Haare abschneiden als Strafe: Eine historische Betrachtung

Im Februar dieses Jahres kursierte ein Video über ein japanisches Pop Idol, das sich die Haare abrasierte, um sich selbst für einen Fehler zu bestrafen. In den meisten Fällen entledigen sie sich nicht selbst der Haare, sondern wird Ehebrecherinnen, SklavInnen oder sonstigen VerbrecherInnen das Haupthaar als äußeres Zeichen ihrer Schuld entfernt.

Palash Ghosh schrieb dazu einen Artikel, der exemplarisch die Geschichte von Haarschur als Bestrafung und Erniedrigung beleuchtet. Folglich war (und ist) die Haarlänge ein Symbol der Macht und Unterdrückung.

Diese Verbindung von langen Haaren und Macht hat mehrere Gründe, zum Beispiel die lang andauernde Etablierung eines Ausdrucks von sozialen Hierarchien. So finden sich etliche Beispiele von gesellschaftlicher Machtausübung oder -ausdruck über die Haarlänge. Denn generell galt der kurz Geschnittene meist als Repräsentant der unter(geben)en Schicht, während langes Haar eine gewisse Sonderstellung kennzeichnete.

Ungeschnittenes Haar galt griechischen Männern wie Frauen seit dem 1. Jt. v. Chr. als Zeichen der Freiheit. Durch das Christentum und nach dem allmählichen Verfall des römischen Imperiums folgten klare Zuteilungen der Frisuren: die Adelige Mähne, die geschnittenen Pagenköpfe und die „g’scherten“ Leibeigenen.

Dies hält sich mit modischen Abweichungen bis in das 18. Jahrhundert. Napoleon’s Reich wiederholte römische (militante) Strukturen und man trug das Haar unabhängig von der sozialen Stellung kürzer.

Ein banaler Grund liegt in den finanziellen Möglichkeiten und der Arbeitsaufteilung, denn lange Haare kosten viel und stören bei der Arbeit. Doch dies reflektiert im kapitalistischen System bereits Macht, denn die Mächtigen sind reicher (oder müssen wenigstens den Anschein wahren reich zu sein) als deren Untertanen.

Aus dieser Dualität ergab sich auch das symbolische Ritual des Haarschnitts als Entmächtigung oder Degradierung. Denn der Verlust des langen Zopfes versetzte jemanden auch äußerlich in eine niedrigere Schicht.

Der Soziologe Hallpike geht sogar weiter und nennt den Haarschnitt ein Hilfsmittel zur „social control“ und langes Haar sei folglich ein Zeichen für „being outside society“. Dazu muss man bedenken, dass sein Artikel 1969 erschienen ist - ein Jahr nach den Studentenrevolten und dem Höhepunkt der Konflikte zwischen Hippies und Konservativen.

Wenn man die historische Auflistung und die eben genannten Gründe zusammenführt, stellt sich mir die Frage: Warum unterscheiden sich die Machtträger von den Untertanen in totalitären oder militärischen System nicht durch langes Haar? Steht dies einzig in Verbindung mit der Rationalität und Repression der Emotionen, die ich im letzten Teil ausgeführt habe?

Es ist bekannt, dass bis auf wenige Ausnahmen die Glaubensträger(innen) und besonders … sich das Haupthaar scheren oder - wie im Falle der Nonnen - wenigstens bedecken. Dadurch differenzieren sie sich nicht nur von der Masse ab sondern der Akt des Haare Lassens symbolisiert gleichzeitig ihre Aufopferung, Entsagung des Weltlichen (Liebe, Besitz, …) und sündiger Laster (Stolz, Eitelkeit, …).

Doch ist es auch ein Machtsymbol, denn wirken und weilen sie nicht im Dienst einer Gottheit unter uns Sterblichen? Folglich sind langhaarige Gottheiten nicht nur eine historische Begebenheit, sondern eine Konsequenz der Macht-Haar-Symbolik.

