Am 6. August wäre Andy Warhol 80 Jahre alt geworden. Er war blond, blass und schmächtig, trug zeitlebens eine Perücke und seit einem Attentat ein Korsett. Und er war einer der berühmtesten Künstler des 20. Jahrhunderts.
Bis heute wechseln die leuchtend bunten Leinwände von Andy Warhol für Millionensummen den Besitzer. Der 1987 verstorbene New Yorker Pop-Art-Star verstand es wie kein Zweiter, der amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, indem er ihre Ikonen auf einen Sockel hob: Zwischen den glamourösen Stars und Statussymbolen schimmern Promisucht und Konsumterror durch - und damit auch die dunkle Seite der schönen neuen Welt.
Warhols Stil war platt und plakativ. Sein Marketingkonzept schlicht genial. Ganz pragmatischer Künstler, verwendete er für seine Auftragsporträts Schablonen für Münder und Augenbrauen - er wählte etwa zwischen dem sexy Lächeln einer Liz Taylor oder einem sinnlichen Augenaufschlag à la Elvis. Tausendfach per Siebdruck reproduziert, schuf er sich so sein unverwechselbares Markenzeichen.
Warhol produzierte zudem zahlreiche Undergroundfilme und Platten - wie 1967 das berühmte Album „The Velvet Underground and Nico“ - und er trat in den 80ern dutzendmal in Fernseh-, Werbe- und Videospots auf (unter anderem für die Computerfirma Apple).
Andy Warhol, fotografiert von Jack Mitchell
Talent haben viele Kritiker dem Pop-Artisten zeitlebens nie bescheinigt: „Für die meisten Leute war er ein gefeuerter Lateinlehrer mit einer bleichen Kunsthaarperücke, der Mann, der Suppendosen malt und all die vielen Filmstars kennt“, schrieb US-Star-Journalist Robert Hughes 1982. Doch bis heute erlebt die „abnorme Gestalt, die das Triviale preist“ (Hughes), ein Revival nach dem anderen.
Die neuen Warhol-Jünger der Kunst heißen Elizabeth Peyton, Daniele Buetti oder Francesco Vezzoli - sie malen und collagieren Prominente nach Zeitungsfotos und werden so im Schatten jener Berühmtheiten selbst berühmt. An die enorme Produktivität ihres Vorbildes reichen sie lange nicht heran. Warhol-Verächtern galt der immense Bilder-Ausstoß der „Factory“ schon zu dessen Lebzeiten als „lange Schussfahrt in die nach Geld stinkende Banalität“ („Time“-Kritiker Robert Hughes).
In der Subkultur der New Yorker „Factory“ produzierten die 57 Mitglieder Kunst am Fließband. Längst wurde Warhols Atelier an der 23. Straße, wo sich einst Groupies, Musiker und Schauspieler trafen, von diesen selbst als Ort der Kunst ausgeschlachtet. Filme wie Julian Schnabels Porträt des Warhol-Protegés „Basquiat“ (1996), der mit David Bowie und Dennis Hopper als Darsteller glänzt, vermitteln ein authentisches Bild der damaligen Atmosphäre - und tragen zum Mythos des bleichen Blondschopfs bei.
„Warhol zeigte uns eine Welt des Stils und des Sex, auf die man sich heute wieder berufen kann“, erklärte die kanadische Filmemacherin Mary Harron, die in „I Shot Andy Warhol“ (1996) das Attentat der lesbischen Feministin Valerie Solanas auf Andy Warhol verfilmte - Solanas hatte den Künstler am 3. Juni 1968 mit zwei Schüssen lebensgefährlich verletzt und endete später in der Psychiatrie. Warhol musste seitdem ein Stützkorsett tragen. Frauenrollen in seinen Filmen besetzte er fortan mit dem Transvestiten Candy Darling.
Andy Warhol Ausstellung
Als Kostümbildnerin fasziniert mich die Veränderung von Andy Warhols Selbstinszenierung, gut zu verfolgen in der Ausstellung „Andy Warhol - Pop goes Art“ im MAKK (bis 24. März 2019). Auf einer Fotografie aus den frühen 50er Jahren ist Andy Warhol als jungen Illustrator zu sehen, mit der Mappe unter dem Arm durch New York’s Straßen ziehend, um Aufträge zu ergattern. Sein Kleidungsstil erscheint noch unbekümmert mit schlaksigem Anzug und Fliege. So kleidete man sich wohl damals, um als ernsthafter Illustrator arbeiten zu können.
