Irgendwann erwischt es jede und jeden: Man bekommt graue Haare. "Ein graues Haar, wieder geht ein Jahr" - vielen Menschen ist das Lied der Band Pur sicherlich ein Begriff und viele Menschen können sich dann total damit identifizieren. Es geht wohl vielen von uns so: Entdeckt man im Spiegel das erste graue Haar, zuckt man schon ein bisschen zusammen. Schließlich verbinden viele das Ergrauen mit dem Älterwerden.
Um zu verstehen, warum Haare grau werden, ist es gut zu wissen, wie Haare zu ihrer natürlichen Farbe kommen. Spezielle Farbzellen in den Haarwurzeln geben Pigmente an die Haarzellen ab. Die Farbkörnchen lagern sich in die Hornschichten des Haarschaftes ein, der den sichtbaren Teil der Haare bildet. Diese Farbzellen heißen Melanozyten. Sie stellen den Farbstoff Melanin her, der namensgebend ist.
Dass Haare ihre natürliche Farbe haben, liegt an dem Farbpigment Melanin, das unter Beihilfe der Aminosäure Tyrosin in der Haarwurzel produziert wird. Die große Vielfalt an natürlichen Haarfarben verdanken wir zwei Sorten von Melanin-Farbkörnchen: dem schwarz-braunen Eumelanin und dem rot-gelben Phäomelanin. Das Mischungsverhältnis der beiden Stoffe sowie die Gesamtmenge an Pigmenten, die das einzelne Haar speichert, entscheiden über die Haarfarbe.
Was wir am Kopf dann aber sehen, sind nicht wirklich graue Haare, sondern eine Vermischung aus weiß gewordenen und dunklen Haaren. Eigentlich gibt es also gar keine grauen Haare. Das, was auf dem Kopf grau aussieht, sind farblose Haare. Sie wirken nur im Kontrast zu den übrigen Haaren grau.
Mit zunehmendem Alter lässt die Funktion der Zellen nach, die das Melanin produzieren. Die Haare lagern weniger Farbstoff ein. Die Folge: sichtbar graues Haar. Der Farbton entsteht, weil noch pigmentierte und bereits depigmentierte Haare nebeneinander liegen. Ein weiterer Effekt kommt dazu: Anstatt von Pigmenten lagern die Haare Sauerstoffbläschen ein. Brechen sie das Licht, erscheint das Haar weiß. Eigentlich sind die Haare farblos.
Anstatt dass dann im nachwachsenden Haar Farbe durch das Melanin entsteht, werden kleine Luftbläschen eingelagert, die zur Folge haben, dass das Haar heller bzw. weiß ist - und durch die Vermischung mit stärker pigmentierten Haaren grau aussieht. Denn dieser Prozess findet nicht bei allen Haaren gleichzeitig statt.
Der Ursprung des Übels liegt am Wasserstoffperoxid, das zum Beispiel als Bleichmittel - manchmal auch bewusst zur Haarfärbung - eingesetzt wird. Dies entsteht im Körper ständig bei verschiedenen Stoffwechselprozessen, in denen es aber normalerweise problemlos wieder in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten wird. Doch je älter wir werden, desto mehr lässt diese Fähigkeit nach: Es wird mehr und mehr Wasserstoffperoxid gebildet, das unter anderem das für die Pigmentierung der Haare wichtige Tyrosin angreift.
Zudem benötigen alle Zellen, inklusive der Haarzellen, Mineralstoffe.
Wann dieser Prozess entsteht, hängt maßgeblich von unseren Genen ab. Der Zeitpunkt des Ergrauens ist genetisch festgelegt. Wessen Eltern früh graue Haare hatten, der wird vermutlich selbst früh ergrauen. Bei wem die betagten Großeltern noch ihre ursprüngliche Haarfarbe zur Schau tragen, der hat ebenfalls gute Chancen, spät das erste graue Haar zu finden.
