Karl Lagerfeld, der unverkennbare Modezar, war bekannt für seinen markanten Stil, zu dem auch sein ikonischer Pferdeschwanz gehörte. Doch warum trug er diese Frisur? Dieser Frage widmet sich dieser Artikel und beleuchtet die Hintergründe und die Bedeutung des Pferdeschwanzes im Leben und Werk von Karl Lagerfeld.
Das Thema der Kostümausstellung und Gala des Metropolitan Museum of Art im Jahr 2023 lautete "Karl Lagerfeld: A Line of Beauty". Wenn es um die Ästhetik von Lagerfeld geht, kann man seinen ikonischen Pferdeschwanz natürlich nur schwer außer Acht lassen.
Aus rein optischer Sicht wurde Karl Lagerfeld in den 1970er Jahren zu dem Karl Lagerfeld, den wir heute kennen - als er begann, seinen tief sitzenden Pferdeschwanz zu tragen.
Laut Caroline Lebar, einer langjährigen Kollegin und SVP für Image und Kommunikation bei Karl Lagerfeld, war der Pferdeschwanz zunächst einfach nur eine praktische Methode für ihn, seine Locken zusammenzuhalten, die ihm ins Gesicht fielen. Doch er entwickelte sich zu einer Art Marketing-Tool.
Als Lagerfeld in den 1980er Jahren eine kleine Veränderung seines Stils in Erwägung zog, wurde ihm von einem Mitglied des Kommunikationsteams bei Elizabeth Arden (mit der Lagerfeld für das Parfüm KL by Karl Lagerfeld zusammenarbeitete) erklärt, dass es für zukünftige Kampagnen von Nachteil sein könnte, wenn er den Pferdeschwanz nicht mehr tragen würde.
"Ich weiß noch, wie er zu mir sagte: 'Kannst du dir vorstellen, was sie zu mir gesagt hat? Ich kann meine Frisur jetzt ein Leben lang nicht mehr ändern?'", erinnert sich Lebar.
Nachdem er diesen Schock überwunden hatte, schien Lagerfeld seinen tief sitzenden Pferdeschwanz aber immer mehr zu schätzen. Rachael Gibson (alias The Hair Historian) vergleicht ihn mit dem Zopf aus dem 18. Jahrhundert, einem mittellangen Pferdeschwanz, der von den meisten Männern getragen wurde, einschließlich dem Militär, wo er sogar bis ins 19. Jahrhundert hinein vorgeschrieben war.
"Dieser Zopf wurde üblicherweise mit einer Schleife getragen, was auch Karl für gewöhnlich tat", sagt Gibson. "Das charakteristische weiße Finish schien auch auf die historische Verwendung von Haarpuder anzuspielen, das im 18. Jahrhundert von den meisten Menschen benutzt wurde. Haarpuder war zwar in einer Vielzahl von Farbtönen erhältlich, aber Weiß galt als der beliebteste Farbton, um ein stattliches, edles Finish zu erzielen."
Hairstylist und Kooperationspartner Sam McKnight merkt an, dass das erwähnte Finish von Lagerfelds Frisur jedoch mit ein paar unerwünschten Folgeerscheinungen einherging.
"Nachdem sein Haar grau geworden war, besprühte er es gerne mit weißem Trockenshampoo à la Marie Antoinette, und ich musste es immer von den Schultern seiner Jacke klopfen, wenn er fotografiert wurde", sagt McKnight. "Als ich mein eigenes Trockenshampoo auf den Markt gebracht habe, habe ich es farblos gemacht - aber das wollte er natürlich nicht, also blieb er bei dem alten weißen Zeug!"
Letztendlich ist Lagerfelds Pferdeschwanz eine gute Lektion in Sachen Branding. "Karl war ein hochqualifizierter und intuitiver Bildgestalter, der um die Bedeutung einer Silhouette wusste, ganz ähnlich wie Warhol", sagt McKnight. "Er wusste, dass die Silhouette seines Haares sofort erkennbar war, wie viele der ewigen Kultur-Ikonen, die sich in unser Gedächtnis eingebrannt haben: Elvis, Monroe, Einstein, Marie Antoinette, Königin Elisabeth.
Viele Menschen fragen sich, wie ein Tag im Leben von Karl Lagerfeld aussah. Es ist alles öffentlich, steht im Internet. Seine Tagesroutine wurde so genau und penibel dokumentiert, dass sogar Kim Kardashians Leben dagegen langweilig wirkt. Sieben Stunden Schlaf, zehn Dosen Cola, 30.000 Bücher.
