Graue Haare durch Stress: Mythos oder Wahrheit?

Die Geschichte von Marie Antoinette, deren Haare vor ihrer Hinrichtung über Nacht grau geworden sein sollen, ist ein bekanntes Beispiel für den Mythos des plötzlichen Ergrauens. Auch Karl Marx soll nach dem Tod seines Sohnes über Nacht weiß geworden sein. Aber ist es wirklich möglich, dass Stress die Haare so schnell ergrauen lässt? Der Artikel untersucht die Ursachen für graue Haare und den Einfluss von Stress auf diesen Prozess.

Der natürliche Alterungsprozess

"Dass Haare ergrauen, ist ein normaler Alterungsprozess", sagt Ulrike Blume-Peytavi, Leiterin des Kompetenzzentrums für Haare und Haarerkrankungen an der Berliner Charité. In jeder Haarwurzel befinden sich pigmentbildende Zellen, die sogenannten Melanozyten. Sie stellen Farbpigmente her, die im Haarschaft in das nachwachsende Haar eingebaut werden. Mit dem Alter geht die Pigmentproduktion zurück, es wird also nicht mehr ausreichend Melanin, ein Farbstoff, gebildet.

Statt der Pigmente lagern sich Sauerstoffbläschen ins Haar ein, wird das Licht durch sie gebrochen, erscheint das Haar weiß - nicht grau. Der optische Eindruck vom grauen Schopf kommt von der Mischung aus pigmentierten und pigmentlosen Haaren. Ein einzelnes graues Haar kommt darin nicht vor. Entweder ist es weiß.

Wann sich die ersten grauen Strähnen zeigen, ist größtenteils genetisch bedingt. "Manch einer hat schon mit 20 silberne Strähnen, bei den meisten zeigen sie sich ab Mitte 30, andere bleiben mit über 40 noch verschont", sagt Blume-Peytavi. Die Gene, die Sie von Ihren Eltern geerbt haben, spielen eine entscheidende Rolle dabei, wann und wie schnell Sie graue Haare bekommen. Wenn Ihre Eltern oder Großeltern bereits in jungen Jahren graue Haare hatten, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass auch Sie früher graue Haare bekommen.

Der Einfluss von Stress

Doch auch die Umwelt trägt dazu bei, dass unsere Haare erblassen: "Stress kann durchaus ein Co-Faktor sein, der Auswirkungen bis in die Haarwurzeln hat", erklärt die Medizinerin. Tatsächlich gibt es einen Zusammenhang zwischen psychischem Stress und dem Aufkommen grauer Haare. Das haben Wissenschaftler der amerikanischen Duke University herausgefunden. Demnach kann chronischer Stress die DNA schädigen und damit auch die Haare grau werden lassen.

Um die sogenannten Haarfollikel, die die Haarwurzeln umgeben, findet sich ein Netz an Nervenbündeln, die auf unterschiedliche Weise auf Stresshormone reagieren. Die Haarwurzeln sind nämlich von einem engmaschigen Nervennetz umgeben und reagieren in vielfältiger Weise auf Stressbotenstoffe, die sogar in der Haarwurzel direkt gebildet werden können. Ihre Wirkung beschränkt sich nicht nur auf die Pigmentzellen, sondern betrifft auch die Haar produzierenden Zellen insgesamt. So kann Stress nicht nur die Haare verfärben, sondern ebenso akuten Haarausfall verursachen.

Über Nacht geht das allerdings nicht. "Das Ergrauen ist ein schleichender Prozess", sagt Blume-Peytavi. Die Pigmente verschwinden nicht plötzlich aus den Haaren - sie werden nicht mehr in die nachwachsenden integriert. Da Haare im Monat lediglich etwa einen Zentimeter wachsen, wächst sich somit auch die Farbe langsam aus.

Kreisrunder Haarausfall als Ursache für plötzliches Ergrauen

Den Eindruck, dass jemand über Nacht ergraut ist, kann allerdings ein anderes Ereignis hervorrufen: Beim kreisrunden Haarausfall - in der Fachsprache als Alopecia areata bezeichnet - fallen alle pigmentierten Haare auf einmal aus. Übrig bleiben die nicht-pigmentierten, grauen Haare, da sie durch die Autoimmunerkrankung nicht angegriffen werden.

Laut Passam gibt es den ungewöhnlichen Zustand, bei dem das Haar sehr schnell grau zu werden scheint. Doch das ist eine Variante des fleckigen Haarausfalls, Alopecia areata. „Normalerweise verursacht dieser Zustand kreisförmige, kahle Stellen auf der Kopfhaut, seltener kann der Zustand aber auch in einer diffusen Form auftreten, bei dem Haare aus Follikeln verloren gehen.“ Das könne den Eindruck erwecken, dass sie „über Nacht“ ergrauen. Diese Situation ist aber oft vorübergehend, bis die verlorenen pigmentierten Haare nachwachsen.

Solch ein spontaner Haarausfall könnte auch eine Erklärung für die Geschichte sein, dass Marie Antoinette in der Nacht vor ihrer Hinrichtung komplett ergraut sei.

Weitere Ursachen für graue Haare

Allerdings gibt es durchaus Fälle, in denen weiß werdende Haare ein Hinweis auf gesundheitliche Probleme sein können. "Wenn sich bei Kindern oder Jugendlichen frühzeitig schon einzelne oder auch am ganzen Kopf verteilte graue Haare zeigen, kann eine Stoffwechselstörung oder eine Mangelerscheinung dahinterstecken", sagt Blume-Peytavi. So könne etwa eine Schilddrüsenerkrankung oder Eisenmangel das Ergrauen der Haare begünstigen. Eine erfolgreiche Behandlung dieser Erkrankungen kann dann aber auch die Farbe zurück in die Haare bringen.

