Der Sohn des Friseurs: Eine Erzählung über Familie, Begehren und verborgene Leerstellen

Gerbrand Bakker hat sich in seinem Roman "Der Sohn des Friseurs" für einen leicht zu lesenden Tonfall entschieden. Der Roman ist ruhig und unaufgeregt erzählt und entwickelt doch einen ganz eigenen Sog, der einen nicht mehr loslässt.

Simon, Mitte vierzig, führt ein ruhiges Leben. Wie bereits sein Vater und Großvater ist er Friseur. Es ist ein Leben, wie es übersichtlicher nicht sein könnte. Im Friseursalon, in dem schon sein eigener Vater und dessen Vater ihren Dienst taten, arbeitet nun Simon. Die zwei oberen Etagen des Hauses bewohnt er, im Erdgeschoss geht er seinem Tagewerk als Friseur nach. Er möchte nicht unbedingt zu viele Kunden, und wenn er mal einen Espresso braucht, dann geht er rasch in seine Wohnung über dem Salon. Zwei Poster von Schwimmern an der Wand erinnern an seine Jugendhelden, athletische Spitzenschwimmer, deren Poster sein altes Kinderzimmer schmücken, und dreimal die Woche zieht er selbst Bahnen - Simon mag seinen unaufgeregten Alltag und wenn er zwischendurch eine Strähne Einsamkeit an sich entdeckt, dann stört ihn das nicht weiter. Täglich vier Kunden, das reicht für seine Ansprüche. Hauptsache, die Espresso-Maschine funktioniert.

Den einzigen Hauch von weiter Welt in diesem sonst so überschaubaren und reglementierten Kosmos verbreitet der Name des Salons, den Simons eigener Großvater Jan einst ob einiger in der Nachbarschaft eröffneter Bistrots Chez Jean getauft hat. Das Türschild verkündet mit den Begriffen Ouvert und Fermé die Schließzeiten, damit hat es sich aber auch in Sachen Weltläufigkeit.

Und doch ist so einiges anders in Simons Leben, das Gerbrand Bakker in seinem Roman Der Sohn des Friseurs beschreibt. Nie einen festen Freund gehabt. Vielleicht allzu einfach eine Arbeit gefunden, sie ist ihm in den Schoß gefallen. Bei Simons Friseursalon hängt öfter das Schild mit ‚Geschlossen‘ als ‚Geöffnet‘ in der Tür, auf Kunden und Gespräche kann er gut und gerne verzichten - auch wenn die Kunden in den meisten Fällen zu erzählen beginnen, ohne, dass er fragt.

Wieso ist er dann überhaupt Friseur geworden? Bereits sein Großvater und sein Vater waren Friseure, vermutlich ist er einfach den Weg des geringsten Widerstands gegangen. Ein Leben, wie es schon der eigene Vater und der Großvater geführt haben.

Als einer der Stammkunden, ein Schriftsteller, sich für die Geschichte seines Vaters interessiert, wird auch Simon neugierig. Er hatte den Vater nie kennengelernt, weil dieser, wie es hieß, 1977 bei einem Flugzeugunglück auf Teneriffa ums Leben gekommen war. Aber warum weiß Simon eigentlich so wenig darüber? Was bislang als schieres Faktum in der Familiengeschichte galt, wird nun zur drängenden Frage, mit der sich Simon in zunehmendem Umfang beschäftigt.

Der Schriftsteller, der eigentlich mehr über den Alltag von Simon für einen neuen Roman erfahren will, beginnt sich - wie auch langsam Simon selbst - für die Geschichte des Vaters zu interessieren, und verkündet, darüber zu schreiben. Darf er das? Wem gehört eine Geschichte? Und gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen dem, was der Schriftsteller schreibt, und den wenigen Informationen, die Simon von seinem Vater hat? ‚Der Sohn des Friseurs‘ verhandelt diese Frage auch auf anderer Ebene.

