Johanna Haarer: Eine пропагандистische Pädagogik im Nationalsozialismus

Die bleibende Wahrheit dieser eindringlichen Worte des deutschen Philosophen mahnt uns auch heute noch, an die Unentbehrlichkeit des Erinnerns. Dies betrifft nicht nur die Weltgeschichte, sondern auch die eigene Biografie, die in enger Verbindung mit ihrer jeweiligen Zeit steht.

Johanna Haarers Leben und Werk ist für uns heute Lebenden ein mahnendes Beispiel dafür. Die Fachärztin für Lungenerkrankungen, fünffache Mutter und überzeugte Nationalsozialistin gehört zu den „wirkmächtigsten Frauen im Deutschland des 20. Jahrhunderts“ (Thadden 2012, S. 47). Sie war während der Zeit der Nazi-Diktatur die „erfolgreichste Autorin“ (Vinken 2007, S. 232) auf dem Gebiet der Säuglingspflege und Kindererziehung. Ihre Erziehungsratgeber wurden hinsichtlich ihrer Dispersion von Staats-und Parteiinstanzen enorm unterstützt. Sie erschienen in dem auf NS-Literatur spezialisierten J. F. Lehmanns-Verlag und gelten heute „als ebenso abschreckende wie präzise Darstellungen nationalsozialistischer Maximen“ (Brockhaus 2008, S.

"Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind"

Johanna Haarers erfolgreichstes Traktat „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ hatte wie kein anderes Buch die nationalsozialistischen Erziehungsvorstellungen praxisnah übersetzt. Die Publikation avancierte zu einem Standardwerk und das obwohl „bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren durchaus schon Fachwissen vorhanden war, dass die von Haarer vertretenen Pflege- und Erziehungsregeln für das Aufwachsen eines Kindes als schädlich zu betrachten seien“ (Quindeau/Einert/Teuber 2012, S. 97). Bis zum Zusammenbruch der Nazi-Diktatur erzielte die Publikation eine Auflage von mindestens 500.000 Exemplaren. Sicherlich erreichte sie wegen der Verwendung in den Reichsmütterschulungskursen der „NS.-Frauenschaft“ und des „Deutschen Frauenwerkes“, einer Art mehr oder minder verpflichtenden Treffen und Lehrgänge nach einheitlichem Vorbild (die bis 1941 an die drei Millionen Teilnehmerinnen zählten), eine weit größere Anzahl von Frauen/Müttern (vgl. Dill 1999, S. 65 ff.).

„Es ist ein Dokument für die Instrumentalisierung der Mütter durch Mütter für die Normen nationalsozialistischer Mutter-Kind-Beziehung, in der vor allem Ordnung, Sauberkeit, Regelmäßigkeit, Abhärtung und absoluter Gehorsam verlangt waren zur Schaffung des verfügbaren Menschen“ (Benz 1993, S.

Ab 1949 erschien das Werk erneut unter dem Titel „Die Mutter und ihr erstes Kind“ auf dem Buchmarkt und das bis in die 1980er Jahre. Kurzum: Ein Bestseller vor und nach der Nazi-Zeit, der als Lehrbuch für Mütterschulungskurse und in Berufs- und Fachschulen für Kinderpflegerinnen, Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen Anwendung fand (vgl. Rotschuh 1990, S. 15 ff.). Wie Anna Hutzel, älteste Tochter von Johanna Haarer, dem Verfasser vorliegenden Beitrages schriftlich mitteilte, betrug die Gesamtauflage des Bestsellers 1,2 Millionen, „was den nach wie vor großen Bedarf an gynäkologischen und pädiatrischen Informationen bewies“2).

Und so wurden „Generationen von jungen Müttern in allgemeinverständlicher Form medizinisch informiert und ihnen mit Ratschlägen aus der Alltagspraxis geholfen, lange bevor die modernen Massenmedien der siebziger Jahre diesen Lebensbereich entdeckten“ (Körner 2005, S.

Mit dem gleichfalls berühmt gewordenen Nachfolgeband „Unsere kleinen Kinder. Ernährung und Wachstum, Pflege und Kleidung, Entwicklung und Erziehung“ gelang Johanna Haarer ein weiterer Kassenschlager, wenngleich dieser nicht an den fulminanten Erfolg von „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ anknüpfen konnte. Das 1936 erschienene Buch erreichte bereits 1939 die fünfte Auflage (50.-60. Tsd.). Im Jahr 1950 kam die erste „bereinigte“ Auflage im Carl Gerber Verlag auf den Markt, wo auch (vermutlich) 1972 die letzte neubearbeitete und illustrierte Fassung (262.-267.

