Die Geschichte der Rokoko-Perücke für Herren

Was macht ein Kostüm so richtig perfekt? Sind es die Schminke oder das Outfit? Es sind die Haare! Denn mit Haaren kann man verkleidungstechnisch so einiges anstellen.

Lüften wir doch ein kleines Geheimnis: Schon im Barock trug der Adel gern Perücke, denn kaum jemand hatte die Zeit, die Muße oder einfach das nötige Haarvolumen und Locken, um sich regelmäßig eine aufwendige Hochsteckfrisur machen zu können. Das galt sowohl für den Edelmann als auch für die Dame.

Perücken gab es bereits im alten Ägypten sowie im antiken Griechenland und dem Römischen Reich. Zunächst bestanden sie aus Pflanzenmaterial. Zum Teil waren sie aber schon komplexer und aus Tier- oder Menschenhaar geknüpft. Reiche Römerinnen hielten sich eigens zu diesem Zweck sogar Sklavinnen, denen mindestens einmal im Leben die Haare geschoren wurde.

In dieser Phase der Menschheitsgeschichte waren Haare zwar so wichtig, dass sie teilweise Symbolcharakter besaßen (z.B. in der Armee), doch es genügte den Menschen Eigenhaar zu tragen. Wollte man es schmücken, kamen Flechtereien oder Haarschmuck zum Einsatz. Verheiratete Frauen hingegen trugen stets ein züchtiges Häubchen.

Als die Kirche immer mehr Einfluss gewann, wirkte sich dies auf den Haarstil aus. Offenes Haar war verpönt. Männer durften keinen Bart mehr tragen. Eine Perücke zu tragen galt als Todsünde und wurde entsprechend geahndet. Den tiefgläubigen Menschen wurde eingetrichtert, dass der Segen Gottes einen Perückenträger nicht mehr erreichen könne.

Ludwig XIV. mit Allongeperücke

Nach dieser Phase der Ablehnung fand die Perücke ab der Renaissance wieder zu ihrer alten Beliebtheit zurück. Grund dafür war neben dem Einflussverlust der Kirche vor allem das schüttere, wachstumsunwillige Haar vieler Menschen von Stand. Durch den relativ freien und ungezwungenen Lebensstil des Adels kam es zu einer weiten Verbreitung der Geschlechtskrankheit Syphilis. Diese ging mit starkem Haarverlust einher. Als Folge wurden die unwissenden Menschen nach dem damals besten Gewissen mit Quecksilber behandelt - ein Stoff, dem man nach heutigem Wissen und Informationen nach Möglichkeit nur noch unter entsprechenden Schutzvorkehrungen begegnet.

Andere hatten auch ohne Krankheitsursache dünnes und schütteres Haar. Dies betraf zum Beispiel eitle Könige Frankreichs. Erster dieser Art war König Ludwig XIII. Er besaß nicht viel eigenes Haar und wollte diesen Umstand nur ungern zur Schau stellen. Es etablierte sich die Mode der Herrenperücke, häufig als Zopfperücke getragen.

Der Durchbruch in der Perückenmacherei gelang aber erst durch den Einfluss seines Sohnes, König Ludwig XIV. Dieser hatte die Haarprobleme geerbt. Er prägte einen völlig neuen Stil. Die Perücke musste nun aus kunstvoll hochgesteckten Locken bestehen. Diese wurden mit der neu geschaffenen Papillotier-Technik hergestellt. Dabei wird das Haar im feuchten Zustand über dünne, weiche Stäbe gewickelt und in dieser Position getrocknet. So entstehen feinste Korkenzieherlöckchen.

Da Ludwig XIV klein war, mussten sich seine Perücken zum Kaschieren voluminös in die Höhe recken. Eine Perücke im verspielten Stil von König Ludwig XIV wird Allonge-Perücke genannt. Je nach Kaufkraftvermögen des jeweiligen Einkäufers bestanden sie aus faserigem Pflanzenmaterial, Menschen- oder Tierhaar.

Auch etablierte sich unter den Adligen das Pudern der Perücke mit Kartoffelstärke und anderen Ingredienzien wie Pigmenten oder Duftstoffen, weshalb sie stets Weiss oder Grau wirkte. Das Puder führte zu einer relativ einheitlichen Farbe, diente aber oft auch dem Schutz vor Ungeziefer und sorgte dafür, dass der Träger besser roch. Im Barock und im Rokoko war das Waschen nicht allzu beliebt, weshalb auf solche Hilfsmittel zurückgegriffen wurde.

