Die Geschichte des "Hitler-Barts": Vom Trend zum Symbol des Bösen

Der Bart hat im Laufe der Geschichte viele Gesichter gehabt. Er war Zeichen von Weisheit, Macht, Rebellion und Mode. Doch ein bestimmter Bartstil, der sogenannte "Zahnbürstenbart", erlangte eine besondere, düstere Bedeutung durch seine Verbindung mit Adolf Hitler. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte dieses Bartes, seine Ursprünge und wie er zu einem Symbol des Bösen wurde.

Der Bart ist zurück, und wer das nicht mitbekommen hat, muss die Nullerjahre fernab jeglicher Zivilisation verbracht haben. In den Nullerjahren begannen junge Männer, sich Schnauzbärte mit hochgezwirbelten Enden oder sogar Vollbärte stehen zu lassen - bis dahin ein Zeichen von Opas oder Bikern. Mit dem Hipster-Bart kam auch ein seltsames Verständnis von Ironie auf den Plan, denn die Bärte der Hipster wurden „ironisch“ getragen und sollten das Gegenteil bedeuten, was wenig Sinn ergab. Zitiert wurde weiße Männlichkeit aus der amerikanischen Vergangenheit des 19. Jahrhunderts, aus dem Hinterland der Hillbillies, aus der proletarischen Klasse.

Inzwischen ist der Hipster-Moustache zu einer Karikatur geworden, wird auf Tassen und T-Shirts verkauft, ein wohlfeiles Emblem, das seinen Träger selbst zur Karikatur werden lässt. Der Bart ist selbstverständlich kein neues Phänomen. Die Geschichte kennt den Bart-Mann unter vielen Namen. Jesus etwa. Auf den allermeisten Darstellungen wird der Nazarener mit Bart gezeigt. Auch Dschingis Khan war ein Mann des Bartes. Der Bart Kaiser Friedrichs des Ersten, genannt Barbarossa, soll derart wachstumskräftig gewesen sein, dass er noch nach seinem Tode wuchs, ja sogar durch den Tisch wuchs, an dem der tote Kaiser Platz genommen hatte.

Karl Marx trug Bart. Sein Stil hieß Demokratenbart und galt nach der Revolution von 1848/49 zunächst noch als Ausweis obrigkeitsfeindlicher Gesinnung. Nach der Reichsgründung von 1871 wurde der Bart jedoch zum spezifischen Zeichen deutscher Kaisertreue. Der Kaiserbart, wie er vom deutschen Wilhelm und vom österreichischen Franz Joseph (beide Kaiser, beide „der Erste“) getragen wurde, war eine Masse die Wangen aufplusternden Gesichtshaares, dazu ein gewaltiger Schnauzer.

Das wir gegenwärtig dennoch in der Lage sind, uns derartige Bärte in natura anzusehen, ist der organisierten Bartbewegung zu verdanken. Das sind Männer meist mittleren Alters, die sich der Pflege und der Verherrlichung des sekundären männlichen Geschlechtsmerkmals verschrieben, als Sport, wenn man so will, als Bartsport. Die organisierte Bartbewegung beschränkt sich nicht auf Deutschland (obwohl sie hier stark ist), sie ist weltweit organisiert, die Akteure in Bartvereinen zusammengefasst. Sie treffen sich jedes Jahr zu nationalen und internationalen Meisterschaften. Angetreten wird in drei Hauptkategorien: 1. Schnurr-, Schnauz- oder Oberlippenbart; 2. Kinn- und Backenbart; 3. Vollbart. Jede Hauptkategorie ist in genau definierte Unterkategorien aufgeteilt.

Die Beschaffenheit eines jeglichen Bartes ist genauestens definiert. Wo und wie lang darf der Bart angewachsen sein? Wie genau hat er auszusehen? Welche Hilfsmittel sind erlaubt (z. B. Draht, Bartlack, Haarspray). Da gibt es den Kaiserliche Schnauzbart, den Schnauzbart Naturale, den Schnauzbart Ungarisch, den Schnauzbart Englisch. Und es gibt einen Schnauzbart namens Dali. In seiner Autobiografie postuliert Salvatore Dali, dass er „sogar im Schnurrbart Nietzsche übertreffen will! Mein Bart soll nicht deprimierend, katastrophisch, erdrückt von Wagner-Musik und Nebel sein. - Nein! Er soll dünn, imperialistisch und ultrarationalistisch sein und in den Himmel zeigen wie der vertikale Mystizismus.“

Weitere Kategorien sind - politisch ganz unkorrekt - der Chinese (gerne auch Dschingis-Khan- oder Fu-Manchu-Bart genannt), der Musketier, der Kaiserliche Backenbart, der Vollbart Naturale, der Vollbart mit gestyltem Oberlippenbart, der Garibaldi und der Verdi. Neben den beschriebenen Unterkategorien gibt es jeweils noch eine für transfinite Mannigfaltigkeiten (vulgo: Freistil), in der alle von diesen vorgegebenen Kategorien abweichenden Bärte bewertet werden. Zudem gibt es eine neue Kategorie, die des Trend-Bartes, ein Umstand, der zweifelsfrei dem Wiedererstarken des Bartgedankens in der Jugend geschuldet ist.

