Edgar Hilsenraths Roman "Der Nazi & der Friseur" aus dem Jahr 1971, der international ein Millionenbestseller wurde und nun in Deutschland neu aufgelegt wurde, erzählt eine groteske Geschichte, die mit Übertreibung und Zuspitzung näher an die Unvorstellbarkeiten des Realen heranzureichen vermag, als es purer Realismus könnte.
Die Möglichkeit eines satirischen Umgangs mit der Judenvernichtung und der Gründung des Staates Israel war nämlich hierzulande lange tabu. Gut, sich die Chronologie der Ereignisse vorab anzulesen, sonst können die Zeitsprünge schon ziemlich verwirren.
Der Roman erzählt von einem deutschen Jungen, der jüdisch aussieht, und einem jüdischen mit "arischen" Gesichtszügen. Max und Itzig, Söhne von Friseuren, wachsen als Freunde auf. Im Dritten Reich wird Max dann zum Massenmörder. Auch an dem Tod von Itzig und dessen Familie ist er wohl nicht ganz unschuldig. Nach dem Krieg baut er sich unter dem Namen seines Jugendfreundes eine neue Existenz auf.
Der vom FWT für die Bühne adaptierte Roman von Hilsenrath (heute 90) erzählt von einem deutschen Jungen, der jüdisch aussieht, und einem jüdischen mit "arischen" Gesichtszügen.
Judith Kriebels bewegungsreiche Inszenierung wirkt wie ein Tanz auf dem Zirkusseil und ist choreografisch einfach brillant.
Till Brinkmann und Philipp Sebastian spielen ihre "Doppelgänger"rollen auf Hochtouren.
Dicke Schlammschlacken bröseln von den mit neonrotem Lidschatten in Weiß und Schwarz geschminkten Gesichtern.
Die schnell geschnittenen Szenen leben von grandiosem Schauspiel: Falk Döhler und Ole Pampuch bringen ihre Figuren so fesselnd auf die Bühne, dass sich viele Bilder dieses Abends ins Gedächtnis brennen.
Ein sehr intensives Stück, dass dem Holocaust nichts von seinem Grauen nimmt - im Gegenteil, gerade der Perspektivwechsel eröffnet einen spannend-irritierenden, weil emotionaler Zugang zur Banalität des Bösen.
Hilsenraths Provokation, die Shoah aus der Sicht eines Täters zu erzählen, hat an Wirksamkeit nichts eingebüßt.
Edgar Hilsenrath
In "Der Nazi & der Friseur" erzählt Hilsenrath die Geschichte von Max Schulz, einem SS-Massenmörder, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Identität seines jüdischen Jugendfreundes Itzig Finkelstein annimmt.
Eingeladen zur 26. „Masel Tov!“ rufen die Hochzeitsgäste als der Friseur Itzig Finkelstein die dicke Mira küsst. Es ist ein guter Tag für das frischvermählte Paar im neugegründeten Staat Israel. Die Finkelsteins haben den Holocaust überlebt.
Was Mira nicht weiß, was überhaupt niemand in der Welt wissen darf: Itzig Finkelstein trug im Konzentrationslager keine Sträflingskleidung. Er litt auch keinen Hunger. Er fror ein wenig, trotz SS-Uniform, aber die Winter in den polnischen Wäldern sind eisig. Er litt niemals Todesangst, bis die Partisanen die Lastwagen der SS-Truppen stellten und er auf der Flucht im Wald zu erfrieren und zu verhungern drohte.
Denn Itzig Finkelstein ist in Wahrheit der Massenmörder Max Schulz. Ein kleiner Fisch, aber einer der besten. Äußerlich, trotz aller Reinrassigkeit, gestaltet wie die zu seiner Zeit gängige Karikatur eines Juden, kann er nach Kriegsende erstmals Profit aus seinem Aussehen schlagen.
Mit einem Beutel voller Goldzähne und einer gestohlenen jüdischen Identität reist er nach Palästina aus und macht sich im Kampf um den „jüdischen Staat“ verdient.
