Der Sohn des Friseurs: Eine Familiengeschichte von Gerbrand Bakker

Gerbrand Bakker, ein niederländischer Autor, dessen Romane in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden, präsentiert in seinem Roman "Der Sohn des Friseurs" eine vielschichtige Familiengeschichte, die über drei Generationen von Friseuren erzählt.

Der Roman entfaltet sich auf drei Ebenen:

  1. Die homoerotische Beziehung von Simon zu Igor.
  2. Simons Spurensuche nach dem Tod seines Vaters.
  3. Das Leben von Cornelis Weiman, Simons Vater.

Der Leser wird auf einen geheimnisvollen, verzweigten, beinahe labyrinthartigen Weg geführt, denn Cornelis‘ Sohn Simon Weiman wähnt seinen Vater zunächst unter den 583 Opfern einer Flugzeugkatastrophe, die sich am 27. März 1977 auf Teneriffa ereignet hat.

Erst ein halbes Jahr später wird Simon geboren und führt den Friseursalon seines betagten Großvaters, den eigentlich sein Vater hätte übernehmen sollen. Simon wohnt über dem Friseursalon und fühlt sich „noch halbwegs jung und doch schon ein bisschen alt“.

Er arbeitet nur auf Voranmeldung, zumeist hängt ein Schild „Fermé“ an der Ladentür seines Amsterdamer Salons. Täglich vier Kunden reichen ihm für seine Ansprüche, Hauptsache, die Espresso-Maschine funktioniert.

Simon geht dreimal die Woche schwimmen, seine Jugendidole waren die Weltklasseschwimmer Mark Spitz und Alexander Popow. Auf der ersten Ebene geht es um eine homoerotische Beziehung zum taubstummen Igor, den Simon zufällig kennenlernt, als er seiner Mutter Anja bei der Beaufsichtigung des Schwimmunterrichts einer Gruppe geistig behinderter Jugendlicher assistiert.

Seine Mutter findet ihn furchtbar langweilig. Als ihre Kollegin ausfällt, muss Simon einspringen. Einer der Jugendlichen erinnert ihn an den gutaussehenden Alexander Popow, früher sein Schwimmidol. Im Wasser klammert der Junge sich an Simon fest, was bei ihm eine unangenehme Erektion auslöst.

Die Kollision auf dem Flughafen Los Rodeos, Teneriffa, 1977.

Auf der zweiten Ebene begibt sich Simon auf Spurensuche, will Hintergründe über den Tod seines Vaters erfahren. Je mehr Simon über das Jahr 1977 und das Unglück auf dem Flughafen der Kanareninsel recherchiert, umso mehr Fragen werfen sich für ihn auf.

Warum wurden nie sterbliche Überreste seines Vaters begraben, und warum ist er in den Urlaub geflogen und hat seine schwangere Frau zurückgelassen? Mit der Mutter, die über das plötzliche Verschwinden ihres Mannes nie hinweggekommen ist, kann er darüber nicht reden. Dadurch entsteht ein äußerst vertrauensvolles Verhältnis zum betagten Großvater.

Ein befreundeter Schriftsteller erklärt Simon, wie Spannung entsteht: eine Geschichte nie zu Ende erzählen, rechtzeitig abbrechen, den Rest offen lassen. Er weckt schließlich Simons Interesse an dem Flugzeugabsturz. Jahrzehnte hat er sich kaum für seinen Vater interessiert.

Simon ist der Sohn des Friseurs, der vor vielen Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Er ist nun selber Friseur und mit seinem eigenen Salon lebt er ein gutes und zufriedenes Leben, bis sich eines Tages einer seiner Kunden anfängt, für seinen Vater zu interessieren.

Gerbrand Bakker folgt dem Rezept des befreundeten Schriftstellers: Er erzählt nicht alles.

Gerbrand Bakker hat sich in seinem Roman "Der Sohn des Friseurs" für einen leicht zu lesenden Tonfall entschieden. Zwar berührt er existentielle Fragen - wie prägt ein unbekannter Vater das Leben eines Kindes? -, aber er hat auch Sinn für Komik, besonders im Frisiersalon.

