Haarausfall-Forschung an der Universität Bonn: Neue Erkenntnisse und Therapieansätze

Haarausfall ist ein weit verbreitetes Problem, das sowohl Männer als auch Frauen betrifft und oft mit erheblichem psychischem Leiden verbunden ist. An der Universität Bonn wird intensiv an den Ursachen und möglichen Therapien verschiedener Formen von Haarausfall geforscht. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf den genetischen Grundlagen und der Entwicklung innovativer Behandlungsansätze.

Genetische Ursachen von Haarausfall

Die Forschung an der Universität Bonn konzentriert sich auf die Identifizierung von Genen, die für seltene Formen von Alopezie verantwortlich sind. Bislang sind mehrere Gene für seltene monogene Alopezieformen bekannt, aber nur ein kleiner Teil der Patienten hat eine Diagnose. Aufgrund der fortschreitenden Technologie sind die Wissenschaftler auf der Suche nach weiteren Genen für die seltenen Alopezieformen.

Hypotrichosis Simplex (HS)

Ein wichtiger Forschungsschwerpunkt ist die Hypotrichosis simplex (HS), eine klinisch und genetisch heterogene Form des Haarausfalls. Das Haar ist in der Regel bei Geburt und in den ersten Lebensjahren normal entwickelt. Je nach Form zeigt sich ab dem Kleinkindalter bzw. Vorschulalter ein gradueller, diffuser Haarausfall, der progressiv ist und bis zum Ende der 2. Lebensdekade zu einem Verlust der kompletten Kopfbehaarung führen kann.

Die Arbeitsgruppe um Prof. Regina Betz war federführend bei der Identifizierung von CDSN, LPAR6 und SNRPE und beteiligt bei der Entdeckung von U2HR, Gene die mit Hypotrichosis simplex in Verbindung stehen.

Monilethrix

Das Forschungsteam um Prof. Regina Betz vom Institut für Humangenetik am UKB untersuchte vier Familien mit Verdacht auf Monilethrix, bei denen keine Mutationen in den drei bekannten Genen gefunden wurden. Die Bonner Forschenden fanden bei allen sechs Betroffenen eine so genannte Nonsense (Stopp)-Mutation im KRT31-Gen, die zu einem vorzeitigen Abbruch der Synthese des Proteins führt. Somit konnte die Arbeitsgruppe um Prof. Betz mit KRT31 ein neues Gen für Monilethrix identifizieren.

Monilethrix ist eine angeborene seltene Form der Haarlosigkeit, fachsprachlich Alopezie, und beginnt meist bereits in den ersten Lebensmonaten. Sie betrifft hauptsächlich den Bereich am Hinterkopf. Auffallend ist eine extrem variable Ausprägung von wenig Haarausfall bis hin zu einer vollständigen Haarlosigkeit innerhalb einer Familie. Dem betroffenen „Spindelhaar“ verleihen wiederkehrende Knoten normaler Stärke das Aussehen einer Perlenschur. Die Einschnürungen dazwischen brechen sehr leicht.

Alopecia Areata (AA)

Alopecia areata (AA) stellt nach der androgenetischen Alopezie die zweit häufigste Form von Haarausfall dar und betrifft schätzungsweise 1-2% der Bevölkerung. AA tritt bei Männern und Frauen mit gleicher Häufigkeit auf.

AA ist durch zumeist spontan auftretende scharf begrenzte, kreisrunde haarlose Areale gekennzeichnet. Der Verlauf und die Ausprägung der AA sind sehr variabel. Die mildeste Verlaufsform stellt die Alopecia reticularis, auch patchy AA genannt, dar. Hierbei kommt es zur Ausbildung von haarlosen Arealen, die zumeist an der Kopfbehaarung aber auch an der Körperbehaarung auftreten.

Die am Institut für Humangenetik durchgeführten Studien verfolgen das Ziel, Suszeptibilitätsgene bei der AA zu identifizieren und damit einen entscheidenden Beitrag zur Aufklärung der molekularen Ursachen der AA zu leisten.

Bislang wurden insgesamt 10 verschiedene genomische Regionen/Gene mit genomweiter Signifikanz identifiziert. Besonders hervorzuheben ist hierbei die HLA-Region (Humane Leukozyten Antigen Region) auf dem kurzen Arm von Chromosom 6, die bei der überwiegenden Anzahl von Autoimmunerkrankungen eine Assoziation zeigt.

