Die Geschichte des Hochwassers in Glatz: Eine Region im Kampf gegen die Naturgewalten

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der katastrophalen Flut von 1997 ist der Süden Polens erneut durch das Hochwasser in der Oderregion bedroht. Nach heftigen Regenfällen ist die Situation vor allem in den Woiwodschaften Dolny Śląsk (Niederschlesien) und Opolskie (Oppeln) angespannt.

Die starken Regenfälle der vergangenen Tage haben seit dem vergangenen Wochenende zu erheblichen Überflutungen geführt, die große Flächen in Zentral- und Osteuropa getroffen haben. Am 14. September haben sich in Glatz der Minister für Infrastruktur Dariusz Klimczak (Polnische Bauernpartei) und der Chef des Innenministeriums Tomasz Siemoniak (Bürgerkoalition) vor Ort ein Bild von der Lage gemacht.

Polens Regierungschef Donald Tusk will den Katastrophenalarm auslösen. „Die Lage ist im Hochwassergebiet dramatisch“, sagte Polens Premier Donald Tusk beim Besuch in Kłodzko.


Überschwemmtes Gebiet in der Nähe des Flusses Nysa. Quelle: KG PSP/AP/dpa

Der Dammbruch und seine Folgen

Nach dem Bruch eines Staudamms am Fluss Biała Lądecka in Stronie Śląskie wurden am Sonntag mehrere Ortschaften in Kotlina Kłodzka (Glatzer Kessel) überflutet. Heftige Regenfälle hatten den Fluss Biala Ladecka im September 2024 rasant ansteigen lassen. Durch die Wassermassen war der Staudamm bei Stronie Śląskie/Seitenberg gebrochen und der Ort Stronie Śląskie/Seitenberg verwüstet und überflutet.

Der Fernsehsender TVN zeigte dramatische Bilder, wie die Wassermassen ganze Wohnhäuser in Stronie Śląskie wegspülen. Nach seinen Angaben wurde der Staudamm vor fast 120 Jahren von den Deutschen errichtet. 1997 hatte er der Flut standgehalten, diesmal brachen die Seitendämme.

Ein Tag nach dem der Staudamm in Stronie Śląskie/Seitenberg gebrochen war, ist Maximilian Wodarczyk gemeinsam mit weiteren Freiwilligen im Hochwassergebiet angekommen. Alle hatten ein Ziel: helfen.

Die Situation in Glatz

Ein Mann steht in hüfthohem Wasser in Klodzko (Glatz). Unter Wasser standen dort zehn Straßen. Im Stadtzentrum erreichte das Wasser zwischen 0,5 und 1,5 Meter. Die Glatzer Neiße, ein Nebenfluss der Oder, hat einen Pegelstand von fast sieben Metern. Üblich ist ein Wasserstand von etwa einem Meter.

Eine Zwei-Meter-Flutwelle verwüstete die Altstadt von Kłodzko/Glatz. Auch im polnischen Franziskanerkloster wird den Opfern gedacht: "Beten wir für die Betroffen. In dem polnischen Franziskanerkloster in Klodzko hat das Hochwasser des vergangenen Wochenendes einen Schaden von mehreren Millionen Euro angerichtet. Der Kirchraum und das Erdgeschoss des Klosters standen nach polnischen Medienberichten vollständig unter Wasser.

Mehrere Ortschaften, darunter Kurort Lądek Zdrój, sind durch Wassermassen von der Außenwelt abgeschnitten.

Evakuierungen und Rettungsmaßnahmen

Auch in der benachbarten Woiwodschaft Oppeln hat sich die Lage verschärft. In der Stadt Nysa wurden mehrere Straßen überflutet. Der Bürgermeister der Stadt, Kordian Kolbiarz, rief Einwohner zur Evakuierung oder zum Umzug in die höheren Stockwerke auf. Am Nachmittag drang das Wasser in ein Krankenhaus ein. „Die Lage ist sehr ernst“, sagte ein Polizeisprecher der Polnischen Presse-Agentur PAP.

