In vielen linken und postmodernen Kreisen gehört die Kritik am Feminismus westlicher Provenienz zum guten Ton. Insbesondere die Idee von Fortschritt und Befreiung wird als große Erzählung des Westens verdammt. Was früher einmal Solidarität hieß, nämlich Menschen auch anderswo in ihrem Kampf um Gleichberechtigung zu unterstützen, wird als Erbe des Kolonialismus abgetan.
In dem taz-Artikel „Das bisschen Wind im Haar“ kritisiert beispielsweise die Libanon-Korrespondentin Julia Neumann die Dokumentation von Nahid Persson über Masih Alinejad und ihre Kampagne „My Stealthy Freedom“. Viele Frauen schickten daraufhin Videos davon, wie sie ihren Schleier abnehmen. Frauen, die den Hidschab ablegen und ins Visier der Sittenpolizei geraten, zahlen im Iran einen hohen Preis. Obwohl nicht jedes Vergehen gesehen und geahndet wird, stellt die rigide Kleiderordnung eine permanente Bedrohung für Frauen dar.
Fotos oder Videos, die Frauen ohne Schleier zeigen, gelten schon als westliche Propaganda. Immer wieder werden Menschen bei Protesten verhaftet und getötet. Diese Repression ist Julia Neumann in der taz keine Erwähnung wert. In ihrem Artikel beklagt sie vielmehr westliche Versuche, muslimische Frauen zu befreien - vom Algerienkrieg über Afghanistan bis zum Kampf gegen Genitalverstümmelung und Femizide. Nahid Persson und Masih Alinejad, die beiden Exiliranerinnen, die ihr Leben riskieren, um den Frauen im Iran zu helfen, verbreiten für sie nur westliche Propaganda. Dass iranische Frauen von ganz allein auf die Idee kommen, das Kopftuch ablegen zu wollen, traut Neumann ihnen offensichtlich nicht zu.
Für Neumann scheint es keinen Unterschied zu machen, dass sich im Iran alle Frauen verschleiern müssen, ob sie religiös sind oder nicht. Die Freiwilligkeit macht aber den Unterschied ums Ganze. Der schiefe Vergleich ist die postmoderne Paradedisziplin. Natürlich gibt es im Westen Schönheitsideale, die einen gewissen Zwang ausüben. Aber anders als die jungen Mädchen, denen gewaltsam ihre Lust beschnitten wird, um sie verheiraten zu können, wird im Westen niemand mit unmittelbarer Gewalt zu Schönheitsoperationen gezwungen.
Postmoderner Kulturrelativismus war der akademische Trend der letzten vierzig Jahre. Heute ist die bekannteste Vertreterin wohl Judith Butler. Sexuelle Freiheiten sind ihr „innenpolitische Anliegen“ und die dürften nicht dazu benutzt werden, Angst vor dem Islam zu schüren. Damit ist sie diskursprägend geworden.
Wie My Stealthy Freedom zeigt, gibt es viele Menschen im Iran, die sich nach Demokratie und Gleichberechtigung sehnen. Haideh Moghissi, ebenfalls Exiliranerin, hat schon 1999 in ihrem immer noch sehr lesenswerten Buch „Feminism and Islamic Fundamentalism“ kritisiert, dass die postmodernen westlichen Intellektuellen mit ihrem Relativismus nicht die freiheitsliebenden Iraner:innen, sondern das iranische Regime unterstützen. Dieser Rassismus der doppelten Standards kommt heute oft im antirassistischen Gewand daher: Will man nicht kolonialistische Narrative bedienen, muss man nach dieser Logik die anderen Kulturen so anerkennen, wie sie sind.
Auch der Begriff der Islamophobie wurde im Iran geprägt und nach der Revolution 1979 für Frauen verwendet, die den Schleier nicht tragen wollten. Er unterstellt jeder Kritik am Islam, irrational und krankhaft zu sein. Was aus dem Vorwurf der Islambeleidigung resultieren kann, haben wir gerade beim Anschlag auf Salman Rushdie beobachten können. Die iranischen Behörden haben es auch auf Alinejad abgesehen. Mehrere ihrer Familienmitglieder wurden schon verhaftet. Der iranische Geheimdienst plante, sie zu entführen. Mit dem Erstarken des Islamismus wird die Bedrohung für Kritiker:innen in und aus islamisch geprägten Gesellschaften zunehmen.
