Auch wenn das Haar in der Wahrnehmung des Bibellesers und der Forschung nur am Rande vorkommt, so überrascht die Anzahl der Begriffe im mit ihm verbundenen Wortfeld.
Die Nomina Kopf (hebr. רֹאשׁ ro’š, z.B. Lev 13,45; Hi 1,20) und Kranz / Diadem (hebr. נֵזֶר nezær, z.B. Jer 7,29) können manchmal auch den Kopf mitsamt Kopfhaar bezeichnen. Werkzeug der Rasur und der Schur ist das Schermesser (hebr. Einen Schnurrbart verhüllt man (hebr. עטה ‘ṭh, Lev 13,45; Ez 24,17; Ez 24,22; Mi 3,7). Hinzukommen das Hinübergehenlassen (hebr. עבר ‘br) des Schermessers (hebr. תָּעַר tā‘ar, Num 6,5; Num 8,7; Ez 5,1; Jes 7,20 oder hebr.
Frisuren, Haartrachten und Haarpflege unterliegen regionalen und zeitlichen Unterschieden, Entwicklungen und Moden. Insbesondere ikonografische Zeugnisse geben uns Auskunft darüber. Mittels der abgebildeten Haar- und Barttracht unterschied man Volksgruppen voneinander.
Die Ägypter, v.a. die Oberschicht, schoren ihre Körperbehaarung sehr kurz oder rasierten sie ganz, wohl um Parasitenbefall zu verhindern. Auch → Josef rasiert sich nach seinem Gefängnisaufenthalt, bevor er zum Pharao geht (Gen 41,14). Perücken für Männer und Frauen waren weit verbreitet. Bärte sind nur in der Ikonografie des Alten Reiches bezeugt. Die royale Ikonografie bildet den Pharao und Götter häufig mit einem stilisierten Zeremonialbart ab.
Haussklaven sind meist kahlgeschoren dargestellt, Sklaven für die Arbeit auf den Feldern mit natürlichem, unfrisiertem Haar. Nicht-Ägypter, denen die Ägypter von Haus aus wenig zugewandt waren, und insbesondere ausländische Feinde werden behaart abgebildet, etwa bärtig oder mit längerem Haupthaar. Verbreitet ist das Motiv, auf denen der Pharao die besiegten Feinde beim Haarschopf packt und mit einem Schlaggestus bedroht.
Seit dem 3. Jt. v. Chr. informieren Funde von Rollsiegeln, Statuen, Stelen, Reliefs usw. über die Haarmoden und Haartrachten Mesopotamiens. Nach Zeit, Raum und Ethnie variieren diese sehr stark und auch innerhalb einer Kultur zu einer Zeit ist nochmals je nach sozialer Klasse ein Unterschied zu machen. Neuassyrische Ikonografie zeigt männliche Assyrer immer mit deutlich erkennbaren, langen Bärten; diese enden unten meist rechteckig, sind manchmal aber auch spitz zulaufend ausgeführt.
Die Bärte sind in kunstvollen, gleichmäßigen Lockenreihen mit Längs- und Querriegeln frisiert. Die Bartlänge, die Anzahl und Pracht an Lockenreihen zeigen den Status der jeweiligen Person an. Den prächtigsten Bart hat selbstverständlich der assyrische König. Assyrische Männer tragen das Haar - wiederum auffallend starr gelockt - bis über die Schulter, entweder offen oder mit einem Band leicht zusammengebunden, sodass die Frisur manchmal fast wie ein Knoten wirkt. → Eunuchen sind bartlos und tragen das Haar leicht im Nacken zusammengebunden oder zu einem runden Knoten gebunden. Perser werden auf Abbildungen mit lockigen Bärten und Haaren dargestellt. Das Haar ist im Nacken massiert, vielleicht leicht zusammengebunden.
Fremdzeugnisse informieren uns über die Haar- und Barttracht der Einwohner von Israel und Juda. Ägyptische ikonografische Quellen aus dem ausgehenden 2. Jt. v. Chr. zeigen, dass Männer aus der Levante und Syrien bärtig (teils aber auch rasiert) waren, das Haar schulterlang trugen, manchmal mit einem Haarband zusammengefasst (Niditich 2008, 34-35). Der schwarze Obelisk von Nimrud (errichtet 825 v. Chr.; → Kalchu) zeigt den israelitischen König → Jehu (2Kön 9-10), wie er sich vor dem assyrischen König → Salmanassar III. (859-824 v. Chr.) zu Boden wirft. Jehus Haare sind etwas länger als schulterlang, sein Bart ist voll und von mittlerer Länge. Er trägt eine konische, leicht nach hinten fallende Mütze als Kopfbedeckung.