Mira ist Jüdin. Sie glaubt, dass Itzig auch Jude ist. Nach dem Ende des II. Weltkriegs tut Itzig so, als wäre er ein Jude. Er reist nach Israel, um dort den neuen jüdischen Staat aufzubauen. Dadurch zeigt das Stück, wie falsch die Klischees sind.
Max Schulz wird am 15. Mai 1907 in der zu Polen gehörenden schlesischen Stadt Wieshalle geboren. Gut zwei Minuten nach ihm kommt im Nachbarhaus ein weiteres Kind zur Welt: Itzig Finkelstein, der Sohn des aus Pohodna in Galizien stammenden Ehepaars Sara und Chaim Finkelstein. Max und Itzig wachsen zusammen auf und werden enge Freunde. Häufig ist Max bei den Finkelsteins, und er geht mit ihnen auch in die Synagoge.
Um nicht in Verruf zu kommen, wirft der Pelzhändler Abramowitz das Dienstmädchen und den Jungen hinaus. Sie werden von dem aus Polen stammenden Friseur Anton Slavitzki in der Kellerwohnung unter seinem schäbigen Laden aufgenommen. Als Itzig mit zehn aufs Gymnasium wechselt, will Max ebenfalls auf die höhere Schule. Seine Mutter ist dagegen, aber der Junge erpresst sie mit der Drohung, Slavitzki zu verraten, dass sie jeden zweiten Nachmittag heimlich den Hausmeister empfängt. Slavitzki wird der Schulwechsel verschwiegen.
1923 bricht Itzig die Schule ab, denn angesichts der aussichtslosen Wirtschaftslage in Deutschland zieht er es vor, ein solides Handwerk zu erlernen. Max folgt dem Beispiel seines Freundes.
Im Winter 1939 kommt er nach Polen. Wir trieben die Juden dann auf ihren Friedhof. Dort standen keine Kreuze. Und dort erschossen wir sie. Toll wurde das erst, als es nach Russland ging. Einsatzgruppe D im südrussischen Abschnitt. Aber das war ja auch später. Wissen Sie, wie man 30 000 Juden in einem Wäldchen erschießt? Und wissen Sie, was das für einen Nichtraucher bedeutet? Dort hab ich das Rauchen gelernt.
1942 wird der SS-Offizier Max Schulz dem Konzentrationslager Laubwalde zugeteilt. Zufällig verschleppt man die Familie Finkelstein dorthin. Max Schulz unternimmt nichts dagegen, dass auch sein früherer Freund Itzig Finkelstein am 7.
Trotzdem war das eine friedliche Zeit in Laubwalde, wenn man bedenkt, dass andere an der Front waren und ihren Kopf hinhalten mussten.
Als sich im Januar 1945 die Rote Armee dem KZ Laubwalde näherte, bereitete die SS die Auflösung vor. Beim Beladen der Lastwagen fiel eine mit Goldzähnen gefüllte Kiste zu Boden und zerbrach.
Der Transport wurde von Partisanen überfallen. Dabei kamen alle Männer bis auf Max Schulz und den Lagerkommandanten Hans Müller ums Leben, auch Günter Holle. Nachdem es Max gelungen war, einen Karton mit Goldzähnen zu vergraben, fand er eine abgelegene Kate, die von einer steinalten Polin bewohnt wurde.
Veronja, so hieß sie, durchschaute sofort, dass es sich bei dem Flüchtigen um einen SS-Offizier aus dem KZ Laubwalde handelte, einen, der dort Herr über Leben und Tod gewesen war. Nun genoss sie ihre Macht über diesen „Gott“, der bis zur Schneeschmelze im Frühjahr bei ihr bleiben musste, wenn er überleben wollte.
Schließlich holte er den vergrabenen Karton mit den Goldzähnen. In der Nacht nagte Veronjas Ziege am feuchten Karton. Durch den Lärm der herauspurzelnden Goldzähne wurde Veronja geweckt.
1946 liest Max Schulz in Berlin in der Zeitung, dass Frau Holle ums Leben kam, als sie auf eine Mine trat. Er hatte damals überlegt, sie mitzunehmen, aber eine Frau mit einem Holzbein wäre zu auffällig gewesen.
