Haarbedeckung bei ultraorthodoxen jüdischen Frauen: Tradition, Bedeutung und moderne Ausdrucksformen

Orthodoxe Frauen zeigen nach der Hochzeit ihre Haare nicht mehr in der Öffentlichkeit. Diese Tradition hat tiefe Wurzeln im Judentum und wird bis heute von vielen gläubigen Frauen praktiziert. Der Brauch, die Haare zu bedecken, setzte sich im 15. Jahrhundert als religiöse Pflicht durch.

Ursprünge und biblische Bezüge

Die erste Begegnung zwischen Rebekka und Isaak liefert den biblischen Ursprung: „Rebekka blickte auf und sah Isaak. Sie ließ sich vom Kamel herunter und fragte den Knecht: Wer ist der Mann dort, der uns auf dem Feld entgegenkommt? Der Knecht erwiderte: Das ist mein Herr. Da nahm sie den Schleier und verhüllte sich.“ (1. Buch Mose 24, 64f)

Nirgendwo heißt es in der Tora, in den Fünf Büchern Mose, ausdrücklich, dass Frauen ihr Haar bedecken müssen. Die Tora spricht jedoch im Buch Numeri von einem sogenannten Sotah-Ritual: Bei diesem Ritual soll geprüft werden, ob eine Frau eine Ehebrecherin ist. Als Zeichen der Erniedrigung muss die Frau ihr Haar entblößen. Aus dieser Bibelstelle folgerten die Rabbinen später im Talmudtraktat Ketubot, dass verheiratetete Frauen ihr Haar bedecken müssen.

Die Mischna, die erste Schicht des Talmuds aus dem zweiten Jahrhundert, geht dagegen davon aus, dass das Haarebedecken kein biblisches Gebot ist. Sie sieht es lediglich als "jüdisches Gesetz" an, also als etwas, das unter Juden üblich ist - als eine Art Brauch.

Verschiedene Auslegungen und Praktiken

Dennoch gab es zwischen den verschiedenen orthodoxen Strömungen immer graduelle Unterschiede in der Auslegung, ob nach der Hochzeit alles Haar verhüllt bleibt oder wie viel von ihrem Haar eine Frau zeigt. In den strenggläubigen chassidischen Gemeinden, die im 18. Jahrhundert in Osteuropa entstanden, war es sogar üblich, dass Frauen sich zur Hochzeit alle Haare abschnitten und danach das Tichel, ein Kopftuch, trugen.

Heute entscheiden sich viele orthodoxe Jüdinnen für eine Perücke, auch Scheitel genannt. Ganz anders geht es Maria Kogan, die auch ihr Haar bedeckt. Die Jüdin aus Köln büffelt gerade für das zweite Staatsexamen. Sie ist entspannt. Falls sie keinen Job als Lehrerin bekommt, liegt das sicher nicht an ihrer Kopfbedeckung. Denn sie trägt eine rote Langhaarperücke. Den Übergang zwischen Perücke und echtem Haar ziert ein Stoffband.

Dana Röttger, deutsche Jüdin, hat eine große Auswahl an Hüten, Mützen, Tüchern. Die Kunsthändlerin trägt eine graue Strickmütze, die am Hinterkopf locker runterhängt. Der lange graue Rock, das bedruckte T-Shirt und auch die Mütze sind aufeinander abgestimmt.

Egal für welche Variante sich eine verheiratete Frau entscheidet, sie kann aus einem vielfältigen modischen Angebot wählen.

Bedeutung und Hintergründe

Die Kopfbedeckung hat seinen Ursprung in Thora, auch in Talmud, das ist die mündliche Lehre und in der Kabbala, die mystische Lehre. Und es ist ein markantes Signal, das ist ein Ausdruck von Bescheidenheit und Integrität. Die Signalfunktion nach außen, das ist ein soziales Signal.

Es ist besser, es ist auch für meinen Mann besser, weil wie viele Ehen haben zum Beispiel Probleme mit Eifersucht. Wie viele Männer gibt es, die auf ihre Frauen eifersüchtig sind. Das brauchen wir gar nicht. Allein durch das Kopftuch kann mein Mann unbesorgt sein, dass mich im Endeffekt kein wildfremder Mann angucken würde.

