Die Geschichte der Achselhaarrasur: Von antiken Idealen bis zu modernen Tabus

Arsen, gebrannter Kalk und Katzenkot - Frauen nutzten einst teils schmerzhafte Rezepte, um unliebsames Körperhaar loszuwerden. Doch erst vor 100 Jahren wurde blanke Haut zum Massentrend. Die massenhafte Verbreitung von Enthaarungspraktiken ist ein historisch neues Phänomen: »In der Moderne um 1900 beginnt dieser Umschlag in den USA, in Europa noch später«, sagt Smelik.

In ihrer Studie zitiert sie Umfragen aus verschiedenen westlichen Ländern, denen zufolge mittlerweile zwischen 91 und 99 Prozent der Frauen regelmäßig ihr Körperhaar zumindest teilweise entfernen. In früheren Zeiten, sagt sie, seien die Prozentsätze »minimal« gewesen. Betrachten wir die Entwicklung der Haarentfernung und Rasur im Laufe der Geschichte.

Die antike Skulptur der Venus Pudica im Prado Museum, Madrid, die das Ideal glatter Haut verkörpert.

Antike Wurzeln der Haarentfernung

Das Kriterium der marmorgleich blanken und makellosen Haut stand bereits den Menschen der Antike vor Augen, als im 4. Jahrhundert v. Chr. der attische Bildhauer Praxiteles die Figur der Aphrodite von Knidos schuf, die unter ihrer die Vulva nur halb verdeckenden Hand keine Spur von Schamhaar zu erkennen gibt. Im alten Ägypten rasierte man sich bereits 10.000 v. Chr. aus ästhetischen Gründen. Das Schönheitsideal war damals ein Körper ohne Haare, egal ob bei Mann oder Frau. Und weil es sehr warm war, wurden auch die Kopfhaare abrasiert.

Vor allem, um besser zu riechen, rasierten sich im 1. Jahrhundert auch die Römer. Auch sie hatten gewisse Schönheitsideale, die mit der Körperbehaarung zu tun hatten. Archäologische Funde belegen, dass rund ums Mittelmeer sowohl Männer als auch Frauen ihre unerwünschten und eingewachsenen Haare mit Muscheln entfernten. In der Bronzezeit (etwa ab 3.000 v. Chr.) wurden dann erstmals speziell für die Haarentfernung gedachte Metallwerkzeuge gefertigt.

Wir wissen bereits seit langem, dass Frauen ab dieser Zeit ihre Kopf- und Körperbehaarung mit einfachen Schneidewerkzeugen in Schach hielten. Es gibt aber auch Belege dafür, dass Männer es ihnen gleichtaten: Alexander der Große ermunterte seine Krieger bereits in jungen Jahren dazu, sich im Gesicht zu rasieren. Könige, Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen, ließen sich mit speziellen und edel mit Juwelen besetzten Metallwerkzeugen symbolträchtig die Intimbehaarung stutzen.

Mittelalterliche Normen und Praktiken

Im Mittelalter war eine ausgeprägte Körperbehaarung wieder die Norm, vor allem bei Männern. Dies bedeutete jedoch keine vollständige Rückkehr in die Steinzeit. Läuse waren in dieser Zeit weitverbreitet und die einzige bekannte Möglichkeit, sie loszuwerden, bestand in einer vollständigen Haarentfernung. In anderen Worten: Die Kunst der männlichen Haarentfernung im Gesicht, am Kopf und dem gesamten Körper ging nie wirklich verloren. Sie kam lediglich für einige Jahrhunderte aus der Mode, weil mit ihr das Stigma, unter Parasiten zu leiden, verbunden war.

Der Aufstieg der Rasiermesser im 18. Jahrhundert

Kupfer und andere wertvolle Metalle wurden schon länger zur Herstellung von Rasiermessern und anderen Klingen verwendet. Im 18. Jahrhundert begann schließlich die Produktion von Stahl im größeren Stil. Ihre Handhabung erforderte jedoch einiges an Übung. Dadurch florierte nicht das Rasieren zu Hause, sondern Barbierläden, in denen man sich professionell rasieren lassen konnte.

Erst als der amerikanische Erfinder King C. Gillette 1901 seinen berühmten zweischneidigen Sicherheitsrasierer vorstellte, wurde die Selbstrasur populär. Von diesem Punkt in der Geschichte der Haarentfernung gewann auch die männliche Intimrasur und -pflege immer mehr an Bedeutung.

Moderne Rasierprodukte von Gillette für die Intimpflege.

Der Siegeszug der männlichen Intimrasur

Obwohl es in den 1930er und 40er Jahren üblich war, sich im Gesicht zu rasieren, waren in den Hippie-Zeiten der 1960er Jahre lange Haare und Bärte wieder angesagt. Erst Mitte der 1980er Jahre änderte sich die Mode erneut: Mit ihrem androgynen Aussehen sorgten Stars wie David Bowie dafür, dass sich viele Männer wieder für einen glattrasierten und haarlosen Look interessierten.

In den 1990er Jahren und zu Beginn des 21. Jahrhunderts änderte sich zuerst die Mode in Sachen Intimrasur und -pflege für Frauen. Heutzutage ist es für Männer, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder Vorlieben, ganz normal, sich ihre Rückenhaare, Brusthaare oder die Intimbehaarung zu entfernen. Männliche Intimpflege ist garantiert kein Tabuthema mehr.