Haare als Strafe in der modernen Gesellschaft

Als Strafe für schlechte Noten lassen Eltern ihre Kinder beim Friseur verunstalten und posten die Fotos oder Videos dann im Internet. So soll dem Nachwuchs Disziplin beigebracht werden, aber Experten haben ihre Zweifel.

Indem Eltern selbst zu Schere und Rasierer greifen und Fotos vom Ergebnis posten, heizen sie das Thema neu an. Seit Februar wurde Frederick schon mehr als 20 Mal im Auftrag von genervten Eltern tätig. Jedes Mal kostenlos.

Eltern nutzen auch auf andere Arten soziale Medien, um ihre Kinder online zu demütigen. Sie schreien sie an, zerschmettern ihre Computer oder Handys oder schlagen sie sogar. Die Videos hält sie nicht für sinnvoll.

Um ein Verhalten bei Kindern zu verändern, seien überhaupt keine Strafen nötig, erklärt sie. Viel wichtiger sei eine positive Bestätigung, eine Bestärkung der Kinder.

So erschienen Videos, in denen die Eltern nur so taten, als würden sie ihren Söhnen die Haare abrasieren, nahmen sie aber stattdessen am Ende in die Arme. "Niemals würde ich meinen Sohn so bloßstellen", sagt Wayman Gresham, ein 45 Jahre alter Vater von vier Kindern aus Fort Lauderdale in Florida.

Mit einer unkonventionellen Strafe hat ein Jugendrichter im US-Bundesstaat Utah den Zorn einer Mutter auf sich gezogen: Die Frau sollte ihrer 13-jährigen Tochter im Gerichtssaal deren langes Haar abschneiden.

Die 13-Jährige stand zusammen mit einer elfjährigen Freundin vor Gericht, weil beide einer Dreijährigen mit einer Schere die Haare abgeschnitten und ein anderes Mädchen am Telefon schikaniert hatten.

Bruno ging auf das Angebot ein, was sie inzwischen nach eigenen Worten bitter bereut. Sie bedauere es, dass sie vor der Anhörung keinen anwaltlichen Rat eingeholt habe, erklärte sie.

Der Mutter des dreijährigen Mädchens, Mindy Moss, hingegen äußerte sich zufrieden über das Urteil. Sie habe sich sogar während der Anhörung zu Wort gemeldet, weil sie das Gefühl hatte, Bruno habe ihrer Tochter die Haare nicht kurz genug geschnitten. Johansen wies Bruno daraufhin an, den Pferdeschwanz "bis zum Haargummi" zu kürzen.

Die elfjährige Freundin von Brunos Tochter wies der Richter an, ihr Haar so kurz schneiden zu lassen wie seines. Sie durfte dazu einen Friseursalon aufsuchen.

Haare als Spiegel des Frauenbildes

Das Patriarchat hat immer etwas mit Frauen zu tun: was sie sagen, was sie denken, wie sie sich kleiden und sogar, was sie mit ihren Haaren machen. Das Sprichwort «Lange Haare, kurzer Verstand» wurde hierzulande - ähnlich wie in Belarus - lange Zeit verwendet, um Frauen abzuwerten und ihnen ihre Intelligenz abzusprechen.

Solche Redewendungen spiegeln alte patriarchale Vorstellungen wider, in denen weibliche Schönheit und Vernunft als Gegensätze galten.

Für Frauen waren Haare im Laufe der Geschichte nicht einfach nur Haare. Wie für andere Teile ihrer Körper mussten sie sich das Recht erkämpfen, mit ihren Haaren so umzugehen, wie sie es wollen. Früher wurden ihnen die Haare als Strafe abgeschnitten.

Mit dem Ersten Weltkrieg ändert sich das Leben von Frauen dramatisch, und schon in der Weimarer Republik entstand das Bild der «Neuen Frau» als Symbol eines selbstbestimmten, modernen Lebens: Mit Bubikopf oder «Coupe à la Garçonne», der aus Paris stammenden Kurzhaarfrisur, mit Zigarette und einer Portion Unangepasstheit verkörperte sie den Bruch mit den gesellschaftlichen Konventionen des 19. Jahrhunderts.

Es kursierte der Slogan: «Arisch ist der Zopf, jüdisch ist der Bubikopf», durch den die Nationalsozialisten Frisuren politisierten und ein gehorsames Frauenbild, ihr Ideal «deutscher Weiblichkeit», durchsetzten.

Haarmode und Selbstermächtigung -Frauenbilder. Heutzutage sieht man auf Porträtfotos Autorinnen nur noch selten mit Hut. Hüte sind aus der Mode gekommen.

Ich finde das schade, denn dieses Accessoire hat viel Potenzial - insbesondere jetzt, wo man einen Hut nach Belieben tragen kann und nicht aufgrund des eigenen Status oder einer Verpflichtung.

Der Fall des Augsburger Zopfabschneiders

Von ‚Karl the Ripper‘, dem Mädchenschneider von Augsburg, der in den 1830er Jahren für extreme Ängste unter Frauen sorgte, zum Zopfabschneider. In einem Zeitraum von ca. 20 Jahren erlebte Augsburg ganze Serien an Verbrechen, die sich wie im Fall des sog.

Ein Fall, der sich allerdings nicht wirklich klären ließ, war der des geheimnisvollen Zopfabschneiders. Die dazu in historischen Tageszeitungen erhaltenen Pressemeldungen lassen ein großes Fragezeichen zurück: War der Mädchenschneider eine reale Person oder steckt doch etwas ganz anderes dahinter?

Man vermutete auch im Fall des Zopfabschneiders nun einen Menschen mit einem „unwiderstehlichen Trieb dazu“ dahinter als „Verbrechen gegen die Sittlichkeit“ sowie als klares Signal einer „vernachlässigten Erziehung“.

Kurze Haare waren für Frauen in diesen Zeiten noch bis Anfang der 1920er Jahre ein No-Go. Eine Frau hatte ihre Haare lang zu tragen; eine ‚ehrbare‘ zudem verdeckt und hochgeschlossen.

Die Französische Revolution kippte dieses Ideal: Bevor Frauen mit der Guillotine enthauptet wurden, wurde ihnen die Haare geschoren, um ein Verklemmen des Fallbeils zu verhindern. Kurze Haare galten ebenfalls als öffentliches Merkmal der Schande, und es war lange sichtbar.

Auch in der NS-Zeit wurden Frauen, die sich zum Beispiel verbotenerweise in den Feind und/oder jüdische Männer verliebt hatten (‚Blutschande‘), in der Öffentlichkeit der Kopf geschoren und ihnen eine Tafel mit ihren ‚Verbrechen‘ um den Hals gehängt.

In Nürnberg kam Nadlermeister Ditthorn auf die Idee, einen Haarschutz aus Draht zu fertigen, der den Kopf wie bei Fechtübungen schützen sollte.

Bis die „Manie des Zopfabschneidens“ plötzlich aufhörte, als eine von der Polizei in die Mangel genomme junge Frau gestand, sich den Zopf selbst abgeschnitten zu haben.

Ein Mädchen in Coburg gab sich als Opfer des Zopfabschneiders aus, hatte sich die Haare aber selbst geschnitten, um eine sog.

Das erste Motiv verweist auf tiefe Liebe zur Freundin, auf Mitgefühl mit deren Situation. Ähnliches erleben wir heute zum Beispiel in YouTube-Videos, in denen sich Partner:innen aus Solidarität zu Krebserkrankten oder zu Frauen mit kreisrundem Haarausfall ebenfalls die Haare rasieren.

Die beiden anderen Gründe scheinen Widerstandsmotive zu sein: Widerstand gegen herrschende Körper- und Haarnormen, von denen wir bis heute betroffen sind[21] - Polkahaare als Ausdruck dieses Widerstands wie später der Bubi- und Pilzkopf: Weg mit den buchstäblich alten Zöpfen!

So massiv die Berichte in dieser Zeitung erschienen sind, so massiv und abrupt enden auch die Meldungen dazu.

