Britney Spears: Von der Jungfrau zur feministischen Ikone

Britney Spears, einst der größte Popstar der Welt, kollabierte vor den Augen der Öffentlichkeit, wurde entmündigt und stand fast vierzehn Jahre lang unter der Vormundschaft ihres Vaters. Doch dann veränderte sich etwas.

In Spears’ Aufstieg, Fall und ihrer schließlichen Befreiung spiegelt sich auch ein gesellschaftlicher Wandel der letzten dreißig Jahre, in dem Frauen von Objekten zu Subjekten geworden sind. Und zugleich, und das ist die Tragik von Britney Spears’ Geschichte, bleibt unklar, ob ihre Befreiung sie auch erlösen wird.

Der Aufstieg eines Weltstars

Britney Spears, geboren am 2. Dezember 1981, wächst in Kentwood, Louisiana, im Herzen des sogenannten Bibelgürtels auf. Von klein auf nimmt sie Tanz- und Gesangsunterricht, ihre Eltern fahren mit ihr zu Castings im ganzen Land. Dann, im Alter von elf Jahren, ergattert sie ihre erste große Rolle: In der Disney-Fernsehshow »Mickey Mouse Club« singt sie an der Seite von Ryan Gosling, Justin Timberlake und Christina Aguilera. 1998, Britney Spears ist sechzehn Jahre alt, folgt der erste Plattenvertrag, kurz darauf die Debütsingle »Baby One More Time«.

Der Song wird in mehr als vierzig Ländern ein Nummer-eins-Hit und macht aus Spears einen Weltstar. Spears’ Durchbruch in den späten 1990er Jahren geschieht zu einer Zeit, als die Musikindustrie auf die Vermarktung von Boybands setzt. Zielgruppe sind junge Mädchen, die davon träumen, eines Tages einen Freund wie Nick Carter von den Backstreet Boys zu haben. Doch dann kommt Britney. Statt eines Jungen, den man begehren kann, ist da eine junge Frau, die alles ist, was zwölf- bis fünfzehnjährige Mädchen sein wollen: selbstbewusst, frech, etwas sexy, aber ohne zu sehr anzuecken.

Alex Gernandt sagt: »Britney war ein Rolemodel. Wie lebt sie? Welchen Freund hat sie? Das waren Fragen, mit denen konnten sich alle Mädchen identifizieren.« Sechsundfünfzig Mal nimmt die Bravo Spears auf die Titelseite, das gelang nicht einmal den Beatles. Einmal fliegt Gernandt nach Los Angeles, einfach um Spears einen Preis zu überreichen, den die Leser ihr verliehen haben.

Die Marke Britney Spears ist von Anfang an ein Widerspruch. Einerseits verkörpert sie das All-American Girl: blond, schlank, weiß, immer lächelnd und immer freundlich. Selbst als sie an einer Medienkonferenz in einem Raum voller Journalisten gefragt wird, ob sie noch Jungfrau sei, bleibt Spears in ihrer Rolle und erklärt, mit dem Sex bis zur Ehe warten zu wollen. Anderseits ist da ihr lolitahafter Auftritt. Sie tanzt in Musikvideos in kurzen Röcken und bauchfreien Oberteilen. Als sie siebzehn Jahre alt ist, posiert sie für den Rolling Stone in Unterwäsche in einem Puppenzimmer.

1999 wird Spears’ Beziehung zu Justin Timberlake bekannt. Die beiden kennen sich vom »Mickey Mouse Club«, nun tingeln sie in tadellos aufeinander abgestimmten Jeans-Outfits über die roten Teppiche der Welt. Die Beziehung wird zum modernen Märchen stilisiert, Fans und Boulevardpresse lieben das Paar: sie, das keusche Sexsymbol, und er, der Boyband-Mädchenschwarm.

Noch bevor Britney Spears zwanzig Jahre alt wird, hat sie alles erreicht. Sie verkauft mehr als siebenunddreißig Millionen Alben, spielt in einem Kinofilm mit und tritt am Super Bowl und mit Michael Jackson auf. Spears verkörpert den amerikanischen Traum. In eine Durchschnittsfamilie in einer Kleinstadt auf dem Land geboren, hat sie es bis ganz nach oben geschafft. Die Geschichte ist banal, weil perfekt.

