Andy Warhols Perücke: Eine Geschichte von Scham, Ironie und Popkultur

Warum ist Glatze unbeliebt? Warum Körperhaare bei Frauen? Worauf sich Ludwig XIV, Silvio Berlusconi, Emmanuel Macron und Christian Lindner sofort einigen könnten, ist volles Haar - ein Leben lang. Bei wem es fehlt, da wird mit Perücke, Toupet oder Transplantation nachgeholfen. Ein durchsetzungsstarker viriler Mann ist demnach ein behaarter Mann, und da kann sich keiner in diesen Kreisen eine Schwäche leisten. Aktuell amtierende Ausnahmen bestätigen die Regel. Woraus sich im Umkehrschluss ergibt, dass eine Frau so wenig Haar wie möglich am Körper tragen möge, um als weiblich und begehrenswert zu gelten. Außer am Kopf natürlich, da herrscht bei den Geschlechtern Gleichberechtigung.

Unserem komplexen Verhältnis zu Haaren widmet sich derzeit das Musée des Arts Décoratifs in Paris mit einer umfangreichen Ausstellung unter dem Titel "Des cheveux et des poils", die mit über 600 Exponaten die letzten 600 Jahre menschlicher Haargeschichte zeigt. Frisur diente schon immer als Mittel sozialer Distinktion, ungebändigtes Haar bedeutet Nachlässigkeit und mangelnde Hygiene. Wer alles sprießen lässt ist Aussteiger, Revolutionär oder hat zumindest die Kontrolle über sein Leben verloren.

Und um Kontrolle geht es hier: "Will sie sich nicht bedecken, so schneide man ihr das Haar ab", liest man im ersten Raum der Ausstellung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Während sie bei den Frauen in die Höhe ragten, so reichten die Perücken bei den Männern bis zur Taille; diese Löwenmähne führte Ludwig XIV ein, nachdem er im jungen Alter kahl wurde. Diese Mode hielt sich - wen wundert’s - bis an sein Lebensende.

Ein bedeutender Teil der Ausstellung widmet sich der Körperbehaarung. Ganze Schaukästen mit Operationsbesteck gleichenden Apparaten, die zur Rasur und Epilation dienten. Ein uraltes Unterfangen wie eine ausgestellte griechische Schale aus der Zeit um 500 v.Chr. bezeugt, auf der eine Epilation der weiblichen Scham dargestellt ist. Alle Venusabbildungen, die darauf folgten, waren schamhaarlos. Weswegen es nicht verwundert, dass das von einem türkischen Diplomaten bei Gustave Courbet bestellte Bild mit den Titel "L’origine du monde" (1866) selbstverständlich für die Privaträume und nicht für die Augen eines öffentlichen Kunstpublikums gedacht war. Sogar Jacques Lacan, der 1955 das Bild erwarb, hielt es durch ein weiteres Bild in seiner Wohnung verdeckt.

Scham ist, das macht die Ausstellung mehr als deutlich, der rote Faden im Umgang mit unserer Körperbehaarung. Der Mensch schämt sich für sein Tiersein, also rasiert und epiliert er sich. Er schämt sich für den Verlust seines Haars, also verdeckt er ihn mit fremdem. Die Menge an Haarteilen in der Ausstellung bezeugt diese Scham, und die Perücke von Andy Warhol fällt durch ihre Ironie hier besonders ins Auge: genauso wie Ludwig XIV verlor Warhol sein Haar in jungen Jahren und maskierte diese symbolische Frühvergreisung mit einer Perücke - allerdings war seine grau, was wiederum ein Alter simulierte, das er zu dem Zeitpunkt noch nicht erreicht hatte.

Andy Warhol, ein Meister der Selbstinszenierung.

Andy Warhol: Ein Leben als Kunstwerk

Andy Warhols buntes Universum voller Werbebilder und greller Farben erhob die Symbole der Popkultur in den Rang elitärer Kunst und machte ihn zu einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Sein Leben war ebenso unglaublich wie sein Werk, und wenn Roy Lichtenstein und Jasper Johns auch die Pioniere der Pop-Art-Bewegung waren, so wurde er ihr "Papst“.