Der Text von Julia Neumann, der am 11. August in der taz veröffentlicht wurde, verdeutlicht das Ausmaß an Ignoranz weiter Teile der jüngeren Generationen in westlichen Ländern. Der Text von Neumann wurde in den sozialen Netzwerken heftig kritisiert, denn er drückt nichts anderes als Verachtung der Frauen in und aus der MENA-Region aus. Die Autorin macht sich zur Lehrmeisterin über das Patriarchat, unter dem die Frauen in dieser Region leiden. Sie will Frauen aus und in den sogenannten muslimischen Gesellschaften und Gemeinschaften erklären, dass wir unsere Lage nicht verstanden haben. Sie aber schon!
Diese Form des Paternalismus erinnert an Missionare, die Afrikanern und den Ureinwohnern Amerikas erklären wollten, was Zivilisation ist, indem sie die ihren auslöschten. Die erste Verwechselung, die der Autorin unterläuft, ist, dass sie zwischen Frauen aus dem Nahen Osten und Frauen aus Nordafrika nicht differenziert. Damit verkennt sie die Wurzeln und große Teile der Kulturen der nordafrikanischen Völker und ihres langjährigen und tapferen Kampfes für die Anerkennung ihrer diversen Identitäten. Wie oft muss man noch daran erinnern, dass Nordafrikaner keine Menschen aus dem Nahen Osten sind, dass sie durch unangemessene und ihnen fremde Politiken wie den Baathismus zwangsarabisiert und zweimal gewaltsam durch die mörderischen Eroberungen im 7. und im 20. Jahrhundert wurden?
Die zweite Fehlzuschreibung besteht in dem Vergleich zwischen dem Habit der Nonnen und dem islamistischen Verhüllungsgebot. Muss man immer wieder präzisieren, dass Nonnen einem Lebensweg folgen, der durch die Doktrin der patriarchalischen Kirche definiert ist, und dass ihr Ziel nie die Emanzipation der Frau war - weder innerhalb der Kirche noch in der Gesellschaft? Muss man zum x-ten Mal erklären, dass das islamistische Kopftuch nicht die sechste Säule des Islams ist?
Der dritte Irrtum bezieht sich auf den Vergleich zwischen dem Haïk und der islamistischen Verschleierung. Zwar sind beide Kleidungsstücke Ausdruck der männlichen Kontrolle über den Körper der Frau, doch ist der Haïk eine patriarchale Tradition und nicht das Aushängeschild eines politisch-religiösen Fundamentalismus. Und wenn die Franzosen versuchten, die Frauen aus Algier zu enthüllen, enthüllten sich die Algerierinnen aus freien Stücken während ihrer Beteiligung am algerischen Befreiungskrieg und danach. Vergessen wir nicht die berühmte Amazigh-Königin Dihya, bekannt auch als die Kāhina, die sich im 7. Jahrhundert gegen die muslimischen Invasoren aus der arabischen Halbinsel stellte.
Nach Ansicht der Autorin haben das Kopftuch und die Freiheit nichts miteinander zu tun. Wie erklärt sie dann, dass alle diktatorischen fundamentalistischen Strömungen immer damit beginnen, der Hälfte der Bevölkerung der Länder, über die sie herrschen, dieses sogenannte »harmlose Stück Stoff« aufzwingen, seien es die saudischen Wahhabiten, die ägyptischen Muslimbrüder, die iranischen Mullahs, die algerischen FIS und GIA, die afghanischen Taliban, die nigerianische Boko Haram, der Daesh usw.? In Algerien zum Beispiel stellen die Islamisten die Frauen vor die Wahl, sich entweder zu verschleiern oder zwischen Sarg und Exil zu wählen. Variiert die Definition von »Freiheit« je nach geografischer Lage?