Die Soldaten und Feuerwehrleute retten die Einwohner bedrohter Gebiete. Das Verteidigungsministerium schickte nach Stronie Śląskie einen Hubschrauber Mi-17. Die Polizei stellte drei weitere Hubschrauber zur Verfügung. „Möglich ist nur noch Evakuierung aus der Luft“, sagte Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz nach einem Krisentreffen am Sonntagnachmittag in Kattowitz.

Polens Regierungschef Donald Tusk informierte über den ersten bestätigten Tod durch Ertrinken im Bezirk Kłodzko. Das Opfer konnte bisher nicht geborgen werden. Tusk sowie Vertreter der Polizei und Feuerwehr appellierten an die Einwohner, die Aufrufe zur Evakuierung zu befolgen.

Aus Medienberichten geht aber hervor, dass viele Menschen bis zum letzten Moment zögern, weil sie sich um ihr Hab und Gut sorgen.

Polen nach dem Hochwasser: Einfach weiter so wie bisher? | Fokus Europa

Die Hilfe kommt an

Innenminister Tomasz Siemoniak versicherte, dass alle durch die Flut zerstörten Objekte wieder aufgebaut werden. „Nach der Zeit der Rettung kommt die Zeit des Wiederaufbaus“, versprach der Politiker der Regierungspartei Bürgerplattform (PO). Finanzminister Andrzej Domański versicherte, das Geld werde „blitzschnell“ an Bedürftige ausbezahlt.

Viele Menschen hier standen anfangs unter Schock und wussten nicht, was zuerst zu tun war. Gemeinsam mit anderen Helfern brachten sie den Betroffenen Essen und Trinken, richteten Spenden-Ausgabestellen ein. Die ersten Wochen nach dem Hochwasser ging es darum, Müll, Schlamm und Schutt zu beseitigen und aus den Häusern zu räumen. Da zahlreiche Stromverbindungen zerstört waren, halfen Notstromaggregate die Trocknungsgeräte in den Häusern zu betreiben.

Maximilian Wodarczyk hat sich in der Region eine kleine Wohnung genommen und bleibt hier, solange er gebraucht wird. Seine Eltern leben in Deutschland, dort ist er zweisprachig aufgewachsen.

Im Kulturzentrum von Lądek-Zdrój/Bad Landeck haben Freiwillige der Organisation "Fundacja Kordon" in den ersten Monaten soziale Projekte für Kinder durchgeführt, wie zum Beispiel gemeinsame Bastel- und Spielaktionen. Hier haben Frauen für die Menschen gekocht, die alles verloren hatten, aber auch für die Helfer.

Auswirkungen auf die Region

Im Glatzer Bergland in Niederschlesien waren durch das Hochwasser mehr als 1.000 Bauwerke beschädigt oder zerstört worden. Auch in der Woiwodschaft Schlesien und Opole hat die Flut zahlreiche Gebäude, darunter auch sehr viele historische Bauten, zerstört. Man geht von rund 11.000 Gebäuden in Polen aus. Der Schaden beträgt mehrere hundert Millionen Euro.

Die Renovierungs- und Sanierungsarbeiten sind auch ein Jahr danach noch nicht beendet. Noch immer kommen Spenden an. Immer an seiner Seite ist Hündin Toschja.

Auch Wasserversorgung und Gaslieferungen sind vielerorts zusammengebrochen. An vielen Orten wird in der kommenden Woche kein Schulunterricht stattfinden.


Lage des Glatzer Kessels in Polen

Das Glatzer Bergland gehört zu den landschaftlich schönsten Regionen Niederschlesiens. Das Besondere ist der Talkessel, der umgeben von vielen Gebirgszügen und Wäldern ist. Daher wird die Region auch gern Glatzer Kessel genannt. In der ehemaligen Grafschaft Glatz gibt es viele Kurorte. Der traditionsreiche Kurort Lądek-Zdrój/Bad Landeck mit seinen Schwefel-Fluorid-Wasserquellen ist einer der ältesten Heilbäder in Polen.

Die ersten Erwähnungen des wunderwirkenden Wassers und auch Aufzeichnungen über Badeanlagen in Lądek-Zdrój/Bad Landeck reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. In der Nähe des Marktplatzes befindet sich die älteste gotische Brücke Polens. Die 52 Meter lange mittelalterliche Steinbrücke aus dem 14.