“Ich koche nicht, ich kaufe nicht ein, ich fahre kein Auto, lese keine Sportzeitung, weil ich anderes zu tun habe.”
Klingt so, als würde das ein sehr guter Tag werden. “Stress? Das kenne ich nicht.
Nach genau sieben Stunden wacht Karl Lagerfeld in seinem weißen Nachthemd auf. Er braucht keinen Wecker, das passiert von alleine.
Glücklicherweise beginnt der Tag entspannt, so entspannt wie Lagerfeld eben sein kann. Es wird im Nachthemd gefrühstückt. Zwei Schoko-Proteinshakes und gedünstete Äpfel, dazu eine Cola Light. Die Cola Light ist für Karl das, was für Kim K das Drama ist. Immer, zu jeder Zeit und so viel wie möglich.
Ich liege also mit meinem Nachthemd im Bett mit weißer Bettwäsche (wichtig) und nippe an meinem Proteinshake im Weinglas.
Die nächsten Stunden verbringe ich äußerst kultiviert. Die verschiedensten Zeitungen stapeln sich neben mir. Karls Favoriten: die Zeit und die New York Times. Die AfD und die Flüchtlingspolitik überspringe ich, so eine Negativität brauche ich nicht am Morgen.
Nun wird es Zeit, sich wirklich in Karl Lagerfeld zu verwandeln. Ich gehe zuerst baden, mit Badesalz, damit die Haare sich nicht kräuseln, und verschaffe mir den ikonischen Karl Lagerfeld Look. Weißer Stehkragen, Blazer, Handschuhe, Sonnenbrille, Perlenketten und Silberringe, und natürlich den grauen Zopf.
Obwohl all diese Sachen tatsächlich aus meinem Kleiderschrank stammen, fühle ich mich verkleidet. Tagträumen ist sehr wichtig, sagt King K. Dadurch wird die Fantasie stimuliert. Karl hat viele Visionen und mit dem Träumen schon ganze Chanel-Kollektionen erschaffen. Ich träume von Pancakes, während ich gedünstete Äpfel snacke.
Nach drei Dosen Cola Light mache ich mich auf den Weg zum Chanel-Store, da ist schließlich mein Ort der Inspiration. Obwohl ich mit Sicherheit nicht die erste Person bin, die mit Sonnenbrille in der Berliner U-Bahn sitzt, werde ich schräg angeschaut. Ob die Leute mich erkennen? Kein Wunder, dass Karl selbst kaum in der Öffentlichkeit unterwegs ist.
Während der Fahrt übe ich meinen arroganten Blick im Spiegelbild der Fensterscheibe. Die Verinnerlichung der Karl-Attitüde und der Fakt, dass ich seit Stunden eine Sonnenbrille trage, haben zur Folge, dass ich schlechte Laune kriege, “une attitude”, wie man in Paris jetzt sagen würde.
Ich stehe sehr nervös vor dem Chanel-Store. Ich denke an die Sicherheitsleute und Türsteher, die mir mehr Angst machen als die vor einem Club. Mit ihren schwarzen Anzügen und Headsets sehen sie aus wie eine kleine Karl-Armee. Ob sie mich in diesem Aufzug reinlassen?
Als ich mich vor der neuen Winterkollektion im Schaufenster ablichten lasse, wird der Türsteher schon auf mich aufmerksam. Langsam schreitet er die Treppe des Stores herunter. Sofort steigt Panik in mir auf und ich beschließe, erstmal hinter Cartier zu verschwinden. Ich trinke mir mit meiner Cola Light Mut an und starte den zweiten Versuch.
“What would K do?”, frage ich mich und steige mit der größten Selbstverständlichkeit die Treppen zu meinem Imperium hoch. Gut, dass ich eine Sonnenbrille aufhabe und man nicht sieht, dass ich große Angst vor der Demütigung habe, diese Treppen sofort wieder runterzulaufen.
Dann passiert etwas Verrücktes: Sie lassen mich tatsächlich herein. Man begrüßt mich so freundlich, als wäre ich Karl Lagerfeld persönlich. Ich bleibe ganz cool und winke mit meinen schwarzen Handschuhen. Das Plastik meiner Perücke leuchtet heller als die Schmuckkollektion.
Kritisch schleiche ich durch den Laden und freue mich innerlich wie mein Teenager-Ich, das seine erste Vogue kauft.
