Hannelore Kohl: Leben, Leiden und das Vermächtnis einer Kanzlergattin

Hannelore Kohl, die Ehefrau des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, war eine Frau, deren Leben von vielen Höhen und Tiefen geprägt war. Ihre Rolle als Kanzlergattin, ihre persönlichen Leiden und die Kontroversen nach ihrem Tod haben sie zu einer Figur gemacht, die bis heute im Gedächtnis der Deutschen geblieben ist.

Frühe Jahre und Heirat mit Helmut Kohl

Hannelore Kohl wurde als Johanna Klara Eleonore Renner 1933 in Berlin geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in großbürgerlichen Verhältnissen, da ihr Vater, Wilhelm Renner, als Direktor einer Munitionsfabrik Karriere machte. Nach dem Krieg erlebte die Familie jedoch einen tiefen Fall. Hannelore musste betteln, um nicht zu verhungern.

Helmut und Hannelore Kohl lernten sich bereits 1948 bei einem Klassenfest kennen. Da war sie 15, ihr späterer Mann 18 Jahre alt. Von ihrem Vater von allem Politischen ferngehalten und eigentlich politisch nicht sonderlich interessiert, fand sie in dem zukünftigen Bundeskanzler einen Fels in der Brandung.

1960 heiratete sie Helmut Kohl. An der Seite von Helmut Kohl, wird sie 1969 First Lady von Rheinland Pfalz und 1982 Kanzlergattin. Immer hält sie sich bescheiden im Hintergrund und widmet sich ganz der Erziehung der beiden Söhne Walter und Peter.

Leben im Schatten des Kanzlers

Hannelore Kohl musste sich damals damit abfinden, dass die Ämterhäufung ihres Mannes weder ein normales Familienleben zuließ, noch dass sie auf die Entscheidungen ihres Mannes im Politikbetrieb Einfluss hatte, so Schwan. 1975 erfuhr sie von der Nominierung ihres Mannes als Kanzlerkandidaten aus dem Radio - er hatte sie vorher nicht informiert.

Noch bevor Helmut Kohl 1982 Helmut Schmidt als Bundeskanzler ablöste, wurde das Haus in Oggersheim zu einer "Hochsicherheitsbude" umgestaltet, wie Hannelore Kohl sarkastisch bemerkte. Bewacher brachten die Söhne zur Schule, auf der Straße spielen war nicht drin. Parallel zu der martialischen Abschottung musste aber immer wieder fröhlich-intaktes Privatleben nach außen demonstriert werden - vor allem während des Urlaubs.

Seit 1962 machten die Kohls jedes Jahr Sommerferien in St. Gilgen am Wolfgangsee, bis zu ihrem Tod. Und jedes Jahr die gleichen Fotos: Kohl, wie er seine Frau über den See rudert. Familie Kohl beim Halmaspiel. Frau Hannelore stets mit gusseisernem Lächeln.

Als Kohl die Bundesbühne betrat, wirkte er anfangs linkisch, die "Titanic" verspottete ihn als "Birne" - und die Familie litt unter der Häme mit: "Wenn er Birne war, dann konnte sie ja nicht die Rose von Jericho sein", sagt Gertrud Höhler. Dennoch versuchte sie, allen Erwartungen perfekt zu entsprechen.

Bei internationalen Treffen und Besuchen von Staatsgästen habe sie geradezu brilliert, so Heribert Schwan. Natürlich kannte Hannelore Kohl die Gerüchte um die "Wohngemeinschaft" ihres Mannes in Bonn mit seiner Büroleiterin Juliane Weber, Cheffahrer Ecki Seeber, später auch mit dem persönlichen Sprecher Eduard Ackermann.

Mit Juliane Weber verband sie eine Freundschaft. Sie hatte keinen Einfluss darauf, dass solche Kolportagen ihre wahre Leistung verdeckten. Als Gründerin des Kuratoriums ZNS (1983) und der "Hannelore-Kohl-Stiftung für Verletzte mit Schäden des Zentralnervensystems" 1993 sammelte sie Millionen Mark an Spenden, die in professionelle Diagnose- und Therapieprojekte und in den Aufbau von Kliniken gesteckt wurden.