Von seinem früheren SS-Kameraden Horst Kumpel lässt er sich in Berlin eine KZ-Nummer aus Auschwitz tätowieren. Dann sucht er Dr. Hugo Weber auf. Der vierundachtzigjährige Arzt, der noch immer vom Nationalsozialismus überzeugt ist, entfernt seine SS-Tätowierung und beschneidet seinen Penis. So wird aus Max Schulz der ebenfalls am 15.
Nach und nach verkauft er die Goldzähne. Dabei gerät er an Kriemhild Gräfin von Hohenhausen.
Sie wirft ihn hinaus, und er zieht in das billige, schäbige Hotel „Vaterland“. Dort wohnt noch ein Jude, Max Rosenfeld, der ihn sogleich als seinesgleichen erkennt. Max Rosenfeld, der den Holocaust als Einziger aus seiner Familie überlebte, bekennt sich zum Zionismus.
In Marseille gehen sie an Bord der „Exitus“. Der griechische Kapitän Teiresias Pappas beklagt sich darüber, dass 1600 Illegale auf sein für maximal 700 Passagiere gebautes Schiff drängen, kann es jedoch nicht verhindern.
Während der Überfahrt kommt Itzig Finkelstein mit dem pensionierten Amtsgerichtsrat Wolfgang Richter auf den Massenmörder Max Schulz zu sprechen. Als sie sich Palästina nähern, lässt Itzig sich vom Haganah-Kommandanten David Schapiro mit einer Maschinenpistole ausrüsten, damit er notfalls gegen die Briten kämpfen kann.
Die „Exitus“ wird in „Auferstehung“ umgetauft. Am 14. Itzig Finkelstein und die Ballerina Hanna Lewisohn aus Berlin, die auf dem Schiff eine Affäre begonnen haben, werden im Kibbuz Pardess Gideon aufgenommen. Dort arbeiten Hanna im Hühner- und Itzig im Kuhstall.
Nach einer Woche mag Itzig Finkelstein nicht länger den Stall ausmisten. Mit dem Bus fährt er nach Jerusalem. Dort findet er keine Arbeit. Er versucht es auch in anderen Städten. Erst in Beth David stößt er auf einen Friseursalon, der einen Gehilfen sucht und ihn am 5. Juli 1947 einstellt.
Unter meinen Kollegen sind zwei deutsche Juden. Der Sigi Weinrauch, der ist ein Volksfeind. Können Sie das verstehen? Ein Jude, der Deutschland liebt! Trotz der 6 Millionen!
Ende August 1947 werden die beiden Maniküren von Schmuel Schmulevitch entlassen und durch eine neue Kraft ersetzt: Miriam („Mira“) Schmulevitch stammt aus der ukrainische Kleinstadt Wapnjarka-Podolsk. Dort wurden am 9. Juli 1941 alle Juden auf dem jüdischen Friedhof erschossen. Mira überlebte schwer verletzt und ist seither stumm. Später wurde sie noch einmal festgenommen und in ein Konzentrationslager gesperrt. Dort magerte sie bis aufs Skelett ab. Nach der Befreiung entwickelte sie sich zur Fressmaschine, und inzwischen ist sie dicker als die dickste Frau der Welt. Das gefällt Itzig Finkelstein.
In der Hochzeitsnacht erweist er sich als impotent und schläft ein. Aber kurz darauf holen ihn die Terroristen aus dem Bett. Sie greifen eine Kaserne der Briten an und mähen mit ihren automatischen Waffen alle nieder. Itzig beteiligt sich an sechs weiteren Anschlägen. Bei der siebten Aktion, einem Angriff auf einen britischen Panzer- und Lastwagen-Konvoi auf der Straße zwischen Tel Aviv und Jerusalem, werden die Terroristen aufgerieben.