Der Kampf gegen weibliches Körperhaar

Mittlerweile hat sich nach Smeliks Beobachtung der Kampf gegen weibliches Körperhaar weiter verschärft. Was früher als ärgerlicher und peinlicher Schönheitsfehler betrachtet wurde, sei heute ein veritables Tabu. Seit Beginn dieses Jahrhunderts habe in der westlichen Welt ein regelrechter Enthaarungsfuror eingesetzt, gekennzeichnet durch die inzwischen fast 100-prozentige Beteiligung der weiblichen Bevölkerung, nicht zuletzt aber auch durch die immer weiter um sich greifende Praxis der Intimrasur: »Es ist eigentlich schockierend, dass jetzt auch das Geschlechtsorgan haarlos sein muss.«

Smelik sieht hier Urängste vor einer erwachsenen weiblichen Sexualität gespiegelt, mit der die Schambehaarung untrennbar verbunden sei. Sie zu beseitigen, symbolisiert in ihren Augen den Wunsch, dass Frauen kindlicher und jünger erscheinen. Hinzu komme ein Zeitgeist, der in jedem Bereich auf Machbarkeit und Kontrolle setze, also auch darauf, Körper zu perfektionieren, zu gestalten und nach einem Idealbild formen zu können.

Verschiedene Methoden der Haarentfernung im Vergleich.

Die moderne Debatte

Die französische Frauenrechtlerin und Journalisten Florence Hervé kommentierte in einem ihrer Bücher, man könne die deutschen Frauen an ihrem "germanischen Urwald" erkennen. In den Großstädten dieser Welt schossen Waxing-Studios wie Pilze aus dem Boden, um ihre Kundschaft des unerwünschten Gestrüpps zu entledigen, Achselhaare inklusive. Mittlerweile rasieren sich auch immer mehr Männer, zumindest die der jungen Generation.

Wer sich dem Mehrheitsgeschmack nicht beugt, muss mit einen Shitstorm rechnen. So auch Madonna, die 2014 auf Instagram ein Foto von sich postete - mit Achselhaaren. "Es ist ja fast eine politische Aussage, weil sie so eine große Vorbildfunktion hat, auch gerade für jüngere Frauen", sagt Sanyal. Sie findet es erstaunlich, dass Menschen Haare als ekelhaft empfinden, die ja eigentlich ganz natürlich sind.

Die Kulturwissenschafterin plädiert dafür, dass jeder Mensch selbstbestimmt entscheiden können muss, wie er oder sie Körperhaare tragen oder nicht tragen will. Ohne dafür im Netz niedergemacht zu werden. Ein guter Weg für alle wäre: Mach, was du willst mit deinen Körperhaaren. Hauptsache, du tust es für dich. Und nicht, weil dir irgendwelche Magazine suggerieren, dass du dann entweder attraktiver oder eine bessere Feministin bist.

Herauszufinden, was man selbst von sich aus will - ohne äußeren Einfluss -, ist harte Denk-Arbeit und erfordert viel Reflektion. Ein großer Schritt auf dem Weg dahin könnte eine Aktion sein, die die britische Studentin Laura Jackson gestartet hat: Sie hat Anfang 2019 den Monat Januar zum #januhairy erklärt und Frauen auf Instagram aufgerufen, sich den ganzen Monat über nicht zu rasieren und Fotos davon zu posten.

Die regelrechte Dämonisierung weiblicher Körperbehaarung im 20. Jahrhundert hat ihren Ursprung im Kapitalismus. Nun mögen viele sagen: Was ist das Problem? Seit vielen Jahren applaudieren wir schließlich Madonna und Co, weil sie ihre Achselhaare sprießen lassen und mit Glitzer besprenkeln. Für alle von uns, die nicht Madonna sind, hält sich jedoch hartnäckig der Mythos, weibliche Körperhaare seien schmutzig, obwohl sie uns de facto vor Bakterien schützen.

Entblößen wir außerhalb urbaner Blasen unsere Beinhaare, werden wir dafür nicht selten öffentlich geshamed. Rasieren sich Männer aus eigener Vorliebe die Beine, Achseln oder Arme und sind dabei keine Bodybuilder oder Leistungsschwimmer, werden sie gehänselt, weil sie eine „Frauenpraxis“ imitieren.

Weibliche Körperbehaarung war nicht immer ein Tabu. Bis zum modernen Rasierer oder Epiliergerät sollte es noch einige Zeit dauern. Dabei muss sich die Natur doch etwas gedacht haben, als sie uns mit Körperhaaren ausstattete. Sie sind eine natürliche Barriere für Krankheitserreger und verhindern, dass es zu Verletzungen kommt.

In manchen Ländern allerdings, vor allem im Orient, gilt Behaarung als unzivilisiert, man liebt es glatt. In einigen Kulturen in Afrika oder der Südsee hingegen gilt die Intimbehaarung auch heute noch als Zeichen für Fruchtbarkeit. "Was man auch sagen kann", ergänzt Saynal, "dass in Ländern, in denen genetisch bedingt weniger Intimbehaarung sprießt, wie zum Beispiel in Thailand oder Japan, das volle Intimhaar als begehrenswert galt.

Mittlerweile haben die Medien, aber vor allem das Internet dazu geführt, dass die Gestaltung des Intimbereichs sich weltweit immer mehr vereinheitlicht.

Im 21. Jahrhundert ist die Haarentfernung so individuell wie nie zuvor. Viele Frauen genießen es, ihre Beine, Achseln und den Intimbereich zu rasieren oder waxen. Parallel dazu gibt es eine wachsende Bewegung, die natürliche Körperbehaarung zelebriert. Ob glatt rasiert, getrimmt oder natürlich belassen - im 21. Jahrhundert ist alles erlaubt.

#Schönheitsideale im #Wandel

tags: #achselhaare #rasieren #geschichte

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