Selten klang ein Satz so hart in meinen Ohren und erinnerte mich an die Gewehrschüsse und Explosionen, die meine Teenagerzeit während des schwarzen Jahrzehnts Algeriens begleiteten. Sind diese unzähligen Mädchen und Frauen, die wegen »des bisschen Winds im Haar« beleidigt, angegriffen, vergewaltigt und ermordet wurden, sei es in Algerien, im Iran oder in jedem anderen zum Islamismus re-islamisierten Land, für die erlittene Gewalt selbst verantwortlich?
Die algerischen Frauen, die in den 90er Jahren in den Straßen von Algier »La hijab, la djilbab, Djazair djazaira« (»weder Hijab noch Djilbab, Algerien bleibt algerisch«) skandierten, strebten nach ihrem Algeriertum und ihrer Selbstbestimmung, egal, ob von dem »weißen« oder dem »man of color«.
Es ist inakzeptabel, wenn Julia Neumann eine mutige Exiliranerin angreift, die das Mullah-Regime trotz der Todesdrohungen gegen ihre Person und ihre Familie herausfordert. Gewalt gegen Frauen als »plakative Anliegen« zu bezeichnen, ist eine Billigung der Verletzung von Menschenrechten. Diese Rechte sind universell, unteilbar und unveräußerlich, unabhängig von der Herkunft.
Exilierte Frauen wie Alinejad, ob sie aus dem Iran, Bangladesch oder Algerien stammen, könnten die Freiheit genießen, die ihre Aufnahmeländer gewähren. Doch anstatt es zu tun, erinnern diese Frauen unermüdlich jeden Tag an den grausamen Alltag ihrer Schwestern, die vom Westen in ihren Heimatländern im Stich gelassen werden. Das nennt man »internationale Frauensolidarität«.
Der Film "Der mit dem Wolf tanzt" unter der Regie von Kevin Costner, der auch Hauptdarsteller und Produzent ist, entfernt sich von Klischees und zeigt eine realistische Schilderung der Indianer und ihres Lebens. Die Indianer, die sonst im klassischen Western meistens in der Rolle der Plünderer, Diebe und Feinde vorkommen, werden als das dargestellt, was sie wirklich waren. Ein einfaches Volk mit seinen Sitten und Bräuchen, welches in seinem Land lebt, mit anderen Stämmen um die Nahrungsvorräte kämpft, aber vom weißen Mann in Ruhe gelassen werden will.
Costner zeichnet das realistischste Bild von Indianern, welches man bisher in einem Spielfilm gesehen hat. Um das Ganze authentisch wirken zu lassen, wurden keine Kosten und Mühen gescheut. Unzählige Indianer wurden gecastet und Sprachforscher engagiert, um die Sprache der Sioux möglichst fehlerfrei in den Film zu integrieren. Die faszinierende Kulisse rundet das Erlebnis ab.
Ebenfalls verzichtet Costner auf einen Bösewicht. Gerade derjenige, dem man diese Rolle am ehesten zutrauen würde, nämlich „Wind in seinem Haar“ wird später zu einem seiner engsten Freunde und ruft dies „Der mit dem Wolf tanzt“ auch in einer bewegenden Szene kurz vor dem Ende zu.
Der Film ist sogar, über das eigentliche Thema hinaus, noch heute ein lehrreicher Film über die Grenzen und Vorurteile in menschlichen Köpfen. Dunbar hat Vorurteile gegenüber den Indianern, wenn er den Außenposten erreicht, er hält sie für Diebe und Mörder. Erst langsam baut er seine Vorurteile ab. Genau wie die Indianer, vor allem „Wind in seinem Haar“, auch erst langsam ihre Vorurteile gegenüber Dunbar abbauen. Doch am Ende wird Dunbar selbst Opfer der Vorurteile, welche die anderen Soldaten nun gegen ihn hegen.
Kevin Costners Regiedebüt ist einer der großartigsten Western und Filme überhaupt. Ein Werk, das sowohl die ganze Zeit fesselt, als auch durch seine Komik, die sich aus dem Aufeinandertreffen der Kulturen ergibt, bestens unterhält. Ein Streifen, der auch lehrreich ist und nachdenklich stimmt.
Im Mittelpunkt von Costners Indianer-Epos steht er selbst. Er spielt John J. Dunbar, einen Lieutnant der Nordstaaten-Armee.