Es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen grauen Haaren und Herzinfarkten herstellen oder ein höheres Osteoporose-Risiko nachweisen. Belegt scheint: Östrogene haben einen Einfluss auf die Farbstoffbildung im Haar. Stark ergrautes Haar in den 40ern kann demnach auf ein erhöhtes Osteoporose-Risiko hindeuten.

Auch Rauchen schädigt nicht nur Lunge und Herz, sondern auch die Haare.

Was kann man gegen graue Haare tun?

Wer dennoch befürchtet, dass auch Stress seine Spuren in der Haarpracht hinterlassen haben könnte, sollte natürlich erst einmal versuchen, diesen zu reduzieren. Neben einer gesunden Ernährung helfen auch Bewegung sowie der Verzicht aufs Rauchen und zu viel Sonne, die Pigmentzellen vor oxidativem Stress zu schützen.

Eine ausgewogene Ernährung, die reich an Vitaminen und Mineralstoffen ist, insbesondere an B-Vitaminen, Zink und Kupfer, kann die Gesundheit der Haare fördern. Antioxidantien, die in Lebensmitteln wie Beeren, Nüssen und grünem Tee enthalten sind, können helfen, oxidativem Stress entgegenzuwirken, der das Ergrauen beschleunigen kann.

Es gibt kosmetische Behandlungen, um graue Haare zu überdecken, von Haarfärbemitteln bis hin zu Henna. Für diejenigen, die dauerhaftere Lösungen suchen, gibt es medizinische Behandlungen, die das Ergrauen verlangsamen oder möglicherweise teilweise rückgängig machen können. Eine PRP-Behandlung kann die Haarwurzeln stärken, wichtige Nährstoffe zuführen und so die Haargesundheit verbessern und möglicherweise das Ergrauen verlangsamen.

Auch wenn man oft das Gefühl hat, dass graue Haare störrisch und matt sind, ist die Haarstruktur im Vergleich zu normalfarbigem Haar die gleiche. Durch den Alterungsprozess wird die Haardichte mit der Zeit geringer, das Haar wächst unregelmäßiger und der Hauptzellstoff des Haares, Keratin, wird schwächer. Somit wird das Haar dünner, trockener und auch empfindlicher. Es wirkt stumpf und matt.

Viel weiß auf dem Kopf kann auch einen Gelbstich hervorrufen. Wer diesen Gilb-Effekt vermeiden will, greift zu Farbshampoos oder Pflegeprodukten, die blaue Farbpigmente enthalten. Gegen mattes und glanzloses Haar helfen Glanzsprays. Öle und Wachse glätten die Oberfläche und werfen das Licht wieder zurück.

Zusammenhang zwischen Stress und Ergrauen

Forscher von der Harvard University haben entschlüsselt, wie ein schnelles Ergrauen aufgrund von traumatischen oder sehr stressreichen Erlebnissen in der physiologischen Realität tatsächlich möglich ist. Stress schaltet über Signale des Nervensystems spezielle Stammzellen des Haarfollikels dauerhaft aus. Wenn diese fehlen, fehlt dort dann auch der Nachschub an Zellen, die den Farbstoff Melanin produzieren.

Die Wissenschaftler stellten bei den Mäusen fest, dass die Sympathikusnerven als Folge des großen Stresses Noradrenalin abgaben. Und wegen dieses Stresshormons wurden die Stammzellen, die sich normalerweise zu pigmentbildenden Zellen ausbilden, eingeschaltet und "angekurbelt". Die Haarfollikel haben zwei Vorräte an Stammzellen. Jeder Haarfollikel besitzt jedoch nur eine begrenzte Menge dieser Stammzellen. Und diese sind irgendwann aufgebraucht.

Cambridge/Massachusetts - Nicht das Stresshormon Cortisol aus der Nebenniere, sondern die direkte Stimulation der Stammzellen in den Haarfollikeln durch den Neurotransmitter Noradrenalin ist nach einer Studie in Nature für die Achromotrichie verantwortlich, die sich bei den meisten Menschen im reiferen Alter früher oder später einstellt.

Die Forscher fanden jedoch heraus, dass die Melanozyten-Stammzellen beta2-adrenerge Rezeptoren exprimieren, die Bindungsstellen für den Neurotransmitter Noradrenalin. Er ist Bestandteil des sympathischen Nervensystems, das den Körper innerhalb von Sekunden auf eine Abwehrreaktion vorbereitet. Tiere, denen die Rezeptoren für Noradrenalin fehlten, ergrauten unter Stresseinfluss nicht.

Es erscheint unwahrscheinlich, dass Guanethidin als Mittel gegen Achromotrichie erfolgreich wäre, zumal es vermutlich präventiv eingesetzt werden müsste.

Tabelle: Ursachen und Maßnahmen gegen graue Haare

Ursache Maßnahme
Genetik Keine direkte Maßnahme, Akzeptanz oder kosmetische Behandlung
Alterung Gesunde Lebensweise, kosmetische Behandlung
Stress Stressreduktion, Entspannungstechniken, gesunde Lebensweise
Krankheiten (z.B. Schilddrüse, Eisenmangel) Behandlung der Grunderkrankung
Rauchen Rauchstopp
Mangelernährung Ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen

Warum bekommt man graue Haare? Kann man was dagegen tun?

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