Bereits Anfang der 60er Jahre verstand sich Andy Warhol nicht mehr als Grafiker, sondern als freier Künstler. Das veränderte radikal seine Illustrationen für Plattencover. Alle 75 Exemplare des „Giant Size $ 1.57“ Covers von 1963 sind zum Pop Kunstwerk avanciert. Er hat sie eigenhändig im Siebdruckverfahren bedruckt, nummeriert und handsigniert. Das Motiv ist jetzt keine Illustration des Inhalts mehr und lässt damit keine Rückschlüsse auf das zu, was den Käufer beim Zuhören erwartet. Revolutionär war seine Idee der verlockenden Verpackungsgestaltung der Cover, um den Verkauf von Schallplatten zu steigern. Das heran gezoomte Preisschild aus dem Supermarkt zeigt provozierend das genaue Gegenteil.
Zur Ausstellungseröffnung von „The Popular Image“ 1963 in der Washington Gallery of Modern Art, für die er genau die „Giant Size $1,57“ Cover produziert hatte, trägt er einen Smoking und damit das Gleiche, wie alle anderen geladenen männlichen Gäste auch. Die Damen erschienen übrigens in wunderbaren blumigen Cocktailkleidern. Aber: auf einer schwarz/weiß Fotografie der Ausstellungseröffnung ist zu erkennen, dass er, abgesehen von einer coolen Sonnenbrille, nun ein Haarteil trägt. Um sein schütteres Haar zu verdecken, entschied er sich bereits ab Mitte der 50er Jahre für ein Toupet. Er soll mit verschiedenen Haarfarben experimentiert haben. Auch seine Nase veränderte er in dieser Zeit durch eine Schönheitsoperation. War er mit seinem Aussehen so unzufrieden?
Haarteile kamen in den 60er Jahren in Mode. Damen toupierten ihre Haare und gaben mit aufsteckbaren Haarteilen ihren Frisuren ein neues märchenhaftes Volumen. Für Männer aber waren Haarteile keine Modeaccessoires, sondern damit sollte, möglichst unbemerkt, ein Mangel behoben werden. Vergleicht man aber das Aussehen Robert Rauschenbergs auf der Fotographie tanzend im Vordergrund, mit dem von Andy Warhol im Hintergrund, muss man feststellen, dass der eine ganz natürlich aussieht und der andere irgendwie künstlich. Das Haarteil verleiht Andy Warhol ein schräges Element, bei gleichzeitig klassischem Kleidungsstil. Genau dieses leichte Störgefühl wird er nutzen, um ein Bild von sich als Künstler zu inszenieren. Die Perücke wird zu seinem Kennzeichen als Künstler. Ohne sie gibt es keine Bilder mehr von ihm. In seinem Nachlass fanden sich hunderte handgemachter Exemplare, sorgsam verstaut in ihren originalen Kartons.
Ein unendliches Schrillen säbelt durch den Traum. Nein, das Telefon. Blinzeln zum Wecker. 11.10 Uhr. Sonnenstrahlen und Vogelgezwitscher. Niemand hat mir soviel über Andy Warhol erzählt wie Victor Bockriss, der seit vier Jahren daran arbeitet, Warhols (unautorisierte) Biographie zu schreiben, und einst zu seinem engsten Freundeskreis in der „Factory“ gehörte. Eine solche Ausdauer überschreitet meine eigene Geduldsgrenze um Lichtjahre. Warum machst du das, Victor, wollte ich einmal von ihm wissen. Solange du an dieser Biographie schreibst, mußt du doch ganz in ihm aufgehen. „Das habe ich schon hinter mir“, war seine Antwort. „Du weißt nicht, wie es ist, mit Andy Warhol zu leben. Der Mann ist so stark, da bleibt kein Platz mehr für dich. Entweder du bist in seinem Bann oder du mußt ganz wegbleiben. Es gibt kein dazwischen.“
Andy Warhol hat sich schon seit den frühen 60er Jahren mit einer Entourage von jungen Schreibern, Künstlern, Musikern, den ersten „Performance“-Artisten und schönen jungen Mädchen umgeben. Mit Baby Jane Holzer, dem ersten „girl of the year“ der Pop- Ära; mit Edi Sedgwick, die später in der Psychiatrie landete, mit Nico, der eiskalten Blondine aus Deutschland, die Sängerin in Velvet Underground wurde, mit Viva und Velvet, die ihren reichen Familien nicht nur die Rolle der dropouts vorspielten, sondern auch - ganz Objekte der Begierde - in Warhols Filmen zu Superstars werden.