Sie glauben, beim Rasieren mit dem altmodischen Ding wäre das Erlebnis stärker, intensiver, echter. Rasieren ist Rasieren.

Interessant ist, dass Simons Vater Cornelis Weiman an Bord der KLM-Boeing war, die am 27. März 1977 bei der Flugzeugkatastrophe auf Teneriffa zerstört wurde. Keiner der Insassen überlebte.

Cornelis Weiman schleicht sich aus dem Haus und fährt mit dem Praktikanten seines Vaters Jan zum Flughafen Schiphol. Jakob Willems gehört zu einer Reisegesellschaft der Holland International Travel Group, die eine KLM-Boeing gechartert hat.

Weil der Zielflughafen auf Gran Canaria gesperrt ist, wird die KLM-Maschine am 27. März 1977 nach Teneriffa umgeleitet. Die Stunden bis zum Weiterflug verbringen die Fluggäste in der Wartehalle des Flughafens Los Rodeos.

Während Jacob ohne ihn an Bord geht, verlässt Cornelis das Flughafengebäude, ohne sich irgendwo abzumelden. Gedankenlos strandet er in San Cristóbal de La Laguna und nimmt sich ein Hotelzimmer.

Cornelis lässt sich von Manuel González anstellen, dem Betreiber der Barbería Juan Flórez, und weil kein Spanier seinen Vornamen aussprechen kann, heißt er von da an Carlos Weiman. Er fängt einfach ein neues Leben an und denkt gar nicht daran, Kontakt mit seinen Angehörigen aufzunehmen.

Zwölf Jahre später, 1989, zieht Manuel sich aus Altersgründen zurück - und der 36-jährige Carlos Weiman übernimmt den Salon.

Vier Jahrzehnte nach der Flugzeugkatastrophe lässt sich eine niederländische Touristin von Javi, einem der Angestellten im Friseursalon, die Haare schneiden und erzählt, dass sie vor einigen Monaten mit einem Freund nach Teneriffa kam. Sie fragt „Carlos“, ob er Cornelis Weiman sei, und er erkennt Henny, die Freundin seiner Ehefrau Anja. Von ihr erfährt er nun, dass sein Vater Jan noch lebt, Anja nie wieder geheiratet hat und sein Sohn Simon den Friseursalon in Amsterdam betreibt.

Simon hat sich in seinem überschaubaren Alltag eingenistet. Er frisiert ein bis drei Kunden pro Tag, am liebsten Männer, stutzt Bärte und massiert Kopfhäute, wie schon sein Vater und dessen Vater zuvor. Seinen Vater hat er nie kennengelernt.

Seltsamerweise wusste nicht einmal jemand, was er auf Teneriffa treiben wollte. Und dann verschwand zeitgleich ein Praktikant seines Großvaters und erschien auf der Liste der Opfer. Bisher hat Simon sich nicht dafür interessiert, er akzeptierte, was geschehen war und vermisste nichts.

Simons Leben steht im Zeichen einer existentiellen Leerstelle. Er hat seinen Vater - auch dieser eben Sohn des Friseurs - nie kennengelernt. Cornelis verließ seine Frau, als er erfuhr, sie ist schwanger. Er buchte sich einen Flug.

Die Maschine, in der er saß, wurde nach einem Zwischenstopp auf Teneriffa in eines der bis heute schwersten Unglücke in der zivilen Luftfahrt verwickelt. Am 27. März 1977 kollidierte die Boing 747 der KLM beim Start mit einer Boing der amerikanischen Fluggesellschaft Pan-Am. Fast 600 Menschen kamen dabei ums Leben.

Gerbrand Bakker, 1962 in Wieringerwaard geboren und einer der bekanntesten Schriftsteller in den Niederlanden, erzählt in seinem Roman auch von dieser Katastrophe. Vor allem aber schildert er das Leben von Männern aus drei unterschiedlichen Generationen, berichtet von ihren Lebensentwürfen und ihren unerfüllten Sehnsüchten.

