Ultraorthodoxe Perücken: Tradition, Glaube und Mode

In der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft spielen Traditionen und Bräuche eine wichtige Rolle im täglichen Leben. Ein besonders auffälliger Brauch ist die Kopfbedeckung verheirateter Frauen. Dieser Artikel beleuchtet die Tradition des Tragens von Perücken und Kopfbedeckungen bei ultraorthodoxen Jüdinnen, die Gründe dafür, die damit verbundenen Kontroversen und die modischen Aspekte.

Eine ultraorthodoxe Jüdin mit einer Perücke.

Der Ursprung der Tradition

Orthodoxe Frauen zeigen nach der Hochzeit ihre Haare nicht mehr in der Öffentlichkeit. Die erste Begegnung zwischen Rebekka und Isaak liefert den biblischen Ursprung: „Rebekka blickte auf und sah Isaak. Sie ließ sich vom Kamel herunter und fragte den Knecht: Wer ist der Mann dort, der uns auf dem Feld entgegenkommt? Der Knecht erwiderte: Das ist mein Herr. Da nahm sie den Schleier und verhüllte sich.“ (1. Buch Mose 24, 64f)

Als Brauch setzte sich das Bedecken der Haare im 15. Jahrhundert durch. In den strenggläubigen chassidischen Gemeinden, die im 18. Jahrhundert in Osteuropa entstanden, war es sogar üblich, dass Frauen sich zur Hochzeit alle Haare abschnitten und danach das Tichel, ein Kopftuch, trugen.

Dennoch gab es zwischen den verschiedenen orthodoxen Strömungen immer graduelle Unterschiede in der Auslegung, ob nach der Hochzeit alles Haar verhüllt bleibt oder wie viel von ihrem Haar eine Frau zeigt. Egal für welche Variante sich eine verheiratete Frau entscheidet, sie kann aus einem vielfältigen modischen Angebot wählen.

Ultraorthodox: schwieriger Weg in die Freiheit

Vielfalt der Kopfbedeckungen

Alle strenggläubigen, verheirateten Frauen müssen in der Öffentlichkeit ihr Haar bedecken. Es gibt bunt bedruckten Kopftücher und Blumen, die man sich dranstecken kann. Die ashkenasischen Jüdinnen hingegen bevorzugen Perücken. Glatt und glänzend soll das Zweithaar sein, das ist gerade der letzte Schrei.

Verheiratete Frauen, die dem orthodoxen jüdischen Glauben angehören, tragen oft eine Perücke. Heiratet eine orthodoxe Frau, muss sie ihre Haare bedecken, weil die als etwas Intimes gelten, das nur der Ehemann sehen darf. Statt Kopftuch tragen aber viele Perücke.

Von außen wirkt Zeldas Perückengeschäft im New Yorker Stadtteil Brooklyn sehr diskret und exklusiv. Die Fensterscheiben sind milchig-trüb und man muss klingeln, um hineinzukommen. Die meisten Kundinnen vereinbaren vorher einen Termin mit Zeldas Kollegin Rochel.

Daneben steht ein Styroporkopf, und da herum hängen reihenweise Echthaarperücken, lange und kurze, wellige und glatte, blonde und schwarze. Rochel hat einen Termin mit Tiffany. Sie heiratet in ein paar Monaten und ist auf der Suche nach ihrer ersten Perücke.

„Ich will, dass die Perücke wie mein Haar aussieht“, meint Tiffany und setzt sich auf einen Drehstuhl mit Blick auf den Spiegel. Fällt es ihr leicht, dieses Gebot umzusetzen? „Ja und nein“, meint sie. „Ich würde sagen ja, denn die orthodoxen Frauen, zu denen ich aufschaue, befolgen das Gebot mit so viel Freude und Stolz. Das gibt mir Kraft.“ Aber ob es Gott wirklich kümmert, ob sie eine Perücke trägt? Das sei eine gute Frage, meint Tiffany. „Gott gibt uns den freien Willen, um eigene Entscheidungen zu treffen. Gott gab uns die Tora, und durch sie können wir eine Beziehung mit ihm aufbauen. Wenn ich mich an ein Gebot halte, stärkt es diese Beziehung - und wenn nicht, distanziere ich mich von Gott. Ist Gott wütend, wenn ich mich nicht an ein Gebot halte?

