Trichotillomanie: Ursachen, Folgen und Behandlung des zwanghaften Haareausreißens

Trichotillomanie (Trich = Haar, tillo = rupfen, Manie = Trieb, Sucht), ins Deutsche übersetzt: zwanghaftes Haare ausreißen, ist gekennzeichnet durch wiederholtes Ziehen an den eigenen Haaren, was zu erheblichem Haarverlust führt. Die Störung wird begleitet von erfolglosen Versuchen, das Verhalten zu verringern oder zu stoppen. Die erste deutsche Studie fand zwischen 1995 und 2000 am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf unter Leitung von Herrn Prof. Dr. med. statt.

Symptome und betroffene Bereiche

Das Haarausreißen kann in jeder Körperregion auftreten, in der Haare wachsen. Die am häufigsten bevorzugten Stellen sind die Kopfhaare, gefolgt von Augenbrauen und Wimpern. Mehr als 60% der Betroffenen reißen sich die Kopfhaare aus. Danach folgen Augenbrauen, Wimpern und Schamhaare. Es können alle behaarten Körperteile betroffen sein. Betroffene reißen meist einzelne Haare aus.

Das Ausreißen der Haare kann in kurzen, über den Tag verteilten Episoden oder in weniger häufigen, aber länger andauernden Perioden auftreten. Vor dem Haare ausreißen spüren Betroffene oft eine zunehmende Anspannung, die mit negativen Emotionen einhergeht. Mit dem Ausreißen der Haare nimmt diese Anspannung für kurze Zeit ab. Das Haare ausreißen wird von vielen als lustvoll erlebt. Die Betroffenen fühlen für kurze Zeit Erleichterung. Es wird auch berichtet, dass viele Betroffene sich in einem tranceähnlichen Zustand befinden. Dieser Zustand kann Minuten oder auch viele Stunden anhalten und wird erst beendet, wenn plötzlich laute Geräusche (Telefonklingeln) zu hören sind, oder eine weitere Person den Raum betritt.

Sie suchen oft nach bestimmten Haaren, die sich dicker, borstiger anfühlen (taktiler Reiz). Sie suchen gezielt nach grauen oder weißen Haaren. Einige spüren vor dem Reißen ein Kribbeln oder Jucken auf der Kopfhaut. Aber auch die Symmetrie kann wichtig sein. Viele Betroffene sammeln und/oder zählen die Haare.

Trichotillomanie - wieso kämpfen nicht hilft

Auswirkungen und Begleiterscheinungen

Die deutlichste negative Auswirkung des Haare ausreißens ist der sichtbare Haarverlust oder das Fehlen der Augenbrauen und Wimpern. Auch wenn Betroffene um diese Auswirkungen wissen, können sie das Ausreißen nicht einfach sein lassen. Trichotillomanie wird oft zu einer chronischen Erkrankung. Betroffene schämen sich sehr aufgrund ihrer Erkrankung. Mit Perücken, Haarteilen, Spangen, Kajalstiften oder Haarwuchsmitteln versuchen viele die sichtbaren kahlen Stellen zu kaschieren bzw. das Haarwachstum anzuregen. Betroffene trauen sich oft nicht mehr unter Menschen. Sie meiden häufig körperliche Nähe.

Neben dem Haarverlust treten in der Folge am Körper weitere Schäden, wie Hautreizungen, offene Stellen am Kopf, Schäden an den Zähnen durch zerbeißen der Haare, wie z.B. Einige Betroffene zerkauen die Haare und schlucken sie herunter, was als Trichophagie bezeichnet wird. Dies kann die Magenschleimhaut reizen und zu Beschwerden führen. Eine weitere Sonderform ist auch die Trichotemnomanie.