In den Wettbewerben wird allerdings nicht nur der jeweilige Bart bewertet, sondern der Gesamteindruck, den ein Bartmann macht. Wie passt der Bart zu der Persönlichkeit und wie drückt sich die Persönlichkeit in der Wahl der Bekleidung aus? Kein Wunder also, dass eine Bartweltmeiterschaft einem seltsamen Karneval ähnelt. Es wimmelt nur so von Männern in echten oder Fantasieuniformen, in religiösen Gewändern oder historisierenden Kostümen. Da ist zunächst der amerikanische Westen: neben namenlosem Fußvolk (Trapper, Cowboy) gibt es immer mehrere General Custers. Musketierbartträger kleiden sich gerne als - logisch - Musketiere, „stilecht“ bis hin zum Degen, oder als - bizarr mit Bäffchen in purpur- Kardinal Richelieu, von dem es meist auch mehrere gibt. Daneben und umeinander herum paradieren preußische Wachtmeister mit Pickelhaube, Dandies, Piraten, Fremdenlegionäre, Farmer, „Inder“ und „Chinesen“.

Was es nicht gibt, sind bärtige Damen. Obwohl es historisch korrekt wäre und sicher auch im Sinne der Gleichberechtigung, kommt die Bartlady nicht vor, jedenfalls nicht offiziell. Was ebenfalls nicht vorkommt, ist Charlie Chaplin, eines der bekanntesten Bartgesichter überhaupt. Der Chaplin-Bart wird in der Kategorie Oberlippenbart nicht erwähnt. Das mag damit zusammenhängen, dass der - neben Chaplin - berühmteste Träger dieser Art von Bart Adolf Hitler war.

Ursprünglich hieß dieser Style Zahnbürstenbart, ein amerikanischer Import, der in Deutschland zunächst vehement abgelehnt wurde. Die New York Times schrieb 1907: "German Women resent Toothbrusch-mustache and its usurpation of the Kaiserbart."

Der Zahnbürstenbart war ein kleines, haariges Stück Modernität und Effizienz, Ausdruck jener automatisierten Moderne, die dem alten, ständischen, feudalen Europa den Garaus machen sollte. Gegen alle Widerstände wurde der Zahnbürstenbart in Deutschland jedoch überaus populär. Verantwortlich dafür war ein junger Offizier der preußischen Armee, Leutnant Hans Koeppen, der eine öffentliche Hysterie auslöste, als er als Teilnehmer des ersten Autorennens um die Welt als Sieger durchs Ziel ging. Koeppen wurde als Popstar beschrieben: „Er ist 31 Jahre alt und unverheiratet, 1,82 m groß, schlank und athletisch, und er trägt den für seine Klasse so charakteristischen Zahnbürstenbart.“ (wieder New York Times)

Es ist bemerkenswert, das derselbe Bartstil von einem der lustigsten Menschen des 20. Jahrhunderts getragen wurde und zugleich von einem der bösesten. Chaplin hatte sich den Bart im Jahr 1914 einfallen lassen, für seine Figur des kleinen Tramps. Da war er 25 Jahre alt und wollte älter aussehen. 1940, als er in Der große Diktatorden Hitler spielte, trug er den Bart zum letzten Mal. Denn inzwischen war aus dem Zahnbürstenbart das Hitlerbärtchen geworden, der Führerbart, ein ideologisches Bekenntnis - wenige Zentimeter Gesichtshaar, die das bodenlos Böse repräsentierten. So ist es bis heute geblieben.

Der Hitlerbart starb nicht mit Hitler. Er bestand weiter. Denn Hitler starb ja nicht einfach, er verschwand, und nicht mal eine Leiche blieb zurück. Was allerdings blieb, war der Bart. Der Hitlerbart wurde zur Essenz der Existenz Hitlers, die besondere Bartform und ihr Träger wurden eins und untrennbar, der Bart wurde der Mann. Der Hitlerbart ist die wirkungsmächtigste Anordnung von Gesichtsbehaarung, die die Welt je gekannt hat.

Gasmaske M1916, die das Kürzen des Schnurrbarts erforderlich machte.

Ein Regimentskamerad Hitlers aus dem Ersten Weltkrieg, Alexander Moritz Frey, der über seine Erlebnisse zum Pazifisten geworden war, hatte nach 1945 rückblickend geschrieben: „Eines Abends kam ein bleicher, langer Mensch zu uns hinuntergestürzt, Angst und Wut in den flackernden Augen. Hitler wirkte damals lang, weil er mager war, ein voller Schnurrbart, der später der neuen Gasmaske wegen gekappt werden musste, verdeckte noch den hässlichen, meistens verkrampften Schlitz des Mundes.“ Ein Bart mit langen, gar noch buschigen Spitzen ließ diese Gasmaske undicht werden: Der Schnäuzer war fortan lebensgefährlich, denn schon eine kleine Dosis des Giftes konnte einen Menschen töten, wenn er ihr längere Zeit ausgesetzt war.

Also, so die gut ins Bild gesetzte, wenn auch im Detail nicht belegte Szene, nahm Hitler noch im Schützengraben sein Bajonett und säbelte sich vor einem winzigen Spiegel die Schnäuzerspitzen ab. Das „Hitler-Bärtchen“ war entstanden.

In den 1920er trug Hitler immer noch zivile Anzüge, kombinierte sie aber mit einem Trenchcoat - einem Grabenmantel, eine britische Erfindung aus dem Weltkrieg. Auf andere Kleidungsstücke, die das Soldatenimage gefährden könnten - wie etwa die von Hitler gern getragene traditionelle Lederhose - verzichtete er später. Hitler betonte damit das Soldatische und seine Modernität. Der Look markierte einen sofort sichtbaren Bruch mit dem überkommenen Modell der bürgerlichen Honoratioren-Partei mit ihren gesetzten Äußeren.

Die Geschichte des "Hitler-Barts" ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie ein einfacher Bartstil durch historische Ereignisse und die Person, die ihn trug, eine so tiefgreifende und negative Bedeutung erlangen konnte. Was einst ein Zeichen der Moderne war, wurde zu einem Symbol des Bösen und wird wohl für immer mit dem Namen Adolf Hitler verbunden bleiben.

Mord und Totschlag: Kriminalität in der NS-Zeit | Terra X

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