Itzig bricht sich bei einer Geländeübung am 1. November 1947 beide Beine und muss ins Krankenhaus. Von dort holt Mira ihn am 27. November ab. Zwei Tage später hört er durchs Fenster im Radio des Nachbarn, dass die Vollversammlung der Vereinten Nationen den Teilungsplan für Palästina annahm. Itzig macht einen Freudensprung - und bricht sich die Beine dabei noch einmal.
Als am 14. Im Palästinakrieg kämpft Itzig Finkelstein als Sergant in der israelischen Armee. Am 30. Dezember 1948 fährt er mit seinen Männern los, um Proviant zu holen. Er verliert die Orientierung. Unerwartet stehen sie am Suezkanal. Nach der Rückkehr müssen sie sich wegen eines befehlswidrigen Vormarsches vor einem Kriegsgericht verantworten.
1951 richten sie sich in ihrem eigenen Häuschen ein. Im Jahr darauf erbt Mira Geld von ihrem Onkel Abraham Lewinsky. Aus einer Zeitungsannonce erfährt er, dass Anton Slavitzki einen Friseursalon in München betreibt.
Mira wird schwanger, obwohl sie bereits Mitte vierzig ist. Sie gebiert einen Sohn ohne Arme und Beine, ohne Gesicht, nur mit zwei riesigen Froschaugen.
Im Dezember 1967 trifft Itzig Finkelstein den inzwischen über achtzig Jahre alten Amtsgerichtsrat Wolfgang Richter wieder und erinnert ihn an die Wette. Einige Zeit später verlangt Richter die Flasche Champagner, denn er hat herausgefunden, dass Max Schulz tot ist. Der Massenmörder erfror im Winter 1945 in einem Waldstück in Polen. Bauern fanden seine Leiche, die daraufhin am 2. Juni 1947 von den polnischen Behörden geborgen wurde.
Hilsenrath nimmt es sich jedenfalls heraus, und deswegen glaubte niemand vor Braun und Dittrich, den Roman dem deutschen Publikum zumuten zu können.
In „Der Nazi & der Friseur“erzählt Hilsenrath zudem die stereotype Geschichte neu, die Gustav Freytag in seinem Besteller „Soll und Haben“ (1855) der Literaturgeschichte überantwortete. Hier begegnen uns der betrügerische und als leibhaftige antisemitische Karikatur eines Juden umherlaufende deutsche SS-Massenmörder Max Schulz und sein rechtschaffener jüdischer Jugendfreund, der blonde, blauäugige und klassisch gebildete Friseurssohn Itzig Finkelstein.
Mittels ihrer Biografie zieht Hilsenrath die Geschichte des deutschen Antisemitismus, der nationalsozialistischen Judenverfolgung, der deutschen Nachkriegszeit und des Überlebenskampfs des jungen Staates Israel nach seiner Gründung am 14.
Hilsenraths absurde Szenen zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit uralten Klischees und Vorurteilen offensiv umgehen. Sie treiben die antisemitischen Stereotypen aus Freytags urdeutschem Roman auf die Spitze, um sie endgültig ad absurdum zu führen.
Dabei ist es hier niemand Geringeres als ein NS-Massenmörder, der uns seine Lebensgeschichte erzählt. Max Schulz, Sohn eines Nazi-Kleinbürgers und einer hitlergläubigen Hure, begeistert sich schon als Kind für das Judentum und seine Gebräuche.
Zuhause den Schlägen und Vergewaltigungen seines Vaters ausgesetzt, findet das Kind bei der Familie Finkelstein Liebe und Respekt. Nach dem Krieg auf der Flucht vor der juristischen Verfolgung seiner unsagbaren Verbrechen, nimmt Schulz kurzerhand Itzigs Identität an und wandert „für ihn“ nach Palästina aus.
Mehr noch: Er schließt sich sogar einer jüdischen Terrorgruppe an, um die britische Kolonialmacht aus Palästina zu vertreiben. Nach der Staatsgründung Israels schließlich prescht Finkelstein alias Schulz im Krieg gegen die arabischen Angreifermächten mit einem Jeep versehentlich gleich bis zum ägyptischen Suezkanal vor und wird endgültig zur geheimen Heldenfigur der neuen israelischen Militärmacht.