Bakker greift in seinem neuesten Roman diese Katastrophe auf, bei der 583 Menschen ums Leben kommen, und verknüpft geschickt das Schicksal seiner fiktiven Romanfiguren mit der realen Geschichte. Angestachelt von seinem Großvater, beschäftigt sich Simon auch endlich mit dem Schicksal seines Vaters, der wohl bei dem Flugzeugunglück ums Leben gekommen ist. Hier zieht Bakker eine weitere Erzählebene ein und verfolgt das Schicksal des Vaters im Jahr 1977, der die Katastrophe überlebt, weil er kurzentschlossen nicht an Bord geht, auf Teneriffa untertaucht und unter falschem Namen schließlich auch in einem Friseurgeschäft arbeitet.

Kurz nachdem der Mann erfuhr, dass seine Frau schwanger ist, hat er sich frühmorgens aus dem Haus geschlichen. Als sein Name später auf der Passagierliste einer abgestürzten KLM-Maschine auftauchte, konnte seine Frau das nicht glauben. Was hätte er auf den Kanaren gewollt? Irgendwann hat sie sich damit abgefunden, sie musste sich um Simon kümmern, den kleinen Sohn. Simon hält sich an seinen Großvater.

Viele Verbindungslinien dürfen uneindeutig bleiben, denn dem lakonischen Erzähler Bakker geht es hier vor allem um die Suche nach einem passenden Lebensentwurf - und das gilt wohl nicht zuletzt auch für die Figur eines älteren Schriftstellers.

Und dann ist da auch noch ein Junge, den er kennenlernt, als er seiner resoluten Mutter im Schwimmunterricht für Jugendliche mit Behinderung aushilft. Simons Mutter gibt Schwimmstunden für geistig behinderte Jugendliche, wo Simon kurzerhand für die auf die Kanaren geflüchtete Henny einspringt. Sein Blick fällt auf den 17jährigen Igor, der ihn an den russischen Olympiaschwimmer Alexander Popow erinnert, dessen Poster aus Simons Jugend noch immer an seiner Schlafzimmerwand hängen. Die Faszination, die Simon für den stillen Jungen entwickelt, scheint sich in eine unheilvolle und bedrohliche Richtung zu entwickeln.

Als Leser*in sieht man sich mit einer ähnlichen Frage konfrontiert. Simon ist Mitte 40, schwul und Single, ansonsten bleibt er seltsam gestaltlos. Seine Mutter beschreibt ihn als indolent. Mögliche Synonyme: „Apathisch. Bräsig. Desinteressiert. Dickfellig. Energielos. Faul. Gefühlskalt. Gleichgültig. Kraftlos. Lethargisch. Lustlos. Passiv. Phlegmatisch. Schwerfällig. Teilnahmslos. Träge. Unbeweglich. Unempfänglich. Unsensibel.

Gerbrand Bakker

In überraschenden Wendungen erzählt Bakker von einem Mann, dessen Leben wider seinen Willen Fahrt aufnimmt.

Gerbrand Bakker, 1962 in Wieringerwaard geboren, ist Autor und Gärtner, hin und wieder auch Eisschnelllauftrainer. Für seine Romane, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden, hat er zahlreiche Preise erhalten. Bakker studierte Sprachwissenschaft in Amsterdam und ist heute Autor und Gärtner, hin und wieder auch Eisschnelllauftrainer. Sein Werk umfasst Theaterstücke, Gedichte, Drehbücher sowie Romane, Tagebücher und Kinderbücher. Der Jugendroman „Birnbäume blühen weiß“ (2001) war sein erstes Buch. Es folgten „Oben ist es still“ (2008), „Der Umweg“ (2012), „Jasper und sein Knecht“ (2016) oder „Knecht, allein“ (2022). Seine Romane wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Zu seinen Ehrungen und Preisen gehören der International IMPAC Dublin Literary Award 2010, der Premi Llibreter 2012, der Independent Foreign Fiction Prize 2013, der International IMPAC Dublin Literary Award 2014 (Longlist) sowie der Orden von Oranien-Nassau 2023.

So ist Der Sohn des Friseurs ein Roman, der das Kleine und damit aber auch das Große beobachtet, der ein eigenwilliger und doch auch universeller Roman über Begehren, Familie und die Leerstellen, die uns im Leben begleiten, sein könnte.

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