Argentinische Fußballspieler und ihre langen Haare: Eine Geschichte von Rebellion und Stil

Die Welt des Fußballs ist nicht nur ein Ort sportlicher Höchstleistungen, sondern auch ein Schauplatz für individuelle Ausdrucksformen. Besonders die Frisuren der Spieler haben im Laufe der Jahre immer wieder für Aufsehen gesorgt. In Argentinien, einem Land mit einer reichen Fußballtradition, spielten lange Haare eine besondere Rolle - oft als Zeichen von Rebellion, Individualität und Stil.

In unserem Post über die fürchterlichsten Frisuren im internationalen Fußball ist wirklich alles dabei: Friseurpfusch genauso wie ein mehr als seltsames Stilempfinden. Viele der Profikicker wechseln Frisur oder Haarfarbe fast so häufig wie die weibliche Begleitung. Andere zeichnen sich “haartechnisch” dagegen durch eine gewisse Beständigkeit aus.

Der Fall Fernando Redondo: Ein Haariger Konflikt

Ein besonders kurioses Beispiel ist der Fall von Fernando Redondo. Redondo war zu jener Zeit wohl einer der besten zentralen Mittelfeldspieler der Welt. Dennoch fand die WM in Frankreich ohne ihn statt.

Kurz vor der WM 1998 hatte Fernando Redondo mit Real Madrid die Champions League gewonnen. Nicht nur beim 1:0-Finalsieg über Juventus Turin um Superstar Zinedine Zidane war er eine der Schlüsselfiguren der Königlichen, über die ganze Saison hinweg dirigierte Redondo Reals Mittelfeld famos. Zudem war er im besten Fußballeralter, stand kurz vor seinem 29. Geburtstag.

Nach der für Argentinien samt Doping-Skandal um Diego Maradona und frühem Aus im Achtelfinale so negativ in Erinnerung gebliebenen WM 1994 hatte Daniel Passarella die Albiceleste übernommen. Mit klarer Struktur sollte der frühere Libero wieder für alte Erfolge sorgen und bei der WM 1998 in Frankreich natürlich optimalerweise den Titel holen.

Das Problem für Redondo und einige andere Stars wie zum Beispiel auch Gabriel Batistuta: Passarella legte in jeglicher Hinsicht sehr viel Wert auf Disziplin - auch, was das äußere Erscheinungsbild anging. Ohrringe oder langes Haar waren ihm ein Dorn im Auge, seine Spieler sollten daher darauf verzichten. Batistuta hatte nach einigem Zaudern inklusive Verbannung auf die Bank ein Einsehen, wechselte zumindest vorübergehend auf Kurzhaar-Frisur - und das schien Passarella zu reichen, denn bei der WM-Endrunde sollte der Stürmer ebenso wie etwa Spielmacher Ariel Ortega trotz langem Haar auflaufen.

Doch Redondo hatte bezüglich seiner Haarpracht offenbar noch etwas klarere Prinzipien. Der elegante Supertechniker, 1994 von Teneriffa zu Real gewechselt, war vor Passarellas Zeit gesetzt gewesen in der Nationalmannschaft und sollte eigentlich eines der Gesichter der neuen Ära nach Maradona werden. Doch kurioserweise sollte seine Frisur ihm dabei im Weg stehen und er machte nach der WM 1994 mehr als viereinhalb Jahre lang kein einziges Länderspiel mehr.

Denn Redondo weigerte sich stetig, seine langen, wehenden Haare zu kürzen - und konnte daher in Madrid noch so brillant spielen, er würde unter Passarella nicht mehr für Argentinien auflaufen. Dabei wäre er unter jedem anderen Coach vermutlich gesetzt gewesen, hätte ein herausragendes Mittelfeld-Trio mit Juan Sebastian Veron und Ariel Ortega bilden können. "Vielleicht werde ich das in fünf oder zehn Jahren bereuen, aber bei manchen Dingen will ich einfach keine Kompromisse eingehen", sagte Redondo damals. "Es sieht so aus, als würde ich die WM von meinem Sessel verfolgen."

Und so kam es dann auch. Redondo wurde - übrigens ebenso wie Claudio Caniggia, der sich auch nicht von seiner Mähne trennen wollte - von Passarella nicht in den Kader berufen und musste vom TV-Gerät aus zusehen, wie Argentinien die Gruppenphase zwar souverän überstand und im Achtelfinale England nach Elfmeterschießen bezwang, im Viertelfinale dann aber an der Niederlande scheiterte.

Für Passarella war der Job als Nationaltrainer einen Tag nach dem Ausscheiden beendet. Und Redondo? Der kehrte unter dessen Nachfolger Marcelo Bielsa teilweise zurück zur Albiceleste, machte 1999 noch einmal drei Länderspiele.

Mehr kamen dann nicht mehr hinzu, obwohl er auf Vereinsebene mit Real im Jahr 2000 und mit Milan 2003 noch zweimal die Champions League gewann. An Länderspielen stehen für Redondo insgesamt deren 28 zu Buche.

Weitere Beispiele für auffällige Frisuren im argentinischen Fußball

Neben Redondo gab es noch weitere Spieler, die mit ihren langen Haaren oder anderen extravaganten Frisuren für Aufsehen sorgten.

