20.
Karl Marx mit seinem markanten Bart
Die extravagante Form des Kaiser-Wilhelm-Barts ließ sich nur aufrechterhalten, indem der Kaiser nachts eine hinter den Ohren befestigte Bartbinde trug. Der Bart des letzten deutschen Kaisers war so markant, dass er bei Anhängern zum Symbol für Kaisertreue wurde. So siegessicher wie sein Schnurrbart, dessen gezwirbelte Enden sich geradezu triumphierend gen Himmel streckten, war Kaiser Wilhelm II. nicht, als er sich gegen Ende des Ersten Weltkriegs im belgischen Spa verschanzte. Der Kaiser wurde abgeschafft, der Bart hat's überlebt - und trägt noch heute seinen Namen.
Charlie Chaplin muss sich geärgert haben. Ausgerechnet sein markantes Zweifingerbärtchen wurde zum Markenzeichen Adolf Hitlers. Dabei trug der britische Komiker diesen Bart schon in der kurzen Stummfilm-Komödie "Mabel's Busy Day", die im Juni 1914 in die Kinos kam. Zu diesem Zeitpunkt hatte der zukünftige Diktator noch einen preußischen Schnurrbart mit langen Barthaaren. Wenige Monate später zog Hitler als Soldat in den Ersten Weltkrieg und musste das unbändige Oberlippenhaar trimmen - der lange Bart behinderte ihn beim Einsatz einer Gasmaske. Nur ein Jahrzehnt später stand der kurze Bartblock für den unangenehmeren der beiden Zeitgenossen. In seinem ersten Tonfilm "Der große Diktator" nutzte Chaplin die skurrile Parallele, parodierte den Führer und rächte sich so an dem Bartgenossen. Der Diktator ist bis heute untrennbar mit dem Bartschnitt verbunden, den man inzwischen Hitlerbärtchen nennt.
Zu den elegantesten Schnurrbärten gehört zweifelsohne der Clark-Gable-Bart. Mit dem schmalen Oberlippenbart verführte Clark Gable Vivien Leigh in "Vom Winde verweht" - und damit Millionen Kinozuschauer auf der ganzen Welt. Einen weiteren prominenten Fan bekam der Gable-Bart mit Brad Pitt. Für die Dreharbeiten zu "Inglourious Basterds" bekam Pitt die schmale Haarspur auf die Oberlippe frisiert und ließ sie auch nach Drehschluss stehen. Schnurrbärte, so Pitt, würden einfach nicht genügend respektiert.
Provokante Werke, ein Ozelot als Haustier, ein exzentrischer Stil - der spanische Künstler Salvador Dalí war sowohl künstlerisch als auch modisch ein auffälliger Mensch und setzte sich auch gerne in Szene. Seine stachlig nach links und rechts stehenden Oberlippenhaare, in dessen Mitte er ein Loch rasierte, nannte er seine "Antennen", die ihm zum Empfang göttlicher Botschaften dienten. Kopiert wurde der exzentrische Salvador-Dalí-Bart eher selten - bis auf einen deutschen TV-Ermittler gibt es wenige Nachahmer.
Zum Grauen der Eltern war der Vollbart wesentliches Kennzeichen der Flower-Power-Generation in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren. Die Beatles lieferten nicht nur die Hymnen der Zeit, sie waren der Prototyp der haarigen Hardcore-Hippies mit gestriegelten Mähnen und wuchernden Bärten, wie hier George Harrison. Kaum zu glauben, dass die Musiker ihre Karriere als Bubis ohne Barthaar begonnen hatten. Anfang der Siebziger trennten sich die Wege der vier Briten, der Vollbart aber hielt sich bis zum Ende des Jahrzehnts.
Kaum ein Promi prägte den Begriff Pornobalken so maßgeblich wie Tom Selleck. Der "Magnum"-Starermittler war das Sinnbild des Schnurrbarts der achtziger Jahre. Dabei ist der schwarze Block, der sich wie angeklebt an Sellecks Oberlippe schmiegte, die perfekte Ergänzung zum krausen Brusthaar, das bei Magnum aus diversen Hawaiihemden hervorblitzte. Darsteller Selleck hegte und pflegte das gute Stück wohl auch wegen einer Drohung: Seine Frau soll gedroht haben, sich von ihm scheiden zu lassen, sollte er den markanten Bart abrasieren.
