John Langer Schnurrbart: Fakten und Geschichte

Als sich Hipsterbärte in Männergesichtern breitmachten, dachte man an eine kurze Mode. Doch Bärte sind weiter en vogue. Bart oder Nichtbart, das ist hier die Frage.

Auf die Frage, warum sich Männer Bärte wachsen und dann stehen lassen, gibt es viele Antworten. Auch eine kleine Spontanumfrage unter Redaktionskollegen fördert unterschiedliche Erklärungen zutage, die mit dem aktuellen Stand der Gesichtsbehaarung korrelieren. "Weil sie es können", lautet die kecke Erklärung eines gepflegten Vollbartträgers, dem Machismus in jeder Form ansonsten völlig fremd ist. Ein anderer bekennt, dass er seinen Vollbart aus Gründen der Zeitersparnis ("man könnte es auch Faulheit nennen") stehen lässt.

Der italienische Hochspringer Gianmarco Tamberi tritt bei Wettkämpfen mit einer eher exzentrischen Halbbartkreation an und gewann damit zuletzt bei den Europa- und Weltmeisterschaften sowie bei den Olympischen Spielen 2021.


Gianmarco Tamberi mit seinem Markenzeichen, dem halben Bart

Die Geschichte des Barts

Der Bart galt in früheren Zeiten als Zeichen der Männlichkeit und Weisheit und als Ort der Stärke; man glaubte, wer seinen Bart beseitige, verliere die Kraft.

Im Bart vermutete man, wie im Haar überhaupt, die Lebenssubstanz; darum beschwor man durch Berührung des Bartes den Angerufenen gleichsam bei seinem Leben.

Andererseits wurde vermutet, dass die Manneskraft mittels des Bartes auf andere übergehe; so hieß es aus Mecklenburger Quellen, wenn die Nachgeburt nicht kommen will, solle sich der Mann den Bart abscheren und ihn nebst Seifenschaum der Wöchnerin eingeben.

Männliche Trauernde gaben ihre Verzweiflung durch Abschneiden ihres Bartes kund.

Anders im alten Rom: Dort ließ man im Trauerfall oft jahrelang Haar und Bart wachsen und bediente sich daneben schlechter und geringer Kleidung.

Man strafte große Verbrechen, indem man dem Schuldigen den Bart abschneiden ließ; es war ein Zeichen von Ehrlosigkeit, wenn man sich diese wertvolle Zierde nehmen lassen musste.

Wer sich Haar oder Bart abschneiden ließ, unterwarf sich dadurch der Gewalt des anderen.

Daher geschah die Adoption von Erwachsenen bei Goten, Langobarden und Franken symbolisch durch Abschneiden des Haares oder des Bartes: so adoptierte Alarich, der König der Westgoten, den Frankenkönig Chlodwig.

Es galt als Schimpf, sich den Bart verunglimpfen zu lassen. Um die Israeliten zu kränken, schnitten die Ammoniter Davids Boten den Bart auf einer Gesichtshälfte sowie die Hälfte ihrer Kleider ab.

Eine der härtesten Strafen, die man über den Araber verhängen konnte, bestand darin, dass man ihm den Bart nahm. Plutarch sagte „ein jeder, der bey den Lacedemoniern einer Feigheit habe überführt werden können, sey genöthigt worden, als ein äußerst schimpfliches Schandmal, einen Theil des Knebelbarts rasirt, und den andern behaart zu tragen.“

Die Bürger von Kreta waren so sehr in ihren Bart verliebt, dass sie es für den größten Schimpf und für die größte Beleidigung hielten, wenn man ihnen den Bart abscheren ließ.

Ein Bürger von Kreta betrachtete die Ehre seines Hauses als wiederhergestellt, nachdem einigen jungen Leuten, die seiner Tochter Gewalt angetan hatten, der Bart geschoren worden war.

Bärte in verschiedenen Kulturen

Die Assyrer und Babylonier trugen ornamentale Bärte.

Alte Ägypter trugen keine Bärte, hatten lediglich einen falschen Bart entsprechend ihres Rangs am Kinn und ließen Haare und Bart laut Herodot nur während der Trauer wachsen.