Frühe Jahre und Einflüsse

Der amerikanische Künstler wurde in Pittsburgh, Pennsylvania als Andrew Warhola geboren. Seine Eltern waren Immigranten aus der heutigen Slowakei, die bitterarm in Pittsburgh lebten, wo er 1928 geboren wurde. Als Kind sammelte Warhol Fotografien von Filmstars, schrieb ihnen sogar Briefe und bat sie um Autogramme. Dieser Glamour im Kinderzimmer stellte einen starken Kontrast zu seinen Lebensumständen dar: Seine Eltern konnten sich die Campbell’s-Suppen, deren Darstellung Warhol später berühmt machen sollten, gar nicht leisten.

Im Alter von acht Jahren litt er an Sydenham-Chorea, einer Erkrankung des zentralen Nervensystems, die ihn lange Zeit dazu zwang, im Bett zu bleiben. Von seiner Mutter betreut, zeichnete er, hörte Radio und sammelte Fotos von Filmstars, die er später als bedeutend für seine persönliche Entwicklung und die seines Geschmacks beschreiben wird.

Andy Warhol als Kind.

Das Attentat und seine Folgen

Am 3. Juni 1968 wurde er Opfer eines Attentats. Warhol entging nur knapp dem Tod, nachdem Valerie Solanas, eine feministische Aktivistin und Schriftstellerin, ihn in seiner Factory, wiederholt auf ihn geschossen hatte. Solanas hatte ihm das Manuskript eines Theaterstücks anvertraut, dem der Künstler jedoch keine Beachtung geschenkt hatte. Die Kugeln durchschlugen seine Lunge, seinen Magen, seine Milz, seine Leber und seine Speiseröhre. Nachdem er sogar schon für klinisch tot erklärt worden war, schaffte er es doch noch. Dennoch war er bis zu seinem Lebensende auf ein stützendes Korsett angewiesen. Andy Warhol starb schließlich am 22. Februar 1987 im Alter von 58 Jahren infolge von Komplikationen bei einer Gallenblasenoperation.

Warhols "Shot Sage Blue Marilyn".

Die Perücke als Markenzeichen

Um seine Geheimratsecken zu verdecken, trug Warhol platin- und silberfarbene Perücken, die erste zwischen 1953 und 1955, als er Kostümbildner in einer Theatertruppe war. Um sein leichtes Schielen zu verbergen, trug er bisweilen eine undurchsichtige Brille mit kleinen Löchern, durch die er blicken konnte.

Die silberfarbene Perücke, die Warhol in zahllosen Exemplaren besaß, war sein Markenzeichen und Talisman geworden. Sie verlieh dem Schüchternen Persönlichkeit, und sie schützte den früh Erkahlten vor Unbill und Indiskretion der Außenwelt. Ihr plötzlicher Verlust traf ihn als »Schock«. Denn »es tat weh. Körperlich«, auch, daß der alberne Streich von den Initiatoren offenbar schon angekündigt worden war, daß ihn, Warhol, aber niemand gewarnt hatte. »Es war, als sei ich ein zweites Mal niedergeschossen worden.«

Drei original Toupet-Klebestreifen haften noch in der Perücke des Pop-Art-Künstlers, die sein Neffe Jeffrey Warhol nun zum Verkauf freigab. 10.800 Dollar zahlte ein Käufer gestern dafür. Experten hatten den Wert des Haarteils, das der bekennende Perückenträger Anfang der frühen Achtziger gerne trug, auf 4000 bis 6000 Dollar geschätzt.

Andy Warhols Perücke, ein Symbol seiner Kunst und seines Lebens.

Die Leben von Andy Warhol (Dokumentation - Teil 1)

Warhol war ein moderner, ein sich selbst zusammensetzender Frankenstein, und um das in all seinen Details zu erkennen, ist die Biographie von Blake Gopnik unverzichtbar. Das Klatschthema aller Themen lag Warhol am Herzen. Wer es gerade mit wem (und möglichst: wie) treibt, weckt allemal seine Neugier. Er findet es »fabelhaft«, wenn eine Buchautorin »in allen Einzelheiten ihr Sexualleben« beschreibt, und »amüsant«, sich mit einer gewissen »Sue zu unterhalten. Sie ist ein richtiges Ferkel.« Er für sein Teil, auf leicht distanziertem Beobachterposten, ist nach den Worten des Experten Bourdon »der glückliche Voyeur« inmitten einer »Galaxie von Exhibitionisten«.

tags: #Andy #Warhol #Perücke #Geschichte

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