In Deutschland leiden ca. 0,5 % bis 1,05% der Bevölkerung an Trichotillomanie. Trichotillomanie beginnt meistens zwischen dem 11. und 15. Lebensjahr. Trichotillomanie kann auch schon im Säuglings- und Kleinkindalter auftreten. Das Symptom fällt in die Zeit, in der Kinder ihren Körper entdecken. Eltern sollten Ruhe bewahren, mit liebevoller Zuwendung, viel körperlicher Nähe sowie einer geregelten Tagesstruktur auf das Haare ausreißen reagieren. Sie sollten beim Kinderarzt abklären lassen, ob das Haare ausreißen keine körperlichen Ursachen hat wie bspw. Zahn- oder Bauchschmerzen.

Zusätzliche Informationen zu Wimpernausfall (Madarosis)

Wimpernausfall, auch Madarosis genannt, kann ebenfalls ein Begleitsymptom der Trichotillomanie sein, insbesondere wenn Betroffene ihre Wimpern ausreißen. Ab wann spricht man von krankhaften Wimpernausfall? Hier spielen individuelle Faktoren eine wichtige Rolle. Pauschal lässt sich sagen, dass wir im Durchschnitt ca. 4-8 Wimpern-Härchen pro Tag verlieren. Ist es mehr, könnte ein Wimpernausfall (lat. Madarosis) vorliegen. In der Regel fällt es den Betroffenen selbst auf, ob der Wimpernverlust übermäßig ist. Fallen ab und zu ein paar Härchen aus, sollten Sie also nicht in Panik verfallen. Alle Säugetiere besitzen Wimpern (lat. Cilia). Kein Wunder, denn sie haben eine wichtige Schutzfunktion zu erfüllen: Staub, Schmutz und andere Fremdkörper von unseren empfindlichen Augen fernhalten. Für den Menschen besitzen Wimpern aber auch eine ästhetische Bedeutung. Wenn die Wimpern ausfallen, können Körper und Psyche sehr leiden.

Ursachen für Wimpernausfall

  • Mechanische Reizungen
  • Schwankungen im Vitamin-Haushalt
  • Hormon-Ungleichgewicht
  • Mangel an Nährstoffen
  • Infektionen
  • Falsche Wimpern
  • Narbenbildung nach Unfällen oder Operationen
  • Verbrennungen
  • Stress
  • Medikamente
  • Chemotherapie
  • Angeborene Fehlstellungen der Augenlider (Entropium, Ektropium)

Um den Wimpernausfall zu verstehen, ist es unerlässlich, einen medizinischen Experten zu konsultieren.

Behandlung von Wimpernausfall

  • Behebung von Mangelzuständen
  • Änderung der Pflegegewohnheiten
  • Medikamentöse Behandlung
  • Therapie der Grunderkrankung
  • Regenerative Therapien (PRP-Therapie)
  • Wimperntransplantation (in schweren Fällen)

Ursachen von Trichotillomanie

Eine alleinige Ursache für die Erkrankung gibt es nicht. Neurobiologische Faktoren, z.B. Belastende traumatische Erlebnisse, wie u. a. nach Missbrauch, Mobbing oder Gewalt können Auslöser für die Erkrankung sein.

Behandlungsmöglichkeiten

Um den Genuss bzw. In den nächsten Schritten sollte geklärt werden, welche Ziele und Wünsche der Betroffene für sich hat und welche Funktion das Haare ausreißen für ihn hat. Da die Handlung oft automatisiert ausgeführt wird, sollte die Ausrichtung der eigenen Aufmerksamkeit auf diese Handlung erlernt werden. Hiefür bietet sich die Selbstbeobachtung an. Es ist wichtig, dass der Betroffene über längere Zeit sich selbst und die Auslöser für seinen Zwang beobachtet. Danach erlernt der Betroffene ein konkurrierendes Verhalten, das er gegen sein Zwangsverhalten einsetzen kann.

Zum Schutz vor dem Ausreißen haben sich weitere Strategien bewährt. Betroffene können ihre Zwangshandlung auch unterbrechen, wenn sie ihre Sitzposition verändern, den Raum verlassen oder sich einer nahestehenden Person zuwenden. Diese Strategien sollten täglich mindestens für eine Stunde immer wieder eingeübt werden. Sportliche Betätigungen wie z.B. Nach erfolgreicher Unterbrechung des Zwangs sollte immer eine Belohnung folgen wie z.B.