Britney Spears im Juli 2019

Der Fall

Die Liebe zwischen Britney Spears und Justin Timberlake zerbricht 2002. Es ist eine hässliche Trennung. In Interviews inszeniert sich Timberlake als Opfer und zerstört das Bild der reinen Britney. Er prahlt, Sex mit ihr gehabt zu haben, und bezeichnet ihre Jungfräulichkeit als Lüge. Später veröffentlicht er mit »Cry Me A River« einen Rachesong, in dessen Video er das Bild von Spears als eiskalter Freundin zeichnet, die ihn betrügt und ihm das Herz bricht. Timberlake tut, was erst Jahre später einen Namen erhalten sollte: Slut-Shaming. Und die Medien machen mit.

Während Timberlake die Trennung nutzt, um seine Solokarriere zu lancieren, verliert Spears ihre Glaubwürdigkeit als Künstlerin. Sie veröffentlicht zwar weiter Musik, aber die Presse ist an anderem interessiert. »Wie echt ist Britneys neuer Busen?«, »Ist sie wirklich noch Jungfrau?«, »Britney kann nicht mehr« lauten die Überschriften nun auch in der Bravo, die nur wenige Jahre zuvor Spears als Pop-Prinzessin gefeiert hat. In einem 2003 ausgestrahlten Interview des amerikanischen Senders ABC fragt die Moderatorin die damals Zweiundzwanzigjährige in Anspielung auf Timberlake: »Was hast du nur getan?« Sie spricht dem empörten Publikum damit aus dem Herzen.

Der Umgang mit Britney Spears gewährt einen atmosphärischen Einblick in die späten 1990er und die frühen 2000er Jahre, als ein noch weitgehend ungebremster Sexismus die Berichterstattung bestimmt. Tun zwei Erwachsene etwas moralisch Verwerfliches, trägt die Schuld dafür die Frau. Spears ist da kein Einzelfall.

Von ihr lassen sich Parallelen ziehen - etwa zur Hotelerbin Paris Hilton, die sich für einen Amateurporno rechtfertigen muss, den ein Exfreund gegen ihren Willen veröffentlicht hat. Und zu Monica Lewinsky, die nach der Enthüllung ihrer Affäre mit dem damaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton als Schlampe und Ehezerstörerin bezeichnet wird. In allen drei Geschichten haben Journalisten die Frau mit intimen Fragen traktiert. Geglaubt haben sie dem Mann.

Britney Spears ist fortan eine andere. Adieu Lolita, Spears will nun erwachsen sein: Sie erklärt in Songs, zwar noch keine Frau zu sein, aber auch kein Mädchen mehr, singt von devoten Sexphantasien und steckt Madonna bei den MTV Video Music Awards 2003 ihre Zunge in den Hals. Das funktioniert künstlerisch und auch kommerziell, denn es ist konsequent. Spears führt das fort, was sie angefangen hat: ein Leben unter den Augen der Öffentlichkeit. Und so wie ihre Fans als Kinder zuvor bewunderten, wie Spears zugleich frech und unschuldig blieb, identifizieren sie sich als Teenager nun mit ihrer Rebellion.

Privat wird Spears’ Emanzipation zur Überforderung. Sie holt nach, was ihr lange verwehrt blieb, und stürzt sich ins Nachtleben von Los Angeles. Paris Hilton und Lindsay Lohan begleiten sie. Die drei sind für eine Weile das angesagteste Party-Trio Hollywoods, gleichermaßen berüchtigt wie belächelt und wegen angeblich exzessiven Drogenkonsums das Lieblingsthema der Boulevardpresse. Als Spears dreiundzwanzig Jahre alt ist, heiratet sie nach einer durchzechten Nacht in Las Vegas ihren Jugendfreund Jason Alexander. Die Ehe wird nach fünfundfünfzig Stunden annulliert. Noch im selben Jahr heiratet sie erneut, dieses Mal den Tänzer Kevin Federline. Mit ihm bekommt sie innerhalb von zwölf Monaten zwei Kinder; kurz nach der Geburt des zweiten Sohnes trennen sich die beiden. Es folgen die Scheidung und ein Sorgerechtsstreit, den Spears verliert.