Eine weitere Kundin ist Sarah, eine Freundin von Rochel. Sie ist frisch verlobt. Ihre und seine Familie seien beide "streng religiös", sagt sie. Deswegen wolle sie erst einmal eine Perücke, die alles bedecke. "Damit sich niemand unwohl fühlt." Den ganzen Tag sei sie wegen der Perückenanprobe nervös gewesen, erzählt Sarah Rochel weiter. Alle verheirateten Frauen in Sarahs Familie tragen eine Perücke.

„Ich will meine Haare zunächst einmal bedecken, um dazuzugehören“, gesteht Sarah. „Aber letztendlich, und ich glaube, ein kleiner Teil von mir spürt das schon, ist das Gebot etwas, was ich wirklich umsetzen will.“ Am Ende entscheidet sich Sarah für eine Perücke, die wie ihr eigenes Haar aussieht: blond, lang und lockig. Sie macht noch schnell ein Foto für ihren Verlobten.

Verschiedene Arten von Kopfbedeckungen jüdischer Frauen.

Kontroversen um die Herkunft der Haare

Allerdings: Aus Indien darf das Haar, aus dem die Perücken gemacht sind, nicht stammen. Viele gläubige Hindus in Indien lassen sich mehrmals im Leben den Kopf kahlrasieren. Das geopferte Haar ist Grundlage für Perücken - und für ein Millionengeschäft. Dies hat bei Religionsführern der jüdisch-orthodoxen Glaubensgemeinschaft eine hitzige Debatte ausgelöst.

Sie verbieten Perücken mit indischem Haar, weil es bei einem Ritual gewonnen wurde, das ihrer Ansicht nach einer Götzenverehrung gleicht. Andere kritisieren, dass die Hindutempel einträgliche Geschäfte mit dem Haar machten, während die zumeist armen Spender leer ausgingen.

Im Mai dieses Jahres sorgte es für helle Aufregung unter orthodoxen Juden - vor allem den Frauen. Die Regeln besagen nämlich, dass verheiratete Frauen ihr Haar in der Öffentlichkeit nicht zeigen dürfen. Aus diesem Grund tragen sie Perücken - und zwar aus Echthaar, weil diese angenehmer zu tragen sind als aus synthetischem Haar hergestellte.

Nun aber war dem Rabbi Yosef Shalom Elyashiv in Israel, einflussreiche Autorität in der Ultra-Orthodoxen Welt, zu Ohren gekommen, dass Perückenmacher auf indisches Haar zurückgreifen, das im Zusammenhang mit Tempelopfern gesammelt wurde - möglicherweise jedenfalls.

Fiel das Haar in einer religiösen Hindu-Zeremonie an, die in der orthodoxen Lehre als Götzenanbetung gelten würde? Klassisches jüdisches Denken verbietet die Verwendung von allem, was “im Dienste Baals” steht. Wegen der Verwendung von Statuen, Malereien und anderer Bilder gilt die hinduistische Praxis dem jüdischen Gesetz nach als Götzenverehrung.

Einem Bericht der New York Times vom 14. Mai 2004 zufolge, sprach Rabbi Elyashiv in Israel einen Bann aus. Die dortige Zeitung Ha’aretz berichtete daraufhin, dass Gläubige Listen mit Läden zirkulieren ließen, die derartige Perücken verkauften. Einige verbrannten ihre eigenen Perücken auf einer Art Scheiterhaufen.

Andere aber trugen erst einmal gar keine Perücke und warteten ab, was ihre Rabbis dazu sagen würden. Was die internationale Presse beschäftigte, war die Tatsache, dass diejenigen, die sich das Haar scheren lassen, leer ausgehen, während der Tirupati-Tempel das Geld aus dem Geschäft einheimst.

Die Bedeutung von Zniut

Die meisten Kommentatoren geben »Zniut« als Grund an, was mit Demut, Bescheidenheit, Sittsamkeit, Keuschheit übersetzt werden kann. Zu diesem Konzept von Zniut gehören bescheidenes Verhalten und angemessene Kleidung und Sprache. Zur angemessenen Kleidung der Frau gehören unter anderem ein Rock, der mindestens die Knie verdeckt, Ärmel, die mindestens die Ellenbogen verdecken, und bei verheirateten Frauen eine Kopfbedeckung.