Die Psychologie des Haareschneidens als Strafe

Wer jemandem die Haare gewaltsam abschneidet, demonstriert Macht. Für das Opfer bedeutet es Demütigung. Die Haare bilden einen Teil der Identität - wer Haare zwangsweise abschneidet, nimmt der anderen Person ein Stück der Persönlichkeit.

Schon im Alten Ägypten wurde Sklaven daher die Haare abgeschnitten als Zeichen ihrer Unfreiheit. Genauso geschah es in anderen Gesellschaften, die Sklaverei tolerierten.

Im Dritten Reich begann die schrittweise Entwürdigung von Menschen in Konzentrationslagern ebenfalls mit dem Kahlscheren. Den Menschen wurden ihre Namen genommen, stattdessen bekamen sie eine Nummer. Dann wurden ihnen auch noch die Haare geschoren - sichtbare Zeichen von Individualität, Kultur und Religion.

Eines Tages verliebt er sich in Delilah und verrät ihr schließlich das Geheimnis seiner großen Kraft: Es sind seine Haare, die er nie schneidet. Das Abschneiden von Haaren bedeutet folglich den Verlust dieser Kraft.

Dass manche Völker ihre besiegten Feinde skalpierten und die Haare als Trophäe mitnahmen, passt ebenfalls dazu.

Dass gerade Frauen häufig zur Strafe und Demütigung die Haare abgeschnitten wurden, ist kein Zufall. Das Kopfhaar spielt immer eine Rolle bei der Bewertung von Attraktivität: lange Frauenhaare gelten in vielen Kulturen als schön und verführerisch. Das Kahlscheren beraubt Frauen so ein Stück weit ihrer Weiblichkeit.

Die Entweiblichung ist auch ein Motiv für das Kahlscheren der französischen Kollaborateurinnen 1944/45. Gleichzeitig wollten die Männer so die alte Ordnung wiederherstellen: die Herrschaft der französischen Männer über die französischen Frauen, die sie während der Besatzung verloren haben.

Damit einher geht eine Entpersönlichung: Die Frauen sollen Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl verlieren.

Die Geschichte zeigt: Haare sind mehr als Schönheit und Mode. Sie sind Ausdruck von sozialer Zugehörigkeit, Religion, Geschlecht. Das hat sich auch heute nicht geändert.

In der nordischen Mythologie finden sich ebenfalls Beispiele für die Bedeutung von Haaren. Loki hatte einst tückischer weise der Sif ihr haupthaar abgeschnitten. Thor wollte ihm alle knochen zerschlagen, aber Loki versprach den schaden zu ersetzen.

Die Blitze werden ihrem Haar verglichen, das ein feindlicher Gott ihr im Gewitter raubt, worauf die blitzschmiedenden Zwerge ihr ein neues fertigen müssen.

Im Alten Testament findet sich die Geschichte von Samson und Delila. Würde ich geschoren, meine Kraft wiche von mir, schwach würde ich, gleich würde ich allem Menschenvolk.

Sie schläferte ihn auf ihren Knien ein, … und ließ die sieben Strähnen seines Hauptes abscheren: sie begann seine überwältigung, seine Kraft wich von ihm.

Tabelle: Historische Beispiele für das Haareschneiden als Strafe

Zeitalter/Kultur Zielgruppe Grund Zweck
Antike Ägypten Sklaven Unfreiheit Kennzeichnung als Sklave
Mittelalter Ehebrecherinnen Ehebruch Demütigung und soziale Ausgrenzung
NS-Zeit Frauen mit Beziehungen zu jüdischen Männern "Blutschande" Öffentliche Demütigung und Stigmatisierung
Frankreich nach der Befreiung (1944/45) Frauen mit Beziehungen zu Wehrmachtssoldaten "Horizontale Kollaboration" Bestrafung, Demütigung und Wiederherstellung der "Ehre"

Frauen, denen in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg die Haare geschoren wurden, weil sie Beziehungen zu deutschen Soldaten hatten.

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