Nico Semsrott, geboren am 11. März 1986 in Hamburg, ist ein vielseitiger Künstler und Politiker. Er ist bekannt als Kabarettist, Satiriker, Poetry-Slam-Künstler und ehemaliger EU-Abgeordneter für "Die Partei". Seine Karriere ist geprägt von klugen Überspitzungen, monotonem Tonfall und der Auseinandersetzung mit der aktuellen Politik.
Semsrott scheiterte, wie er sich ausdrückt, »in seine Karriere hinein«. Nach einem abgebrochenen Studium und diversen Praktika stellte er sich seiner Stimmung entsprechend mit hängenden Schultern auf eine Bühne, wo er seither mit klugen Überspitzungen und monotonem Tonfall die aktuelle Politik auseinandernimmt.
Er war der Depressive, den er nun seit zwölf Jahren im schwarzen Hoodie spielt, 2013 erstmals im Fernsehen, 2017 in der ZDF-heute-show. Seit diesem Sommer sitzt er als zweiter Mann nach Martin Sonneborn für Die Partei im Europaparlament.
Mit 2,4 Prozent habe Die Partei weder Regierungsanspruch noch Lösungsvorschläge, sagte Semsrott bei Maischberger. Ihr Ziel sei der Protest gegen die Volksparteien. So möchte er die Menschen für die Brüsseler Politik interessieren, 60 Videos in 60 Monaten als Abgeordneter hat er angekündigt, über Skurriles, Problematisches, Konfliktives.
Auf Instagram ist Semsrott nach Angela Merkel der deutsche Politiker mit den meisten Followern.
In seiner Rolle als ehemaliges Mitglied von "Die Partei", EU-Abgeordneter und Betroffener geht es um das Verhältnis von Macht und Ohnmacht mit einer Prise Weltschmerz.
Er stellt sich die Fragen: Was war eigentlich zuerst da, seine Depression oder das Interesse an Politik? Kann man sich überhaupt für das Weltgeschehen interessieren, ohne traurig zu werden? Und vor allem: Warum ändert sich politisch nichts? Warum hat psychische Gesundheit in der Politik keine Lobby?
Semsrotts politisches Engagement begann früh. Sein katholisches Gymnasium habe ihn total politisiert - allerdings gegen die Kirche. Tatsächlich lieferte er sich in der Schule Auseinandersetzungen mit der Schulleiterin, einer alten Nonne.
Weil die seine Texte für die Schülerzeitung „Sophies Welt“ zensierte, gründete er zusammen mit seinem Bruder die alternative Schülerzeitung „Sophies Unterwelt“. In der Schule wird der Verkauf verboten, vor Gericht erreicht er, dass er die Zeitung vor der Schule verkaufen darf. In einem Dixiklo.
Später wird das Blatt zur besten Schülerzeitung Hamburgs gewählt, Semsrott hat die Schule da bereits abgeschlossen. Sogar die Washington Post berichtete über ihn.
Ein abgebrochenes Geschichtsstudium (nach sechs Wochen), zwei journalistische Praktika (acht Wochen, ein Text), zwei gescheiterte Parteieintritte (SPD und Grüne Jugend) und seine Depressionen können ihm nicht das Interesse an der Politik austreiben.
Bei der Bundestagswahl 2017 tritt er für die Satirepartei Die Partei an. „Ich wurde gefragt und dachte, es sei ein Witz.“ War es aber nicht. Wenige Tage später bekommt er eine SMS. Er ist zum Spitzenkandidaten gewählt worden.
In Berlin ist sein Gesicht fortan auf Wahlplakaten zu sehen, darüber Sprüche wie: „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber sie stirbt.“ Sogar die „Washington Post“ berichtet über ihn. „Ich fand es glatt unangemessen, wie viel Aufmerksamkeit wir bekommen haben. Das ist aber auch die logische Folge eines Wahlkampfs ohne Streit.“
Er will Politik machen, ohne sich dem Betrieb anzupassen. Nico Semsrott sitzt gebeugt auf einem Drehstuhl, mit seinen Beinen schiebt er sich nach links und nach rechts. Er kaut an seinen Fingernägeln, nimmt seine Brille ab, reibt sich die Augen.