Der Bergort Stronie Śląskie/Seitenberg ist ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen, Radtouren und Wintersport in den umliegenden Bergen. Die Menschen im Glatzer Bergland leben vom Tourismus. Die Palette der Übernachtungsmöglichkeiten ist groß.

Lehren aus der Vergangenheit

Schlesien hatte sich auf das große Wasser vorbereitet. Die polnische Staatsbahn PKP hatte - natürlich am Freitag, dem 13. - den Zugverkehr zunächst auf den Strecken von Hirschberg im Riesengebirge [Jelenia Góra] nach Oberschreiberhau [Szklarska Poręba Górna] sowie von Neustadt O.S. [Prudnik] nach Neisse [Nysa] gestoppt.

In Liegnitz [Legnica], Goldberg [Złotoryja] und Schönau an der Katzbach [Świerzawa] wurde zuerst auf Evakuierungen vorbereitet. Die Bewohner einer Behinderteneinrichtung in Schönau und die eines Hotels in Bad Warmbrunn [Cieplice-Zdrój] traf die Evakuierung dann auch tatsächlich als erste.

Man wusste, dass die Nebenflüsse der Oder ihr Wasser noch gesammelt durch Breslau führen - so wie beim Jahrhunderthochwasser 1997. Die Stadt sei gut vorbereitet, sagte der Pressesprecher des Magistrats, Tomasz Sikora.

In Oberschlesien trat die Hotzenplotz [Osobłoga] in Deutsch Rasselwitz [Racławice Śląskie] am Sonntag über die Ufer. Auch in weiteren Gemeinden, die an der Hotzenplotz oder ihren Zuflüssen liegen, war man in Bereitschaft. In den Gemeinden Klein Strehlitz [Strzeleczki] und Krappitz [Krapkowice] wurde die höchste Alarmstufe ausgerufen.

Die Situation wurde ähnlich wie 1997 bewertet. „Das bedeutet nicht, dass die Einwohner in der gleichen Situation sind wie damals“, so der Krappitzer Bürgermeister Maciej Sonik gegenüber Radio Oppeln (Radio Opole).

JahrEreignisAuswirkungen
1997JahrhunderthochwasserDammbrüche, Überschwemmungen, Evakuierungen, Stromausfälle
2024Hochwasser nach starken RegenfällenBruch des Staudamms in Stronie Śląskie, Überschwemmungen in Glatz und Umgebung, Evakuierungen

Für die großen Fluten von 1903 und 1917 gibt es heute keine persönlichen oder familiären Erfahrungen mehr, für die Jahrhundertfluten 1985 und 1997 hingegen schon. Doch wurden sie als Ausnahme betrachtet, da die Intervalle vermeintlich seltener auftraten. Ein Trugschluss.

Im Jahr 1997 schien nichts unter Kontrolle zu sein. Fast alle Dämme brachen, die großen Speicherbecken der Glatzer Neiße versagten. Die bebauten oder landwirtschaftlich genutzten Polder konnten die Wasserstände nicht senken. Die Bevölkerung, die, anders als in den Jahrhunderten gemachter Erfahrungen zuvor, Neubaugebiete mittlerweile auch in Flutgebieten errichtet hatte, wurde kaum gewarnt. Die Krisenstäbe arbeiteten chaotisch. Evakuierungsaktionen scheiterten wegen fehlender Vorwarnung und aus mangelndem Vertrauen der Betroffenen gegenüber den Behörden. Die Stromversorgung fiel aus. Das Telefonnetz brach zusammen. Wer noch Vorräte an Batterien hatte, informierte sich im Radio.

Ob die Fluten heute letztlich ähnliche Schäden wie 1997 verursachten, dürfte bald absehbar sein. Sicher ist, dass das dritte große Hochwasser zu polnischer Zeit nun endgültig einen Erfahrungsschatz unter den polnischen Neusiedlern implementiert hat.

Bereits ein halbes Jahr nach dem Hochwasser war die Bahnstrecke zwischen Wrocław/Breslau und Kłodzko/Glatz wieder saniert. Die Züge fahren jetzt sogar schneller als vorher. Zwischen beiden Städten braucht man weniger als eine Stunde. Die Züge fahren weiter bis nach Miedzylesie.

tags: #glatz #hochwasser #geschichte

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