Richterperücken in England: Eine Tradition zwischen Würde und Anachronismus

Ein Spektakel vom Feinsten erwartet einen, wenn die Königin auf dem Weg zum Westminister Palace ist. Dort stehen Untertanen mit pudelähnlichen Kopfbedeckungen - die obersten Richter Ihrer Majestät. Doch was steckt wirklich hinter dieser Tradition? Sind es nur Männer mit Perücken, die die Queen beeindrucken wollen, oder ist es ein "Must-have" für Englands Anwälte und Richter?

Ein Richter mit traditioneller Perücke in England.

Die feine Welt der Londoner Anwaltschaft

Hinter den Perücken liegt die feine Welt der Londoner Anwaltschaft verborgen, mit ihren Geheimnissen, eigenen Regeln und Codes - auch solchen, die das Äußere betreffen. Nirgends kann man diese besser durchschauen als bei Thresher und Glenny, dem königlichen Hoflieferanten. Hier weiß man, was ein Anwalt von Welt "drunter", aber vor allem "drauf" trägt. Der Laden ist Understatement pur, aber perückentechnisch up-to-date.

Die Perücke eines Barristers, eines Anwalts, der vor Gericht plädiert, ist gelockt, aus Pferdehaar, mit zwei Schwänzchen hinten dran und handgeknüpft. "Es ist eine Tradition und ein Statement", erklärt Paul Buckle von Thresher und Glenny.

Gefallene Zöpfe: Ein Zeichen der Zeit?

So mancher Zopf ist jüngst gefallen, denn in Zivilgerichten verzichtet man inzwischen auf Pferdehaar und Statussymbole, nicht aber vor Strafgerichten. Dort soll der Lockenkopf die Würde des Hauses und die Anonymität der Advokaten wahren und Richter und Anwälte somit vor rachsüchtigen Bösewichten schützen.

Der Auftritt mit Perücke ist unisex. Erfunden wurde sie von Franzosen, kopiert von Englands kahlköpfigen Königen. Seit 300 Jahren juckt es unter dem Juristenschopf - Ihrer Majestät zu Ehren, aber nicht zur Freude aller.

Die Anwältin Kirsty Brimelow meint: "Sie sind aus der Zeit gefallen. Sie müssen weg, ein kratziger Anachronismus." Trotzdem kann sie die Offerte, das volle Anwalts- und Richterornat zum Repräsentieren zu tragen, nicht ablehnen: "Ich fühle mich wie ein Pudel! Aber ein netter Pudel", tröstet sich die Anwältin.

Ein Richter in voller Amtstracht.

Britische Richter bald ohne weiße Haarpracht?

Richter in Großbritannien werden möglicherweise Opfer britischer Sparpolitik. Es gab Überlegungen, ob sie künftig ohne ihre ehrwürdigen weißen Perücken auskommen und nur noch eine statt fünf Roben besitzen dürfen. Richter an Zivil- und Familiengerichten in England und Wales sollen ab Januar ohne ihre weißen Rosshaar-Perücken arbeiten. Diese bis ins 17. Jahrhundert zurückgehende Tradition soll nur noch in Strafprozessen beibehalten werden, wie Lordoberrichter Lord Phillips of Worth Matravers mitteilte. Vor Familiengerichten soll darüber hinaus auf den Kläppchenkragen verzichtet werden.

Verhaltensregeln im Gerichtssaal

Das englische Rechtswesen ist voller Gebräuche und Gepflogenheiten, die sich Außenstehenden nicht immer erschließen. Hier einige Beispiele für ungeschriebene Verhaltensregeln gegenüber englischen Anwälten und das Auftreten im Gerichtssaal:

  • Mit einem englischen Prozessanwalt (barrister) spricht oder verhandelt man nie über dessen Honorar.
  • Barrister schütteln sich bei Gericht nicht die Hände.
  • Englische Anwälte bezeichnen sich vor Gericht nicht als "Frau Kollegin" oder „Herr Kollege“, sondern als „my friend“, wenn es sich um einen solicitor handelt, und als „my learned friend“ bei einem barrister.