Semsrott, der Satiriker, der Poetry-Slam-Künstler, der selbsternannte Demotivationstrainer, sitzt im Fraktionssaal der Europäischen Grünen in Brüssel. Gerade trifft sich hier die Arbeitsgruppe „Transparency and Democracy“, um sich auf die neue Legislaturperiode einzustimmen.
Eine britische Campaignerin stellt erfolgreich abgeschlossene Projekte vor, darunter eine neue Whistleblower-Richtlinie. Nico Semsrott schweigt.
Fünf Jahre wird der 33-Jährige für die Satirepartei Die Partei im Petitionsausschuss und im Budgetkontrollausschuss sitzen. Aber er sagt, er sei nicht nach Brüssel gekommen, um sich in Arbeitsgruppen und Ausschüssen abzuarbeiten. Wofür dann?
„Ich will der John Oliver von Europa werden“, antwortet Semsrott. Semsrott möchte Menschen für die Brüsseler Politik interessieren. 60 Videos in 60 Monaten als Abgeordneter hat er angekündigt, über Skurriles, Problematisches, Konfliktives.
„So viel impact mit so wenig Aufwand wie möglich“, sagt er. Entlarven, wie absurd Europapolitik sein kann - das macht sein Parteikollege Martin Sonneborn schon lange.
Bei der Europawahl schaffte es Die Partei hinter den Grünen und der Union auf Platz drei bei den Erstwählern, in Berlin überholte sie mit 4,8 Prozent die FDP. Diesen Erfolg verdankt Die Partei auch ihrer neuen Ernsthaftigkeit, verkörpert durch Nico Semsrott.
Nico Semsrott dagegen gab sich im Wahlkampf ernst und politisch. Von „Inhalte überwinden“, dem Gründungsmythos der Partei, war kaum noch etwas übrig. Vor der Bundestagswahl 2017 diskutierten manche Linke in Deutschland noch, ob man angesichts der parlamentarischen Normalisierung von extrem Rechten eine Spaßpartei wählen dürfe. Semsrott entschärfte die Debatte durch sein Auftreten.
Als Europaabgeordnete werden Semsrott und Sonneborn nun Büronachbarn sein. Während Sonneborn fraktionslos bleibt, hat sich Semsrott den europäischen Grünen angeschlossen. Gleich am Tag nach der Wahl setzte er sich in die Bahn nach Brüssel.
Am ersten Tag traf er sich mit der grünen Fraktionsvorsitzenden Ska Keller. Den Schritt in die Fraktion begründet Semsrott mit zusätzlichen Mitteln und größerer Einflussmöglichkeit. „So bin ich in der Umlaufbahn, im Sonnensystem“, sagt er.
Semsrott zählt sich zum „Realoflügel“ der Partei. Er sagt, Sonneborn und er agierten relativ autonom, würden aber zusammenarbeiten, wo es Sinn macht.
Was Semsrott von Sonneborn aber vorrangig unterscheidet: Semsrott möchte oder kann sich nicht auf Ironie beschränken. Semsrott sagt, die EU sei wie die Vereinten Nationen, nur mit Macht. Er findet, dass es viel zu kritisieren gebe an der EU, man sie aber verändern könne.
Wochen vor der Wahl kamen die Ängste wieder. Der Wahlkampf lief gut. Aber Semsrott fühlte sich nicht gut. Was, wenn er die Erwartungen der Partei-Wähler nicht erfüllen kann? Ein paar Sitzungen Gesprächstherapie, dann ging es wieder.
Angst davor, sich in den Wirren der europäischen Politik zu verlieren, habe er nicht, erzählt er. Was ihn erleichtert: „Es gibt hier niemanden, der alles checkt.“ Und wenn es trotzdem schiefgeht?