An einem Dienstagabend im Februar 2007 fällt Spears eine der wenigen eigenmächtigen Entscheidungen ihres Lebens. Im San Fernando Valley betritt sie ein Coiffeurgeschäft, greift zum Rasierapparat und schneidet sich eine Glatze. Am selben Abend lässt sie sich mit übergezogener Kapuze in einem Tattoostudio zwei Kussmünder auf das Handgelenk stechen, während sich Dutzende von Schaulustigen und Fotografen vor dem Schaufenster drängeln. Tage später attackiert Spears das Auto eines Paparazzos mit einem Regenschirm.

Kein Absturz eines Stars wird so gnadenlos dokumentiert wie der von Britney Spears. Fast jeden Tag gibt es neue Meldungen und vor allem Bilder: Britney Spears, wie sie weinend in einem Café sitzt; Britney Spears, wie sie mit ihrem acht Monate alten Baby auf dem Schoß Auto fährt; Britney Spears, wie sie auf dem Gehweg stolpert und beinahe ihren Sohn fallen lässt. In einer amerikanischen Quizshow werden hundert Leute gefragt, was Spears im Jahr 2007 alles verloren hat. Richtige Antworten: ihre Kinder, ihre Haare, ihren Verstand. Die Nachrichtenagentur AP lässt vorsorglich einen Nachruf auf sie schreiben.

An einem Januarabend im Jahr 2008 verschanzt sich Spears mit einem ihrer Söhne im Badezimmer ihres Hauses am Mulholland Drive. Später fahren mehr als zwanzig Polizisten vor. Sie kommen mit einem sogenannten »5150«, einer Verordnung, die laut kalifornischem Gesetz einen »unfreiwilligen psychiatrischen Gewahrsam« vorsieht. Paparazzi-Bilder zeigen, wie Spears auf einer Krankentrage aus ihrem Haus und in einen Rettungswagen geschoben wird. Danach wird sie zur Universitätsklinik UCLA gefahren und in die geschlossene Abteilung eingeliefert.

Am Morgen nach dem »5150« beantragen Spears’ Eltern die vorläufige Vormundschaft für ihre Tochter. Am 8. Februar 2008 wird der Vater Jamie Spears als Vormund eingesetzt. »Probate conservatorship« nennt sich das Verfahren, unter dem die Sängerin von jetzt an steht. Es ist laut kalifornischem Recht für eine Person gedacht, die nicht fähig ist, für »ihre Bedürfnisse, ihre physische Unversehrtheit, für Nahrung, Kleidung oder Unterkunft zu sorgen«.

Britney Spears bei den Billboard Music Awards 2013

Die Wiederauferstehung und die #FreeBritney-Bewegung

Britney Spears war um die Jahrtausendwende der größte Popstar der Welt. Dann kollabierte sie vor den Augen der Öffentlichkeit, wurde entmündigt und stand fast vierzehn Jahre lang unter der Vormundschaft ihres Vaters. Lange interessierte das niemanden außerhalb der Fanszene. Doch dann veränderte sich etwas. 2019 begann #FreeBritney zu wachsen. Aus einem Hashtag wurde eine Bewegung, die sich lautstark für die Befreiung der Sängerin aus ihrer Vormundschaft einsetzte. Das konnten selbst renommierte Medien nicht mehr ignorieren. Die New York Times, BBC und Netflix veröffentlichten Dokumentationen über den Fall. Plötzlich war Britney Spears wieder allgegenwärtig. Sie, die einst als Schulmädchen verkleidet »Hit Me Baby One More Time« gesungen hatte, wird zur feministischen Ikone einer Selbstbestimmungsbewegung gemacht. Wie ist das passiert? Und welche Rolle spielte die #FreeBritney-Bewegung dabei wirklich?

Wie so oft in der Geschichte von Britney Spears ist der Protagonist selbst am Tag ihrer Befreiung ein Mann. Im Nadelstreifenanzug und mit Hornbrille tritt am 12. November 2021 Mathew Rosengart aus dem Los Angeles Superior Court vor ein Dutzend Mikrofone. »Richterin Penny hat heute entschieden, die Vormundschaft von Britney Spears mit sofortiger Wirkung zu beenden.« Vor dem Gerichtsgebäude bricht lauter Jubel aus. Rosa Konfetti fliegt durch die Luft, Menschen in pinkfarbenen T-Shirts und mit #FreeBritney-Transparenten fallen sich in die Arme. Ein paar Stunden später steigt im Queer-Klub »Heaven« in Zürich eine Siegesfeier. Es ist eng und stickig. In der Mitte des Raumes tanzt eine Frau, grünes Oberteil, Glitzershorts, Bauchnabelpiercing. Victoria Shakespears, so nennt sie sich, singt Playback zu einem Lied, das man nicht unbedingt als Siegeshymne verstehen würde: Britney Spears’ Hit »I’m a Slave 4 U«, ich bin eine Sklavin für dich.

Victoria Shakespears heißt eigentlich Vitor Souza. Er ist 27 Jahre alt, seit zwei Jahren tanzt er als Dragqueen. Sein zweites Leben gehört Britney Spears. Er kennt jeden Song, jeden Auftritt der Sängerin: Victoria Shakespears ist ein Britney-Double. Er habe sich immer schon anders gefühlt als die anderen, erzählt Souza, während er vor dem Spiegel in der Toilette des Klubs steht und die Perücke mit einer Nadel befestigt. Als Teenager von Brasilien in die Schweiz gezogen, schloss sich Souza oft im Zimmer ein. »Ich hatte keine Freunde, und meine Eltern waren kaum zu Hause.« Dann hörte Souza Britney Spears - und wurde zum Fan. Nicht nur wegen der Musik. Spears sei »non-judgmental«, nicht urteilend. »Sie war der Engel, der mich aus meinem Loch holte.« Britney Spears hat Vitor Souza befreit. Jetzt, an diesem Abend in Zürich, fühlt es sich an, als hätte Spears etwas zurückerhalten: Sie wurde befreit. Dank Shakespears und Hunderttausenden anderen Fans, die zusammen die #FreeBritney-Bewegung bilden und den Sieg vor Gericht nun auf Partys in Zürich, Tel Aviv und Hollywood feiern.

Britney Spears' Fans setzen sich mit der #FreeBritney-Bewegung seit Wochen für ihre vermeintliche Fr

Lilly Blaudszun: Ein Selfie für die SPD

Zwei Tage nachdem die SPD-Basis Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken zu ihren neuen Parteivorsitzenden gewählt hat, zwei Tage nachdem sie damit begonnen hat, so lautet der Tenor der Hauptstadtpresse, „sich selbst abzuschaffen“, postet eine Frau ein Selfie mit einem Mann.

Die Frau ist 18 Jahre alt, sie ist in der SPD seit drei Jahren, sie hat bei dieser Wahl, wie fast alle Jusos, für Walter-Borjans und Esken gestimmt und für sie geworben. Ihr Name ist Lilly Blaudszun.

Der Mann ist 61 Jahre alt, er ist Vizekanzler und wäre gerne selber Parteivorsitzender geworden. Sein Name ist Olaf Scholz.

Sie schreibt: „Ich präsentiere: das süßeste Bild, das von Olaf Scholz existiert.“ Tatsächlich sieht Olaf Scholz darauf nicht aus, wie er sonst aussieht, schmallippig, ernst, spröde. Olaf Scholz lächelt wie ein gütiger Onkel, mit gemütlichen Lachfalten um die Augen.

Das Bild transportiert eine Botschaft: Wir halten zusammen, gerade jetzt. Und es passt gut, dass diese Botschaft von Blaudszun stammt.

Wer will heute noch in der SPD Karriere machen? Wie könnte diese Partei ihr Image aufpolieren? Lilly Blaudszun ist die Antwort. Ihr schärfstes Schwert: das Selfie

An einem Mittwoch, ein paar Tage vor der Wahl, sitzt sie im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestags in einer Sitzgruppe auf einem Flur. Grünes Polo-Shirt, Blazer, in der Hand einen BigMac. Blonde Haare bis zu den Schultern, Nasenpiercing, drei Tattoos. Sie soll gerade die Frage beantworten, wie man das eigentlich macht, eine Nachwuchshoffnung der SPD zu werden, aber sie beißt jetzt erst mal hinein in dieses Ungetüm von einem Burger. Soße kleckert, sie wischt sich den Mund ab mit einer Serviette. „Big Mac ist Beste“, sagt sie. Sie nimmt ein paar Pommes und taucht sie in den Ketchup. Ich gehe halt sehr locker an Politik ran, habe eine freche Art. Das schafft eine hohe Aufmerksamkeit über die sozialen Medien.“

Als der Spiegel nach der Wahl eine minutiöse Aufarbeitung des Abends bringt, steht darin auch dieser Absatz: „Eine Jungsozialistin bringt eine Runde Pfefferminzlikör, zack, runter damit. Muss ja. Ihr schärfstes Schwert: das Selfie. Sie knipst und knüpft dabei Kontakte. Mit Manuela Schwesig, der Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns, schreibt sie fast täglich. Gegen Generalsekretär Lars Klingbeil stichelt sie im Netz ironisch. So prominent ist sie mittlerweile, dass sich etwas gewandelt hat: Musste früher sie um Selfies bitten, wollen Parteigrößen inzwischen eins mit ihr, zuletzt Ralf Stegner. Oder Katarina Barley fragt per Tweet, da fährt sie gerade durch Blaudszun Heimatstadt Ludwigslust, ob sie aussteigen solle. Die antwortet: „Wir machen mal 'ne Tour!“

Von Sascha Lobo, Internet- und Welterklärer, stammt der Satz: „Jede soziale Technologie erzeugt als Nebeneffekt genau die Heranwachsenden, die den Herausforderungen der Zukunft am besten gewachsen sein werden.“ Lilly Blaudszun nutzt diese Plattformen, wie das vielleicht nur 18-Jährige können: schnell, selbstironisch, natürlich.

Mussten sich Politiker früher lange aufwärts buckeln, Klinken putzen auf Parteitagen, mühsam Kontakte sammeln, kennt Lilly Blaudszun jetzt schon jeden und jede, der oder die in der Partei etwas zu sagen hat. Gerade wählte die „Zeit“ sie unter die „100 wichtigsten, jungen Ostdeutschen“. Neben Toni Kroos und Annalena Baerbock.

Manche sagen, Blaudszun sei eine karrieristische Politstreberin, Ziel: Bundestag plus X. Andere finden, sie produziere bislang vor allem heiße Luft. schon irgendetwas Geleistetes, worüber es sich lohnt zu berichten?“ Lilly Blaudszun sagt: „Meckern kann jeder. Ich will mithelfen, dass die SPD wieder cool wird.“

Vielleicht ist der BigMac in ihrer Hand ein gutes Beispiel. Ein Medienberater würde ihr wohl davon abraten, vor einem Journalisten einen BigMac zu essen. Weil ein BigMac ein Symbol ist und Reporter nach Symbolen lechzen. Einen BigMac zu essen, das steht in Zeiten von Fridays for Future auch für Klimaignoranz. Andererseits ist es die normalste Sache der Welt und gerade deswegen womöglich das Ungefiltertste, was eine Politikerin im Paul-Löbe-Haus seit langer Zeit getan hat.

Geboren wird sie 2001 in Ludwigslust, Mecklenburg, da ist der Osten längst nicht mehr der Osten, aber irgendwie auch schon, findet Blaudszun. Sie erinnert sich an eine „wunderschöne Kindheit“, oft sei sie bei ihrer Oma auf Rügen gewesen, wo sie Unmengen von Muscheln aus dem Meer gefischt habe. Sie macht damals Sport, „ungefähr jede Sportart, die es gibt“. Mit zwölf tritt sie dem Jugendrat bei, einem Mitbestimmungsgremium in Schwerin. Mit 15 macht sie ein Praktikum bei einem Landtagsabgeordneten, dort trifft sie den heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, damals noch Außenminister. Blaudszun erinnert sich, wie Steinmeier lange mit ihr spricht, ihr später sogar einen Brief schickt. Sie tritt seinetwegen in die SPD ein, er steht als Werber in ihrem Ausweis.

Das erste Tattoo ließ sie sich im Juni stechen, direkt nach ihrem 18. Geburtstag. Es ist ein Nirvana-Zitat, „come as you are“. Das Zitat drücke ihre Grundeinstellung zum Leben aus, sagt Blaudszun. „Das jeder so leben kann, wie er will. Ich halte es aber auch für ein Motto, das der SPD gut steht. Wir sollten dafür sorgen, dass jedes Kind, egal woher es kommt oder wie reich die Eltern sind, das werden kann, was es will.“

Das zweite Tattoo zeigt eine Welle auf ihrem Arm, darüber der Schriftzug „MV“. Blaudszun sagt, sie liebe Mecklenburg-Vorpommern.

Das dritte schließlich prangt auf ihrem Knöchel, es ist das unauffälligste. Es zeigt ein kleines Kreuz. „Mit der Kirche ist es ein bisschen wie mit der SPD“, sagt Blaudszun. „Die Grundidee, dass dir jemand zur Seite steht, egal wie schlecht es dir geht, finde ich super. Nur sollte man diese Grundidee vielleicht so langsam mal ins 21. Jahrhundert schubsen.“

Im Frühjahr 2019, zur Europawahl, erfindet sie den Hashtag #HockenistdieAntwort, unter dem Politiker und Bürger Selfies posten können, auf denen sie die sogenannte Russenhocke machen, ein Social Media Trend. Dazu sollen sie schreiben, warum ihnen Europa wichtig ist. „Ging ziemlich ab“, sagt Blaudszun.

Im Sommer tourt sie im Wahlkampfteam von Dietmar Woidke durch Brandenburg, schießt für den Ministerpräsidenten Fotos und postet sie. Woidke gewinnt die Wahl.

So kommt sie auch an den Job im Bundestagsbüro des Sprechers der Ost-SPD, Frank Junge, den sie seit Oktober immer mittwochs macht. Mittelfristig soll sie Junges Social-Media-Auftritt aufmöbeln.

An einem Morgen Ende November sitzt sie im Audimax der Viadrina, der Universität in Frankfurt an der Oder, sechste Reihe, und schaut nach vorne zu Professor Brömmelmeyer, der über die Rechte Minderjähriger im deutschen Zivilrecht spricht. Blaudszun studiert Jura. Sie trägt einen grauen Pulli, vor ihr auf dem Klapptisch liegt ihr Handy. Eine Nachricht von Manuela Schwesig blinkt auf, sie antwortet. Hinten in der Hülle ihres Handys steckt ein Sticker mit Schwesig drauf, darunter steht: „Ein Küsschen von Manuela.“ Ihr Kommilitone Luca Jung, auch bei den Jusos, klebt den Sticker auf den Klapptisch. „Manu spreadet wieder Love“, sagt Blaudszun. Und dann, zu Jung: „Lass mal in der Pause rüber nach Polen, Kippen holen.“

In der Pause gehen Blaudszun und Jung dann tatsächlich rüber nach Polen, Kippen holen. Gefühlt jeder Laden hat hier Europa im Namen und es ist selbstverständlich, dass wir unseren Alltag in Deutschland und Polen bestreiten. Trotzdem gewinnt die AfD die Wahlen und auf Weihnachtsmärkten wird lautstark Arm in Arm die Nationalhymne gesungen.“ Für ihre Verhältnisse ist das schon Politikersprech.