Auf dem Lachisch-Relief (→ Lachisch) aus dem Palast → Sanheribs (705-681 v. Chr.) in → Ninive tragen die männlichen Judäer recht kurzes, gelocktes Kopf- und Barthaar. Derartige Abbildungen können historisch akkurat die Haar- und Barttracht von Israeliten und Judäern wiedergeben, allerdings spielen Gestaltungskonventionen und der Kontext der Bilder auch eine Rolle; die abgebildete Haar- und Barttracht kann auch ideologischen Darstellungstendenzen geschuldet sein, die „Ausländer“ und „Feinde“ bewusst von der eigenen Gruppe unterscheiden.
Möglicherweise geben die sog. „judäischen Pfeilerfigurinen“ eine verbreitete Frauenfrisur für die Zeit zwischen 900 und 700 v. Chr. wieder. Auf dem Lachisch-Relief sind die Häupter der Frauen, die aus der Stadt fliehen, mit einem Schleier bzw. Unklar ist, ob Ri 5,2 die Frisur israelitischer Krieger, nämlich lange und lose Haare, historisch korrekt wiedergibt oder eher das Motiv des langen, losen Haares als Zeichen von Stärke und Wildheit aufgreift.
Haare und Bart wurden geschnitten oder geschoren. Rasiermesser aus Stein und Metall sind erhalten, ebenso wie Kämme und Haarnadeln aus Holz, Gräten oder sogar Elfenbein. Haarbänder sind ikonografisch bezeugt. Mittels wohlriechender Salben und Fette wurde die Frisur in Form gehalten und parfümiert. Haare konnten nicht nur gefärbt, sondern auch gebleicht werden.
Der Beruf des Barbiers (hebr. גַּלָּב gallāv) ist im Alten Testament nur in Ez 5,1 bezeugt. Diese Berufsgruppe kümmerte sich im Alten Orient nicht nur um Haar- und Bartpflege, sondern hatte auch ärztliche und zahnärztliche Aufgaben. Sie sind deshalb oft an Höfen und Tempeln angestellt. Haare spielen in der medizinischen Diagnostik eine Rolle. In den biblischen Anweisungen zum Umgang mit Hautaussatz ist die Farbe der Haare einer möglicherweise betroffenen Stelle von Bedeutung (Lev 13,1-46). Ist das Haar an der Stelle farblos oder hat eine anormale Farbe, ist dies ein Hinweis auf eine mögliche Hautkrankheit. Bei Kopfverletzungen wurde die betreffende Gegend rasiert, bevor man einen Verband anlegte. Gebärenden wurde wahrscheinlich die Schamgegend rasiert.
Über die Haartracht der → Philister, die möglicherweise Nachfahren der sog. → Seevölker sind, gibt insbesondere ein Wandrelief aus Medinet Habu Auskunft, das die Seeschlacht Ramses III. gegen die Seevölker im Nildelta abbildet. Die Angehörigen der Seevölker sind glattrasiert und tragen einen Helm mit Federreihen (?) auf dem Kopf; das Haar scheint kurz geschnitten zu sein.
Das Haupthaar und die Gesichtsbehaarung sind weithin sichtbar. Damit kommt ihnen eine bedeutende kommunikative Funktion zu. Haare und Haartracht können wie → Kleidung und → Tätowierungen z.B. Alter, soziale Klasse, Geschlecht, politische Einstellung, Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Ethnie usw. für die Umgebung kenntlich machen. Sie sind Teil des Ausdrucks der individuellen Identität und des Selbstverständnisses, zugleich aber in soziale Kontexte und Vorgaben eingebettet. Soziale, politische oder religiöse Vorstellungen können auf das Aussehen von und den Umgang mit Haaren Auswirkungen haben (Niditch 6-9).
Man kann Haare schnell und unkompliziert modifizieren. Man kann sie schneiden, teilweise oder komplett abrasieren, wachsen lassen usw. Diese Veränderungen sind im Unterschied zu anderen Körperveränderungen (wie etwa der Verstümmelung oder der Einritzung der Haut) zeitlich begrenzt, vollständig natürlich reversibel und schmerzlos. Von der Kleidung meist verdeckt sind Achsel- und Schamhaare; Letzteren kommt oft eine stark erotisch-sexuelle Bedeutung zu.