Alle heidnischen Götter, mit Ausnahme von Apollo, trugen buschige Bärte. Sogar sein Sohn Asklepios wird als bärtiger Mann abgebildet.

Um die Zierde des Bartes zu erhöhen, durchflocht man ihn im Altertum mit Goldfäden, und Jünglinge opferten den ersten Flaum von ihrem Kinn als ihr höchstes Gut auf dem Altar.

Homer sagte den Griechen nach, sie seien wohlgeübt gewesen in der Kunst, den Bart zu pflegen; er selbst verabscheute die Vernichtung derselben.

Seit homerischer Zeit berührten kniende Bittflehende den Bart der ersuchten Gunstgewährenden. Hierin gründet sich die Redewendung „jemandem um den Bart gehen“.

Nach Athenäus trugen alle Griechen Bärte bis zur Zeit von Alexander dem Großen, welcher seinen Mazedoniern im Jahre 332 v. Chr. vor der Schlacht von Arbela das Bartabschneiden anbefahl, weil der Feind sie im Kampf am Bart ergreifen könnte.

Die Athener schoren sich auch ohne diesen Zwang den Bart, bis Justinian die bärtigen Gesichter wieder in Mode brachte.

Die Philosophen des alten Griechenlands waren der Länge ihres Bartes halber berühmt und so betitelte Persius den Sokrates als bärtigen Meister (magister barbatus), und Lucian erzählt von einem, welcher sich um eine Professur bewarb, jedoch der Kürze seines Bartes wegen zu solchem Amte untauglich befunden wurde.

Bei den Arabern und Türken hatte ein Zeuge mit einem langen Bart einen großen Einfluss auf die Entscheidung einer streitigen Sache.

Der Bart als Schutz

Moses betrachtete den Bart als ein Geschenk der Natur, wodurch das Gesicht sowohl gegen die Einwirkungen der rauen, nachteiligen Witterung als auch gegen die alles aussaugende Sonne geschirmt, und auf diese Weise die innere, zur Gesundheit zuträgliche Wärme in demselben erhalten wird. Deshalb stellte er auch das Gesetz auf, dass sein Volk weder die Haare am Haupt noch den Bart scheren sollte.

Die levitischen Priester ließen ihre Bärte wachsen, und eine Verordnung verbot das Abstumpfen der Kanten des Bartes. Lange Bärte und schleppende Gewänder wurden von den Juden der Vorzeit als Zeichen der Ehrenhaftigkeit betrachtet.

Bei den Römern waren rotes Haar und roter Bart hoch gepriesen worden, weshalb auch viele große Männer diese Naturgabe in ihren Namen und Titeln als Zierde kundgaben. So sind uns bekannt: Sp. Latius Rufus, Sergius Sulpitius Rufus, Q. Minutius Rufus, P. Rutiltus Rufus, Q. Pompeius Rufus; lauter rothaarige Männer, die in den asiatischen, thrakischen, kimbrischen, parthischen und illirischen Kriegen ihren Namen durch heroische Tapferkeit verewigt haben.

400 Jahre lang, sagte Cicero, gab es in Rom keine Barbiere; um das Jahr 454 nach Roms Erbauung kam Ticinius Mänas, ein Barbier aus Sizilien, nach Rom und führte die Sitte ein, sich den Bart abscheren zu lassen.

Scipio Africanus war der erste, der sich tagtäglich barbieren ließ und nach ihm hat sich diese Sitte verallgemeinert.

Ha­drian führte den Bart wieder ein, vermutlich, weil er damit seine Gesichtsnarben bedecken wollte.

Was unsere Vorfahren anbetrifft, so steht fest, dass langes Haar und langer Bart die Ehrenzeichen der Freien und Edlen waren. Die alten Gallier, Germanen und Franken trugen einen Bart.

Die Chatten ließen ihren Bart und die Haare wachsen, bis sie einen Feind getötet hatten.

Die Angelsachsen schoren sich niemals; Druiden und Barden waren langbärtig, so berichtete Julius Caesar. Viele erhielten ihren Namen von ihrem Barte, wie William Rufus, der Normannenkönig von England, Barbaros Hayreddin Pasa oder Friedrich Barbarossa. Auch nannte man die Familie von Heraklius wegen ihrer langen Bärte im alten Griechenland Pogonatos.

