Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist zu einem traurigen Symbol für den Umgang der EU mit der sogenannten »Flüchtlingskrise« geworden.
Die deutsch-norwegische Kinderpsychologin Katrin Glatz Brubakk hat dort zwischen 2015 und 2023 regelmäßig als Helferin gearbeitet und das Leben der Menschen im Lager dokumentiert.
Katrin Glatz Brubakk spricht von der "Diagnose Moria", wenn sie davon erzählt, dass die Kinder, die in Moria lebten - oder jetzt in Kara Tepe - alle unter einem Trauma litten. Entweder aus ihrem Heimatland Afghanistan, Syrien, Sudan, oder dann von der Flucht zum und über das Meer.
Untermalt mit ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotografien und einer vierfarbigen Fotostrecke wird erstmals der Alltag der Menschen, die in Moria lebten, sichtbar gemacht. Kurze Einschübe erörtern zusätzlich die Folgen der durchlebten Traumata für die Schutzsuchenden aus psychologischer Sicht.
Was macht es mit Menschen, die trauern, wenn um sie herum die meisten anderen ebenfalls trauern? Wie gehen Kinder mit Verlust um? Und welche Rolle spielt Hoffnung?
Dieses erschütternde Bild, das Katrin Glatz Brubakk auf der Insel Lesbos vor fast zehn Jahren erstmals sieht, prägt sich ihr ins Gedächtnis ein - und lässt die Trauma-Expertin handeln.
Die Nacht, in der das Geflüchtetencamp Moria auf Lesbos brannte, raubte Ayla ihre Lebenskraft. Das Mädchen aus Afghanistan hatte die griechische Insel einige Monate zuvor mit dem Schlauchboot erreicht. Seitdem harrte sie mit ihrer Familie in Moria aus. Ayla hatte wiederholt traumatische Erlebnisse verkraften müssen. Bislang hatte sie es geschafft. Als ich Ayla kurz darauf kennenlernte, sprach sie nicht mehr. Sie hatte aufgehört zu essen, zu spielen und sich zu bewegen. Ihre Mutter hatte sie in unsere Klinik nahe dem niedergebrannten Camp gebracht, in der ich mehrere Monate arbeitete.
Das Mädchen war am Resignation-Syndrom erkrankt - eine so schwere Form der Depression, dass sie weltweit nur wenige Kinder und Jugendliche trifft. Doch auf Lesbos habe ich zweimal junge Patient*innen mit der bedrohlichen Krankheit behandelt, seit ich dort im Jahr 2015 zum ersten Mal im Einsatz war.
In Moria und dem Nachfolgecamp Mavrovouni sind Tausende Kinder unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt - in ständiger Furcht, ohne eine Perspektive. Schon Fünfjährige leiden deshalb unter Panikattacken, Apathie und Depressionen.
Die Kinder leben auf Lesbos in einer Umgebung, die sie immer wieder aufs Neue traumatisiert. Es ist, als ob sie mitten in einem brennenden Haus stehen. Unsere Hilfe ist nur wie ein Pflaster auf einer riesigen Brandwunde. Und doch kann dieses Pflaster den entscheidenden Unterschied machen. Auch Ayla können wir dabei unterstützen, in winzigen Schritten wieder Vertrauen in die Welt zu gewinnen. Mittlerweile lebt das Mädchen gemeinsam mit ihrer Familie in Deutschland, wo sie zur Schule geht und Freundschaften geschlossen hat.
In der therapeutischen Arbeit nutze ich die grenzenlose Fantasie und Vorstellungskraft der Kinder. Gemeinsam träumen wir: von einem friedlichen Zuhause, vom Schulbesuch, vom Fahrradfahren. In diesen kleinen Momenten der Geborgenheit können die Kinder aufatmen und wieder Hoffnung für ihre eigene Zukunft spüren.
Zwölfmal habe ich bislang mit verschiedenen Organisationen auf Lesbos geholfen. Um aushalten zu können, was ich dort erlebe, spreche ich unermüdlich über die verheerenden gesundheitlichen Folgen der Geflüchtetenpolitik der EU. Ich kann die Stille sonst kaum ertragen, wenn ich aus den Camps - oder sollte ich eher Lager sagen - in mein Zuhause im norwegischen Trondheim zurückkehre. Die EU nennt sie geschlossene Zentren mit kontrolliertem Zugang. Für viele der Bewohner*innen fühlen sich Zaun, Stacheldraht, Überwachungskameras und bewaffnetes Wachpersonal eher wie ein Internierungslager an.
