Das Gedicht "Mit Haut und Haar" der Schriftstellerin Ulla Hahn wurde im Jahre 1981 veröffentlicht. Innerhalb von vier Strophen thematisiert das lyrische Ich eine Liebesbeziehung zu einer unbekannten Person. Diese Beziehung mündet in der vollkommenen Selbstaufgabe des lyrischen Ichs und einem daraus resultierenden Identitätsverlust.
Das lyrische Ich ist die Sprecherin oder der Sprecher eines Gedichts. Dabei handelt es sich um eine fiktive, von der Autorin oder dem Autor erfundene Stimme, die dem Lesenden ihre Gedanken und Gefühle mitteilt. Die Person des lyrischen Ichs bleibt meist unbekannt und ist fiktiv.
Ulla Hahn ist eine der bekanntesten deutschsprachigen Autor:innen. Nach ihrem Erfolg als Lyrikerin in den 1980er Jahren, beginnend mit „Herz über Kopf“(1981), machte sie sich auch als Prosaautorin einen Namen, vor allem mit ihrer autobiografisch basierten Roman-Tetralogie, beginnend mit „Das verborgene Wort“ (2001). Die Autorin ist bis heute beiden Gattungen treu geblieben. Die „Gesammelten Gedichte“ erschienen 2013, nur um 2021 mit „stille trommeln“ einen Band mit „Neuen Gedichten aus zwanzig Jahren“ vorzulegen.
Einen kurzen Überblick über das Gedicht "Mit Haut und Haar" von Ulla Hahn bieten Dir die folgenden Stichpunkte:
Im Folgenden soll „Mit Haut und Haar“ analysiert und interpretiert werden.
Innerhalb der vier Strophen des Gedichts "Mit Haut und Haar" wird die Zuneigung des lyrischen Ichs in direkter Ansprache an eine unbekannte Person thematisiert, wobei das lyrische Ich zudem seine Hingabe und die gleichzeitige Aufgabe seiner Selbst in dieser Beziehung thematisiert.
In der ersten Strophe thematisiert das lyrische Ich eine innige Verbundenheit zu der Person, die es anspricht: "Aus der Senke [der] Jahre" gezogen, schaffte es das lyrische Ich, diese Person in seinen Sommer eintauchen zu lassen. Ferner "leckte" es dieser Person "die Hand und Haut und Haare", bis es schließlich einen Schwur ablegte, nämlich den Schwur, "ewig mein und dein zu sein". Der Begriff "Senke" beschreibt eine flache Vertiefung in einem Boden.
In der zweiten Strophe steht die innige Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und der unbekannten Person an einem Wendepunkt. So spricht das lyrische Ich davon, dass jene Person es umgewendet und ihr/ihm ein Zeichen verpasst habe: "Mit sanftem Feuer [brannte es dieses Zeichen] in das dünne Fell" des lyrischen Ichs. Das Ergebnis dieses Brandmales war, dass das lyrische Ich von sich selbst abgelassen und "vor [sich] selbst zurückzuweichen" begonnen habe.
In der dritten Strophe erzählt das lyrische Ich von einem Schwur, den es sich selbst gegenüber abgelegt habe und vor dem es ebenfalls zurückgewichen sei. Während es sich anfangs noch an diesen Schwur erinnerte und einen "schöne[n] Überrest" sah, ist das lyrische Ich hier bereits tief im "Innern" der unbekannten Person "verborgen".
Die vierte Strophe beendet das Gedicht mit dem vollständigen Aufgehen des lyrischen Ich in der Person, die es unmittelbar anspricht. Schließlich habe diese Person das lyrische Ich "mit Haut und Haar" ausgespuckt.
Die Analyse des Gedichts "Mit Haut und Haar" umfasst den Aufbau des Gedichts, darunter Reimschema und Metrum, sowie die Sprache des Gedichts, zu der u. a. die rhetorischen Stilmittel gehören.
Der Aufbau des Gedichts "Mit Haut und Haar" zeigt, dass dieses keiner bestimmten Gedichtart zugeordnet werden kann. Allerdings kann das Gedicht thematisch der Liebeslyrik zugeordnet werden.
Unter dem Begriff "Gedichtart" wird die Form eines Gedichts verstanden. Gedichte können anhand bestimmter Eigenschaften verschiedenen Gedichtformen zugeordnet werden. Die Eigenschaften, die die Gedichtform vorgibt, können etwa das Versmaß, das Reimschema oder die Vers- und Strophenzahl sein. Ein Beispiel für eine Gedichtart ist das Sonett. Merkmal des Sonetts ist sein strenger Aufbau in Form von zwei Strophen mit je vier Versen und zwei Strophen mit je drei Versen.
Lyrische Werke können thematisch voneinander unterschieden werden. Neben der Liebeslyrik gibt es die Gedankenlyrik und die Erlebnislyrik. Werke, die der Liebeslyrik zugeordnet werden, thematisieren Gefühle und Stimmungen des lyrischen Ichs. Sieh Dir doch die Erklärung "Lyrik Arten" auf StudySmarter an, wenn Du mehr über die verschiedenen Gedichtformen erfahren möchtest!
Die vier Strophen des Gedichts "Mit Haut und Haar" verfügen über unterschiedliche Reimschemata. In der ersten und dritten Strophe lässt sich ein Kreuzreim mit dem Reimschema "abab" identifizieren.
