Rothaarige im Mythos: Hexen, Heldinnen und historische Bedeutung

Was haben Vincent van Gogh, Boris Becker, Obelix, Julia Roberts, Woody Allen und Friedrich Schiller gemeinsam? Sie alle sind oder waren rothaarig. Weltweit sind jedoch nur etwa zwei Prozent der Menschen rothaarig. Diese Seltenheit hat rote Haare zu einer geheimnisvollen Besonderheit gemacht.

Weltweite Verteilung roter Haare (Quelle: Wikimedia Commons)

Die Ursache für rote Haare liegt in einer Besonderheit auf Chromosom 16. Schuld daran ist eine Besonderheit auf dem Chromosom 16, die dazu führt, dass statt dem dunklen Melanin das hellere Phäomelanin in Haut, Haare und Augen als Pigment eingelagert wird.

Rothaarige Frauen als Hexen und Verführerinnen

Eine Frau mit roten Haaren - im Mittelalter ein sicheres Kennzeichen einer Hexe, zumindest bei einigen Vertretern der Kirche. Tatsächlich existieren alte keltische Aufzeichnungen sowie Malereien, auf denen rothaarige Frauen als Hexen oder Zauberinnen dargestellt worden sind. Rothaarige Frauen gelten als Verführerinnen, ihre roten Haare ein Sinnbild für das Besondere, auch für Erotik.

Im Mittelalter war Rot die Farbe des Teuflischen und Dämonischen. Im 19. Jahrhundert wurde die Gestalt der Hexe in Literatur und Kunst mit Rothaarigkeit in Verbindung gebracht, in Anlehnung an die Femme fatale, die Männer ins Unglück stürzt.

John William Waterhouse - The Magic Circle (Quelle: Wikimedia Commons)

Mythos und Mystik

Andere mystische Legenden über Rothaarige gehen bis auf Atlantis zurück. Ebenso die Berber und die Bewohner Kretas. Wenn die Haarfarbe Rot in der Antike überliefert worden ist, dann mit besonders grossen, geheimnisvollen und mystischen Nationen.

Nicht nur die Seltenheit der Haarfarbe stand hier im Vordergrund, sondern die besonderen Eigenschaften der Rothaarigen. Rot ist die Farbe des Feuers, aber auch des Wurzel-Chakras. Spirituell gesehen ist es nicht ungewöhnlich, dass die rote Haarfarbe mit Menschen voller Tatkraft, Wildheit und Leidenschaft in Beziehung steht. Rothaarige Frauen galten schon immer als Expertinnen für Kräfte, die jenseits des mechanischen Weltbildes walten.

Rothaarige in der Werbung

Im 19. Jahrhundert traute man ihnen zu, auf Besen zu reiten und rauschfreie Direktverbindungen mit dem Satan herzustellen, heute hält man sie offenbar für besonders geeignet, den Kunden neue Produkte aus dem Bereich der Konsumelektronik anzudrehen: Von Enie van de Meiklokjes über die in Stammtischkreisen etwas inkorrekt so titulierten "Arcor-Schlampen" bis hin zu derzeit in Berlin überall plakatierten Ifa-Maskottchen Katja - wer sein Geld als schicke Werbefigur für Mobiltelefone, Flachbildschirme oder Internetprovider verdienen will, muss rothaarig und weiblich sein.

Feministische Mode und unbesiegbare rothaarige Mädchen

Als die Frauenbewegung in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Hexen als Vorläuferinnen für sich reklamierte, lag es nahe, dass auch deren vermeintliche Haarfarbe zu einer feministischen Mode wurde. Bis heute tönen sich bevorzugt Frauen die Haare rot, die ihre Unabhängigkeit herausstellen möchten. Dieses machtvolle Frauenselbstbild wird auch noch von einer ganz anderen kulturellen Überlieferung gespeist: Viel älter als das Bild der rothaarigen Hexe ist das Bild des unbesiegbaren rothaarigen Mädchens, dessen neueste populäre Transformationen die Rote Zora, Pippi Langstrumpf oder die Erlöserin in Luc Bessons Film "Das fünfte Element" sind.

Mythen und Realitäten über Rothaarige

Rothaarigen wird ja so einiges nachgesagt. Stur sollen sie sein, frech, impulsiv und ungemütlich. Sie haben Tausende von Sommersprossen, bleiche Haut und Hexengene und - noch kurioser - sie werden zu Vampiren, wenn sie sterben.