Auch im Islam gelten, je nach Region und Richtung, unterschiedlich strenge Regeln. Ob es denn nicht ungerecht sei, dass vor allem die Frauen sich bedecken müssten, wollte neulich eine deutsche Bekannte von den Schwestern wissen. Schließlich hätten doch auch Männer ihre Reize. "Eine Frau reizt mehr als ein Mann. "Der Sinn ist ja: Man soll seine Haare bedecken, weil die Haare ja aufreizend, anreizend oder anregend sind für die Männer. Und man soll die fremden Männer nicht wer weiß wie verführen.

Zniut - übersetzt Bescheidenheit - ist ein Schlüsselbegriff im Judentum: ein umfassendes Lebensgebot, wonach die Gläubigen in Worten und Taten und eben auch in der Bekleidung anständig, unauffällig und zurückhaltend durch die Welt gehen mögen. Bei Frauen beinhaltet das neben gewissen Kleidungsvorschriften - Röcke statt Hosen und bis zum Ellbogen reichende Ärmel - eben auch die Haarbedeckung. „Das nimmt nichts von mir, es gibt mir etwas dazu“, sagt die 21-Jährige, die sich selbst als modern-orthodox bezeichnet.

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Der Markt für koschere Perücken

Beim Kauf von Mützen oder Tüchern haben die Frauen auch in Deutschland eine große Auswahl. Nur bei den Perücken für orthodoxe Jüdinnnen, den sogenannten Scheitels, wird es schwierig. Entweder bestellen die Frauen online aus Israel oder Amerika, oder fahren in die Nachbarländer, wie zum Beispiel nach Holland, wo Maria Kogan ihre rote Langhaarperücke gekauft hat. Neuerdings können orthodoxe Jüdinnen auch in einem kleinen Laden am Kölner Gürtel koschere Perücken erwerben.

Was ganz wichtig ist bei den Perücken, dass es von einem Rabbiner ausgesprochen worden ist, dass es entweder aus reinem europäischen Haar bestehen sollte. Also 100 Prozent Echthaar. Von der Herkunft her sollte es auch slawischen Ländern, ukrainischen Ländern kommen. Bei der Prüfung wird auch geschaut, dass dort halt auch sauber gearbeitet wird, dass dort keine Fremdhaare, wie indische Haare mit rein fließen können. Nicht aus Indien: das hat einen einfachen Grund. Die indischen Haare werden meist bei einem religiösen Ritual in einem Hindu-Tempel geopfert. Die Abfallprodukte eines fremden Kultes benutzen, das geht für orthodoxe Jüdinnen gar nicht.

Was einen Scheitel angeht, ist eines entscheidend: Das Haar muss koscher sein. Indische Haare zum Beispiel gelten als problematisch. Es könnte nämlich sein, dass sie ursprünglich eine religiöse Opfergabe in einem Hindu-Tempel waren. Das aber fällt unter den Begriff „Götzendienst“ und ist für fromme Juden verboten. Um sicherzugehen, werden Haarfabriken kontrolliert und nach erfolgter Kontrolle Koscher-Zertifikate ausgestellt.

Hier ist eine Tabelle, die die verschiedenen Aspekte von koscheren Perücken zusammenfasst:

Aspekt Anforderungen
Material 100% Echthaar
Herkunft Slawische oder europäische Länder (z.B. Ukraine)
Koscher-Zertifikat Vorhanden
Vermeidung Kein indisches Haar wegen religiöser Opfergaben

Fazit

Die Perücken der Jüdinnen und die Kopftücher der Jüdinnen und Muslimmen: Sie sollen eigentlich die Schönheit der Frauen verhüllen, ihre Reize vergessen zu machen. Doch so ganz steigt keine Frau aus, aus dem Spiel mit der Schönheit: Denn, mal ehrlich, wer möchte schon reizlos sein? Mal ist es das modische Kopftuch, ausgesucht nach den Farben der Saison, und mal ist es die Perücke, die viel schöner ist als die eigenen Haare. Auch wer sich verhüllt, kann sich attraktiv verhüllen.

tags: #ultraorthodoxe #jüdische #frauen #haare

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