Die Bedeutung der Amtstracht

Richter verkleiden sich, und die Robe hat die Funktion der Umhüllung und Verhüllung. Sie entspricht Masken, Kostümen und den in England (in manchen Verfahren) noch üblichen Perücken. Die Robe umhüllt nicht nur den Richter, sie macht auch deutlich, dass sie das tut. Die Verkleidung soll nicht allein den Status des Richters markieren und ihn nicht - wie manchmal behauptet - vor Wiedererkennbarkeit schützen. Diese Verkleidung soll die Richter in ihr Amt und ihre Rolle versetzen.

In einer Welt, die sich selbst als modern und rational begreift, haben es Verkleidungen nicht immer einfach. Auch die Amtstracht der Richter hat es nicht einfach. Selbst in England gab und gibt es eine Bewegung, diese Amtstracht abzuschaffen. Die Verkleidung gilt hier und da als irrationales Relikt der Vormoderne.

Wie entsteht eine Perücke? | Die Maus | WDR

Material und Beschaffung der Perücken

Traditionellerweise bestehen die Perücken der englischen Richter aus weißem Rosshaar. In früheren Zeiten wurde auch Echthaar oder das Haar von Ziegen zur Anfertigung verwendet, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts aber hat sich Rosshaar durchgesetzt. Bevor die Perücken von Hand geknüpft werden, werden sie zuerst gebleicht.

Frisch zugelassene Barristers erwerben ihre erste Wig entweder gebraucht oder - wenn neu gekauft - bestreichen das gute Stück mit schwarzem Tee, um vor Gericht nicht mit einer schneeweißen Perücke wie ein Frischling zu wirken.

Ein Anwalt mit traditioneller Perücke.

Kritik und Reformbestrebungen

Seit einigen Jahren regt sich Widerstand gegen die Gerichtsperücke. Einige Richter verzichten bei Strafsachen vor dem Familien- oder Zivilgericht sogar ganz auf die Gerichtsperücke. Die englische Anwaltskammer, der sogenannte Bar Council, hat zwar schon erste Anstrengungen unternommen, ist aber noch zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen, ob die Gerichtsperücke nun getragen werden soll oder nicht.

Die neue Dienstrobe von Betty Jackson

Die neue Dienstrobe und der Perückenverzicht bei Zivilprozessen sind als Ergebnis langer Diskussionen und als Kompromiss zu werten. Einerseits hielt es auch Lord Phillips für nicht mehr zeitgemäß, dass Richter vor jedem Urteil in der Verkleidungskiste wühlen. Andererseits wollte sich auch der ranghöchste Jurist dem Argument nicht verschließen, dass die Perücke bei aller Verstaubtheit dazu beiträgt, die Anonymität eines Richters zu wahren und diesen zu schützen.

Die Designerin Betty Jackson kreierte die neue Amtsrobe ohne Honorar und in Absprache mit einem Richter-Gremium. Bei dem reduzierten Talar beschränkte sich die Designerin auf diskrete Bänder, je nach Rang in Gold oder Rot, für die beiden höchsten Richtergrade. Rangniedere Chargen müssen künftig nicht nur auf den bislang üblichen Flügelkragen sondern auch auf jeden Schmuck verzichten.

Die Kostenfrage

Sämtliche Neuerungen sollen jährliche Einsparungen in Höhe von 200.000 Pfund bringen. Eine Basis-Ausführung der juckenden Pferdehaarprücke kostet stolze 1.000 Euro.

Zusammenfassung

Die Richterperücken in England sind mehr als nur ein Kleidungsstück. Sie sind ein Symbol für Tradition, Würde und die komplexe Geschichte des englischen Rechtssystems. Ob sie jedoch in einer modernen Welt noch zeitgemäß sind, bleibt eine Frage, die weiterhin diskutiert wird.

Traditionelle Amtstracht vs. Moderne Reformen
Merkmal Traditionelle Amtstracht Moderne Reformen
Perücke Rosshaar, gelockt, mit Schwänzchen Verzicht in Zivil- und Familiengerichten
Robe Mehrere Ausfertigungen Reduzierung auf eine Robe
Kragen Kläppchenkragen Verzicht in Familiengerichten
Ziel Wahrung der Würde und Anonymität Einsparungen und Modernisierung

tags: #richter #perücke #england

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