Was haben Snoop Dog, Brad Pitt, Mel Gibson und Johnny Depp gemeinsam? Richtig: Sie alle experimentieren selbstbewusst mit ihrem Barthaar. Ein besonders seltsamer Trend, der ihnen in den Neunzigern im Gesicht stand: Der Goatee - ein zotteliger Ziegenbart - ist ein Schnauzer in Kombination mit einem längeren Kinnbart, der je nach Geschmack offen getragen, spitz gezwirbelt oder geflochten wird.
David Beckhams Haar- und Bartstile bewegen seit Jahren die Klatschseiten der Boulevard- und Modemagazine. Mit dem Dreitagebart wurde der britische Fußballer 2003 zum Trendsetter. Metrosexuell nannte man den neuen Stil, bei dem die Brust glattrasiert, das Gesicht aber mit verwegenen Stoppeln übersäht ist. Der metrosexuelle Mann pflegt sich, trägt Ohrringe, geht auch mal zur Maniküre oder zum Yoga. Als letzte Bastion steht der Schatten eines Barts auf seinem Unterkiefer und verteidigt die neue Männlichkeit.
Man nehme einen ganz normalen Mann, reiche ihm eine auffällige Brille und einen Jutebeutel und verbiete ihm für einige Wochen das Rasieren und Frisieren jeglicher Körperbehaarung. Was kriegt man? Genau, einen Hipster. Während der Prototyp meist aussieht wie eine Mischung aus Hippie, Kunststudent und H&M, zeigt der Hipster-Bart weitaus mehr Vielfalt.
Viele Rockmusiker haben Accessoires, die man unweigerlich mit ihnen verbindet.
Ein Sänger mit Gehrock und eine Band, die sich mit Gothic-Touch in den Mainstream vorsang: Unheilig war ein Phänomen. Sein Bart - bei dem Musiker an beiden Kinnseiten kantig rasiert - ist mit den Jahren deutlich grauer geworden. «Damit habe ich schon zu kämpfen, das muss ich sagen», sagte der Sänger der Deutschen Presse-Agentur - wenn auch mit einem Lachen. «Das lässt mich wirklich älter aussehen». Wenn er den Bart abrasiere, sehe er eigentlich «circa fünf Jahre jünger aus.»Andererseits sei er aber auch «so fit wie nie», betonte der Graf, der weder seinen richtigen Namen noch sein genaues Alter verrät.
Der Graf von Unheilig
Kurz nach dem Jahreswechsel, am 7. Januar 2023, werden die Korken gleich noch einmal knallen. Für Musiker und Produzent Leslie Mandoki, der in München an einem Abend gleich dreimal feiert: seinen 70. Geburtstag, das 40-jährige Bestehen seiner Red Rock-Studios und 30 Jahre Mandoki-Soulmates. Mandoki ist ein musikalischer Tausendsassa, dessen Walle-Mähne genauso zu seinem Markenzeichen gehört wie sein charakteristischer Schnurrbart. Sein Walross-Schnauzer wurde von der Deutschen Welle sogar zu den zwölf schönsten Schnurrbärten der Popmusik gekürt. Trotz der mittlerweile hohen Zahl macht sich Mandoki über das Alter keine Sorgen. "Ein Musiker ist natürlich ewig jung, er wird nicht alt", sagt er selbst.
| Künstler | Markenzeichen |
|---|---|
| Slash | Zylinder-Hut und Sonnenbrille |
| Freddie Mercury | Schnauzbart |
| Lemmy Kilmister | Oberlippenbackenbart |
| Brian Johnson | Ballonmütze |
| Angus Young | Schuluniform |
| Slipknot | Anzüge und Masken |
| ZZ Top | Lange Bärte |
| Elton John | Ausgefallene Brillenmodelle |
| Liam Gallagher | Parkas und verspiegelte Sonnenbrillen |
| Joakim Brodén | Riffelblech-Weste und Pilotenbrille |
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