Karriereplanung? Nichts für Gesine Schwan. Darin liegt für sie kein Glücksversprechen. Wo Männer Karrieren planen, packt sie den Stier bei den Hörnern und nutzt die Gelegenheiten. Als Politik-Wissenschaftlerin ist sie vom Fach und klug genug, um zu wissen, dass sie keine Chance hat, Bundespräsidentin zu werden. Mehrheiten sind eben Mehrheiten.
Mag sein, dass "Zählkandidatin" ein neuer Frauenberuf geworden ist, wenn es um das höchste Staatsamt geht. Und natürlich ist die Ernennung des langjährigen SPD-Mitgliedes Schwan ein kühles Kalkül, denn die Professorin strahlt ins bürgerliche Lager, weil sie oft im Streit mit ihrer Partei gelegen hat. Ist alles wahr - die Glaubwürdigkeit der Kandidatin berührt es nicht. Gesine Schwan spielt ihre Rolle mit der Gewissheit einer Kämpferin, die nur gewinnen kann - und sei es Ruhm und Geld für ihre ungewöhnliche kleine Universität, die grenzüberschreitende Viadrina in Frankfurt an der Oder.
Sie weiß, dass Kandidaten für dieses Staatsamt sich vornehm zurückhalten müssen - und zieht binnen einer Woche klare Trennlinien zum Mehrheits-Kandidaten Horst Köhler. Schon in den ersten Interviews präsentiert sie mit dem Wort vom "Vertrauen" ihr Bundespräsidentinnen-Profil.
Die Konflikte, die Gesine Schwan und ihr Mann Alexander an der FU Berlin mit den 68ern durchgestanden haben, ihren Streit mit Willy Brandt, mit der SPD und der marxistisch orientierten Juso-Generation Gerhard Schröders, den Rausschmiss aus der Grundwerte-Kommission im Jahr 1984, wie sie kurz entschlossen und mit einem Wahlkampf der öffentlichen Kontroversen um die Präsidentschaft der FU Berlin gekämpft, gegen die eingesessenen Seilschaften verloren hat und ein Jahr später, 1999, zur Viadrina-Präsidentin gewählt wurde. Es fügt sich ein Bild: Diese Kandidatin, eine gläubige Katholikin, hat ihren eigenen Kopf, ihr Freiheitsbegriff ist resistent gegen den Druck von Stimmungen und Mächtigen.
Sie lacht überhaupt gern, die Kandidatin Schwan. Und dass dieses Lachen ganz aus dem Inneren kommt und ein verwegenes Quentchen vom Erscheinungsbild der akkuraten bürgerlichen Professorin abweicht, das ist wohl der Grund dafür, wie geschickt sie sich bei der schwierigsten Übung dieser Kandidatur behauptet. Weil sie nicht für ein Lager, nicht für eine Partei wirbt, sondern ganz und gar mit ihrer Persönlichkeit überzeugen muss, steht Gesine Schwan vor allen Fallen und Vorurteilen, die eine öffentliche Rolle für Frauen immer noch bereit hält. Keine Frage: Sie nimmt diese Prüfung viel offensiver und beherzter an als ihre Vorgängerinnen im Amt der Zählkandidatin.
Über ihre Frisur, die hochgesteckten blonden Locken, muss man nicht reden, weil sie ja alles sagt. Sie ist eine geradezu demonstrative Ansage von Weiblichkeit, und - das macht es richtig interessant - irgendwie auf ganz traditionelle Art. Nicht anders verhält es sich mit ihren schönen und vielfach erwähnten Beinen, die sie - nach Jahreszeit - kokett in seidene Strümpfe oder schicke Stiefel steckt.
Sie spricht über die legendäre Lebens- und Arbeitsbeziehung von Gesine und Alexander Schwan - es bleibt nicht unerwähnt, dass er in die CDU eingetreten ist, während sie allen Enttäuschungen zum Trotz SPD-Mitglied geblieben ist. Mit 45 Jahren war sie Witwe, die adoptierten Kinder Dominik und Dorothee sind damals erst 12 und 14 Jahre alt.
"Verglichen mit dem Mut, den meine Eltern als Gegner des Nationalsozialismus aufbringen, war das lächerlich", antwortet Gesine Schwan auf die Frage, woher ihre Bereitschaft komme, sich gegen das eigene politische Lager zu stellen.
Schwan verweigert sich vordergründig dem Zeitgeist und hat als Intellektuelle mehr von ihm verstanden, als ihrer Partei lieb sein kann. Die Berlinerin ist ein funkelndes Exemplar Retrodesign, wie es Konsumenten zu Beginn des 21. Jahrhunderts begeistert.