Hat die Politik, haben die Verantwortlichen vor Ort eine Lehre aus Moria gezogen - hat sich nach dem Brand des Lagers und dem Umzug in das aktuelle Lager auf Lesbos, Kara Tepe, etwas geändert? "Rein praktisch und organisatorisch" sei die Lage dort besser, sagt Katrin Glatz Brubakk: Wohncontainer gebe es für 3.000 Menschen. Im Herbst, wenn das Lager regelmäßig überfüllt sei, wohnten weitere 3.000 in Zelten. Aber: Frauen trauten sich Abends nicht alleine durchs Lager wegen der Gefahr, überfallen zu werden. Die Kinder lebten hinter vier Meter hohen Stacheldrahtzäunen mit bewaffneten Wachen - "das ist besser, aber rein psychologisch immer noch eine riesige Belastung". Deshalb versucht sie, eine Stütze für die Kinder zu sein und mit einfachsten Mitteln eine Traumtherapie für Kinder und Eltern anzubieten.
In dem Versuch, Lösungen [für die Flüchtlingskrise] zu finden, sind wir als Gesellschaft willig, zu sagen, 'Menschenrechte sollen vielleicht nicht für alle gelten' oder 'nicht alle Menschenrechte sollen gelten'. [Wir sind willig, zu sagen:] 'Vielleicht ist es ok, dass Menschen aufs Meer zurückgeschoben werden und zum Teil deswegen auch sterben', [oder] 'Vielleicht ist es nicht so schlimm, dass diese Kinder keine medizinische Fürsorge kriegen'.
Katrin Glatz Brubakk arbeitete im Herbst 2024 einen Monat lang als Kinderpsychologin im Nasser-Krankenhaus in Khan Younis im Süden des Gazastreifens. Mit ihrem Tagebuch aus dieser Zeit zeigt sie, was der Krieg psychologisch mit den Menschen und vor allem den Kindern macht. Unter welchem unvorstellbaren Stress leben sie? Welche existentiellen Sorgen haben sie? Welche Krankheiten und Folgen tragen sie für ihr weiteres Leben davon?
Topografische Karte des Gazastreifens
Katrin Glatz Brubakk ist wiedergekommen, nach Gaza. Sie hatte es versprochen. Sie filmt ihren täglichen Arbeitsweg von der Unterkunft ins Krankenhaus. Es ist still: Waffenruhe. „Seit 15 Monaten leben die Menschen in ständiger Angst um ihr Leben. Sie gingen ins Bett, ohne zu wissen, ob sie am nächsten Tag ihre Kinder wiedersehen würden. Jetzt, während der Waffenruhe, kommt die Trauer hoch - eine Trauer, für die es vorher keinen Raum gab. Nun zeigen sich die Trauma-Symptome bei den Kindern, die Depressionen bei den Erwachsenen.
Sie schreibt von den vielen Kindern, die ihre Familienmitglieder durch Bombenangriffe verloren haben. Etliche sind selbst schwerverletzt oder amputiert. Nahezu alle haben ihr Zuhause verloren, ihr soziales Umfeld. Sie will vor allem, den Kindern eine Pause vom Krieg verschaffen. Denn wenn die permanent in ihrer psychischen Ausnahmesituation verharren, bleibt ihre Entwicklung stehen.
Das wichtigste Werkzeug der Psychologin: Spielsachen. Immer dabei hat sie zum Beispiel Seifenblasen. Damit kann sie auch Kindern helfen, die sich in ihrem Schreien nicht mehr beruhigen lassen, sehr viele haben Panikattacken. „Diese üblichen Übungen, die wir Erwachsenen beibringen, das ist bei den Kindern nicht immer so leicht. Atemübungen mit Fünfjährigen habe ich öfter versucht, ohne dass es mir gelungen ist“, erzählt Katrin Glatz Brubakk. „Aber wenn ich Seifenblasen dabeihabe, dann muss man richtig tief atmen, um die durch die Luft fliegen zu lassen. Und so machen wir es eben spielerisch, dass Kinder auch atmen, entspannen und lachen können.
Sie schreibt immer weiter an ihrem „Tagebuch aus Gaza“, es gelingt ihr empathisch und sehr nah von ihren kleinen Patienten zu erzählen, die Geschichten erschüttern und sind doch oft auch hoffnungsvoll. Da ist zum Beispiel Adam: Bei einem Bombenangriff wurde er schwerverletzt, verlor ein Bein und musste mit ansehen, wie sein Vater neben ihm starb. Lange Zeit aß er so gut wie nichts, schlief 20 Stunden am Tag und war apathisch. „Er hat mich nur abgewiesen, abgewiesen - aber einen Tag hat er dann doch gedacht: Wer ist denn diese komische Dame? Und da hat er mich so kurz angeguckt. Und dann hab‘ ich gesagt: Mann, hast du schöne braune Augen! Wow, die sind echt schön. Hast du meine schon angeguckt? Die sind blau, die sind ganz anders.