Die Nachrichten berichten vom Tode Andy Warhols auf ihre Art. Berichten vom Künstler und Exzentriker, der Suppendosen und Superstars malte, vom Pop-Papst, der ein schüchterner Mann war, aber die Gesellschaft liebte, von einem, der unernst war, aber ernsthafte Kunst machte. Todesursache: der problemlosen Gallensteinoperation folge ein problemloser Herzinfarkt. Im Schlaf. Die diensthabende Schwester stellte den Tod am frühen Sonntag morgen fest. Ein schöner Tod. So banal, wie der „König des Banalen“ ihn möglicherweise gar gewünscht hätte. Ein einsamer Tod. Manche Warhol-Ideen sind von der Einsamkeit getragen.
Vor ungefähr einem Jahr, auch anläßlich eines Graham-Benefits, hatte ich Andy Warhol zum erstenmal in Person erlebt. Unter all den Berühmtheiten in glitzernden Abendkleidern und schwarzen Fracks, die sich im kron-beleuchteten Ballsaal des Waldorf-Astoria versammelten, nahm Warhol sich in seiner Jeans und ausgebeulten Lederjacke geradezu wohltuend aus. Warhol, genauso, wie man ihn von den Fotos kennt: blaß und pockennarbig, mit tief aus den Höhlen starrenden Augen, mit platinblond-grauer Perücke, unter der die dunklen Nackenhaare nicht versteckt waren, unbeweglich unter der flanierenden Menge stehend, sich nur - automatenhaft - bewegend, wenn er sein Markenzeichen, die bemalte Kodak vors Auge nahm und - klack - seine Opfer auf Zelluloid bannte.
„Ihr Deutsche versteht Warhol viel besser als die Amerikaner, bei euch ist er bei den Intellektuellen anerkannt“, behauptete Viktor. Was mich betrifft, war und bin ich mir da nicht so sicher. Das Geniale an ihm - laut Crone - ist sozusagen, daß er als Wolf im Schafspelz daherkommt, weil sein Image von politischer Unschuld und Naivität geprägt ist.
Andrew Warhola, Sohn einer völlig verarmten Bergarbeiterfamilie, die kurz nach der Jahrhundertwende nach Amerika kam und sich in Pittsburgh ansiedelte, starb als Millionär in einem Erster- Klasse-Krankenhaus und ist nicht einmal im Computer registriert. Andy Warhol, der blasse Pop- Prinz....tönt es aus dem Radio des Taxifahrers, der leiser dreht und uns die Geschichte seiner Flucht aus Albanien erzählt.
James Warhola (63) steht in der Charlottenburger Kunstgalerie „Hotel Mond“ und strahlt zufrieden, als er die Präsentation seiner Bilder sieht. „Onkel Andy hat mir immer geraten, großformatig zu malen, so wie er. 35 Jahre arbeitete Warhola sehr erfolgreich als Illustrator, bevor er den Ratschlag seines Onkels umsetzte. Warholas Bilder haben Tiefgang, zaubern aber immer auch ein Lächeln ins Gesicht. Sein Neffe konnte ihn schon als kleiner Junge aus nächster Nähe bei der Arbeit beobachten - während seiner kreativsten Phase Anfang der 1960er-Jahre, und dort, wo er sonst niemandem Zutritt gewährte: in seinem Privathaus in der Lexington Avenue in Manhattan.
James Warhola erinnert sich: „Mein Onkel führte ja ein Doppelleben. Einerseits die öffentliche schrille Person und andererseits der sehr ruhige, zurückgezogene Mensch in seinem Haus, das er nur mit seiner Mutter Julia bewohnte. Sie kümmerte sich um seinen Haushalt, beriet ihn aber auch bei seiner Arbeit, sie war seine engste Vertraute. Die beiden unterhielten sich zu Hause auf Russinisch, einem slowakischen Dialekt aus der alten Heimat, den wir Kinder nicht verstanden. Das war für uns natürlich ein bisschen komisch, aber Onkel Andy war zu Hause immer entspannt, sehr ruhig und liebenswert normal. Nur seine Perücke hat er auch dort nicht abgenommen, da war er sehr eigen.
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