Wer bei Die Stadt und die Macht ein deutsches Pendant zu anspruchsvollen Serien wie Show Me a Hero oder Borgen erwartet, wird leider enttäuscht. Stattdessen wird eine laienhafte Imitation des reellen Politbetriebs serviert.
Zum Staffelauftakt widme ich mich dabei der heute Abend endenden Politminiserie Die Stadt und die Macht von Regisseur Friedemann Fromm (Weissensee), die mit Anna Loos eine Hauptdarstellerin besetzt hat, die ebenfalls aus der von mir bereits positiv hervorgehobenen Stasiserie stammt. Ich warne jedoch deutlich vor Spoilern über die komplette Handlung der Miniserie.
Im Zentrum der sechsteiligen Miniserie Die Stadt und die Macht steht die von Anna Loos verkörperte Politikerin Susanne Kröhmer, die im Zuge einer amtierenden Bürgermeisterwahl in Berlin als Kandidatin für ihre halbfiktive Partei „CDP“ kandidiert und währenddessen vor allem auf persönlicher Ebene so manch tragische Entwicklung wegstecken muss. Eingeleitet wird das Ganze zudem durch den Suizid ihres Freundes Oliver Griebnitz.
Dieser ist zudem der Sohn des Bauunternehmers Frank Griebnitz (Jürgen Heinrich) und leitet durch sein Abtreten die Spaltung der Großen Koalition ein. Was auf diese Ereignisse folgt, ist eine Mischung aus Familientragödie, Politiksatire und Verschwörungsthriller. Während Susanne für ihren Wahlkampf immer mehr Opfer bringen muss, versucht ihr Journalistenfreund Alex Moravek (der aus Altes Geld bekannte und am besten besetzte Carlo Ljubek) aufzudecken, welche Leichen vor allem Susannes Vater und Fraktionsvorsitzender Karl-Heinz „KK“ Kröhmer (Thomas Thieme) im Keller hat.
Dafür kann sie sich am Ende der finalen Episode als neue Bürgermeisterin sehen, die zusammen mit der ebenfalls halbfiktiven Partei „Die Liste Grün“ die neue Regierung stellt.
Leider schafft es die Miniserie dabei nicht, sich so richtig zwischen faktischer Vorlage und fiktivem Plot zu behaupten, was vor allem daran liegt, dass das Feld der Politik in einem überzeichneten Schwarz-Weiß-Schema dargestellt wird, das einen eher an Die Tribute von Panem denn an eine reflektierte Politserie erinnert. Zwar wurde von vornherein behauptet, keinen Bezug zu realpolitischen Ereignissen aufbauen zu wollen, dennoch machen bereits die Parteischeinnamen deutlich, wie schwer es der Serie fällt, eine eigenständige Geschichte zu erzählen.
Wenn die „CDP“ also ganz klar die „CDU“ und die „SDU“ genauso klar die „SPD“ sein soll und zudem durch weitere fiktive Parteinamen wie „Die linke Allianz“ oder „Votum für Deutschland“ angereichert wird, wozu werden diese Namen dann überhaupt verwendet? Wenn man gnädig ist, könnte man darin die Gleichstellung der beiden großen Parteien erkennen, jedoch wirkt dieses Element der Fiktionalisierung vor allem in Kontrast zu der Aussage der Serie eher feige als kreativ.
Denn gerade, indem die Hauptdarstellerin mit ihrem auf „Wahrheit und Klarheit“ beruhenden Wahlkampf unangenehme Themen wie die eigene Depression, die Rolle der Frau oder politische Korruptionen auf den Tisch bringen will und somit für die Aufklärung der Gesellschaft steht, stellt sich die Frage, warum die Serie sich nicht selbst diesem gleichen Credo verschreibt? Der Rest der politischen Seite wird dafür mit dermaßen platten Politikfloskeln gefüllt, dass man eher das Gefühl bekommt, einer Mischung aus Laientheater und Parteiprogrammheft zuzuhören anstatt authentischen Charakteren.