Dunbar darf sein Bein behalten und das Pferd, welches ihn so sicher vor dem Feindesfeuer bewahrt hat. Und er darf sich einen Traum erfüllen: Den Wilden Westen kennen lernen: Dunbar wird auf eigenen Wunsch an den westlichsten Außenposten versetzt, den es gibt. Dort findet er nichts vor. Der Posten ist verlassen, die dort stationierten Truppen wurden im Kampf mit den Indianern getötet oder sind geflohen. Trotzdem tritt Dunbar seine Stelle an. Alleine bringt er den Außenposten wieder auf Vordermann, genießt die Zeit in der freien Wildnis an seiner Seite nur sein treues Pferd und ein einsamer Wolf, der ihn aus der Ferne beobachtet und jeden Tag ein Stückchen näher kommt.
Beobachtet wird Dunbar auch von einem nahegelegenen Indianerstamm, die nicht wissen, was sie mit dem einsamen Soldaten anfangen sollen. Im Stamm gibt es Kontroversen darüber. Der junge kriegerische „Wind in seinem Haar“ (Rodney A. Grant) hält den einsamen Soldaten für verrückt und will ihn töten, bevor mehr kommen. Der weise Medizinmann des Stammes „Strampelnder Vogel“ (Graham Greene) bewundert dagegen den Mut von Dunbar, es so alleine im Indianerland auszuhalten, und will mit diesem verhandeln. Während der Außenposten und damit auch Dunbar im Westen völlig in Vergessenheit gerät, rettet Dunbar eines Tages „Steht mit einer Faust“ (Mary McDonnell), eine junge Frau, die als kleines Mädchen ihre Eltern verlor und seitdem bei den Indianern wohnt, das Leben. Aufgrund dieses Ereignisses setzt sich Strampelnder Vogel“ mit seinem Vorschlag durch. Zögerlich gibt es erste Annäherungsversuche zwischen den Kulturen, erschwert durch die sprachlichen Barrieren, doch mit der Zeit findet Dunbar neue Freunde. Obwohl ihn erst doch noch vieles von den Indianern trennt, lebt er sich immer mehr ein, wird schließlich einer der Ihren: Aus John J. Dunbar wird „Der mit dem Wolf tanzt“, aus dem Soldaten ein Indianer.
Katia Bengana, eine 16-jährige Gymnasiastin aus Maftah, und Nabila Djehnine, eine linke feministische algerische Studentin, weigerten sich, sich dem Kleidungsgebot der Islamisten zu unterwerfen. Für sie war das Kopftuch gleichbedeutend mit Freiheitsentzug. Beide wussten, dass die Einschränkung der Rechte und Freiheiten der Frauen immer mit dem Kopftuch beginnt. Beide wurden von den Islamisten brutal aus dem Leben gerissen. Das war 1994 und 1995. Zu diesem Zeitpunkt war die Autorin der taz gerade erst in eine Welt geboren worden, in der Demokratie, Freiheit und Modernität selbstverständlich waren.
Oft wird vergessen, dass eine der Enkelinnen des Propheten Muhammad den Verschleierungszwang ablehnte. Kein Wort über die Blutbäder, die die Islamisten 1997 in Rais und Bentalha verübten, oder über das Lynchen von Frauen in Hassi Messaoud in den Jahren 2001 und 2010. Bei diesen Massakern wurden Frauen entführt, sexuell versklavt und erlitten Massenvergewaltigungen wie auch die jesidischen Frauen durch den IS im Jahr 2014.
Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Punkte der Auseinandersetzung mit dem Schleierzwang und der Kritik am westlichen Feminismus zusammen:
| Aspekt | Position der Kritiker von Julia Neumann | Position von Julia Neumann (laut Kritik) |
|---|---|---|
| Schleierzwang | Unterdrückung und Einschränkung der Freiheit | Vergleichbar mit dem freiwilligen Kopftuch von Nonnen |
| Westlicher Feminismus | Unterstützung für Frauen, die gegen Unterdrückung kämpfen | Imperialistischer Versuch der "Befreiung" muslimischer Frauen |
| Frauen aus der MENA-Region | Akteure im Kampf für ihre Rechte | Opfer westlicher Propaganda |
| Islamismus | Bedrohung für Frauenrechte | Wird nicht ausreichend thematisiert |
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