Die Allongeperücke wurde ausschließlich von Männern getragen. Frauen hingegen trugen die sogenannte Fontange-Frisur. Das eigene Haar wurde über ein Drahtgestell aufgetürmt und mit Fremdhaar und Schmuck verschönert.

Mit dem Tod Ludwigs XIV endete auch die Mode von Allongeperücken und Fontangefrisuren. Obwohl er in erster Linie selbst die Mode prägte, hatte er sie schon viele Jahre vor seinem Tode satt. Das änderte aber nichts daran, dass er und der Großteil seiner Untertanen trotzdem weiter Allonge oder Fontange trugen.

Infografik zur Perückenmode im Barock und Rokoko

Nur wenige Jahre nach seinem Tod verloren die voluminösen Gebilde an Bedeutung. Zwar trug man noch einige Zeit Perücke, diese waren aber weniger spektakulär. In der Regel waren sie glatt und kurz. Bald wurden gar keine Perücken mehr getragen. Bis heute kamen sie nicht mehr so recht in Mode. Nur aus gesundheitlichen Gründen oder zu Verkleidungszwecken werden sie noch getragen.

Mittlerweile sind Perücken sehr pflegeleicht, so lassen sie sich oft mit warmem Wasser und Shampoo reinigen, ohne ihre Form zu verlieren. Außerdem zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie relativ wenig wiegen und aus atmungsaktivem Material bestehen.

Nehmen wir an, Sie möchten sich - egal ob Mann oder Frau - als Adeliger aus dem Zeitalter des Barock oder des Rokoko verkleiden. Diese Merkmale passen stilistisch aber nicht ganz in die genannten Epochen hinein. Denn damals wurde bevorzugt weiss-graues Haar in verspielt-verschlungenen Locken Frisuren getragen. Nur selten zeigte man sich mit anderen Haarfarben.

Leben wie im Barock – Perücken, Prunk und Protzerei | Einstein | SRF Wissen

Seit Ludwig XIV., dem französischen Sonnenkönig, trugen die höheren Herrschaften als Ausdruck ihrer elitären Stellung Perücken. Dieser Brauch, mit welchem Ludwig erfolgreich seinen schütteren Haarwuchs verbarg, setzte sich bis ins 18. Jahrhundert fort. In Deutschland gab es sogar eine Perückensteuer, so dass ärmere Bevölkerungsschichten, wie Handwerker und Bauern, gar nicht erst in die Versuchung gerieten, dieses Statussymbol zu tragen.

Die Perücken wurden aus Pferde-, oder Ziegenhaar sowie aus Hanf und Flachs hergestellt. Das Pudern der Perücken mit Reis- und Weizenmehl kam ab 1700 auf. Es war den unteren Ständen generell verboten und natürlich ebenfalls mit einer Steuer belegt.

Der weiße Puder hatte allerdings die unschöne Eigenschaft, Flecken auf den Schultern und Revers der Jacken zu hinterlassen. Verschlossen wurde das Ganze mit einer großen, breiten Schleife. Damit war der Rockkragen gerettet und die "Haarbeutelfriseur" erfunden.

Der Haarbeutel war ein wichtiges Requisit der Haartracht des 18. Jahrhunderts und wurde tatsächlich im Laufe der Modeentwicklung immer größer, weil man meinte, damit auch noch Stand und Herkunft repräsentieren zu können.

Epoche Haarmode Männer Haarmode Frauen
Barock Allongeperücke Fontange-Frisur
Rokoko Gepuderte Zopfperücke Hoch aufgetürmte Perücken mit Schmuck

Ab 1720 galten Perücken als wichtiges Statussymbol für Frauen und Männer. Mit Brennstab, Pomade und viel Mehl und Puder wurden die Haare kunstvoll geformt. Fein definierte Haarrollen in strahlendem weiß und rosa werden nun penibel und symmetrisch geordnet. Mit den wilden Zottelperücken aus der Zeit Ludwig XIII haben diese Kunstwerke nichts mehr zu tun. Mit Unterkissen und Draht nahmen die pompösen Perücken oft eine erstaunliche Höhe an und wurden bis zu 90cm hoch.

Mit der französischen Revolution (1789-1799) nahm die Perückenmode ein ganz plötzliches Ende. Der Adel wurde vom Thron gestossen und damit auch ihr Lebensstil und ihre Mode. Nur noch als Amtstracht von Richtern&Co sah man noch die eine oder andere Perücke.

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