Zusammenhang mit anderen Erkrankungen

Die Bonner Forschenden stellten fest, dass eine Komorbidität mit einer chronischen entzündlichen Erkrankung - insbesondere atopische Dermatitis, Asthma bronchiale, Hashimoto-Thyreoiditis, Rhinitis oder Vitiligo - mit dem Erkrankungsalter, dem Schweregrad und/oder der Dauer von AA zusammenhängt. Denn AA-Patienten mit Asthma, atopischer Dermatitis oder Hashimoto-Thyreoiditis berichteten signifikant häufiger über einen früh einsetzenden, schweren und langanhaltenden Haarausfall.

Das mittlere AA-Auftretensalter lag bei Patienten, die gleichzeitig an drei atopischen Erkrankungen, d.h. Asthma bronchiale, atopische Dermatitis und Rhinitis leiden, etwa ein Jahrzehnt früher als bei Patienten ohne chronisch entzündliche Begleiterkrankungen.

Androgenetische Alopezie

Die Androgenetische Alopezie ist die häufigste Form des Haarausfalls beim Mann und ganz wesentlich durch erbliche Faktoren bedingt. So konnten bisher weltweit mehr als 350 beteiligte Genorte identifiziert werden, wobei allen voran das auf dem von der Mutter vererbten X-Chromosom gelegene Androgenrezeptor-Gen zu nennen ist.

Unter Anwendung moderner bioinformatischer und statistischer Methoden fanden sie Assoziationen zwischen erblichem Haarausfall beim Mann und seltenen genetischen Varianten in fünf Genen: EDA2R, WNT10A, HEPH, CEPT1 und EIF3F.

Diagnose und Therapie

In der Haarsprechstunde des neuen Kompetenzzentrums klärt ein Team von Dermatologen sowie Plastischen und Ästhetischen Chirurgen die Ursache für einen vorliegenden Haarausfall wie chronische Krankheiten, Probleme mit der Schilddrüse, Hormonelle Störungen und Vitaminmangel. Mittels klinischer Untersuchungen diagnostizieren die Ärzte, welche Form des Haarverlusts vorliegt.

Da es jedoch nicht das „eine Haarwuchsmittel“ gibt, betrachten die Experten im neuen Kompetenzzentrum jeden Haarausfall gesondert und beraten die Patienten entsprechend.

Wenn die Haarwurzeln wie beim häufigsten androgenetischen Haarausfall unwiderruflich geschädigt sind, gibt es keine Alternative zur Eigenhaartransplantation.

Eigenhaartransplantation

Die Eigenhaarverpflanzung fordert viel Fingerspitzengefühl von der erfahrenen Operateurin. Dazu entnimmt sie aus dem sogenannten Kranzbereich am Hinterkopf vitale Haarwurzeln entweder als Einzelhaar oder als schmaler Haarstreifen, aus dem sie die einzelnen Follikel vorsichtig herauspräpariert.

Dann setzt sie in dem haarlosen Areal mit einem sehr feinen Skalpell kleinste Mikrokanäle, so genannte Slits. Mit einer Größe von 0,7 Millimeter sind diese mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen.

In diese Kanäle setzt sie dann die entnommenen Haarwurzeleinheiten, sogenannte Grafts, mit einer Mikro-Pinzette ganz vorsichtig ein, um die Wurzeln nicht zu beschädigen.

Nach der Verpflanzung ruhen die Haarwurzeln zunächst, und nach etwa zwei bis sechs Wochen fallen nur die kleinen Haare aus. Dann drei bis vier Monate später, beginnen die Wurzeln wieder kräftiges Haar zu produzieren, das dann dauerhaft erhalten bleibt.

Neben dem Bereich der Kopfhaare können auch Augenbrauen, Wimpern und Barthaar mit dieser Technik behandelt werden.

Förderung innovativer Forschungsprojekte

Gleich sieben Bonner Projekte erhalten eine Förderung des BMBF-Programms GO-Bio initial, um ihre innovativen Forschungsergebnisse in die Praxis zu bringen. Die Projekte sind am Universitätsklinikum Bonn (UKB) und an der Universität Bonn angesiedelt und werden in der Sondierungsphase mit je maximal 100.000 Euro gefördert.

Ein wichtiger Fokus von GO-Bio initial ist die Förderung von Ansätzen, die Innovation in der Diagnostik versprechen. Ausgewählt sind auch Projekte, die sich mit der Entwicklung innovativer Therapiemöglichkeiten auseinandersetzen.

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