„Ich schreibe gerne über Handwerker“, sagt Gerbrand Bakker im Interview. „Und was auch sehr lecker ist: dieser Friseur hat einen Salon - und damit Kunden.

Gerbrand Bakkers Roman „Der Sohn des Friseurs“ ist - in der Übersetzung von Andreas Ecke - bei Suhrkamp erschienen. Der Schauspieler Patrick Güldenberg liest - in der Regie von Irene Schuck - aus der Geschichte einer gebrochenen Familie. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages sind Lesung und Gespräch zu finden im „Bayern 2 Podcast Buchgefühl - reden und lesen“.

Simon, Mitte vierzig, führt ein ruhiges Leben. Wie bereits sein Vater und Großvater ist er Friseur. Er möchte nicht unbedingt zu viele Kunden, und wenn er mal einen Espresso braucht, dann geht er rasch in seine Wohnung über dem Salon. Zwei Poster von Schwimmern an der Wand erinnern an seine Jugendhelden, und dreimal die Woche zieht er selbst Bahnen - Simon mag seinen unaufgeregten Alltag.

Als einer der Stammkunden, ein alternder Schriftsteller (an wem sich G.B. da wohl orientiert hat...?), sich für die Geschichte seines Vaters interessiert, wird auch Simon neugierig. Er hatte den Vater nie kennengelernt, weil dieser, wie es hieß, 1977 bei einem Flugzeugunglück auf Teneriffa ums Leben gekommen war.

Und noch etwas anderes treibt ihn um: Als Simon seiner Mutter beim Schwimmunterricht für Jugendliche hilft, lernt er den stummen Igor kennen - und verliebt sich in ihn. In überraschenden Wendungen erzählt Bakker von einem Mann, dessen Leben wider seinen Willen Fahrt aufnimmt.

Und er erzählt vom Vater Simons, von dem verheerenden Flugzeugunglück mit vielen hundert Toten, von der schrägen Mutter, die den Mann verloren und den Sohn alleine großgezogen hat. Von Aufbrüchen, freiwilligen und unfreiwilligen.

Die Leichtigkeit und Warmherzigkeit, manchmal mit feiner Ironie gewürzt, mit der Bakker die drei Friseurgenerationen vor uns erstehen lässt, aber auch die Akribie, mit der er die Flugzeugkatastrophe rekonstruiert, machen den Roman zu einem vielschichtigen Lesevergnügen.

Bei Simons Friseursalon hängt öfter das Schild mit ‚Geschlossen‘ als ‚Geöffnet‘ in der Tür, auf Kunden und Gespräche kann er gut und gerne verzichten - auch wenn die Kunden in den meisten Fällen zu erzählen beginnen, ohne, dass er fragt. Wieso ist er dann überhaupt Friseur geworden? Bereits sein Großvater und sein Vater waren Friseure, vermutlich ist er einfach den Weg des geringsten Widerstands gegangen.

Bei dem Schriftsteller handelt es sich um eine kaum verschleierte und fiktionalisierte Version von Gerbrand Bakker, dem Autor des vorliegenden Buchs ‚Der Sohn des Friseurs‘ (aus dem Niederländischen von Andreas Ecke). Nicht zuletzt daran zu erkennen, dass er anstelle von ‚Oben ist es still‘ ‚Unten ist es kühl‘ geschrieben hat „über eine Tochter, die eines Tages ihre Mutter in den Keller schafft, weil sie sie nicht mehr erträgt“.

Obwohl Simon sich nicht für Geschichten interessiert, hat er alle Romane des Schriftstellers gelesen - der Stammkunde hat sie ihm alle geschenkt. Doch am erstaunlichsten ist, dass Simon sich nicht für seine eigene Geschichte interessiert.

Am 27. März 1977 ist sein Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Wieso der Vater überhaupt in dieser Maschine saß, das weiß keiner in der Familie. Niemand spricht darüber und Simon hat auch nie nachgefragt: „Er hat diese ganze Vatergeschichte immer seiner Mutter überlassen, sie gehörte ihr. Sie hatte das Monopol darauf.