Dabei weisen Elemente wie die Familientragödie oder die bedrohliche Recherche des Journalisten Alex bereits den Weg, welchen Drall die Serie hätte entwickeln können, wenn nicht der Fehlgriff in das politische Thema passiert wäre. Dies wird auch anhand des für mich unerträglichen Wahlkampfleiters Georg „George“ Lassnitz (Martin Brambach) deutlich. Dieser bringt zwar etwas Pepp in die Serie, raubt einem durch sein kontinuierlich überzeichnetes Business-Schwaben-Denglisch jedoch den letzten Nerv und erinnert mich zudem an die Inszenierungsexpertin Effie Trinket (Elizabeth Banks) aus den bereits erwähnten Tributen von Panem.
Nun wurden bereits im Vorfeld Vergleiche zu Vorlagen wie der dänischen Politserie Borgen oder dem beliebten House of Cards von Netflix angeführt. Diese Vergleiche sind zwar, wie ich in meiner nächsten Kolumne noch anhand des „deutschen Breaking Bads“, Morgen hör' ich auf, aufzeigen werde, nie eins zu eins zu übertragen. Trotzdem macht vor allem das deutlich an Homeland erinnernde Opening klar, dass hier wohl so manche Serienvorlage dienlich war.
Um dem Vergleich zu House of Cards zunächst nahezukommen, wird wie in der amerikanischen Erfolgsserie ein bestehendes reales politisches System durch fiktive Inhalte und Charaktere bereichert, um die düsteren Machenschaften und machthungrigen Charaktere dieses Betriebs aufzudecken. Interessanterweise lässt sich der Vergleich insofern fortsetzen, als dass Die Stadt und die Macht dabei den gleichen Nachteil in Form der einseitigen Charakterzeichnung des Protagonisten aufzeigt.
Während US-Präsident Frank Underwood (Kevin Spacey) durch seine durchtränkte Hinterlistigkeit auf Dauer Sympathie und somit Empathie bei den Zuschauern einbüßen muss, wird die Rolle der Susanne Kröhmer als dermaßen in alle Richtungen angepasst serviert, dass sie nicht nur sämtliche Reibungsflächen bei den Zuschauern auslässt, sondern auch zum unglaubwürdig weißen Schaf zwischen all den schwarzen Korruptionsböcken wird. Dies wird auch nicht dadurch besser, indem die Serie selbst von verschiedenen Seiten auf die Qualität ihrer Reden oder Argumente hinweist, um bei den Zuschauern ebenfalls auf Stimmenfang zu gehen.
Ein wesentlich besseres Beispiel dafür, wie man anhand realpolitischer Ereignisse eine Miniserie aufbauen kann, die wirklich reflektiert und anspruchsvoll Themen behandelt, stellt die HBO-Serie Show Me a Hero dar, welcher sich bereits mein Kollege Axel in seiner Kolumne annahm. Vor allem durch die nüchterne Darstellung des langwierigen Prozesses stellt die Serie einen qualitativen Beitrag zur aktuellen Flüchtlingsdebatte dar, derer wir uns als eurozentrales Land eigentlich besser bedienen müssten.
Autor und Musiker Sven Regener (unter anderem: Element of Crime) sagte einmal mit Bezug auf sein Schaffen, dass sich Politik und Kunst nie überschneiden sollten, da ansonsten schlechte Kunst und schlechte Politik entstünde. Beide Miniserien gehen wesentlich interessanter mit der Rolle von amtierenden und bevorstehenden Bürgermeistern um und könnten wegweisend für öffentlich-rechtliche Sender sein, dass sie dem Programm ihrer fiktiven Leitfigur folgen und sich zu mehr Klarheit bekennen sollten, vor allem in kreativer Hinsicht.
Allerdings schafft es die Serie noch auf ganz andere Art, einen emotionalen und aktuellen Bezug herzustellen, der jedoch eher als Zufall zu verzeichnen ist. So wird in den Fallschirmsprungrückblenden immer wieder der Song „Space Oddity“ des am Sonntag verstorbenen David Bowie eingespielt, der mich persönlich wesentlich stärker berührt hat als die überzogene Familienpolitiktragödie der Miniserie.
tags: #effie #trinket #perücke #kaufen
Diese Website verwendet Cookies. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen
Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.