Auch gibt es wohl kaum eine bizarrere Geschichte in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, als die Passage, in der SS-Mann Schulz auf der Flucht vor jüdischen Partisanen in einem polnischen Wald in die Kate der unheimlichen Eremitin Veronja gerät. Ihr Obdach ist im tiefsten Winter seine einzige Überlebenschance, und seine ‚Retterin‘ nutzt die Situation genüßlich aus.
Fick den SS-Mann: Das ist ein pornografisches Kasperletheater, wie man es in den larmoyanten deutschen Kriegsheimkehrer-Texten Wolfgang Borcherts, Heinrich Bölls und anderer nirgends finden kann. In ihrer kompromisslosen Radikalität ist Hilsenraths Satire zweifelsohne von weltliterarischem Rang.
So kann wahrscheinlich nur jemand schreiben, der die NS-Vernichtungsmaschinerie selbst überlebte. Hilsenrath überstand das Ghetto von Moghilev-Podolsk und wanderte über Palästina in die USA aus. Eine absurde Geschichte auch dies. Hilsenraths Autor-Biografie selbst wirkt bereits wie ein schlagender Beleg für das Diktum Theodor W.
Karte von Britisch-Palästina 1947
Darf man über den Holocaust eine Groteske schreiben - noch dazu aus Täter-Perspektive?
Nein, entschieden Verlage hierzulande und so dauerte es sechs Jahre, bis der längst in den USA gefeierte Roman „Der Nazi und der Friseur“ des deutsch-jüdischen Schriftstellers und Holocaust-Überlebenden Edgar Hilsenrath 1977 auch in deutscher Sprache erschien - und sehr kontrovers diskutiert wurde. Ein blutiger Schelmenroman über einen Massenmörder und Kriegsgewinnler, der die Identität seines von ihm selbst ermordeten Freundes stiehlt, um nach Kriegsende den eigenen Arsch zu retten. Ein Nazi als Jude, ein Wolf im Schafspelz.
Max Schulz, gelernter Friseur, macht in den 1930-er Jahren Karriere in der SS. Als Wachmann eines Konzentrationslagers tötet er mit eigener Hand seinen jüdischen Schulfreund Itzig Finkelstein und dessen ganze Familie. In der Nachkriegszeit nimmt er Itzigs Identität an, um sich der Verfolgung zu entziehen, und wandert nach Palästina aus. Max-Itzig, der Massenmörder, bringt es dort zum Untergrundkämpfer für den Staat Israel und zum geachteten Besitzer eines Friseursalons.
Kurz vor der Premiere lief im Fernsehen noch einmal der Costas-Gavras-Film "Der Stellvertreter" (mit Anklängen an das Hochhuth-Stück). Er endet damit, dass ein Nazi- Verbrecher nach 1945 ohne Schuldgefühle in eine auch finanziell lukrative neue Karriere startet.
Noch weiß es nicht, dass aus ihm einmal der Nazi-Massenmörder Max Schulz und das jüdische Opfer Itzig Finkelstein werden wird. Doch schon in den Jubel über seine Geburt, der rund um es begangen wird, kann es nicht einstimmen.
Auch der Friseur Finkelstein, im Pelzkragenmantel, sagt erst seine Biografie her und gibt dann die Geburt ebenfalls einen Jungen bekannt. Es folgen Witze über Beschneidung und die angedeutete Choreografie einer solchen, mit Riesenmesser und blutiger Metzgerschürze.
So betont und aufgesetzt komisch nimmt Susanne Lietzows Inszenierung ihren Lauf und diese Attitüde wird sie in den folgenden Stunden nie ganz loswerden. Dabei hätte aus Edgar Hilsenraths Roman um einen Nazi-Massenmörder, der die Identität seines früheren jüdischen Freundes annimmt, um seine Haut zu retten, ja durchaus ein wichtiges Stück werden können.