Wenn er erzählt, wie ihn Poetry Slam aus der Hoffnungslosigkeit gerettet hat, dann spricht er von Leistung, auf die Anerkennung folgt, und von Liebe, die darauf folgt. Ein bedingungsvoller Weg zur Liebe.
Weiter von Kleinbühne zu Kleinbühne zu tingeln wäre langweilig geworden, sagt er. Abgeordneter im Europaparlament - das sei die natürliche Fortsetzung seiner persönlichen Entwicklung.
Semsrott sagt aber auch: „Ich mache das aus therapeutischen Gründen.“ Außerdem gehe es Europa ja gerade auch nicht so gut - ein Spruch, der seinen Antworten die Schwere nicht nehmen kann.
Als Semsrott sich für ein Foto auf den blauen Teppich legt und tot stellt, bittet ihn ein Sicherheitsmitarbeiter, aufzustehen. Semsrott zeigt seinen Abgeordnetenausweis. Der Mann entschuldigt sich.
Im protokollarischen Eingang des Parlaments, wo sonst hohe Funktionäre und Staats- und Regierungschefs auf blauem Teppich den Brüsseler Komplex betreten, lässt sich Semsrott für diesen Text fotografieren. Die Fotografin muss nicht lange nach Motiven suchen. Semsrott bietet viel an.
Nico Semsrott kommt im grünen Pullover zum Fototermin im Kreuzberger Mehringhof-Theater. Ausgerechnet Grün, die Farbe der Hoffnung. Er lacht, fährt sich durch seine verstrubbelten Haare und öffnet seine Tragetasche. Darin eine Flasche Wein, etwas Tee und ein schwarzer Hoodie. Den streift er sich über und zieht die Kapuze tief ins Gesicht. Plötzlich hängen die Schultern, er schweigt, seine Miene ist erstarrt. Der Komiker Semsrott ist jetzt in seiner Rolle.
Es ist die Figur des Depressiven, der von der Bühne leise, manchmal stockend und vollkommen unemotional Politik und Gesellschaft kommentiert. Es ist eine Rolle, die er lange nicht spielen musste. Er war sie.
„Die Figur und ich waren am Anfang fast identisch“, sagt der gebürtige Hamburger nach dem Fotoshooting. Als Jugendlicher leidet er an schweren Depressionen. Tagelang liegt er lethargisch im Bett, weiß nicht, was aus ihm werden soll. Manchmal hat er Suizidgedanken.
Der Tod beschäftigt ihn. Sein Therapeut ermutigt ihn, über seine Krankheit zu sprechen. Bei einem Poetry Slam auf der Hamburger Reeperbahn meldet er sich kurzentschlossen an und wird Vierter. Erster Verliererplatz. Trotzdem: „Die Anerkennung aus dem Publikum hat mir Mut gemacht.“
Semsrott macht weiter mit Poetry Slam. Mit jeder positiven Erfahrung schwinden die Depressionen. Als er einen Slam, bei dem er den schwarzen Kapuzenpulli trägt, gewinnt, ist die Figur geboren. Nach diesem Abend habe er beschlossen, dass er mit dieser Rolle Geld verdienen wolle, sagt Semsrott. „Einen Plan B hatte ich nicht.“
Plan A gelingt. Semsrott gewinnt Preise, darunter den Deutschen Kleinkunstpreis. In der deutschen Poetry-Slam-Szene macht er sich einen Namen. Als er im Sommer 2016 über die AfD herzieht, geht ein Video davon im Netz viral.
Oliver Welke, Moderator der „heute-show“, wird auf den selbst ernannten „Demotivationstrainer“ aufmerksam und lädt ihn in seine Sendung ein. Auch hier sticht er hervor, erntet die lautesten Lacher des Abends. Erneut nimmt er die AfD aufs Korn, indem er ihre Logik entlarvt.