Mit den Weihen der ärztlichen Autorität versehen, verstand es Johanna Haarer, die in beiden genannten Werken keine wissenschaftlichen Erkenntnisse zitiert, auch kein Literaturverzeichnis angibt und somit eine Überprüfung ihrer Aussagen, Zahlen sowie Fakten unmöglich macht, sich über Jahre hinweg den jeweiligen Zeitmeinungen anzupassen.

Kontinuität nach dem Krieg

Auch nach der Befreiung von der NS-Diktatur ging es zunächst ungeniert „in der beginnenden Demokratie weiter mit Haarers Erziehungsratschlägen“ (Müller-Münch 2013, S. 77), die trotz „eines Wandels in ihrem Vokabular… Kontinuität… zeigen“ (Eschner 2017, S. 70). In den 1960er Jahren rückte Johanna Haarer als Autorin zunehmend in den Hintergrund. Tochter Anna Hutzel wurde Mitherausgeberin und Mitautorin. Auf dem Cover stand nur noch „Dr. Haarer“ und eine der modernen Zeit angepasste pädagogische Sichtweise hielt Einzug.

Auffallend ist Johanna Haarers veränderte sprachliche Diktion, die im Vergleich zu den Originalausgaben, liberaler und flexibler wirkt; „individuelle Abweichungen ihrer Vorgaben werden zulässig; sie wechselt von der kameradschaftlichen Du/Wir-Anrede überwiegend zum distanzierten Sie; das in de[n] Originalausgabe[n] vermittelte Negativbild vom Kind weicht einer verständnisvolleren, offeneren Einstellung“ (Schmid 2008, S.

In meinem Beitrag gehe ich noch näher auf das propagandistische Kinderbuch „Mutter, erzähl von Adolf Hitler!“ ein. Geschickt nutzt die Autorin die psychologische Erzählsituation zwischen Mutter und Kind, um negative Vorurteile gegenüber Juden und anderem „Gesindel“ zu schüren. Vor solchem „Pack“ kann nur Adolf Hitler das deutsche Volk retten. Am Schluss des vermeintlichen Märchens wird zum Eintritt in den „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) bzw. in die „Hitlerjugend“ (HJ) aufgerufen, damit die zuhörenden Mädchen und Knaben einmal gute, tüchtige und mutige deutsche Frauen und Männer werden: „… klar und stark soll die Jugend in die Zukunft hineinwachsen, als junge frohe und tatbereite Gefolgschaft des Führers! In diesem Sinne erfüllt das Buch ... eine wichtige Aufgabe“ (zit. n.

Erstaunlicherweise erschienen die drei voranstehend genannten Publikationen noch weit bis in die Kriegsjahre hinein, trotz verordneter kriegswirtschaftlicher Sparmaßnahmen. So musste z. B. durch eine Verordnung der Reichspressekammer vom 1. Juni 1941 die gesamte kirchliche Presse mit wenigen Ausnahmen, ihr Erscheinen einstellen, mit der Begründung, dass „Menschen und Material für andere kriegswichtige Zwecke freizumachen“ (Klaus 1969, S.

Erst ab Mitte der 1980er Jahren wurde die Kontinuität der Haarer-Bücher, die in einer „eigenartigen Mischung aus kameradschaftlich[em], dabei belehrend[em]… Ton“ (Haarer/Haarer 2012, S. 346) verfasst sind, öffentlich infrage gestellt, als das erkannt, was sie waren und welche wir heute „Schwarze Pädagogik“ nennen.

Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, man könne die Psyche eines Kindes am besten dadurch beeinflussen, indem man sie beizeiten mit Gewalt in die gewünschte Richtung zwingt. Der Historiker Julius Schoeps disqualifizierte in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ (1985/Nr. 14) die Werke Johanna Haarers als „typisches Lehrstück unbefangener deutscher Vergangenheitsbewältigung“ (zit. n. Dill 1999, S. 39).

Biografische Details

Am 3. Oktober 1900 erblickte Johanna, genannt Hanni, als jüngstes von zwei Kindern des Buchbinders und Kaufmanns Alois Barsch und seiner Ehefrau Anna, geb. Fremrova3), in Bodenbach a. d. Elbe (ehemals Böhmen) das Licht der Welt4). Die Familiensituation war nicht unproblematisch. Georg, der um zwei Jahre ältere Bruder, starb im Alter von 10 Jahren an Meningitis.