Die Galionsfiguren des linken Lagers - und als solche lassen sie sich stilistisch sortieren - fallen aus der Zeit. Gesine Schwans Frisur hat die SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten bekannter gemacht als ihr mutiger Antikommunismus 1968.
Der Vorzeigelinke der SPD, Karl Lauterbach, stets mit Fliege und einfachem Scheitel in Aktion, scheint dem Set einer Heinz-Rühmann-Komödie zu entspringen. Gesine Schwan genießt mit ihrer Erscheinung ähnliche Sympathiewerte. Der "Welt am Sonntag" verriet sie vorige Woche, dass sie ihre Kleider gerne secondhand kauft, was zum einen preiswert ist, zum anderen aber auch vor unmittelbarer modischer Aktualität schützt. Genauso bewusst betont sie, dass sie einen alten Mazda fährt.
Verbindet die britische Soulsängerin mit ihrer Frisur und ihrer Musik eine Neuinterpretation der Pop- und Jugendkultur der 60er-Jahre, um in der Gegenwart anzukommen, so nutzt Schwan ihre modische Eleganz, um den Deutschen die Angst vor der Gegenwart zu nehmen. In Porträts über sie wird die gediegene Welt vorgestellt, in der das Parkett knarrt, die Bücher die Wände hochklettern und in der abends musiziert wird. Nicht, dass dies furchtbar wäre: ganz im Gegenteil. Auch das Vorkriegsidyll Nikolassee, der bildungsbürgerlichste Teil Berlins im Südwesten, bietet die Chance, in den Kulissen alter Ideale zu leben.
Es ist kaum vorstellbar: Gesine Schwan, die Präsidentin der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, jetzt zum zweiten Mal Kandidatin für das Bundespräsidentenamt, hatte schwere Depressionen. Mitte der 90er-Jahre habe sie alle Zuversicht verloren - und nicht mehr leben wollen. Inzwischen hat sie die Krankheit besiegt.
Im Mai 2008 wurde die Präsidentin der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder erneut von der SPD ins Rennen geschickt. Am Anfang der Sendung wirkte die Professorin, die zur blonden Turmfrisur ein Kleid in Türkis trug, einmal mehr wie die Ober-Politiklehrerin der Republik. Das Potenzial des Amtes reize sie, weil sie den Menschen als Bundespräsidentin die Verfassung erläutern könne, sagte Schwan: „Dieses Fundament unserer Gesellschaft wird von vielen Bürgern nicht mehr geschätzt.
Nach dem Krebstod ihres ersten Mannes, dem konservativen Politikwissenschaftler Alexander Schwan, im Jahr 1989 habe sie in eine schwere Depression bekommen. Daraufhin folgt mutiges Geständnis: „Ich war damals Dekanin am Otto-Suhr-Institut. Meine Aufgaben konnte ich alle erledigen, aber ich habe mir damals nichts sehnlicher gewünscht, als nicht mehr zu leben.“
Schwans Elternhaus engagierte sich im Widerstand gegen die Nationalsozialisten, unter anderem versteckte die Familie ein jüdisches Mädchen. In der Analyse, so Schwan, habe sie festgestellt, dass sie immer zwischen ihrem Vater, einem späteren Oberschulrat, und der Mutter zerrieben worden sei. Die Mutter, katholisch und emotional; der Vater, rational und nüchterner Analytiker.
Zusammen mit Ralf Stegner kandidierte die erfahrene SPD-Politikerin für eine Doppelspitze. Nach der Verkündung ihrer Kandidatur für den Parteivorsitz vergangene Woche stellte sich Schwan am Dienstagabend den Fragen von ZDF-Moderator Markus Lanz.
Lanz beschäftigte sich erstmal mit Schwans Aussehen - und fragte: "Die Frisur ist immer Thema, oder?" Schwan: "Nicht immer. Nur bei denen, die was gegen mich haben." Und sie fügte über ihre auffällige Frisur hinzu: "Mein Mann sagt ja immer, er hat mich geheiratet wegen der Frisur. Weil dann erkennt er mich immer direkt."
Schwan bemühte sich, die Wogen zu glätten. "Ich habe viel mit ihm kooperiert, als er Chef war, da habe ich viel mit ihm kooperiert." Lanz setzte nach: "Aber er schätzt Sie sehr, das wissen Sie..." Schwan über Gabriel: "Klug, vielleicht nicht"
Über ihren Kandidatur-Partner Ralf Stegner, der in der Öffentlichkeit meist als spröde wahrgenommen wird, sagte Schwan: "Mein Trainingsprogramm mit ihm ist ja: Lächeln." Bei der Pressekonferenz am Freitag sei er für seine Verhältnisse "recht fröhlich" gewesen. Schwan meint über Stegner: "Den finde ich klug - auch wenn das manche nicht so sehen."