Im Mittelpunkt steht der stets heitere Max (Konstantin Lindhorst), der seinen Lebenslauf locker wie ein Entertainer erzählt, nachdem er von seinem früheren jüdischen Kumpel Itzig getrennt wurde. Und wenn er so erzählt, sprechen die anderen Figuren ihre Texte in diese Erzählung hinein, oder Max hat gleich ein Solo, in dem er die Geschichte allein weiterspinnt.
Nur einmal, als Max in SS-Uniform von sich und vom Krieg erzählt ("in Polen war nix los", im kleinen KZ Laubwalde hatte er "eine friedliche Zeit"), wenn das Grauen in Nebensätzen aufscheint, wird es sehr still im Publikum.
Stattdessen Klischees und Überzeichnung: der jüdische Friseur-Vater Finkelstein klappert natürlich mit einer Schere (was ihm sonst widerfährt, bleibt dunkel), der Ami-Befreier kommt mit dickem Slang und Corned Beef-Dosen im Netz daher (die auch im Foyer stehen), bei der polnischen Veronja haust ein Teufel mit Bocksfuß hier und Highheel da.
Der etwas kürzere zweite Teil beginnt mit einem peinlichen "Versöhnungs"- und Kameradenabend vor dem Eisernen Vorhang, auf dem der zu Itzig Finkelstein gewordene Max erklären soll, wie der den "Hitlerismus" überstanden hat. Und auch hier referiert Max-Itzig wieder endlos seinen Weg, der dann bebildert wird: Die gefälschte KZ-Nummer am Unterarm wird unter Bohrer-Geräuschen "tätowiert", in einem amerikanischen Auffanglager hat eine dralle Krankenschwester das Kommando, ein jüdischer Amtsgerichtsrat liest die Zeitung "Reuiges Deutschland" und die Geschichte der Ballerina Hanna im Rollstuhl will niemand wirklich hören. Mit solcher Vordergründigkeit vergibt die Inszenierung vieles, lädt zum Lachen eher ein, als es im Halse stecken zu lassen.
Dass Edgar Hilsenrath am 27. November in der Akademie der Künste für sein Werk ausgezeichnet wurde, war keine große Überraschung. Er erhielt den Lion-Feuchtwanger-Preis 2004.
Wie alle anderen offiziellen Anerkennungen, die ihm seit 1989 zuteil wurden, hat Hilsenrath auch diese mehr als verdient.
Braun fasste sich 1977 ein Herz und veröffentlichte Hilsenraths schrillen Roman erstmals in seinem Literarischen Verlag in Köln. „Noch heute muss ich manchmal schlucken, wenn ich das Buch wiederlese“, sagte Hilsenraths aktueller Verleger Volker Dittrich gegenüber der „Jungle World“, „und hier und da frage ich mich schon, ob man so respektlos über Auschwitz überhaupt schreiben darf“.
Edgar Hilsenrath mache es in der grandiosen Bearbeitung seines Buches von Susanne Lietzow den Zuschauern nicht leicht, schreibt Rolf-Dietmar Schmidt in der Magdeburger Volksstimme (4.5.2015). "Der Stoff ist eine Groteske, erzählt aus der Perspektive des Täters und ist mit dieser speziellen Art jüdischen Humors gespickt, den man auch unter dem Begriff Chuzpe kennt."
Lietzow greife die Intention des Autors mit außerordentlichem Einfühlungsvermögen auf, "setzt das in eindrucksvolle Bilder, schockierendes, mitunter abstoßendes Geschehen um". Die Inszenierung mache auf beeindruckende Weise deutlich, "wie sich der Kreis schließt, wie Täter zu Opfern und Opfer wiederum zu Tätern werden".
„Mit den Aktualisierungen ist es ja so eine Sache: Wenn sie zu sehr auf der Hand liegen, wird das eher peinlich“, sagt Stefan Petraschewsky auf MDR Figaro (3.5.2015).
In ihrer kompromisslosen Radikalität ist Hilsenraths Satire zweifelsohne von weltliterarischem Rang.
Hilsenrath überstand das Ghetto von Moghilev-Podolsk und wanderte über Palästina in die USA aus.
tags: #der #nazi #und #der #friseur #film
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