Seit zwei Wochen ist Katrin Glatz Brubakk wieder zuhause in Norwegen. Hier wie da habe sie oft dieses ungute Gefühl, das sie „Privilegienscham“ nennt. In ihrem Tagebuch schreibt sie auch davon, denkt über den Zufall nach, der sie an diesen friedlichen Ort verpflanzt hat. „Das ist der Punkt, wo die Ungerechtigkeit der Welt so unheimlich deutlich wird. Ich kann hierher zurück, ich weiß, ich bin hier sicher. Ich weiß, dass meine Kinder hier sicher sind, ich kann aufatmen, ich kann frische Luft atmen. Und ich kann eben… Ich hab‘ das Privileg, hinzufahren und zu arbeiten und zu helfen, aber auch das Privileg, wieder wegzufahren.
Im Sommer 2024. „Wie packt man, wenn man in ein Kriegsgebiet reist? Ich weiß es nicht“, erzählt Glatz Brubakk in einem Video kurz vor der Reise. „Ich werde es einfach versuchen, denn ich bin auf dem Weg nach Gaza. Shampoo und Hautcreme sind wichtig, weil es dort fast unmöglich ist, solche Dinge zu bekommen, und das Duschen mit Salzwasser die Haut austrocknet. Shampoo und Seife als Mangelware, auch das ist eine psychische Belastung für die Menschen in Gaza.
„Ein Kollege sagt: Wir lieben das Leben, aber das Leben liebt nicht uns“, erzählt die Kinderpsychologien. „Weil sie eben das Gefühl haben, verlassen worden zu sein von der ganzen Welt eigentlich. Wir müssen, um irgendeine Lösung zu finden, müssen wir das menschliche Leiden auf beiden Seiten verstehen. Das ist nicht nur eine politische Frage, das ist eine rein humane Frage.
Karte der Insel Lesbos
Viele Kinder zeichnen ihre Flucht über das Mittelmeer. Die meisten von ihnen hatten zuvor noch nie das Meer gesehen und erlebten große Angst. Einige sahen, wie Menschen ertranken.
Meine Hauptbotschaft ist, dass wir Menschen, die nach Europa flüchten, wie Menschen behandeln sollten. Die größte Enttäuschung meines Leben ist zu sehen, dass wir zulassen, was in Moria passiert ist und weiterhin [anderswo] passiert. Ich hatte immer gedacht: 'Europa wird das schon hinkriegen'. Wir haben so viele schöne Reden gehört - aber wenn ich da bin, sehe ich nur Elend.
Der Name "Moria" steht als Synonym für das größte Flüchtlingslager Europas: Bevor es im September 2020 niederbrannte, lebten dort bis zu 20.000 Menschen unter schlimmsten Bedingungen.
| Lager | Bewohnerzahl (vor Brand) | Bedingungen |
|---|---|---|
| Moria | Bis zu 20.000 | Schlimmste Bedingungen, Überbelegung, mangelnde Hygiene |
| Kara Tepe | Ca. 6.000 | Verbesserte Organisation, aber weiterhin psychische Belastung |
Es gibt ganz viele sogenannte Helfer, die besonders den Frauen und Kindern, die alleine reisen, vorgaukeln, dass sie helfen wollen - sie nutzen sie aber aus. 2015/2016 sind es ungefähr 10.000 Kinder, die nach Europa gekommen sind, wo wir nicht wissen, wo sie sind.
Die griechische Insel Lesbos ist ein Urlaubsziel - der Ort Moria war Zielort für Geflüchtete.
Ich kann die Stille sonst kaum ertragen, wenn ich aus den Camps - oder sollte ich eher Lager sagen - in mein Zuhause im norwegischen Trondheim zurückkehre.
Noch nie habe ich in einem Kriegsgebiet gearbeitet, und ich muss sagen, ich fürchte mich davor. Aber die Kinder brauchen unsere Hilfe. „Mein Rucksack begleitet mich in jeden Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen, auch in den Gazastreifen werde ich ihn mitnehmen.
Die Welt ist manchmal so düster und man hat das Gefühl: 'Kann ich irgendeinen Unterschied machen?' Wenn ich als Helferin arbeite, ist es klein - aber ich mache etwas.
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