Bei den meisten Menschen erscheinen graue Haare zwischen dem 30. und dem 50. Lebensjahr. Neben den Erbinformationen können wohl Luftverschmutzung, ultraviolette Strahlung, Rauchen und eine Mangelernährung das Ergrauen der Haare begünstigen. Vermutlich führen diese Faktoren dazu, dass sich freie Sauerstoffradikale (Reactive Oxygen Species, ROS) bilden. Sie schädigen die Zellen, die für den Farbnachschub sorgen.
Aber auch psychologischer Stress und UV-Strahlung können sich negativ auf die pigmentbildenden Zellen auswirken und diese beschädigen.
Beim Ergrauen in jüngeren Jahren spricht man vom frühzeitigen Ergrauen (canities praecox). Der Zeitpunkt unterscheidet sich: Bei hellhäutigen Menschen spricht man von vorzeitigem Ergrauen, wenn sie unter 20 Jahre alt sind, bei Asiaten vor dem 25. und bei Afrikanern vor dem 30. Lebensjahr.
Der genaue Mechanismus, der dahintersteckt, ist noch immer nicht gut verstanden. Neben der Genetik könnten bestimmte Medikamente dafür verantwortlich sein, etwa Mittel, die vor Malaria schützen. Außerdem Infektionen wie HIV (Humanes Immunschwächevirus) sowie einige seltene, genetische und immunologische Erkrankungen. Sie behindern die Melaninproduktion, sodass dem Körper die Farbpigmente fehlen.
Vorrangiges Therapieziel beim vorzeitigen Ergrauen: mögliche Auslöser erkennen und behandeln. Die grauen Haare selbst haben keinen Krankheitswert, sie gelten für manche eher als ästhetischer Makel.
Dass Stress und graue Haare zusammenhängen, vermutet man schon eine Weile. Mittlerweile gibt es einige Studien, die die Zusammenhänge bestätigen und erklären, welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen könnten. Große Aufmerksamkeit erregte etwa 2021 eine Publikation des Vagelos College of Physicians and Surgeons der US-amerikanischen Columbia University.
Die Studie untersuchte zwar nur 14 Probanden. Allerdings etablierten die Autoren eine neue Methode, die das Ergrauen von Haaren auf präzise Weise messbar macht. Sie nahmen hochdetaillierte Bilder von winzigen Scheiben menschlichen Haars auf, um dann den Pigmentverlust zu messen. Jede Scheibe war ein Zwanzigstel Millimeter breit, was etwa einer Stunde Haarwachstum entspricht. Die Farbe der einzelnen Haarabschnitte verglichen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit den Stresstagebüchern der Teilnehmenden.
So wie die Wachstumsringe eines Baumes die Informationen der letzten Jahrzehnte im Leben des Baumes speichern, halten die Haare Informationen über unsere biologische Vergangenheit fest, so das Fazit der Autoren.
Der Grund: Solange sich Haare noch als Follikel in der Haut befinden, werden sie von Stresshormonen und zahlreichen anderen Prozessen beeinflusst, die sich in unserem Körper und Geist abspielen. Um zu verstehen, welche Prozesse ganz konkret dabei wirksam sind, haben die US-amerikanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Tausende Eiweiße in den Haaren der Probanden bestimmt.
Änderte sich die Haarfarbe, veränderten sich auch rund 300 Proteine, die teilweise den Energiestoffwechsel in den Mitochondrien beeinflussen. Die Mitochondrien gelten als die Kraftwerke der Zellen, die die Energie für jegliche Prozesse im menschlichen Körper bereitstellen. Offenbar reagieren sie auch auf eine Reihe von Signalen, etwa auf psychischen Stress. Möglicherweise vermitteln sie über Veränderung bestimmter Proteine die entsprechenden Informationen an die Melanozyten in den Haarwurzeln.
