Die Geschichte der Gerichtsperücken in Großbritannien

Man kennt das Bild: Ein Gerichtssaal in England. Darin befinden sich Menschen, die sich einer strikten Kleiderordnung unterwerfen: Perücke und lange Robe.

Die pulsierende Weltmetropole an der Themse gilt heute vor allem als Shoppingparadies und Kulturhochburg. Mit seiner langen Geschichte als Sitz der drei Staatsgewalten bietet sie auch reichlich Anschauungsmaterial für den rechtsgeschichtlich interessierten Reisenden.

Die Allonge-Perücken, nach einem Patent aus dem Jahr 1822 aus Pferdehaar in Handarbeit hergestellt, gehen auf den französischen König Louis XIV. zurück. Dieser sei zu eitel gewesen, um sein schütteres Haar öffentlich zur Schau zu stellen.

Das Wort „Perücke“ hat eine lange Geschichte, die oft mit Theater, Verkleidungen und auffälligen Frisuren in Verbindung gebracht wird. Auch wenn Perücken heute in zahlreichen Lebensbereichen eine wichtige Rolle spielen - etwa bei medizinischen Indikationen, Mode oder als Möglichkeit, mit Frisuren zu experimentieren - haftet dem Begriff häufig ein veraltetes oder negatives Image an.

Deshalb greifen Fachleute und viele Betroffene lieber auf Begriffe wie Haartechnik oder Zweithaartechnik zurück.

Why did people wear powdered wigs? - Stephanie Honchell Smith

Die lange Tradition der Perücke

Perücken haben eine lange Tradition, während sie schon im Altertum sehr beliebt waren, verloren sie im christlichen Mittelalter stark an Bedeutung. Im Zuge der Renaissance und besonders im Barock wurden sie aber wieder beliebter.

Ihren festen Platz in England verdanken Perücken König Karl II., der sie nach seiner Rückkehr aus dem französischen Exil im Jahr 1660 populär machte.

In England etablierte die Perücke der Überlieferung nach König Karl II.

König Karl II. von England mit Perücke

Praktische Gründe für das Tragen von Perücken

Dass die Perücke sich durchsetzen konnte, hatte unterschiedliche Gründe: Im 17. Jahrhundert war fließendes Wasser noch ein Luxusgut, da verwunderte es nicht, wenn man den einfachen Weg ging: Statt die Haare zu waschen, setzte man eine Perücke auf.

Im 17. Jahrhundert waren fließendes Wasser und regelmäßige Haarpflege ein Luxus. Anstatt die Haare zu waschen, entschieden sich viele Menschen, Perücken zu tragen, und gingen sogar dazu über, die eigenen Haare komplett zu rasieren.

So wollte man sich vor Läusen und anderen ungebetenen Kopfbewohnern schützen. Perücken wurden zum modischen und hygienischen Accessoire gleichermaßen. Wenig später ging man sogar dazu über, die Kopfhaare komplett zu entfernen. Sie wurden einfach weg rasiert.

So konnte man sich vor Läusen und anderen Parasiten schützen.

Warum werden vor Gericht Perücken getragen?

Auch heute noch tragen viele englische Richter und Anwälte Perücken, obwohl die Zahl derer wächst, die auf diese Tradition verzichten möchten.

Diejenigen, die die Perücke befürworten, führen vor allem zwei Gründe an:

  • Die Würde des Standes. Mit einer Perücke heben sich Anwälte und Richter nach außen hin ab und zeigen, dass sie dem Justiz-Apparat angehören. Die Perücke ist ein äußeres Zeichen, das Richter und Anwälte als Teil des Justizsystems kennzeichnet. Sie fungiert wie eine Uniform, die den Status und die Neutralität des Trägers unterstreicht und dem Gericht eine besondere Würde verleiht. Wie wir bereits gesehen haben, dienen die Perücken unter anderem dazu, beim Gegenüber mächtig Eindruck zu schinden.
  • Anonymität als Schutz vor den Angeklagten. Durch das Tragen einer Perücke und Robe erhofften sich in früheren Zeiten Anwälte und Richter, dass sie außerhalb des Gerichtsgebäudes nicht von (ehemaligen) Angeklagten erkannt werden würden. Früher diente die Perücke auch dazu, die Identität von Richtern und Anwälten außerhalb des Gerichtssaals zu verschleiern. Durch das Tragen von Perücke und Robe hofften sie, nicht von Angeklagten oder deren Angehörigen erkannt und möglicherweise bedroht zu werden.

Richter-Perücken aus Pferdehaar

Traditionellerweise bestehen die Perücken der englischen Richter nicht aus Kunsthaar, sondern aus weißem Rosshaar. Die klassischen Perücken der englischen Justiz werden auch heute noch traditionell aus weißem Rosshaar gefertigt.

In früheren Zeiten wurde auch Echthaar oder das Haar von Ziegen zur Anfertigung verwendet, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts aber hat sich Rosshaar durchgesetzt.

Bevor die Perücken von Hand geknüpft werden, werden sie zuerst gebleicht.

Britischer Richter mit Perücke

Widerstand gegen die Gerichtsperücke

Ab mit dem Zopf! Seit einigen Jahren regt sich Widerstand gegen die Gerichtsperücke. Einige Richter verzichten bei Strafsachen vor dem Familien- oder Zivilgericht sogar ganz auf die Gerichtsperücke.

Im Gegensatz zu den Anwälten. Die englische Anwaltskammer, der sogenannte Bar Council, hat zwar schon erste Anstrengungen unternommen, ist aber noch zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen, ob die Gerichtsperücke nun getragen werden soll oder nicht.

Klar, dass das mit einer nagelneuen Perücke nicht so gut gelingt, denn diese würde dem Gegenüber nur signalisieren, dass man noch ganz neu ist im Stand der Anwälte und Richter.

Daher greifen einige Juristen zu ganz unorthodoxen Methoden: Die Perücke wird noch während des Studiums gekauft und dann entsprechend präpariert, dass sie pünktlich zum ersten Termin vor Gericht die gewünschte Patina besitzt.

Manche angehende Anwälte und Richter benutzen ihre Perücke als Mopp oder hängen sie in den strömenden Regen. Es geht allerdings auch einfacher: Man kann die speziellen Gerichtsperücken auch gebraucht kaufen.

tags: #großbritannien #gericht #perücken #geschichte

Populäre Artikel:

Diese Website verwendet Cookies. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen