Die Geschichte der Frisuren ist eng mit der Kultur, dem sozialen Status und der Mode verbunden. Von den wellenförmigen Strichen auf dem Kopf der eiszeitlichen Venus von Willendorf bis zum Afro als Zeichen des Widerstands in den 1960er Jahren erzählen Frisuren viel über die Identität und die gesellschaftlichen Werte einer Epoche. Besonders im Barock und Rokoko spielten Perücken eine herausragende Rolle als Statussymbol und modisches Accessoire.
Ludwig XIV. mit Allongeperücke
Im 17. und 18. Jahrhundert erlebte die Perücke in Europa ihren Siegeszug. Ein Grund dafür war, dass man sich die Haare nicht ständig neu locken musste. Hinzu kam der praktische Aspekt, den Kopf in den zugigen Barockschlössern warm zu halten, die schwer zu heizen waren. Ende des 17. Jahrhunderts war zunächst die sogenannte Allongeperücke modern. Allonge bedeutet im Französischen Verlängerung oder Anhängsel. In der Mitte gescheitelt fielen die aus Flachs oder Rosshaar hergestellten Perücken bis auf die Brust.
Ludwig XIV. machte sie 1673 in Frankreich zur Staatsperücke, sodass sie bald in ganz Europa Männer von Stand trugen. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurden Männerperücken kürzer, die Allongeperücke kam außer Mode. Bald war sie nur noch Teil der Amtskleidung, in Großbritannien und Australien etwa bei Richter*innen bis heute. Stattdessen setzte sich eine Perückenform mit Zopf und waagerecht eingedrehten Locken über den Ohren durch, wie wir sie zum Beispiel von Friedrich II. kennen.
Es wurden Perücken aus Rosshaar und für gehobenen Bedarf auch aus Menschenhaar angefertigt. Louis XIV. und Peter I. trugen in späteren Jahren Perücken. Peter benutzte eine Perücke, die aus seinem eigenen Haar angefertigt wurde. Perückenmacher scheint durchaus ein einträgliches Gewerbe gewesen zu sein. Da waren natürlich auch Perücken mit "normalen" Haarfarben im Umlauf.
Die Herkunft der Perücken soll ja in der Eitelkeit der Männer liegen. Ich glaube, dass Louis XIV recht früh die Haare ausgegangen sind (entgegen der "Versailles"-Serie), aber lange offene Haare waren seit dem Beginn des 17. Jh. in Mode. Daher soll er angefangen haben Perücke zu tragen. Tatsächlich ist es so, dass wir keine Glatzköpfe als Herrscher kennen im 17. Jh. - Zufall oder nicht. Die Perücke sorgt für eine Art Zeitlosigkeit der Jugend, da man damit den Rückgang des Eigenhaares auf dem Kopf bei Herren ausgleichen konnte.
Im frühen Barock kam die Perücke wieder in Mode. Sie diente vor allem dazu, den Krankheitsbedingten Haarausfall bei der Syphilis, Alopecia syphilitica und die Folgen der Behandlung mit Quecksilber zu Kaschieren. Auch wirkt die Perücke wärmend, was in den schwierig zu heizenden Schlössern im Barock einen weiteren Vorteil darstellte. 1656 entstand die erste Innung für Perückenmacher in Paris. Als Ludwig XIV. nach 1700 kamen die (mit Mehl) weiß gepuderten Perücken mit meist waagerecht angeordneten Locken auf. Hergestellt wurden sie vorwiegend aus Ross- oder Ziegenhaar sowie Hanf und Flachs.
Perücken sind oft weiß, manchmal violett, pink, blau oder gelb gepudert. Frauen trugen Haarteile und puderten ihr Haar grau, wohl auch, um den Farbunterschied zwischen dem eigenen Haar und den Haarteilen zu kaschieren. Perückenpuder wurde aus Mehl oder Stärke hergestellt und mit Lavendel oder Orangenblüten parfümiert.
Je höher der soziale Status einer Person, desto aufwändiger, prachtvoller und kostspieliger die Perücke. Die Exlusivität liegt in den Kosten für das Haarpuder. Eine einfache Perücke war nicht teuer. Daneben gab es auch falsche Zöpfe und andere Haarteile um den gleichen Effekt zu erzielen. Haarpuder hingegen scheint im Anbetracht von Hungerkatasrophen wie in Deutschland in den frühen 1770ern und Frankreich in des späten 1780ern etwas absurd und dekadent. Man muss dabei berücksichtigen, dass das mit dem Pudern der Haare ja nicht exklusiv für Perücken war sondern ganz im Gegenteil. Die Soldaten hatten auch - meist bezogen auf bestimmte Anlässe - gepuderte Haare. Diese Tradition existierte bei den Franzosen noch bis zum Anfang des 19. Jh..
Demnach sollen steigende Weizenpreise Mitte des 18. Jh. der Auslöser dafür gewesen sein, dass die Mehlpuderei künstlicher Haartrachten in Kritik geriet und im Verbot mündete. Zur Exklusivität des Puderns schreibt Wikipedia (im Artikel »Perücke«, leider ohne Ref.): »Das Pudern der Perücken war den unteren Schichten generell verboten und mit einer Steuer belegt.« (wo und wann genau, wird nicht verraten. Vmtl. im deutschsprachigen Raum im frühen 18.
Der Siegeszug der Perücke in Europa brachte kreative Formen der Besteuerung hervor. Friedrich I. von Preußen führte eine Perückensteuer ein, um die Staatsfinanzen aufzubessern, die durch Misswirtschaft erschöpft sind. Für jede in der Öffentlichkeit getragene Perücke mussten drei Taler entrichtet werden. Überprüft wurde das Ganze vom königlichen Perückeninspektor.
Die pompösen Perücken des französischen Hofs in Versailles wurden zum Symbol der Dekadenz der Herrschenden. Den damit entstehenden Graben zwischen perückentragendem Adel und perückenlosem Bürgertum vertiefte die Französische Revolution noch weiter. Die Revolutionäre trugen einfache Frisuren, schafften die Perücke aber nicht vollkommen ab. Maximilien de Robespierre, führender Politiker der Jakobiner, trug sie zum Beispiel weiterhin. Erst Napoleon Bonaparte setzte dem ein Ende. Anfang des 19. Jahrhunderts sind Perücken noch ein Zeichen konservativer politischer Einstellung, bis sie im Laufe der Jahrzehnte fast vollkommen verschwinden.
Soldaten und Reisende trugen kürzere Modelle, sogenannte Stutzperücken, Bauern und Handwerker gar keine. In Preußen wurde von 1698 bis 1717 eine Perückensteuer erhoben. Schon vor der Französischen Revolution kam das Ende der Perückenmode. Seither werden Perücken und Toupets von Männern nur noch als Bestandteil von Amtstrachten in der Rechtspflege oder aus medizinischen Gründen getragen.
Selbst in den Perücken, die zu einem halben Meter hohen Frisuren mit eingearbeiteten Accessoires gestylt wurden, nisteten oft Läuse - und ein Chronist berichtet sogar von einer Maus, die an einer Perücke herumgeknabbert haben soll. Auch die Flöhe waren eine arge Plage. Ihrer Vorliebe für frisches Blut kam man mit einer speziellen Flohfalle entgegen. Die sah aus wie ein heutiges "Tee-Ei", wahlweise aus geschnitztem Holz, Knochen oder Silber. Allen gemeinsam war, dass ihre Hülle stets fein durchbohrt war wie ein Gitter und dass man sie in der Mitte aufschrauben konnte. Ins Innere kam ein Stück blutgetränktes Leinen, in der Hoffnung, dass die Flöhe vom Geruch angelockt wurden, durch das Gitter krochen und in der Flohfalle blieben, bis sie entsorgt wurden.
Die Perücken wurden in Abschnitten oder ganz aus leicht dauerhafter frisierbaren Haaren geknüpft wie Rosshaar. Aber auch andere Materialien waren neben Menschenhaar in der Benutzung. Während im Laufe des 18. Jh. zusehends standesspezifische Kleidung auf dem Rückgang war (es gibt da eine Darstellung zur Verweltlichung des Pastors) etablierten sich Perückenformen für bestimmte Berufsgruppen wie die Stutzperücke für Advokaten und z.T.
Auch heute noch finden sich Spuren der Perückenmode in bestimmten Berufsgruppen. Ein bekanntes Beispiel sind die Gerichtsperücken in England, die bis heute getragen werden. Sie dienen dazu, die Würde des Standes zu repräsentieren und Anonymität zu gewährleisten.
Im Gegensatz zu den Anwälten. Die englische Anwaltskammer, der sogenannte Bar Council, hat zwar schon erste Anstrengungen unternommen, ist aber noch zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen, ob die Gerichtsperücke nun getragen werden soll oder nicht. Wie wir bereits gesehen haben, dienen die Perücken unter anderem dazu, beim Gegenüber mächtig Eindruck zu schinden. Klar, dass das mit einer nagelneuen Perücke nicht so gut gelingt, denn diese würde dem Gegenüber nur signalisieren, dass man noch ganz neu ist im Stand der Anwälte und Richter. Daher greifen einige Juristen zu ganz unorthodoxen Methoden: Die Perücke wird noch während des Studiums gekauft und dann entsprechend präpariert, dass sie pünktlich zum ersten Termin vor Gericht die gewünschte Patina besitzt. Manche angehende Anwälte und Richter benutzen ihre Perücke als Mopp oder hängen sie in den strömenden Regen. Es geht allerdings auch einfacher: Man kann die speziellen Gerichtsperücken auch gebraucht kaufen.
Die Geschichte der Barockperücken ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Mode und Kultur miteinander verwoben sind. Sie zeigt, wie ein Accessoire zum Statussymbol werden kann und wie sich gesellschaftliche Veränderungen in der Mode widerspiegeln.
| Epoche | Perückenform | Material | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| Ende 17. Jahrhundert | Allongeperücke | Flachs, Rosshaar | Statussymbol, Zeichen von Stand und Reichtum |
| 18. Jahrhundert | Kürzere Perücken mit Zopf und Locken | Ross- oder Ziegenhaar, Hanf, Flachs | Modisches Accessoire, Zeichen von Zugehörigkeit zu bestimmten Berufsgruppen |
tags: #Barockperücken #Wikipedia
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