Hannelore Kohl, damals 53, saß kerzengerade auf der champagnerfarbenen Couchgarnitur im Empfangssalon des Bungalows und gab zunächst erwartbare Antworten. Dass es in ihrer 26-jährigen Ehe immer zuerst um ihren Mann und dessen Laufbahn gegangen sei - für sie offenbar kein Problem: "Für mich steht das Wir im Vordergrund und nicht das Ich." Ihre täglichen Termin- und Repräsentationspflichten - angeblich keine Belastung: "Man bleibt dabei beweglich!" Das Wort Stress benutzte sie nicht, dafür aber häufig "pausenlos".

Warum eine Politiker-Ehe, zumal bei der CDU, immer heil und harmonisch aussehen müsse, selbst wenn der Haussegen schief hängt, fragte ich. "Ach, wissen Sie ... Ich muss wieder an früher anknüpfen ... Ich hatte in meinem Leben wirklich böse, schlimme Zeiten. Und wenn ich damals daran nicht zerbrochen bin, dann brauche ich mich über manche Auseinandersetzungen, auch über Kritik von außen, nicht mehr so aufzuregen. Ich kann nicht abhauen, zu Muttern gehen", sagte sie.

Die "andere" Hannelore Kohl konnte Leitungen erden und hatte für das Haus in Oggersheim einen Schaltplan für drei Stromkreise angefertigt, damit Fernsehteams ihre Scheinwerfer anschalten konnten, ohne dass die Sicherungen rausflogen. Sie liebte das Sportschießen mit einer Walther PPK Cal. 7,65, "weil es etwas mit Konzentrationsfähigkeit und mit Präzision zu tun hat", hatte sie im Interview gesagt. Sie liebte schnelles Fahren in Cabrios. Diese Hannelore Kohl war lebenslustig.

Trauma und Krankheit

Auch über die Traumata, die das Mädchen am Ende des Krieges erlebte, wurde nie geredet. Nicht über die Toten, Verwundeten, Verstümmelten, die sie sah. Und nicht über das Furchtbarste: die mehrfache Vergewaltigung Hannelores durch russische Soldaten. Dieses Trauma, sagt Schwan, habe sie verkapselt. Sie habe damals die Erfahrung gemacht, es sei besser, Traumata wegzudrücken, kein Licht in die eigene Gefühlswelt hineinzubringen.

Im Februar 1993 erlitt sie nach der Einnahme von Penicillin einen allergischen Schock. Hilde Seeber, jahrzehntelang Haushälterin, erzählt, es habe damals "sehr schlimm" um "die Frau Kohl" gestanden, "ihre ganze Haut habe sich geschält". Eine Krankenschwester habe die lebensbedrohliche Lage damals so ausgedrückt: Frau Kohl sei "gerade noch mal von der Schippe gehupst".

Danach zog sich Hannelore Kohl in die Dunkelheit zurück. Den Kanzler-Bungalow verließ sie nur noch mit starkem Make-up und Perücke. Tagsüber schloss sie alle Rollläden. Und der Kanzler? Sein Vater habe sich "schwergetan" mit der Situation, erzählt Sohn Walter. Im Machtapparat konnte keine Rücksicht genommen werden auf eine kranke Ehefrau - Lichtallergie, so die offizielle Sprachregelung.

Zehn Jahre später war sie so geschwächt, dass sie ihre Hochsicherheitsbude fast nicht mehr verließ, und wenn, dann nur nachts oder hochgeschlossen, mit einer Perücke, Sonnenbrille und fingerdicker Schminke. Ob es sich wirklich um eine unheilbare Lichtallergie handelte, die 1993 von einem Penicillinschock ausgelöst worden sein sollte, darüber gibt es unter Medizinern verschiedene Meinungen. Tageslicht, später auch Kunstlicht, und Hitze bereiteten ihr unerträgliche Schmerzen.