Der Schriftsteller, der eigentlich mehr über den Alltag von Simon für einen neuen Roman erfahren will, beginnt sich - wie auch langsam Simon selbst - für die Geschichte des Vaters zu interessieren, und verkündet, darüber zu schreiben. Darf er das? Wem gehört eine Geschichte? Und gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen dem, was der Schriftsteller schreibt, und den wenigen Informationen, die Simon von seinem Vater hat?

‚Der Sohn des Friseurs‘ verhandelt diese Frage auch auf anderer Ebene. Simons Mutter gibt Schwimmstunden für geistig behinderte Jugendliche, wo Simon kurzerhand für die auf die Kanaren geflüchtete Henny einspringt. Sein Blick fällt auf den 17jährigen Igor, der ihn an den russischen Olympiaschwimmer Alexander Popow erinnert, dessen Poster aus Simons Jugend noch immer an seiner Schlafzimmerwand hängen.

Die Faszination, die Simon für den stillen Jungen entwickelt, scheint sich in eine unheilvolle und bedrohliche Richtung zu entwickeln. Als Leser*in sieht man sich mit einer ähnlichen Frage konfrontiert. Simon ist Mitte 40, schwul und Single, ansonsten bleibt er seltsam gestaltlos. Seine Mutter beschreibt ihn als indolent.

Aus dem „indolenten“ Mann, wird jemand der emotional aufbricht und beweglich wird.

Dieser Roman von Gerbrand Bakker, in dem uns auch viele kleine und große Geheimnisse des Friseur-Alltags nahegebracht werden, wirft unendlich viele komplizierte Fragen auf - von der Vaterlosigkeit bis hin zur Sehnsucht nach einem Neuanfang.

Gerbrand Bakker hat seine außergewöhnlich gute Geschichte in drei Teile aufgeteilt. Zuerst lerne ich seinen etwas verschrobenen Protagonisten in seiner Gegenwart kennen und mögen. In Teil zwei begegnet mir Simons Vater, ich verstehe, was ihn zu dem Teneriffaflug veranlasste und ich erfahre, wie sich die Tragödie zugetragen hat. Das war Recherchearbeit. Im dritten und letzten Teil blicke ich unter anderem darauf, wie sich Simons Leben weiterentwickelt.

Der Protagonist hat es sich in seinem Leben bequem gemacht. Aus Liebe zur Gewohnheit verzichtet er auf Unberechenbares. Die Einsamkeit, die er manchmal spürt, streift er mit kurzen Affären ab. Doch dann rüttelt das Schicksal ihn wach, erweckt sein Interesse und macht Veränderung möglich.

Auch der neuste Roman des niederländischen Kultautors Gerbrand Bakker ‚Der Sohn des Friseurs‘ ist ruhig und unaufgeregt erzählt und entwickelt doch einen ganz eigenen Sog, der einen nicht mehr loslässt.

Das Cover des Buches "Der Sohn des Friseurs".

Hier ist eine Tabelle, die die Hauptpersonen des Romans und ihre Beziehungen zueinander zusammenfasst:

Person Beziehung zu anderen Personen
Simon Weiman Hauptfigur, Friseur, Sohn von Cornelis, Enkel von Jan
Cornelis Weiman Simons Vater, Friseur, verschwindet und wird für tot erklärt
Jan Simons Großvater, Cornelis' Vater, Friseur
Anja Simons Mutter, Cornelis' Frau
Igor Taubstummer Jugendlicher, Objekt von Simons Zuneigung
Schriftsteller Kunde von Simon, interessiert sich für Cornelis' Geschichte
Henny Freundin von Anja, entdeckt Cornelis auf Teneriffa

„Der Sohn des Friseurs“ von Gerbrand Bakker - eine Rezension von Peter Mohr - Literaturkritik.de...

tags: #vater #und #sohne #friseur #geschichte

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