Blaudszun sagt, sie habe sich bewusst für Frankfurt Oder entschieden. „Ich kann nicht ständig den Osten promoten und dann gemütlich nach Westdeutschland ziehen zum Studieren.“

Nach der zweiten Vorlesung gehen Blaudszun und Jung in die Mensa. Sie bestellt Spätzle mit Gemüse, „ausnahmsweise vegetarisch“, sagt sie. Beim Essen redet Jung über die anstehende Wahl zum Parteivorsitz. Auch er hat für Walter-Borjans und Esken gestimmt, er sagt: „Nikolaus ist Groko-Aus. Daumen sind gedrückt.“ Blaudszun ist sich da nicht sicher. Sie sagt: „Ich hadere mit dieser Groko-Entscheidung. Wir haben doch abgestimmt und 66 Prozent haben sich für die Groko entschieden. So falsch ich das finde, aber damit muss man dann auch einfach arbeiten. Alles andere wäre doch super anti-basisdemokratisch. Die Delegierten haben jetzt jedenfalls eine krasse Verantwortung.“

Ein Mandat? Sie ist sich nicht sicher Ihr Kumpel sagt, dass er sich nicht wirklich vorstellen könne, Berufspolitiker zu werden. „Ich will Anwalt werden, aber ich hab' krassen Respekt vor Lilly, wenn sie das durchzieht.“

Blaudszun sagt, dass sie noch nicht sicher wisse, ob sie mal ein Mandat wolle, egal ob im Land oder Bund. Kurz darauf redet sie aber davon, dass sie Digitalpolitik lässig fände, auch weil sich kaum jemand in der SPD für das Thema interessiere. Wäre das aus Karrieregründen nicht ziemlich vielversprechend, zumal als Ostdeutsche mit abgeschlossenem Jura-Studium? Sie zuckt mit den Schultern. Strategie?

Was bei ihrem jungen CDU-Kollegen Philipp Amthor immer etwas verkrampft wirkt, verkörpert Blaudszun natürlicher: Sie will Karriere machen. Während Amthor spricht, wie jemand, der nur vom Hörensagen weiß, dass Jugend auch Exzess bedeuten kann oder zumindest Arglosigkeit, erzählt Blaudszun, wie sie neulich mit Glühwein in der Hand aus dem Fenster ihres Wohnheims pöbelte. Wo Amthor kontrolliert, lässt Blaudszun los. Wo Amthor überlegt, entscheidet Blaudszun mit dem Bauch. Die Zitate für diese Geschichte will sie nicht, wie sonst üblich, zur Kontrolle gegenlesen. Philipp Amthor ist 27 und wirkt oft wie 44. Lilly Blaudszun ist 18 und wirkt wie 18.

„Was ich an ihr bewundere, ist ihre Furchtlosigkeit und ihre Down-to-earthigkeit“, sagt Carline Mohr, von der SPD im Frühjahr zur Verstärkung des Social-Media-Auftritts als neue Newsroom-Leiterin geholt. „Man merkt sofort, wenn etwas weichgespült ist.“ Lilly traue sie alles zu. „Wenn die erstmal so alt ist wie ich, 35, dann hoffe ich, dass sie eine Staranwältin ist oder Parteichefin.“

Die SPD wirkt seit Jahren nicht wirklich wie ein Verein, bei dem man gerne Mitglied wäre. Altkanzler Gerhard Schröder und Altparteivorsitzender Sigmar Gabriel kommentieren das Geschehen von der Seitenlinie wie angetrunkene Fußballfans, Andrea Nahles fiel einem frauenfeindlichen Komplott zum Opfer und der Streit um Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken könnte die Partei spalten. Ihre Tweets wirken schmerzlindernd In diesen Zeiten wirken die Selfies Lilly Blaudszuns, die Aufmunterungen an ihre Partei, überhaupt die Tatsache, dass eine 18-Jährige sich für diesen Club begeistern kann, schmerzlindernd. Wo sich eine 18-jährige Burgerliebhaberin mit Faible für Fanta-Korn wohlfühlt, kann es nicht ganz schlecht sein.

Vielleicht macht Lilly Blaudszun die SPD gar nicht cooler.

tags: #bauchnabelpiercing #lange #blonde #haare #song #bedeutung

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