“Du siehst aus wie Karl Lagerfeld!”, sagt plötzlich einer der Mini-Karls vor der Schuhabteilung. Er meint es ernst. Ich weiß nicht, woher die Selbstsicherheit aus mir gekommen ist, mit der ich lässig antworte: “Ich bin sein größter Fan.”
“Aber wirklich, genau der Look! Das Outfit, die Brille!” Ich muss es noch einmal betonen: Er meint es wirklich ernst. Wir tauschen kurz ein paar Karl-Facts aus, sein Bart, seine Katze, die letzte Show. Gut, dass ich vorbereitet bin und jederzeit mit Karl-Lagerfeld-Sprüchen um mich werfen kann.
Ich frage den Verkäufer, ob der echte Karl hier ist. Aber der ist in Paris.
“Siehst super aus!”, sagt der Verkäufer mir und macht Komplimente zu meinem Look.
Langsam verstehe ich Karl Lagerfelds Erfolgsgeheimnis. Es ist wirklich seine Attitüde. Wenn man fest daran glaubt, der absolut coolste Mensch im Raum zu sein, funktioniert es auch.
Ich weiß nicht, ob es an meinem Erfolg auf dem Kurfürstendamm liegt, aber ich fühle mich dort deutlich wohler als in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Ich erinnere mich, wieso ich damals der Modewelt verfallen bin und mein ganzes Taschengeld für Klamotten ausgegeben habe. Weil alles glitzert und magisch ist, alles sieht schön aus und alle sind nett. Es ist diese “la chapelle belle” und sie lässt meine Augen leuchten.
Die Arbeit als Karl stelle ich mir mehr als entspannt vor. Ich kann kommen, wann ich will, machen, was ich will, und gehen, wann ich will. Also komme ich am späten Nachmittag und suche mir einen Ort, an dem ich in Ruhe ein wenig zeichnen kann. Karl ist bekanntlich ein großer Freund vom Alleinesein. Einsamkeit ist Luxus.
Ich sitze in einem kleinen Konferenzraum und versuche angestrengt, mit Handschuhen die richtigen Tasten zu treffen. Mittlerweile habe ich sieben Dosen Cola Light getrunken, das sind mehr als zwei Liter. Mir ist schlecht und ich bin müde. Meine starke, innere Haltung schwindet. Langsam nervt es mich, genervt zu sein. Ich verstehe, warum Onkel Karl seine Ruhe braucht.
In der Doku Karl Confidential lerne ich, dass Karl oft nur Ideen skizziert, erste Einfälle oder Inspirationen. Den Rest übernehmen seine Angestellten. Das gibt mir Hoffnung. Muss ich also meinen Artikel nicht selbst schreiben, sondern kann das an meine Kollegen weitergeben?
Nach zehn Minuten im Einzelbüro klopft es an die Tür. Vor mir stehen leicht genervte Kollegen. Sie haben den Raum reserviert und sie scheint es nicht zu interessieren, dass ich Karl bin und nun mal meine Ruhe brauche.
Diniert wird laut der Karl-Bibel alleine. Er hat keine Lust auf soziale Umgebungen (die Zeiten sind vorbei) und lässt sich ein Abendessen von einem seiner beiden Köche zubereiten. Ich fühle mich ein wenig einsam, wie ich bei Kerzenschein vor meinem Wildblütensalat sitze. Vielleicht bin ich für sowas noch zu jung. Vielleicht habe ich auch einfach genug von Karl.
“Ich leide an einer Überdosis meiner selbst”, sagte Karl in einem Interview und ich verstehe nach 12 Stunden Lagerfeldleben zum ersten Mal, was das wirklich heißt.
Den Rest des Abends ziehe ich mich nun zurück. Ich schlüpfe wieder in das weiße Nachthemd, wähle eines von Karls 30.000 Büchern aus, die in seiner Bibliothek stehen, und lege mich in das weiße, frisch bezogene Bett. Ich bin erschöpft, obwohl ich kaum etwas getan habe. Diese ganzen Regeln, Strukturen und fast drei Liter Cola Light haben mich müde gemacht. Ich möchte jetzt keine Fotos mehr, bitte, danke.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Ursprung des Pferdeschwanzes | Zunächst praktisch, dann Branding-Tool |
| Historischer Bezug | Zopf aus dem 18. Jahrhundert mit Haarpuder |
| Karl Lagerfelds Tagesroutine | Sieben Stunden Schlaf, zehn Dosen Cola, 30.000 Bücher |
| Besonderheiten | Weißes Trockenshampoo, Stehkragen, Sonnenbrille, Handschuhe |
| Erfolgsgeheimnis | Attitüde und Selbstsicherheit |
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