Dass Menschen bei großem Stress plötzlich über Nacht graue Haare bekommen, ist ein Mythos, befeuert von Legenden wie der um Marie-Antoinette. Die Biologie widerspricht der Erzählung: Haar, das einmal aus dem Follikel gewachsen ist, verändert seine Farbe nicht mehr. Sobald es aus dem Haarfollikel austritt und die Kopfhaut verlässt, bleibt es unverändert. Die Pigmente, die den Haaren ihre Farbe verleihen, können nicht herausfallen.
Ergrauen ist vielmehr ein schleichender Prozess. Die Haare sprießen pro Monat rund einen Zentimeter, sodass die natürliche Haarfarbe langsam herauswächst.
Wenn Stress Haare grau werden lässt, kehrt dann durch Erholung und Entspannung die natürliche Haarfarbe zurück? Zumindest einem Teilnehmer der US-Studie wuchsen ein paar Haare in seiner ursprünglichen Farbe nach, während er im Urlaub war. "Unsere Daten zeigen, dass das Altern des Menschen kein linearer, festgelegter biologischer Prozess ist, sondern zumindest teilweise aufgehalten oder sogar vorübergehend rückgängig gemacht werden kann", erklärte Martin Picard, Verhaltensmediziner und Hauptautor der Studie, in einer Pressemitteilung der Universität.
Allerdings dämpfte der Experte allzu große Hoffnungen: "Auf der Grundlage unserer mathematischen Modellierung gehen wir davon aus, dass das Haar einen Schwellenwert erreichen muss, bevor es grau wird", so Picard. "In der Lebensmitte, wenn das Haar durch das biologische Alter und andere Faktoren sich dem Schwellenwert nähert, kann Stress es über diese Schwelle hinausschieben, sodass es grau wird." Es sei daher nicht davon auszugehen, dass ein 70-Jähriger, der seit Jahren grau ist, durch Entspannung wieder dunkle Haare bekommt, oder dass Megastress bei einem 10-Jährigen ausreicht, um sein Haar ergrauen zu lassen.
In dieser wissenschaftlichen Untersuchung entwickelten Forscher*innen eine Methode, um nachzuvollziehen, wie sich Stress auf die Pigmentierung der menschlichen Haare auswirkt. Das erstaunliche Ergebnis: Haare, die während des stressigen Alltags ergrauten, bekamen in stressfreien Phasen, wie im Urlaub, zum Teil ihre ursprüngliche Farbe zurück.
Was den Erhalt der Farbe im Haar betrifft, heißt das Schlüsselwort „Mitochondrien“. Diese „Kraftwerke der Zellen“ funktionieren wie eine Art Batterie, denn sie liefern die Energie, die Melanozyten brauchen, um Melanin zu produzieren. Ohne sie kann der Prozess, der für die Entwicklung der Farbe im Haar zuständig ist, nicht vonstattengehen.
Stress kann die Funktion der Mitochondrien stören, was wiederum zum Ergrauen der Haare führen kann. Sprich: Stressbedingtes Ergrauen kann tatsächlich rückgängig gemacht werden - und jüngere Menschen können so zumindest teilweise zu ihrer ursprünglichen Haarfarbe zurückkehren.
In der Studie trat das beschriebene Ergebnis nämlich nur bei Probanden und Probandinnen zwischen neun und 39 Jahren ein. Bei Menschen, die schon lange graue Haare haben, ist eine Rückfärbung eher unwahrscheinlich.
Während weitere Studien notwendig sind, um die Prozesse vollständig zu ergründen, bieten diese Erkenntnisse jedoch vielversprechende Ansätze für zukünftige Therapien zur Wiederherstellung der natürlichen Haarfarbe.
Leider (noch) nicht viel. Die gute Nachricht: Graue Haare sind in der Regel kein medizinisches Problem, manche empfinden sie jedoch ästhetisch als störend: Zumindest früh ergraute Haare werden vielfach immer noch als Anzeichen für vorzeitiges Altern und eine ungesunde Lebensweise wahrgenommen. Wer graue Haare hat und dazu steht, kann dafür sorgen, dass der Schopf gesund, glänzend und kräftig aussieht.