Die AfD regt ihn auf „Ich thematisiere nichts, was mich nicht interessiert“, sagt Semsrott. Die AfD und ihre Menschenfeindlichkeit rege ihn wirklich auf. Semsrott ist ein politischer Mensch.
Semsrott entschärfte die Debatte durch sein Auftreten. Semsrott lacht viel, wenn er gerade nicht in seiner Rolle ist. Über sich, über andere, über die verrückte Situation, in der er jetzt steckt.
Semsrott sagt, er dürfe, wenn er nicht korrupt sei. „Mir ist vieles wichtig. Semsrott erzählt enthusiastisch von vergangenen und bevorstehenden Projekten. Er zeigt sein neues EU-Video und freut sich wie ein Kind darüber.
Darüber hat er sich geärgert. Er sagt: „Mir ist vieles wichtig. Aber die Fans nicht.“ Das sei aber Storytelling, in echt stimme das nicht.
Im Parlamentsfoyer will ihn eine polnische TV-Reporterin interviewen. Semsrott zieht den Pulli wieder an und schiebt sich die Kapuze über den Kopf. Er stellt den depressiven Blick, den lethargischen Ton an. Die Frau fragt ihn nach deutscher Dominanz in der EU. Semsrott antwortet, er möchte Deutschland schwächen und Europa stärken.
Dass solche Aktionen die Politikverdrossenheit fördern, glaubt Semsrott nicht. Im Gegenteil: „Ich glaube, viele Nichtwähler geben uns ihre Stimme. Wer Die Partei wählt, hat sich auf jeden Fall Gedanken gemacht.“
Trotzdem ist er überzeugt, dass Satiriker seit dem Auftreten der AfD und dem einhergehenden Politikwechsel wichtiger geworden seien. „Es gibt Debatten, in denen Satiriker wie die Stimme der Vernunft wirken.“ Er will die AfD als das bloßstellen, was sie in seinen Augen ist: Eine Quatschpartei.
Noch am Wahlabend tritt Nico Semsrott als Parteichef zurück. Trotzdem läuft es für den 31-Jährigen gut. Bis April ist er deutschlandweit auf Tour, dazu hat ihn die „heute-show“ für fünf weitere Auftritte gebucht.
Ein Rest Angst bleibt jedoch immer. Vor großen Auftritten kommen die Zweifel. „Ich befürchte zu scheitern“, sagt er. Gleichzeitig gebe ihm erst der Applaus des Publikums die nötige Befriedigung.
Deshalb zieht er die Kapuze tief ins Gesicht und geht auf die Bühne.
Der Satiriker und Kabarettist Nico Semsrott rechnet in seinem Buch "Brüssel sehen und sterben" mit seinen Erfahrungen als EU-Abgeordneter ab. Es ist eine anschauliche Erzählung über Machtmissbrauch, Intransparenz und Ohnmachtsgefühle. Stellenweise grenzt sie an Populismus. Im Interview zeigt sich Semsrott selbstkritisch.
Semsrott: Die pure Enttäuschung würde ich es nicht nennen. Es war mit sehr viel Enttäuschung verbunden. Das Lustige ist, dass ich diese Enttäuschung bei meinen Besuchergruppen noch mal durchlebt oder zumindest in den Gesichtsausdrücken der Besucher gesehen habe. Ich habe vor ihnen die Enttäuschung, die ich in fünf Jahren erlebt habe, auf 45 Minuten komprimiert. Das war für viele eine harte Packung.
Die große Überraschung liegt darin, zu erfahren, wie anders die Regeln für die ganz oben sind, und dann zu sehen: Wow! Diese Gesellschaft ist extrem ungerecht. Ich werde kontrolliert. Ich muss mich an Regeln halten. Die da oben machen sich die Regeln selbst. Die haben sehr lasche Regeln und verzichten häufig auf Kontrollen. Das ist der Kern der Enttäuschung.
Die Arbeit im Parlament hat Ihre Depression ausgelöst. Sie beschreiben Ihre Ohnmachtsgefühle als Abgeordneter. Wie geht es Ihnen jetzt?
Semsrott: Gut. Es ist nicht nur Licht am Ende des Tunnels, sondern ich bin einen Meter davor, aus dem Tunnel herauszutreten. Ich habe jetzt das Gefühl, dass ich mit meinen Talenten wieder das machen kann, was mir liegt. Vorher war ich am falschen Ort. Jetzt kann ich reden, Sachen kritisieren und auf den Punkt bringen. Das liegt mir viel mehr, als in einer zehnstündigen Verhandlung zu sitzen und zu warten, dass ich auch mal kurz etwas sage, was dann folgenlos bleibt.
Sie sind anfangs für die Partei "Die PARTEI" angetreten. Dann sind Sie ausgetreten, nachdem Partei-Kollege Martin Sonneborn einen Witz gemacht hatte, den Sie als rassistisch empfanden. Wie finden Sie die Partei heute?
Semsrott: Ich versuche es auf einen Satz zu bringen: Muss ein Witz, der zehn Jahre lang erzählt wird, noch fünf weitere Jahre erzählt werden?
Politiker und Politikerinnen folgen bestimmten Ideen. Die vertreten die Leute, die sie gewählt haben. Das haben wir beide auf unsere Weise gut gemacht. Es haben 900.000 Menschen Die PARTEI gewählt. Die wollten mit Martin Sonneborn und mir Aufmerksamkeit in ein von der Öffentlichkeit schlecht beobachtetes Parlament schicken. Es gibt Probleme wie Intransparenz und Korruption. Gegen die gehen wir auf unsere Art vor.
Eine Erfahrung, die ich als Künstler gemacht habe, ist, dass ich Ideen raussende und die Leute unterschiedliche Dinge damit machen. So empfinde ich das auch als Politiker, wenn ich mir die Kommentare auf Youtube und Social Media angucke.
Die AfD will das ganze System abschaffen. Die PARTEI oder Satirepolitiker wohl nicht. Ich finde, die Debatte wird nicht mehr so geführt wie vor fünf Jahren. Damals war es noch ein entspannter Debattenraum im Vergleich zu heute. Da konnte man noch mit Spaß diskutieren. Aber wenn die Rechtsextremen und Rechten bei 20 oder 30 Prozent europaweit stehen, dann diskutiert keiner mehr ernsthaft darüber, dass Satire-Politiker das Problem sind.
Sie betonen in Ihrem Buch, dass Sie die EU für eine gute Idee halten. Beim Lesen fällt allerdings auf, dass Sie einige pauschale Urteile fällen. Wo ziehen Sie die Linie zwischen Kritik an der EU und populistischer Europafeindlichkeit?
Semsrott: Ich würde an der Stelle Selbstkritik äußern und sagen: Im Buch ist mir an einigen Stellen nicht gelungen, das komplexe Bild vollständig zu beschreiben. Das lag daran, dass ich mittendrin aufgegeben habe, das Buch selbst fertig zu schreiben. Hätte ich ein Jahr mehr Zeit gehabt, wäre das besser geworden. Das Buch ist aus einer dunklen Phase meines Seins entstanden, voller Wut, Trauer und Enttäuschung. Teilweise bin ich nicht zufrieden mit dem, was da steht. Ich kriege das jetzt in den Interviews und in meinem Bühnenprogramm auf Youtube besser hin.
Während Ihres Mandats haben Sie den Eindruck gewonnen, von der Verwaltung des Parlaments in Ihrer Arbeit absichtlich eingeschränkt worden zu sein. Können Sie Beispiele dafür nennen, wie Sie darauf kommen?