Als nach dem Ende von Kohls Kanzlerschaft 1998 die Spendenaffäre aufgedeckt wurde, verschlechterte sich Hannelore Kohls Zustand stetig, wie Schwan in den Gesprächen mit ihr erleben musste: „Sie hat es nicht mehr ertragen, als Kohls Ehefrau von den Leuten angespuckt und als ,Spendenhure‘ bezeichnet zu werden.“

Hannelore Kohl im Interview: Leben im Kanzlerbungalow (dbate)

Tod und Vermächtnis

Mehrere Medikamente hatte sie am Abend des 4. Juli 2001 zu einem tödlichen Cocktail zusammengerührt. 20 Abschiedsbriefe - an ihren Mann, ihre Söhne, das Haushälterpaar, ihre Freundinnen - lagen akribisch sortiert auf dem Nachttisch. Sie hatte versucht, wieder alles richtig zu machen.

Am 5. Juli 2001, gegen 12 Uhr mittags, bekam Walter Kohl in seinem Frankfurter Büro einen Anruf von Juliane Weber, der langjährigen Büroleiterin seines Vaters. "Walter, deine Mutter ist tot." Sein erster Gedanke war: "Mutter hat von sich aus einen Schlussstrich gezogen."

Die Bestürzung im In- und im Ausland war groß. Über die Krankheit von Hannelore Kohl war wenig bekannt - ebenso wie über ihr Leben und Leiden, wie es nun zu ihrem zehnten Todestag geschildert wird. Nicht viele Menschen hatten Einblick in das hoch gesicherte Privathaus, in das Privatleben und erst recht nicht in die Seele der Hannelore Kohl.

Hannelore Kohl erlöste sich von ihrem Leid am 5. Juli 2001. Sie hinterließ 16 Abschiedsbriefe. "Vertragt Euch!", mahnte sie ihre Söhne und ihren Mann. Auch dieser letzte Wunsch sollte sich nicht erfüllen.

Überall erschienen lange, respektvolle Nachrufe, aber schon das wäre der Toten nicht mehr recht gewesen, hätte man sie noch fragen können.

Wie ihr Leben vor dem Tod ausgesehen hatte, das wussten nur ganz wenige Menschen. Einer ist der Filmemacher Heribert Schwan, den Hannelore Kohl Mitte der Achtziger über die Arbeit für ein WDR-Porträt kennenlernte und dem sie in den Jahren vor ihrem Tod Dinge anvertraute, die sie noch nie einem Menschen von der Presse erzählt hatte.

Aus den Begegnungen ist nun, gut ein Jahrzehnt später, ein Buch entstanden. "Die Frau an seiner Seite - Leben und Leiden der Hannelore Kohl" hat es Schwan genannt. Der Autor versteht es als "Vermächtnis", nicht als Vertrauensbruch, das werden Teile der Familie mutmaßlich anders sehen.

Es ist ein entbehrungsreiches Leben, das Schwan noch einmal aufblättert, typisch für eine Generation von Frauen, die sich noch ganz den Bedürfnissen des Mannes unterordneten und ihr Glück an seinem ausrichteten. Vor allem aber ist es ein Kanzlerfrauenleben.

Hannelore Kohl mochte Journalisten nicht. Zu ihrem zehnten Todestag berichten viele über sie. Ein Autor, dem die Kanzlergattin vertraute, beschreibt ihr Leben als Leiden - die Söhne protestieren. Der Vater schweigt und kommt nicht zu einem gemeinsamen Gedenkkonzert.

Heribert Schwans Biografie

Hannelore Kohl, Ehefrau des Bundeskanzlers Helmut Kohl, blieb trotz ihres Lebens in der Öffentlichkeit jahrelang ein Rätsel, nicht nur für die Journalisten in der Bonner Republik. Nur einen von ihnen hat sie in ihre Seele blicken lassen und ihm sogar ihr dunkelstes Geheimnis verraten: Heribert Schwan.