Neben den Bewältigungsstrategien kann es für die Betroffenen hilfreich sein, die Auslöser für das Haare ausreißen näher zu betrachten. Ist z.B. Exposition bei Trichotillomanie ist nicht ganz einfach und sollte sich immer nach den Bedürfnissen bzw. Trägt jemand eine Perücke, Haarband, Tuch oder Haarteil, kann es eine Expo sein, sich ohne diese „Hilfsmittel“ alleine Zuhause zu bewegen. Eine weitere Steigerung ist es dann, in Gegenwart von Familienmitgliedern oder dem besten Freund, der besten Freundin, die Perücke, das Haarteil wegzulassen. Später kommen die Betroffenen dann ohne Perücke etc. zur Therapiesitzung. Eine weitere schwere Expo ist es, sich über die Haare, Wimpern, Augenbrauen, Bart zu streichen, ohne an den Haaren zu reißen. Es kann auch hilfreich sein, sich täglich die kahlen Stellen anzuschauen oder ggf.

Spezielle Medikamente gegen Trichotillomanie gibt es nicht. Rückfälle/Ausrutscher gehören zur Therapie dazu. Erst nach Beendigung der Therapie zeigt sich, wie erfolgreich die Therapiebausteine waren. In den letzten Therapiestunden sollte besprochen werden, wie mit Rückfällen umgegangen werden sollte. Die Betroffenen sollten für sich einen individuellen Notfallkoffer zusammenstellen, auf den bei Bedarf zurückgegriffen werden kann.

Auch heute noch ist es schwer einen Therapeuten oder eine Klinik zu finden, die sich mit der Behandlung mit Trichotillomanie auskennt. Wenn man sich an einen Therapeuten wendet, sollte es ein Verhaltenstherapeut sein, der sich mit der Behandlung von Zwangsstörungen auskennt. Der Therapeut sollte bereit sein, sich auf den Betroffenen mit seinen Fragen, Wünschen und Problemen einzulassen und Trichotillomanie nicht als schlechte Angewohnheit, Tic oder Macke abtun.

Unterstützung und Selbsthilfe

Viele Betroffene und ihre Angehörigen fühlen sich mit Trichotillomanie oft allein gelassen. Mit Freunden oder Familienmitgliedern trauen sich die Betroffenen oft nicht zu sprechen, weil sie sich zu sehr schämen. Ein Besuch einer Selbsthilfegruppe, auch online, in der man auf Gleichgesinnte und Verständnis trifft, kann eine gute Unterstützung und Ergänzung zur Therapie sein. Für Therapeuten gibt es einen Arbeitskreis via Zoom zu körperbezogenen Zwängen.

Für Angehörige und Freunde ist das Haare ausreißen meist unverständlich und schwer auszuhalten. Fördern Sie die Stärken und gesunden Fähigkeiten des betroffenen Familienmitgliedes oder Freundes. Unternehmen Sie schöne Dinge miteinander. Unterlassen Sie eigene „Therapieversuche“ wie Ermahnungen, Bestrafungen oder Abrasieren der Kopfhaare, z.B. bei kleinen Kindern. Bieten Sie Ihre Hilfe bei der Suche nach Therapeuten und Kliniken an. Informieren Sie sich über Trichotillomanie auf Webseiten, bei der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.

Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.

Eine Spezialsprechstunde zur Trichotillomanie für Betroffene, Angehörige und Interessierte bietet Antonia Peters an.

Überblick über Behandlungsansätze

Behandlungsansatz Beschreibung
Selbstbeobachtung Bewusstmachung des Reißverhaltens und Erkennung von Auslösern.
Spannungsreduktion Abbau von Anspannung durch Aufschreiben oder Reden über Gefühle.
Stimulation Berücksichtigung der sensorischen Ebene beim Ausreißen von Haaren.
Belohnungen Einsatz eines Belohnungssystems zur Aufrechterhaltung der Motivation.

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