Die resolute Mutter ist letztlich „für alles zuständig. Der Vater trinkt, muss oft von der Tochter ‚gerettet‘ werden. Er hat einen Buckel und ist kleinwüchsig. Durch den Ehrgeiz, Deutscher zu sein, deutsch zu sprechen, zu den besseren Kreisen zu gehören, schafft er sich eine Möglichkeit, Minderes auszugleichen. Ein massiver Antisemitismus hilft dabei“ (Eicke 2012, 872). Dessen ungeachtet hatte die Tochter zeitlebens ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern, insbesondere zum Vater.

Johanna Barsch besuchte von 1906-1914 in ihrem Heimatort die Volks- und Bürgerschule und arbeitete anschließend im elterlichen Haushalt und Papierwarengeschäft (einschl. Filiale) mit. Im Alter von 16 Jahren entschied sie sich für ein Studium der Medizin. Doch ein solches setzte das Abitur voraus. Wie sie dieses jedoch erreichen konnte, „nur mit Volksschulbildung plus Englischkenntnissen, aber ohne ein Wort Latein, von Mathematik und allem anderen ganz zu schweigen“ (Haarer/Haarer 2012, S. 92) bleibt unklar.

Letztlich fand der Vater nach langer Suche die passende Bildungseinrichtung, die von der Reformpädagogik beeinflusste „Dürerschule“ in Hochwaldhausen. Da dort, wie sich später herausstellte, der größte Teil der Schüler und Lehrer Juden waren, nahm Alois Barsch seine Tochter bald wieder heraus und schickte sie in „die Deutschen Landerziehungsheime, die Dr. Hermann Lietz gegründet hatte“ (ebd., S. 94). Hier war Johanna Barsch das einzige Mädchen unter „90 Jungen im Alter von 14-18 Jahren“ (ebd., S. 96).

Im Landerziehungsheim Bieberstein i.d. Röhn legte sie zu Ostern 1920 die Reifeprüfung ab und begann mit dem ersehnten Medizinstudium. Insgesamt studierte sie 10 Semester an den Universitäten in Heidelberg, Göttingen und München. In letztgenannter Stadt waren u.a. ihre akademischen Lehrer Friedrich von Müller, Ernst von Romberg, Wolfgang Sauerbruch und Walter Straub, die damals zu den großen Medizin-Stars gehörten.

1925 legte die inzwischen verheiratete Studentin das medizinische Staatsexamen ab und erwarb anschließend die Doktorwürde in der gesamten Medizin. Das Thema ihrer vom Vorstand des Pathologischen Instituts am Schwabinger Krankenhaus, Sigfried Oberndorfer, betreuten und mit „cum laude“ bewerteten Dissertation lautet: „Ein Beitrag zur Aetiologie der Pachymeningitis hämorrhagica interna“.

Nach Ableistung des praktischen Jahres erhielt sie im Jahr 1926 die Approbation. Johanna Haarer hatte zeitlebens großen Wert auf den an der Universität München erworbenen Dr.

Im Sommer 1924 heiratete Johanna Barsch den cand. med. Hellmut Weese. Genannter war später u.a. bei dem Konzern „I.G. Farben“ in Elberfeld (Wuppertal) angestellt und hatte das erste injizierbare Barbiturat („Evipan“) erfunden sowie den künstlichen Blutersatz „Periston“, „der so vielen Soldaten das Leben gerettet“ (ebd., S. 196) hatte. Der geniale Forscher war alles andere als ein treuer Ehemann. Darum trennte sich Johanna Weese von ihm, übersiedelte von Elberfeld zurück nach München, wo sie als Assistenzärztin für Lungenkrankheiten im Sanatorium München-Harlaching arbeitete.

Ihre zweite Heirat mit dem Oberarzt Otto Friedrich Haarer fiel in das Jahr 1932. Unmittelbar nach der Hochzeit kündigte Johanna Haarer ihre Stellung, denn „Beruf und Ehe und Kinder… waren damals üblicherweise nicht zu vereinbaren“ (ebd., S. 216). Vier Mädchen und einem Jungen schenkte sie das Leben. Von der NSDAP wurde sie im Jahre 1936 zur (ehrenamtlichen) Mitarbeit herangezogen.

Die Mutter und nicht aktive Ärztin übernahm das Referat der „Gausachbearbeiterin für rassenpolitische Fragen in der NS.-Frauenschaft“, ferner engagierte sie sich innerhalb der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ im „Hilfswerk Mutter und Kind“ sowie in der „Münchner Mütterschule“. Am 1. Mai 1937 wurde sie auf Betreiben des stellvertretenden Gauleiters im Gau München-Oberbayern, Otto Nippold, Mitglied in der NSDAP (siehe Abb. 6).