Grundsätzlich ist eine große Haarpracht und Haarfülle positiv konnotiert. Üppig wachsendes Haar verbindet man mit Kraft, Vitalität, Schönheit und - bei Männern - mit Maskulinität. Der Verlust von Haaren - meist unfreiwillig - ist dies hingegen nicht, insbesondere dann, wenn der Haarverlust durch eine Zwangsrasur erfolgt.
Volles Haar ist erotisch und sexuell konnotiert und auch Teil eines bestimmten weiblichen und männlichen Schönheitsideals. Bildliche Darstellung weiblicher Gottheiten zeigen diese oft nackt, allerdings mit auffallenden Frisuren und / oder deutlich sichtbarem Schamdreieck. Hhld 6,5 preist das offene Haar der Geliebten, das einer aus dem Gebirge herabsteigenden Herde gleicht. Da das Schönheitsideal im Denken des antiken Israel insbesondere von Dynamik gekennzeichnet ist, ist damit wohl ein üppiges, lockig wallendes Haar gemeint.
Davids Sohn → Absalom wird als äußerst schön beschrieben und sein Haar ist entsprechend reichlich: Jedes Jahr schor er sein Haar, das es auf stattliche 200 Schekel (ca. 2,26 kg) brachte (2Sam 14,25-26). Langes Männerhaar war wohl frisiert, denn → Simson trug sein Haar in sieben Strähnen (Ri 16,13).
Üppiges Haar gilt als Zeichen von Männlichkeit und Virilität. Die Gegenüberstellung der beiden Brüder Jakob und Esau macht dies deutlich: → Esau ist der Liebling seines Vaters, ein Jäger, ein Mann des Feldes, mit Bogen und Köcher, über und über von rötlich glänzendem Haar bedeckt; sein Bruder → Jakob hingegen ist der Liebling seiner Mutter, ein Koch, der lieber zuhause im Zelt bleibt (Gen 25,24-34; Gen 27). Er wird als „glatt“ bezeichnet, während Esau „haarig“ ist (Gen 27,11).
Körperliches Kennzeichen des Richters Simson (Ri 13-16), dessen Maskulinität schon als hypermaskulin bezeichnet werden kann, ist sein ungeschnittenes und daher sehr volles und langes Haar. Mit dem Verlust seines Haares geht eine De-Maskulinierung Simsons einher (Groß 724): Er wird überwältigt, was auch den Aspekt der Vergewaltigung bezeichnen kann (hebr. Die Vorstellung, Haare seien der Sitz von Kraft und auch Lebenskraft, ist im Alten Testament nur in der Simsonerzählung Ri 13-16 (Ri 16,17) belegt und ohne Parallele in den semitischen Kulturen. Eine solche Vorstellung ist eher im griechischen Kulturraum zu finden (Groß 668.736).
Steht der geregelte Umgang mit Haaren, z.B. durch bestimmte Frisuren usw., für Kultiviertheit und die Seite der Kultur, so steht übermäßige und ungeregelte Haarpracht und Haartracht für eine wilde, „natürliche“ Seite. Ein Beispiel für die „kulturelle“ Seite geregelter Haartracht sind etwa die Abbildungen des sog. sechslockigen Helden. Hierbei handelt es sich um ein Motiv, auf dem ein (manchmal nackter) bärtiger Mann mit sechs (teils sieben) Locken, also einer Frisur, Tiere dominiert und zähmt. Ein biblisches Beispiel wäre Simson, der sein Haar in sieben Locken frisiert trägt (Ri 16,13) und Tiere dominiert (Ri 14,5-6; Ri 15,4-5).
Die zurechtgemachte, frisierte, üppige Haarpracht ist in beiden Fällen mit Stärke und Dominanz gegenüber der Natur verbunden. Ein Beispiel für die wilde und „natürliche“ Seite ist etwa Enkidu, die über und über haarige und wilde Gestalt aus dem Gilgamesch-Epos, der erst aus seiner Wildheit und „Natürlichkeit“ durch den Geschlechtsverkehr mit einer Prostituierten langsam in den Bereich der Kultur überführt wird.
