Ich bin schon seit vielen Jahren fasziniert von Frauen, die sich radikal von ihren Haaren trennen. Besonders wenn es ultrakurz wird, finde ich das echt spannend. Ich hatte schon öfters die Gelegenheit, Frauen die Haare im Rahmen meiner Tätigkeit als Hobbyfriseur zu schneiden, jedoch trauen sich die wenigsten richtig kurze Haare zu. Welche Gründe habt ihr denn, euch die Haare abschneiden bzw. abrasieren zu lassen? Erzählt doch mal eure Beweggründe und Geschichten.
Sich als Frau die Haare abrasieren, ist ein Statement. So paradox es klingen mag - der Kahlschlag kann Ihnen zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen.
Es gibt zwei Hauptgründe, warum Frauen sich für eine Glatze entscheiden: aus Überzeugung und persönlichem Wunsch oder aus modischen Gründen und weil es gerade im Trend liegt. Bei mir war es ein langer Wunsch und aus Überzeugung. Ich hatte das Gefühl, es muss sein und habe es ganz einfach umgesetzt. Nun, einfach total auffallen zu wollen, ist sozusagen auch ein Menschrecht!
Solidarität, Gendergerechtigkeit und Selbstbewusstsein sind wichtige Motive. Eine Glatze bei Frauen ist nicht immer ein Zeichen einer manifesten Lebenskrise à la Britney Spears. Eine Glatze ist ein Statement - vor allem sich selbst gegenüber, aber auch gegenüber der Gesellschaft und gegenüber konservativen Regierungen. Seit September 2022 schneiden und rasieren sich viele Frauen - vor allem im Iran - die Haare ab. Der Grund dafür ist der Tod einer jungen Iranerin, die in Polizeigewahrsam genommen wurde, da sie ihr Kopftuch angeblich nicht richtig trug. Nicht zuletzt kann hinter dem Abrasieren von Haaren auch eine Krankheit stecken.
Lange Haare gelten als Zeichen von Weiblichkeit - umso schwerer fällt vielen Frauen das Abrasieren.
Vermutlich werden Sie als Frau mit Glatze viele erstaunte, fragende und vielleicht auch abwertende Blicke ernten. Doch es gibt auch positive Aspekte. Ich als Mann mache es ja auch, aber nicht mit Glatze, sondern mit femininen Klamotten und Schmuck. Hätte ich einen "schön geformten" Kopf, wäre das auch für mich eine Option. Frauen habe ich in Köln und Berlin schon mehrmals mit Glatze gesehen, jeweils stark geschminkt mit knallroten Lippen und großem Ohrgehänge. Wenn man eine schöne Kopfform hat, kann es gut aussehen. Ich hab mir durch eine verlorene Wette einen Undercut mit ausrasiertem Nacken eingehandelt.
Das Weniger an Haar auf Ihrem Kopf gibt Ihnen die Möglichkeit, Ihr Gesicht auf ganz neue Weise in Szene zu setzen:
Die Videos sind mit der Überschrift "Haare halten Erinnerungen fest" versehen, womit verdeutlicht werden soll, dass das Abschneiden der Haare eine große emotionale Bedeutung hat.
In dieser Fülle von Inhalten findet man jedoch auch einige wesentlich düsterere Videos, in denen darüber diskutiert wird, ob das Haar nicht nur Erinnerungen, sondern auch Spuren von Traumata, die eine Person erlebt hat, enthält. Ist das wirklich möglich? An sich schon, wenn man bedenkt, dass ein einzelnes Haar eine Lebensdauer von zwei bis sieben Jahren hat und dass man mithilfe der trichologischen Analyse dank der Haarproteine die DNA einer Person zurückverfolgen kann. Laut dem Sanders-Institut handelt es sich hierbei um eine Art biologischen Personalausweis, mit dem sich Menschen identifizieren lassen.
Daraus entsteht auch die Idee des Trennungshaarschnitts, als eine Möglichkeit, eine Version von sich selbst aus der Vergangenheit loszulassen. Er ist ein repräsentatives Zeichen für eine neue Version von einem selbst, ein bisschen wie Gwyneth Paltrow in dem Film Sliding Doors aus dem Jahr 1988. Die Schauspielerin wechselt von einem romantischen Abenteuer zum nächsten, ebenso ihre Frisur, wobei sie mit neuen Versionen von sich selbst experimentiert.
Wissenschaftlich gesehen hat das Haar zwar nicht die biologische Fähigkeit, Emotionen oder Erinnerungen zu speichern, psychologisch gesehen jedoch schon.