Der Grund hierfür ist eindeutig, sexueller Erregung aufseiten der Männer vorzubeugen, wenn sie eine Frau zu Gesicht bekommen. Hierzu schreibt Rabbiner Zwi Elimelech Schapira (etwa1874) allerdings: »Wenn [zu talmudischen Zeiten] ein Mann eine Frau sah, war dies etwas Neues für ihn: Seine Gedanken und sein Herz wurden verwirrt, was heute jedoch nicht mehr so ist, denn jetzt, in der Diaspora, unter schweren Lebensbedingungen, sind Frauen auch im Handel beschäftigt.

Moderne Interpretationen und progressive Ansichten

In ähnlicher Weise, wenn auch vor einem anderen Hintergrund, argumentieren heute viele nichtorthodoxe Rabbiner. Da die Frau heute nicht mehr als Objekt, sondern als vollkommen gleichberechtigt wahrgenommen werde, seien einige der Zniutvorschriften heutzutage obsolet.

Wie es in der Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose heißt:. Rabbinerin So schreibt Regina Jonas, die als erste Frau 1935 zur Rabbinerin ernannt wurde, in ihrer halachischen Streitschrift »Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?« Folgendes: »Wie segensreich könnte gerade eine Frau im rabbinischen Amte den alten Zniut-Begriff, der […] abhanden gekommen ist, durch Vorbild und Lehre wieder herstellen.

Trotz alledem muss bei der Behandlung des Themas […] den veränderten Zeitverhältnissen und dem Empfinden früherer Zeiten Rechnung getragen werden.« Rabbinerin Jonas räumt ein, dass in der damaligen Zeit Verordnungen der Chasal (Weisen), die die Frauen von manchen religiösen Pflichten und Betätigungen ausschlossen, wohl am Platze waren und die größte Hochachtung verdienten.

»Jedoch heute, wo die Frau an und für sich im öffentlichen Leben steht und in sachlichem Zusammenarbeiten mit dem Manne Gemeinsames leistet, ist das Verhalten inzwischen ein ungezwungenes geworden. Es ergibt sich daraus, dass ihr Erscheinen unter den Männern, selbst auch im G’tteshause, nichts Erregendes für den Mann hat und am allerwenigsten für die Frau. Progressive Zur Stellung des progressiven Judentums zur Kopfbedeckung der Frau schreiben die Rabbiner Walter Homolka und Jonathan Romain in ihrem Buch Progressives Judentum: »Innerhalb des progressiven Judentums wird die Frage der Kopfbedeckung unterschiedlich gehandhabt.

Es gibt einige progressive Gemeinden, in denen sie nicht üblich ist. Die Kopfbedeckung werde in keinem Zusammenhang mit dem ehelichen Status einer Frau gesehen. Frauen seien nicht verpflichtet, nach ihrer Heirat eine Kopfbedeckung zu tragen, auch nicht in der Synagoge. »Stattdessen steht die Kopfbedeckung in der Synagoge als Möglichkeit für alle Frauen offen, unabhängig von ihrem Alter und gesellschaftlichen Status. Der Grund, so schreiben die beiden Rabbiner weiter, warum Frauen ihren Kopf bedecken, hat sich also gewandelt.

Das Geschäft mit koscheren Perücken

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Im Internet sind »hundertprozentig koschere Perücken« käuflich zu erwerben. Die Preise liegen bei 1.220 Dollar für ein Modell mit dem verführerischen Namen »Mystique«. Wer es pflegeleicht mag, kann sich für das Modell »Carefree« entscheiden, und wer in der Synagoge für Aufsehen sorgen möchte, trägt das Modell »Fireworks« für »nur« 3.320 Dollar.

Modell Beschreibung Preis (USD)
Mystique Verführerisches Modell 1.220
Carefree Pflegeleicht -
Fireworks Für Aufsehen in der Synagoge 3.320

Die Tradition des Perückentragens bei ultraorthodoxen Jüdinnen ist ein komplexes Thema, das religiöse, kulturelle und modische Aspekte vereint. Während die Kopfbedeckung als Ausdruck von Bescheidenheit und Frömmigkeit dient, gibt es auch Kontroversen um die Herkunft der Haare und unterschiedliche Interpretationen der religiösen Vorschriften. Dennoch bleibt die Perücke oder andere Formen der Kopfbedeckung ein wichtiger Bestandteil des Lebens vieler orthodoxer Jüdinnen.

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