Deutlich wurde aber auch: Stegner war nicht Schwans Traumpartner, er bewarb sich bei ihr um ein Bündnis. "Es ist für mich interessant gewesen, dass sich viele diese Aussage nicht zugetraut haben, weil sie Sorge hatten, dass sie unter die Räder kommen." Auch Schwan habe man gewarnt: "Du wirst geschreddert werden." Vor den Männer-Zirkeln der SPD habe sie keine Angst.
Finanzminister Olaf Scholz, der ebenfalls für den Vorsitz antritt, hält Schwan für untauglich. Über einen SPD-Parteivorsitzenden Olaf Scholz sagte Schwan: "Ich glaube wirklich nicht, dass es gut geht."
Gesine Schwan, Bundespräsidentschaftskandidatin. Die zu spät gekommene verliert keine Zeit. Stellt sich vor: 65 Jahre in 5 Minuten. Ein streitbares Haus, in dem sie schon früh dazu erzogen wird, einmal politische Verantwortung zu übernehmen. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gehört dazu vor allem das Bewusstsein, dass es sehr viel wieder gut zu machen gilt. Auch deshalb schicken ihre Eltern sie auf ein französisches Gymnasium. Damit sie den sogenannten "Erbfeind" besser kennenlernt.
Einfach so, weil sie glaubt, Völkerverständigung nach Osten ist noch wichtiger als in Richtung Westen. Ihre Doktorarbeit schreibt sie über einen polnischen Philosophen, 1977 habilitiert sie sich mit einer Arbeit über die Gesellschaftskritik von Karl Marx. 1999 wird sie Präsidentin der Europa Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.
Schwan spricht jetzt davon, wie die Bürger mit ihrem Denken, Tun und Fühlen politische Institutionen beeinflussen und beleben können und wie gleichzeitig das Vertrauen in Institutionen wie zum Beispiel Parteien verloren geht. Sie sitzt dabei sehr aufrecht. Das hat auch mit ihrem Nacken zu tun, der steif geworden ist, ihrem Kopf nicht mehr erlaubt, sich zu drehen. Ihre Sprache: lebendig. Ohne Skript oder Notizen guckt sie die Schüler und Schülerinnen direkt an. Hält dabei das Mikrofon in der rechten Hand, gestikuliert mit der linken.
Die Fragen der Schüler gehen über Volksentscheide, Bildung, Integration bis hin zum Thema Innere Sicherheit. Gesine Schwan macht sich ab und zu ein paar Notizen, nach der fünften Frage ist sie wieder dran. Und kommt gleich auf eines ihrer Lieblingsthemen zu sprechen: die Bildung.
Gesine Schwan findet, dass diese in Deutschland zu stark an Elitestandards gemessen wird. Indirekt sieht sie auch eine Ursache der Finanzkrise ist. "Die Finanzkrise ist meiner Meinung nach entstanden auch dadurch, dass ganz viele sogenannte Verantwortungsträger einfach mitgelaufen sind mit dem, was man so machte, in diesem Hamsterrad mitgelaufen sind, weil die Konkurrenz es verlangte, es sich so gehörte. Das ist ein Verhalten, das zeigt wir haben nicht genügend nonkonformistische Persönlichkeiten in diesen Verantwortungspositionen."
Diesmal, sagt sie, sei die Kandidatur ungemütlicher, die Kommunikation mit den Medien lange nicht so entspannt wie noch 2004. Schwans Problem ist, dass ihr forsches Naturell manchmal ganz einfach mit ihr durchgeht. Sie nicht leise, sondern laut, nicht vornehm, sondern eher direkt versucht, auf sich aufmerksam zu machen.
Tabelle: Gesine Schwans Kandidaturen für das Bundespräsidentenamt
| Jahr | Partei | Ergebnis |
|---|---|---|
| 2004 | SPD | Verloren gegen Horst Köhler |
| 2009 | SPD | Verloren gegen Horst Köhler |
Einmal beim Thema - fällt ihr plötzlich wieder das Interview mit der Frau im Spiegel ein. Schwan klappt jetzt ihre Handys auf. Tippt langsam den ersten Code ein, den ihres Diensthandys. Ihre Rede in Aachen in fünf Tagen, zum Thema Europa - auch eines ihrer Lieblingsthemen. Das Skript hat sie gestern, im Zug, geschrieben. Jetzt sitzt gerade einer ihrer Mitarbeiter dran. Er soll noch Schlagwörter einarbeiten. Die Chancen erhöhen, um damit in die Nachrichtenagenturen zu kommen. "Das hat man als Wissenschaftlerin nicht so auf der Pfanne", sagt sie, lacht.
tags: #gesine #schwan #frisuren
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