Nazi-Pädagogik und die Folgen: Johanna Haarer’s langer Schatten

Im gleichen Jahr veröffentlichte Johanna Haarer zwei der NS-Ideologie geschuldete Werke: „Säuglingspflege für junge Mädchen. Unterrichtsbuch für Schulen“ sowie „Mutterschaft und Familienpflege im neuen Reich“. Erstgenannte Publikation erschien 1949 in bereinigter Version und erreichte 1964 die 9. Auflage.

„Dr. med. Johanna Haarer war eine vorzügliche Lehrkraft. Sie dozierte anregend und konnte die jungen Mädels sehr gut für ihr Fach Rassenkunde und Vererbungslehre (Gesundheitslehre und Hygiene) motivieren… Die Seminaristinnen lernten gesundheitliche Probleme der Kinder erkennen um dementsprechende Hilfsmaßnahmen einzuleiten… Entsprechend der künftigen Berufsaufgaben wurden mit den Schülerinnen die kindlichen Infektionskrankheiten und die Schutzimpfungen ausführlich besprochen… Zum besseren Verständnis der körperlichen Entwicklung des Kleinkindes wurde von Frau Dr. med. Johanna Haarer die Wichtigkeit der Vererbungslehre (Erbpflege) und der Rassenkunde (Rassenpflege) unterstrichen… Die politische Gesinnung der Lehrbeauftragten war vorbildhaft. Sie konnte einige Mädels für die Mitarbeit in der Nat. soz.-Frauenschaft oder der NSV. gewinnen… Wegen ihrer vielfältigen Pflichten als treusorgende Mutter legte die engagierte Dozentin den Lehrauftrag nieder“ (zit. n. Reimann 1989, S.

In ihrer Funktion als Gausachbearbeiterin kämpfte die vorbildhafte Parteigenossin entschieden gegen den vermeintlichen Verfall der Mutterschaft sowie der deutschen Familie. Diesbezüglich konstatierte sie in einem Vortrag (gehalten am 18.

„Sie wissen, wie uns der Nationalsozialismus auf allen Gebieten des Lebens ein Rückbesinnen gebracht hat auf die in all ihrer Größe doch immer einfachen Gesetze der Natur und des vernünftigen Denkens. Gerade diese Tatsache ist es ja, die der neuen Zeit ihre zwingende Kraft verleiht und die bewirkt, daß niemand sich ihr entziehen kann, daß jeder auf seinem Gebiet, in seiner Arbeit einfach mittun muß, sofern er sich nicht in hoffnungsloser Abgewandtheit wissentlich und mit Willen vor ihr verschließt und verkriecht… Sie wissen alle, wie gekämpft wurde und noch gekämpft wird um die restlose Säuberung unseres gesamten kulturellen und öffentlichen Lebens von allen zersetzenden, bolschewistischen und jüdischen Tendenzen. Seinen sichtbarsten Ausdruck findet dieser Kampf in den Nürnberger Gesetzen zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre. Sie wurden im September 1935 erlassen. Es versteht sich von selbst, daß diese Reinigung und Wandlung unseres gesamten völkischen Lebens mit sich brachte ein Wiederaufleben der richtigen Einstellung zu Mutterschaft und Familie. Es handelt sich hier ja nur darum, gewissermaßen Schutt wegzuräumen und richtigen Instinkten, gesundem Gefühl wieder an den Tag zu verhelfen. In ganz der gleichen Richtung wirkt die ungeheuer Erziehungsarbeit der Partei“ (Haarer 1937, S.

Nachkriegszeit und Tod

Nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur wurde Johanna Haarer verhaftet. Sie verbrachte 15 Monate in drei verschiedenen amerikanischen Internierungslagern (in Stephanskirchen, Moosburg und Ludwigsburg), wo sie als Ärztin tätig war, „und laut ihrer Tochter [Anna Hutzel; M. B.] gezwungen wurde, falsche Diagnosen zu erstellen, um sich ihr Essen zu verdienen“ (Blumesberger 2014, S. 414). Otto Haarer konnte die Verhaftung und Internierung seiner Frau nicht verkraften. Keinen Ausweg mehr sehend, sprang in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag des Jahres 1946 von der im Süden von München gelegenen Großhesseloher Brücke, die die Isar und den parallel verlaufende...

tags: #Haaren #Modell #Pädagogik

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