Semsrott: Ich kriege es nicht hin, die zwölf Seiten, die den konkreten Konflikt beschreiben, in drei Sätzen zu erklären. Ich glaube, das Justiziariat vom Verlag hat das Kapitel besonders gut geprüft. Deswegen werde ich keinen Versuch unternehmen, mich jetzt angreifbarer zu machen. Es ist nur so, dass die Verwaltung im Europäischen Parlament von Parteien bestimmt wird. In den letzten 25 Jahren haben die CDU, CSU und ihre europäischen Schwesterparteien sowie die SPD und ihre europäischen Schwesterparteien die gesamte Verwaltung bestimmt. Entsprechend sind alle Spitzenbeamten entweder Konservative oder Sozialdemokraten. Das sind meine politischen Gegner. Die wollen keine Transparenz.
Es ist häufiger so gewesen, dass ich etwas eingereicht habe und die Verwaltung erst gesagt hat: Ja, das passt. Viele Monate später hat sie mir gesagt: Es geht doch nicht. Das finde ich ein merkwürdiges Verhalten. So kann eine Verwaltung nicht arbeiten. Die muss sich an Regeln halten und kann nicht einfach so sagen: Nö, jetzt, nach einem Jahr, sind wir plötzlich anderer Meinung. Das ist ein komplettes Willkürsystem. Ich muss mich als Politiker darauf verlassen können, dass die andere Seite die Anträge prüft. Sonst stelle ich mir die Frage: Was mache ich da? Das ist das beste Beispiel dafür, wie politisch die Verwaltung ist: Sie interpretiert je nach Lage den gleichen Fall anders.
Sie beklagen auch Intransparenz und Korruption im EU-Parlament: Die mangelnde Kontrolle der Abgeordneten lade zum Betrug ein. Einige Politiker, die aus Ihrer Sicht korrupt sind, nennen Sie namentlich. Haben Sie von denen Reaktionen auf Ihr Buch bekommen?
Ich beklage die generelle Korruptionsanfälligkeit. Die Loopholes sind so groß, dass jeder Abgeordnete da gemütlich durchspazieren kann. Es gibt keine wirksamen Kontrollen. Ohne Kontrolle gibt es keine Strafen. Ich habe keine Belege für Korruption. Ich sage nur, es gibt viele verdächtige Nebentätigkeiten und Beschäftigungsverhältnisse. Dementsprechend ist mein Vorwurf nicht, dass da irgendjemand korrupt ist. Meine Frage ist: Warum bestehen die Konservativen darauf, dass potenzielle Korruption ermöglicht wird? Das finde ich merkwürdig. Mein Fazit: Bei so viel Dunkelheit muss die Dunkelziffer hoch sein.
Wie funktioniert das Abgeordnetendasein? Wir haben die ganze Zeit Treffen mit Lobbyisten, die werden nicht automatisch überwacht. Man muss die Treffen zwar angeben. Aber wer soll das kontrollieren? Ob man die Treffen angibt oder nicht, ist in der Praxis freiwillig. Wenn ein Verstoß auftritt, wird das nicht transparent gemacht, sondern heimlich bestraft. Aber niemand kriegt es mit. Dieses System lädt zum Machtmissbrauch ein, auch bei der Reisekostenerstattung. Wenn man da beim Missbrauch erwischt wird, ist die höchste Strafe eine Rückzahlung. Es gibt Leute, die fragen: Ja, aber warum sollten Abgeordnete das missbrauchen? Meine Frage ist umgekehrt: Warum sollte diese Missbrauchsmöglichkeit erlaubt sein?
Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, während Ihres Mandats für mehr Transparenz zu sorgen. Haben Sie sich damit zu viel vorgenommen?
Na ja, im kleinen Rahmen habe ich es geschafft. Ich habe mir rückblickend viel zu viel vorgenommen. Unterschätzt habe ich, wie mächtig ein System ist, wie mächtig die Verwaltung ist und wie klein meine Gestaltungsmöglichkeit ist - als Hinterbänkler einer nicht so großen Fraktion in einem nicht so mächtigen Parlament.