Neben der richtigen Pflege ist etwa ausreichend Schlaf ein Faktor, der bei der Haarpflege unterschätzt wird. Das Schlafhormon Melatonin (nicht zu verwechseln mit Melanin, das den Haaren ihre Farbe verleiht), das vor allem im Dunkeln gebildet wird, scheint das Haarwachstum anzukurbeln. Zudem ist eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Eiweiß ein Segen für gesunde Haare und Nägel.
Stress zu vermeiden, kann zwar manchmal einzelne graue Haare wieder nachdunkeln lassen, vor allem aber hilft diese Maßnahme, grauen Haaren vorzubeugen. Ein Mini-Urlaub für den Kopf lohnt sich also - und zwar auch für die Haare. Hier sind Tipps, wie das Vermeiden von Stress im Alltag gelingt:
Auf ein gezupftes graues Haar kommen zwei zur Beerdigung - davon hat wohl jede Frau schon einmal gehört. Vermehren sich graue Haare tatsächlich, wenn du sie zupfst?
Die gute Nachricht gleich zu Beginn: Graue Haare werden nicht mehr, wenn du sie auszupfst. Es wachsen also nicht plötzlich aus einem Haarfollikel - jene Strukturen, die die Haarwurzel umgeben und für das Haarwachstum verantwortlich sind - zwei graue Haare. Aus einem Haarfollikel kann immer nur ein Haar wachsen. Daran ändert auch das Zupfen nichts.
Mit einer Pinzette kannst du ein graues Haar zwar entfernen, an der Melaninproduktion wird das jedoch nichts ändern. Ein graues Haar wächst immer auch grau nach.
Wer wissen will, ob er früh oder spät ergraut, dem genügt ein Blick ins Familienalbum. Denn in den Genen ist festgeschrieben, wie lange der Körper Farbpigmente produziert.
Erstmals identifizierte nämlich eine Gruppe von Forschern das Gen, das für graue Haare hauptverantwortlich ist. Es ist das Gen IRF4. Es bestimmt zusammen mit einigen anderen Genen Haut und Haar des Menschen. Die Genvariante IRF4 wurde nur bei den Probanden mit europäischen Wurzeln gefunden.
Die natürliche Haarfarbe eines Menschen bestimmt die Mischung von Eumelanin für schwarze und braune Farbtöne und Phäomelanin, das für rote und goldene Töne sorgt.
In den Melanozyten, den Pigmentzellen, wird das Melanin gebildet. Und genau diesen Prozess beeinflusst das IRF4-Gen - die Träger dieses Gens bekommen also schneller graues Haar. Zu wenig Melanin führt zur Depigmentierung. Statt Farbe lagern sich Luftbläschen im Haar ab, die als weiß wahrgenommen werden.
Ein Mangel an bestimmten Nährstoffen, wie Vitamin B12, Eisen, Kupfer und Zink, kann die Gesundheit der Haarfollikel beeinträchtigen. Diese Nährstoffe sind entscheidend für die Melaninproduktion und die Zellgesundheit.
Ein Vitamin-B12-Mangel ist häufig mit vorzeitigem Ergrauen verbunden. Eine weitere mögliche Ursache ist ein Mangel an Tyrosin, der Aminosäure, die für die Melaninproduktion notwendig ist.
| Faktor | Einfluss auf graue Haare |
|---|---|
| Genetik | Bestimmt den Zeitpunkt des Ergrauens |
| Stress | Kann die Melanozytenfunktion stören |
| Ernährung | Nährstoffmangel kann die Melaninproduktion beeinträchtigen |
| UV-Strahlung | Schädigt die Haarfollikel |
| Rauchen | Fördert oxidativen Stress |
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