Solche Nachrede verwundert nicht, wird doch Ungewöhnlichem oft (und häufig ungerechtfertigt) Ungewöhnliches nachgesagt. Rothaarige sind in der Weltbevölkerung so selten, dass sich eine Masse an Mythen über sie standhaft hält.

Die Genetik der roten Haare

Für die Haarfarbe ist ein bestimmtes Gen auf Chromosom 16 zuständig. Jeder Mensch hat den Erbgutbaustein MC1R, der die Bauanleitung für den Melanocortin-1-Rezeptor liefert. Vor mehr als 50.000 Jahren ist in diesem MC1R-Gen viele Male unabhängig voneinander eine Mutation, eine kleine Veränderung, aufgetreten.

Mehr als 70 verschiedene Varianten dieses Genes wurden bislang entdeckt, von fünfen ist klar, dass sie zur roten Haarfarbe führen. Vererbt ein Elternteil eine dieser Varianten, wird der Nachwuchs möglicherweise rote Haare bekommen. Vererben aber beide Eltern eine solche Variante, ist die Wahrscheinlichkeit für einen Rotschopf sehr hoch.

In 90 Jahren werden die letzten Rothaarigen Menschen geboren

Schmerzempfinden und andere Besonderheiten

Wer die „Rot“-Variante des MC1R-Gens in seinem Erbgut trägt, hat aber nicht nur mit hoher Wahrscheinlichkeit rote Haare, sondern ist auch sonst ein wenig anders: Jeffrey Mogil von der McGill University in Montreal konnte zeigen, dass Mäuse und rothaarige Menschen mit diesen Erbanlagen Schmerz anders wahrnehmen als dunkelhaarige Artgenossen. Ist ihr MC1R-Gen so verändert, dass infolgedessen kaum mehr Eumelanin gebildet wird, so sind sie schmerzempfindlicher.

Sie konnten zeigen, dass rothaarige Frauen empfindlicher auf Kälte- und Hitzereize reagieren. Rothaarige reagierten ganz klar weniger empfindlich als die anderen Frauen. Arendt-Nielsen und sein Team schließen daraus, dass Rothaarige für bestimmte Schmerzreize unempfindlicher sind. Sie reagieren weniger auf Nadelstiche oder auf Druck.

Die Forscher sind sich einig, dass der Schmerz der Rothaarigen eine komplexe Angelegenheit ist. Für eine bessere Behandlung von rothaarigen Schmerzpatienten oder bei Narkosen müsse noch geforscht werden. Vielleicht erklärt sich dann auch, wieso und wie ein Gen für die Farbstoffproduktion das Schmerzgeschehen beeinflusst.

Ein weiteres Merkmal ist ihre helle, blasse Haut. Die kommt - wie die Haarfarbe - auch durch einen Mangel an Eumelanin zustande. Das Hautkrebsrisiko eines blassen rothaarigen Menschen ist bis zu einige Hundert Male höher als das eines Menschen mit dunkler Hautfarbe.

Rothaarige als Täteridentifikation

Denn dass sie anhand ihres MC1R-Gens so eindeutig identifiziert werden können, haben sich mittlerweile auch Kriminalisten zunutze gemacht: Sie unterziehen Gewebeproben von einem Tatort einem DNA-Test. Für Schwarzhaarige steigt die Sicherheit auf über 90 Prozent - nur rothaarige Täter können dem Test auf keinen Fall entgehen. Sie werden - wegen des charakteristischen Genprofils, eindeutig als rothaarig enttarnt.

Vor- und Nachteile der roten Haarfarbe

Neben der zweifelsfreien Täteridentifikation (welche für den rechtschaffenden Bürger eher nicht von Relevanz seien sollten) gibt es noch einige weitere Besonderheiten, die Rothaarige betreffen. So bekommen sie beispielsweise schneller blaue Flecken als Menschen mit anderer Haarfarbe. Rote Haare lassen sich außerdem schwerer färben. Das ist eventuell auch garnicht nötig, da die Haare kaum grau werden, sondern eher ausbleichen.

Merkmal Beschreibung
Haarfarbe Rot, rotblond
Hautfarbe Hell, blass
Schmerzempfinden Empfindlicher auf Kälte und Hitze, unempfindlicher auf Druck
Hautkrebsrisiko Höher
Weitere Besonderheiten Bekommen schneller blaue Flecken, Haare schwerer zu färben, Haare werden später grau

tags: #rote #haare #hexe #mythos

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