Weil ich alles versucht habe, was mir mit meinem Psychogramm und mit meinen Talenten möglich war. Ich habe mich in dieser Rolle ohnmächtig gefühlt. Ich hatte das Gefühl, fest gekettet zu sein. Ich glaube, dass ich mehr bewirken kann außerhalb eines Parlaments.
Für die heutige Folge bin ich nach Brüssel gefahren und habe Nico Semsrott besucht. Ich kenne Nico seit ein paar Jahren vor allem als eine Mischung aus Kabarettist und Slam-Poet: Er ist der Typ mit dem schwarzen Hoodie, der immer traurig guckt und verstörend dröge, demotivierende Power Point-Präsentationen hält, zum Beispiel auch in der heute-show.
Vor gut einem halben Jahr hat er allerdings den Beruf gewechselt: Er ist für die Satirepartei „Die Partei“ bei der Europawahl angetreten und tatsächlich gewählt worden. Seitdem sind bei ihm also auf einmal Büroalltag und Parlamentssitzungen statt Comedyshows angesagt. Wobei das bei Nico gar nicht so leicht zu trennen ist.
Ich weiß noch, als ich meinen Wahlzettel für die Europawahl ausgefüllt habe und mir dachte: In Zeiten wie diesen, wie kann man da eine Satirepartei wählen? Ich wollte wissen, wie Nico seine Kandidatur begründet und was er für seine fünf Jahre als Abgeordneter für Ziele hat.
Wir haben über sein neues Leben in Brüssel gesprochen, darüber, dass er jetzt auf einmal Chef ist und ziemlich viel Geld verdient (allerdings immer noch weniger, als er verdienen könnte). Er hat mir erklärt, was ihn am EU-Parlament am meisten nervt, wieso er mit den Grünen zusammenarbeitet und was andere Parteien in Sachen Öffentlichkeitsarbeit besser machen könnten.
Es ging um Lobbyisten, seinen Kühlschrank und darum, dass er keine Freunde in Brüssel hat. Im Vorfeld war für mich die größte Frage, ob Nico in so ‘ner guten Stunde wohl komplett in seiner Bühnenrolle bleibt oder ob ich mich mit ihm auch ganz ernsthaft unterhalten kann.
Semsrott: Ich habe mich in dieser Rolle ohnmächtig gefühlt. Ich hatte das Gefühl, fest gekettet zu sein. Ich glaube, dass ich mehr bewirken kann außerhalb eines Parlaments.
Die FDP provoziert mit ihrem Plan für eine „Wirtschaftswende“ den Bruch der Regierung. EU-Korruption? Nico Semsrott, Abgeordneter in Straßburg und Brüssel, verzweifelt am real existierenden Europa - und will doch aufklären.
Coachings speziell für Männer boomen, auch weil sich Geschlechterrollen verändern. Arbeitgeber:innen und FDP fordern, dass wir alle mehr arbeiten - wegen Personalmangels und wegen des schwächelnden Standorts. Aber in der Debatte geht einiges durcheinander.
Was KI kann, entscheidet derzeit das libertär-reaktionäre Silicon Valley, doch es gäbe linke Gegenstrategien. Miriam Meckel und Léa Steinacker sind überzeugt, dass Künstliche Intelligenz menschliche Arbeit anreichern und Ungleichheit abmildern kann.
Shawn Fain hätte eigentlich nicht Vorsitzender der Auto-Gewerkschaft UAW werden sollen. Das ist bloß der Anfang.
| Kategorie | Details |
|---|---|
| Geboren | 11. März 1986 in Hamburg |
| Beruf | Kabarettist, Satiriker, Politiker, Slam-Poet |
| Ausbildung | Studium Soziologie und Geschichte (abgebrochen) |
| Bekannt für | Depressiver Bühnencharakter, Kritik an Politik und Gesellschaft |
| Politisches Engagement | Ehemaliger EU-Abgeordneter für "Die Partei" |
Diese Website verwendet Cookies. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen
Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.