Ein biblisches Beispiel wäre der über und über mit Haaren bedeckte Esau, der ein Mann des Feldes und ein Jäger ist, der Kulturtechnik des Kochens wohl unkundig (Esau bereitet zwar das Fleisch für seinen Vater vor, Gen 27,31, während Jakob ein vegetarisches Gericht kocht, Gen 25,29-34). Allerdings darf man die Gegenüberstellung von „Natur“ und „Kultur“ nicht allzu schroff sehen. Der sechslockige Held ist oftmals unbekleidet und Simson wohnt auch in Höhlen (Ri 15,8); beides zeugt nicht unbedingt von einer Nähe zum Raum der Kultur. Die Jagd des haarigen Esaus mit Pfeil und Bogen ist ebenfalls eine ausgefeilte Kulturtechnik.
Kahlheit kann unterschiedliche Bedeutungen haben.
Mit fortschreitendem Alter verlieren Männer wie Frauen das Haupthaar in unterschiedlichem Maße. Der natürliche Haarverlust ist damals wie heute unerwünscht. In 2Kön 2,23-24 verspotten die Jungen der Stadt → Bethel den Propheten → Elisa als Kahlkopf.
Hierzu zählt die Rasur oder Schur, die jemandem von einem anderen zugefügt wird. Diese gelten i.d.R. als entehrend und beschämend, da sie die körperliche Integrität beschädigen. Zugleich wird der individuelle Körper von außen modifiziert und in seinem Ausdrucksgehalt verändert. Die Kontrolle über Haare (gleich ob Haupt-, Bart- oder Schamhaare) ist ein Zeichen von Macht, die man über jemanden besitzt. Entsprechend kann die Modifikation von Haaren auch dazu dienen, jemanden zu beschämen.
In 2Sam 10,1-5 lässt der König der Ammoniter den Emissären → Davids den halben Bart abrasieren und ihre Gewänder abschneiden, sodass ihr Intimbereich freiliegt. Die Emissäre sollen in → Jericho warten, befiehlt David, bis ihre Bärte wieder nachgewachsen sind. In der Umwelt des antiken Israel gibt es Praktiken der Beschämung, die den Bart involvieren. Eckart Otto (Otto 2008, 235-236) sieht in den Mittelassyrischen Gesetzen §§ 18; 19 die Strafe der Zwangsrasur des Bartes bei Verleumdung, nicht der Kastration. Der Verleumder wird somit sichtbar für alle entehrt.
Vor Assurbanipal erniedrigt sich der besiegte Rebell Tamarītu, der zuvor einen Vasallen Sargons II. „Tamarītu, seine Brüder, Familie (und) der Same seines Vaterhauses flohen mit 85 Fürsten seines Gefolges vor Indabibi, seinem Diener, krochen nackt auf ihrem Bauch und kamen nach Ninive. Tamarītu küßte meine königlichen Füße und machte den Erdboden mit seinem Bart zurecht. Er faßte das Bodenbrett meines Wagens und überstellte sich selbst zur Sklaventätigkeit für mich.“ (TUAT.NF II, 79).
„Bezüglich dessen, was du mir geschrieben hattest: ‚Ein Bote aus Urpala kam zu mir mit dem phrygischen Boten‘ - lass ihn kommen und lass Assur, Schamasch, Bel und Nabu befehlen, dass alle diese Könige mit ihren Bärten deine Sandalen putzen sollen.“ (nach Parpola 6). Bildlich dargestellt ist diese Form der Unterwerfung auch auf dem Schwarzen Obelisken: Jehus Bart berührt den Boden vor den Füßen des assyrischen Königs. Im Gerichtswort Jes 7,20 wird metaphorisch die Rasur von Haupt-, Scham- und Barthaar angedroht. Das Schermesser ist der König von Assur.
Künstlich-freiwillige Kahlheit begegnet v.a. bei Kultpersonal. Ägyptische Priester sind meist am ganzen Körper glatt rasiert; dies ist teils auch in Mesopotamien der Fall. Kahlheit gilt mitunter als Kennzeichen der Priester. Die Gudea-Statuen, die einen glatzköpfigen oder kurzhaarigen und glatt rasierten König Gudea zeigen, betonen dessen priesterliche Funktion.
Im Alten Testament begegnet diese Form der Kahlheit vor allem in kultischen Kontexten. Die Leviten werden bei ihrer Weihe in Num 8,7 im Rahmen von verschiedenen Reinigungsritualen komplett rasiert. Auch der genesene Aussätzige, der als Reiner wieder in die Kultgemeinschaft integriert wird, muss sich - ebenfalls im Rahmen weiterer Reinigungsvorschriften - einer Ganzkörperrasur unterziehen (Lev 14,1-9).
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