Die stolzen Bärte deutscher Ritter verschwanden mehr und mehr, als die Kreuzzüge sie über die vaterländischen Grenzen hinauslockten. Als in Frankreich mit Ludwig XIII. und Ludwig XIV. zwei Monarchen herrschten, welche beide minderjährig den Thron bestiegen und noch ohne Bartwuchs waren, schoren sich die Hofleute aus Kriecherei das Kinn glatt.

Perser, Türken und Araber trugen Bärte.

In Palästina und Ägypten glaubte man, dass die Leute mit hellblauen Augen einen bösen Blick haben müssen. Dieser sei zweifellos vorhanden, wenn die betreffende Person außer den hellblauen Augen auch zusammengewachsene Augenbraunen, weit auseinanderstehende Schneidezähne und keine Haare hat.

Am gefährlichsten war es, wenn diese Kennzeichen bei einem bartlosen Mann anzutreffen waren. Nicht nur bei den Arabern, sondern auch bei anderen Völkern wurden die Augen insbesondere kinderloser Frauen und bartloser Männer als die gefährlichsten gefürchtet.

Abgeschnittene Haare und Bärte sollte man nicht leichtsinnig wegwerfen, die Hexen würden sie nehmen oder ein Vogel trage sie in sein Nest, und dann bekomme man ein unsinniges Kopfweh. Auch solle man sich Haar und Bart am Karfreitag nicht scheren lassen; wer das tue, werde viel Kopfweh haben.

Rasur als hygienische Maßnahme

Der Brauch, sich die Bärte zu rasieren, wurde im Jahr 1160 auf dem europäischen Kontinent von Peter Lombard eingeführt. Papst Innozenz III. bestätigte 1200 diesen Brauch im Laterankonzil.

Der Grund für die Bartlosigkeit der kirchlichen Geistlichen war, dass man beim Empfang der heiligen Sakramente mit dem Bart das Brot und den Wein berühren und Krümmel und Tropfen auf dem Bart hängen bleiben konnten.

Adam fand 1862 dieses Gebaren der Geistlichkeit gegen das Tragen der Vollbärte umso unbegreiflicher, als alle Künstler heidnischer und christlicher Zeit den lieben Gott, der uns doch nach seinem Ebenbild erschaffen, mit einem Vollbart darstellten.


Abb. 1 Eine Gruppe von Männerporträts, illustrativ für die Haar- und Bartmode (Aus: Rowland, 1853).

Im Verlauf der Geschichte hat es zahlreiche Modearten der Bärte und der Schnurrbärte gegeben; beispielsweise den langen Vollbart, den viereckigen oder russischen Vollbart, Henri Quatre, Schriftsteller, Herweghs, Künstler, Backenbart, Schnablir, Hasen, Ourangutan, Eremiten, Schifferkrause, Victor-Emanuel-Bart, Ziegenbart, den Bart mit zwei Spitzen, Spitzbart, Kinnbart sowie alle weiteren möglichen Formen des Schnurrbarts, wie starr in die Höhe ragender Schnurrbart, Bindfadenbart, Walross, Moustache. Eine Auswahl der alten Bartformen ist in Abbildung 1 dargestellt.

Bärte und Politik

Als Karl der Große im Jahr 774 die Lombardei unterwarf, ließ er sich endlich doch dazu bewegen, im Jahr 788 Grimoald nach Benevent heimkehren zu lassen; aber Grimoald musste ihm versprechen, dass auf den Münzen und öffentlichen Urkunden der Name des Königs voranstehen und die Langobarden in seinem Herzogtum ihren Bart abschneiden sollten.

Denn die Römer ließen den Bart nicht wachsen, die Langobarden aber trugen zur Rechtfertigung ihres Namens noch immer lange Bärte, und dieses äußere Zeichen reichte aus, um zwischen ihnen und den Römern eine Unterscheidung zu erhalten. Darum verlangte Karl der Große, dass der Bart der Langobarden fallen sollte.