Vor allem die bla­mab­le 0:3 Niederlage gegen die USA gab ihm dafür reichlich Muni­tion. Das unglückliche Aus­schei­den gegen Brasilien folgte auf dem Fuß, der Hausse­gen hing schief. Nur noch ein knap­pes Jahr bis zur Qualifika­tion und der argentinische Fuß­ball in der großen Sinnkrise.

Bei seinem letzten Klub in Eu­ro­pa, Benfica Lissabon, war Ca­nig­gia wegen unmotivierten Auf­trit­ten bei den Fans derart in Un­gna­de gefallen, daß er auf of­fener Straße eine Abreibung ver­paßt be­kam. Daraufhin kehrte er der eu­ropäischen Diaspora den Rük­ken, zumal Maradona bei Boca Ju­niors sehnsüchtig auf seinen er­klärten Lieblingsmit­spieler war­tete. Wenn sie zu­sammen spiel­ten, harmonierten sie wie Zwil­linge.

Wiedereinmal mischte sich der Fuß­ball­fan und Staatspräsident Menem ein. Caniggia zeigte sich kom­pro­miß­bereit. Um ganze drei Zen­ti­me­ter ließ er sich die Haare schnei­den. Passarella konnte an die­ser Geste des guten Willens nicht vorbeigehen und berief Ca­nig­gia ins Aufgebot. Alles in But­ter, da sich das Problem Re­don­do wegen dessen Verletzung zu diesem Zeitpunkt nicht stellte.

Caniggia kam, sah und siegte. Nach dem Heimspiel in Bue­nos Aires stand das Auswärts­spiel in Ecuador an. Ecuador konnte sich noch nie für eine Welt­meisterschaft qualifizieren.

Mit 20 Li­tern Sauerstoff sollte dieser zu­sätzliche Spieler bekämpft wer­den. Es war vergebens und der ecuadorianische Torwart Car­los Morales behielt Recht: “Ba­tistuta und Caniggia werden Schwindel­anfälle bekommen und sich zeitweise nicht bewegen kön­nen”. Das argentinische Stür­mer­duo war wirklich nur ein laues Lüftchen, die 0:2 Nieder­lage die logische Konsequenz.

Neben dem Tor­wart Burgos war Abel Balbo der auf­fälligste Spieler Argenti­niens: Mit einem brutalen Foul setzte er sich gekonnt in Szene und durfte schon nach einer hal­ben Stunde duschen gehen.

Für brave Haarschnitte hat der Torjäger auch bei der WM in Brasilien nicht viel übrig. Mit Bart und rotem Schopf: US-Boy Alexi Lalas war bei der WM 94 ein echter Hingucker.

Passarella war bei beiden Weltmeisterschaften als Spieler dabei und hatte trotzdem nichts begriffen. Dass er als erfolglosester Trainer der mindestens letzten drei Jahrzehnte in Argentiniens Nationalmannschaftshistorie eingeht, ist wohlverdient.

Die Befreiung von Passarella war deutlich zu sehen. Selbst seine eigenen Zöglinge Ortega, Crespo und Almeyda sagten dem Kurzhaarschnitt adé, von Altstar Gabriel Batistuta ganz zu schweigen. Er war überhaupt der einzige Langhaarträger von 1994, der sich wegen Passarellas Order die Haare halbwegs stutzen ließ, Fernando Redondo und Claudio Caniggia zogen die freie Wahl der Haartracht einem Platz in der Landesauswahl vor - getreu dem Motto: Wer gegen das Haar kämpft, kämpft gegen sich selbst.

Es könnte die WM Batistutas werden und dann würde es auch die Argentiniens. Aus historischer Sicht spricht vieles dafür. Batistuta/Caniggia gelten als das beste und langhaarigste argentinische Sturmduo seit Kempes/Luque. Allerdings sind sie zusammen 68 Jahre alt und haben seit 1996 nicht mehr zusammen gespielt.

Die Fans liebten ihn, aber mit dem Trainer und dem Defensivfußball kam er nicht klar. Nach einer schwachen Saison war er schon wieder arbeitslos. Die Karriere des alten Mannes schien zu Ende.

Im Frühjahr 2002 berief er ihn ins Aufgebot für das Länderspiel gegen Wales und seitdem ist er immer dabei - auch in Asien, obwohl er sich im letzten Saisonspiel eine Knieverletzung zuzog und bestenfalls zum Auftaktspiel wieder fit sein wird.

Bielsa zählt auf ihn und hat sogar gesagt warum: „Er ist wichtig für die Balance in meiner Mannschaft.“ Welche Balance hat er nicht gesagt, aber vielleicht hat er ja in den Geschichtsbüchern nachgeschaut, wieviel langhaarige Spieler für einen Titel gebraucht werden.

Im derzeitigen Kader stehen viele, angefangen von Torwart Germán Burgos, über den Leverkusener Diego Placente, den Torschützen gegen Deutschland Juan Pablo Sorín und die lebenden Sturmlegenden Batistuta/Caniggia, um nur die hierzulande Bekanntesten zu nennen.

Fazit

Die Geschichte der argentinischen Fußballspieler und ihrer langen Haare ist ein Spiegelbild von Individualität, Rebellion und dem Kampf gegen Konformität. Sie zeigt, dass Fußball mehr ist als nur ein Spiel - es ist auch eine Bühne für persönliche Ausdrucksformen.

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