Die Vorstellung, dass das Haar Informationen speichert und somit auch die Reste eines Traumas enthalten kann, steckt hinter dem Konzept, dass unser Haar unser Leben widerspiegelt. In der Tat sind Haarausfall, das Auftreten der ersten grauen Haare oder in extremeren Fällen der Beginn einer Glatze Symptome für eine körperliche Veränderung, die es zu beobachten gilt. Langes Haar wird zudem in verschiedenen Traditionen und Glaubensrichtungen als spirituell wichtig angesehen.
Viele amerikanische Ureinwohner betrachteten das Haar zum Beispiel als spirituell mit der Erde verbunden und trugen es daher gerne lang. Im Mittelalter wurde das Haar nie abgeschnitten und galt als Symbol der Macht, ebenso wie Bärte, die von Kaisern und Monarchen als Zeichen von Status und Männlichkeit getragen wurden. Ein radikaler Haarschnitt war als Strafmaßnahme für die im Krieg Besiegten vorbehalten. Kurze Haare, wie der Pagenschnitt, galten als Ausdruck des Spottes.
Es war Coco Chanel, die sagte: "Eine Frau, die ihre Haare schneiden lässt, ist dabei, ihr Leben zu verändern". Sie bringt den Akt des Haareschneidens in einen direkten Zusammenhang mit einem emotionalen Wandel. Ein Haarschnitt muss zwar nicht zwangsläufig ein Zeichen emotionaler Probleme sein, aber wir sind es vor allem von Frauen in Filmen und Fernsehserien gewohnt, dass sie sich die Haare schneiden oder färben, um schwierige Zeiten zu überwinden. Kurz gesagt, der Kult um einen radikalen Haarschnitt nach dem Ende einer Beziehung oder der Überwindung eines Traumas ist zu einem Genetationenphänomen geworden.
Die Psychologin Catherine Nobile aus New York City erklärt, warum: "Das Schneiden der Haare kann psychologische Gründe haben. Entweder es symbolisiert eine eigenständige, freie Entscheidung oder passiert nach einem traumatischen Erlebnis. Das liegt daran, dass Haare ein entscheidendes Element der Identität einer Person sind, und als solches wahrgenommen werden. Das bedeutet, dass eine signifikante Veränderung eine kraftvolle Form der Therapie sein kann", erklärt sie.
Das beste Beispiel dafür ist Britney Spears, die sich im Jahr 2007 die Haare abrasierte - auch, wenn das Problem im Fall des amerikanischen Popstars nicht nur Justin Timberlake war. Auch Selena Gomez nach der Trennung von Justin Bieber, Ana de Armas nach der Trennung von Ben Affleck, Rihanna nach der Trennung von Chris Brown und viele andere kennen das Phänomen des "Breakup Haircuts".
Die Therapeutin Laci James stimmt dem zu und ergänzt: "Wir wissen, dass Traumata in unserem Körper gespeichert werden, insbesondere im Gehirn und im Nervensystem, [aber] es gibt keine Untersuchungen, die beweisen, dass Haare speziell Erinnerungen oder Traumata speichern."
Aus psychologischer Sicht kann das Haar also nur symbolisch für eine Version von sich selbst stehen, die vergangene Traumata erlebt hat. Denn unsere Haare sind ein gut sichtbarer Aspekt der Identität, und jede Veränderung, wie ein radikaler Schnitt oder eine extreme Veränderung der Farbe, kann nach außen hin eine innere emotionale Veränderung widerspiegeln. Das bedeutet nicht, dass das Haar physisch das Trauma enthält.
Heutzutage gilt ein kurzgeschorener Schopf nicht mehr zwingend als politisches oder gesellschaftliches Statement. Mehr und mehr Frauen greifen auch einfach so zum Rasierer. Es mag daran liegen, dass ich in einer Stadt lebe, die besonders für ihren kreativen und experimentierfreudigen Lebensstil bekannt ist, aber ich könnte bestimmt ein Dutzend Frauen nennen, die sich schon einmal ihren Kopf rasiert haben.
Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich: Die einen erfuhren einen Moment der Klarheit, die anderen hatten etwas Lebensveränderndes erlebt oder es ging ihnen einfach darum, die Kontrolle zu haben, selbst über ihr Aussehen entscheiden zu können. Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, empfanden es als einen Akt der Ermächtigung und Befreiung oder sprachen von dem Gefühl, das dem gleich kam, eine Tafel sauber zu wischen. Vielen hatten aber auch negative Erfahrungen gemacht.
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