Über viele Jahre hat der frühere Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) und Autor zahlreicher politischer Biografien Hannelore Kohl begleitet, auch kurz vor ihrem Selbstmord im Juli 2001 hatte er noch Kontakt zu ihr.

Mit seinem Buch „Die Frau an seiner Seite: Leben und Leiden der Hannelore Kohl“ (Heyne Verlag, München; 320 Seiten; 19,99 Euro) hat der 66-Jährige jetzt eine Biografie veröffentlicht, die bisher unbekannte und teils tragische Details aus dem Leben der Politikerehefrau erzählt.

Schwan hat sich Hannelore Kohl über ihren Mann, den Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden, genähert. 1985 schrieb er eine Biografie und drehte fürs Erste einen Film über Helmut Kohl und interviewte dafür auch dessen Ehefrau. „Sie hat es mir angerechnet, dass ich mehr erzählen wollte als die übliche Geschichte von der Birne und der Barbie aus der Pfalz“, sagt Schwan.

In den Interviews mit Schwan habe sie gemerkt, dass er nicht nur die Klischee-Blondine in ihr sah, sagt er. „Deshalb hat sie sich mir gegenüber geöffnet.“

Schwan ist der erste Biograf, der ihr Trauma so offen schildert.

Psychologische Hilfe wollte Hannelore Kohl nach Schwans Ansicht nicht annehmen, „weil sie niemandem vertraute und Angst hatte, ihr Leben mit all ihren Erinnerungen erläutern zu müssen.“

Damals ging Schwan fast täglich bei den Kohls zu Hause ein und aus, denn der Ex-Kanzler hatte ihn gebeten, ihm beim Verfassen seiner Memoiren zu helfen.

In der Nacht vom 4. auf den 5. Juli 2001 starb Hannelore Kohl in ihrem Bett an einer Überdosis Tabletten.

Die Inszenierung des Lebens von Hannelore Kohl

Man kann es womöglich lustig finden, wenn neun Hannelore Kohl-Grazien in bonbonfarbenen Kostüm sich am Küchentisch die blondierten Perückenhaare raufen und "Ooooh wann kommst du?" trällern; man kann aber auch entsetzt sein über so viel inszenatorische Naivität, die der Familie Kohl und einem letztendlich tragischen Frauenschicksal mit Ironie beizukommen versucht.

Die rasante Flucht aus dem Leben im Elektronikgewitter über ein Meer von Glassplittern beendet beeindruckend - nicht die "ganz andere Geschichte" der Frau Kohl, sondern ein Hannelore-Märchen.

Eine schöne Analogie bildeten immerhin die zwanzig Plastikbecher, die im ersten Bild - mit einer milchigen statt roten Flüssigkeit gefüllt - auf einem zugedeckten Flügel versammelt waren.

Hannelore Kohl - gelber Schlafanzug, gelbblonde Betonfrisurperücke - leert ein paar davon, während sie ihre vielen (18 sind verbürgt) Abschiedsbriefe zuklebt. Der angedeutete Selbstmord und die letzte große Sause der Republik fallen hier zusammen.

Dass dieser Tod einer Politikergattin, die ihr Leben im doppelten Sinne "im Schatten" verbringen musste, doch nur einen Moment lang weh tut, liegt am altbekannten Verfahren Kresniks, aus seinen zeitgenössischen und angeblich politischen Themen episodenhaft schönes - und oft überdeutlich plattes - Bildertheater zu machen.

Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse im Leben von Hannelore Kohl

JahrEreignis
1933Geburt in Berlin
1945Traumatisierung durch Vergewaltigung
1960Heirat mit Helmut Kohl
1969First Lady von Rheinland-Pfalz
1982Kanzlergattin
1983Gründung des Kuratoriums ZNS
1993Erkrankung an Lichtallergie
2001Selbstmord in Ludwigshafen-Oggersheim

tags: #Hannelore #Kohl #Perücke

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