Später ließ sich Karl der Große jedoch selbst einen Bart wachsen. Bei Ludwig VII, König von Frankreich, spielte der Bart eine merkwürdige Rolle. Er hatte erst einen langen Bart getragen, ließ ihn aber später abscheren. Dies gefiel seiner Gattin Eleonore von Aquitanien (1122 bis 1204) gar nicht. Sie ließ ihn wissen, dass sie eine Abscheu gegen das Rasieren habe. Sie könne ihn nicht mehr lieben, wenn er bartlos sei. Ludwig blieb bartlos, Eleonore ließ sich scheiden und heiratete den vollbärtigen Heinrich Plantagenet, Herzog von Anjou und der Normandie, späterer König von England.

Peter der Große war kein Anhänger der Bärte. In seinem Reformeifer, das mittelalterliche Russland in ein modernes Reich europäischer Prägung zu verwandeln, verlangte er nicht nur eine entsprechende Kleidung, sondern stieß sich auch an der religiösen Sitte der Männer, lange Bärte zu tragen.

Er schnitt Männern eigenhändig die Bärte ab und führte 1698 sogar eine Bartsteuer ein.

Wer seinen Bart behalten wollte, musste - je nach seinem Stand - eine jährliche Bartsteuer in Höhe von 30 bis 100 Rubeln entrichten. Wurde ein Bärtiger ohne Steuerquittung angetroffen, konnte es vorkommen, dass die Soldaten den Bartträger sofort zwangsrasierten.

Nur die Geistlichkeit und die Bauern durften ihre Bärte fortan steuerfrei tragen.

Bärtige Besucher vom Lande durften ihren Bart nur nach Entrichtung von einer Kopeke wieder mit nach Hause nehmen.

Besonders ältere Russen bewahrten ihre abgeschnittenen Bärte als Reliquien auf, und verordneten, dass diese nach ihrem Tod neben sie in den Sarg gelegt werden mögen, auf dass sie dem heiligen Nicholas darüber Rede und Antwort geben könnten.

Als auch die russischen Soldaten vom Zar gezwungen wurden, sich von ihren Bärten zu trennen, klagten sie darüber, dass die Kälte auf ihr Gesicht schlage und bei ihnen Zahnschmerzen auslöse.

Man meinte beschwichtigend, dass der Zar Peter diesen Befehl aus religiösen Gründen erteilt habe. Die Armee war nämlich im Begriff, gegen die Türken zu marschieren und es war bekannt, dass die Janitscharen Bärte trugen. Daher war es besonders wichtig, dass die Russen sich von den Türken unterschieden. Nur so könne ihr heiliger Nicholas seine eigenen Leute erkennen. Als der Krieg gegen Schweden begann, durften die Soldaten wieder ihre Bärte tragen.

Sein Nachfolger Peter III. (1728 bis 1762) hatte nach seiner Thronbesteigung 1762 vor, die Regel über das Barttragen noch weiter zu verschärfen. Sein plötzlicher Tod führte dazu, dass diese Regel nicht in Kraft trat.

Die Zarin Katharina II. (1729 bis 1796) konnte nur bärtige Männer leiden, und ihr Liebhaber Potemkin besaß bekanntlich nicht den schlechtesten Bart. Die Königin von England, Elizabeth I. hasste Bärte und führte 1558 eine Bartsteuer ein. Alle, die sich 14 Tage lang nicht rasierten, mussten diese Steuer in Höhe von 3 Shilling und 6 Pence entrichten. Diese Regelung wurde aber nicht ganz ernst genommen.


Abb. 2 Bart- und Schnurrbarttrend.

Im Verlauf der Geschichte gab es sowohl Verfolgungen des Bartes als auch der Bartlosigkeit. Auch änderte sich die Mode ständig, einen besonders rasanten Aufschwung erlebte der Bart in der Mitte des 19. Jahrhunderts in England. Man sah in den Karikaturen (Abb. 2) unrasierte Polizisten und vollbärtig...

Sehenswert! // Bart - zwischen Natur und Rasur (Teil 2)

tags: #John #langer #Schnurrbart #Fakten

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