Der Kreuzreim ist eine Reimform, bei der sich das letzte Wort des Verses einer Strophe auf das letzte Wort des übernächsten Verses reimt. Er wird deshalb auch Wechselreim genannt. Bei einer vierzeiligen Strophe würde das Reimschema "abab" lauten, bei einer sechszeiligen Strophe "ababab".
Dieses Reimschema kannst Du beispielhaft anhand der ersten Strophe des Gedichts erkennen:
a Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre
b und tauchte dich in meinen Sommer ein
a ich leckte dir die Hand und Haut und Haare
b und schwor dir ewig mein und dein zu sein.
Bei diesem Reimschema reimt sich das letzte Wort des ersten Verses ("Jahre") auf das letzte Wort des dritten Verses ("Haare"). Ebenso reimt sich das letzte Wort des zweiten Verses ("ein") auf das letzte Wort des vierten Verses ("sein").
In der zweiten Strophe lässt sich ein umarmender Reim mit dem Reimschema "abba" ausmachen.
Ein umarmender Reim besteht aus zwei Reimpaaren innerhalb einer Strophe. Dabei umschließt ein Reimpaar das andere, weshalb der umarmende Reim auch umschließender Reim genannt wird. Ein Reimpaar bildet sich im ersten und vierten Vers sowie im zweiten und dritten Vers. Das Reimschema lautet daher "abba".
a Du wendetest mich um. Du branntest mir dein Zeichen
b mit sanftem Feuer in das dünne Fell.
b Da ließ ich von mir ab. Und schnell
a begann ich vor mir selbst zurückzuweichen
In dieser Strophe reimt sich das letzte Wort des ersten Verses ("Zeichen") auf das letzte Wort des vierten Verses ("zurückzuweichen") sowie das letzte Wort des zweiten Verses ("Fell") auf das letzte Wort des dritten Verses ("schnell").
In der vierten Strophe lässt sich hingegen ein Paarreim mit dem Reimschema "aa" ausmachen.
Der Paarreim ist eine Reimform, bei der sich immer zwei direkt aufeinanderfolgende Verse aufeinander reimen. Demnach reimen sich der erste und zweite Vers sowie der dritte und vierte Vers einer Strophe. In einer vierzeiligen Strophe würde das Reimschema "aabb" lauten, in einer zweizeiligen Strophe "aa".
a Bis ich ganz in dir aufgegangen war:
a da spucktest du mich aus mit Haut und Haar.
Bei diesem Reimschema reimt sich das letzte Wort des ersten Verses ("war") auf das letzte Wort des zweiten Verses ("Haar").
Bei dem Metrum des Gedichts "Mit Haut und Haar" handelt es sich um einen fünfhebigen Jambus. In allen vier Strophen kann das Metrum des Jambus identifizieren werden, dies bedeutet, dass die erste Silbe eines Versfußes unbetont und die zweite Silbe betont ist.
Als Versfuß wird die kleinste rhythmische Einheit eines Verses verstanden. Diese besteht aus einer Reihung von betonten und unbetonten Silben. Unterschiedliche Abfolgen von betonten und unbetonten Silben sind möglich und ergeben unterschiedliche Metren. Das Metrum (auch Versmaß genannt) beschreibt den klanglichen Aufbau eines Gedichts und gibt Auskunft über die Struktur und den Rhythmus eines Gedichts. Für die Bestimmung des Metrums muss die Abfolge von Hebungen und Senkungen in einem Gedicht betrachtet werden. Betonte Silben werden als Hebungen, unbetonte Silben als Senkungen bezeichnet. Für mehr Informationen über die verschiedenen Metren, sieh Dir die Erklärung "Metrum" auf StudySmarter an!
Den fünfhebigen Jambus erkennst Du beispielhaft anhand des ersten Verses des Gedichts:
Ich zog dich aus der Sen-ke dei-ner Jah-re
x X x X x X x X x X
Das große "X" markiert die jeweils eine Hebung", das kleine "x" markiert jeweils eine Senkung. Wenn Du diesen Vers laut liest, kannst Du auch anhand Deiner Betonung erkennen, was mit "Hebung" und "Senkung" gemeint ist.
Im Gedicht "Mit Haut und Haar" von Ulla Hahn können verschiedene rhetorische Stilmittel identifiziert werden.
In der ersten Strophe kann eine Metapher ausgemacht werden. Das lyrische Ich gibt an, dass es die unbekannte Person "in [s]einen Sommer" (V. 2) eingetaucht habe. Dieser Sommer kann als Metapher für das jugendliche Dasein und die wachen Jahre des lyrischen Ich gedeutet werden. Schließlich ist der Sommer die wärmste und hellste Jahreszeit - mit ihm geht die Blüte des Lebens einher.
Die Metapher ersetzt den eigentlich gemeinten Begriff durch einen anderen sprachlichen Ausdruck - ein sprachliches Bild - und überträgt dabei eine Bedeutung. Möchtest Du mehr über die Metapher erfahren, sieh Dir gerne die Erklärung "Metapher" auf StudySmarter an.
Eine Metapher ist ebenso in der zweiten Strophe zu finden, in der das lyrische Ich die Begriffe "sanfte[s] Feuer" (V. 6) verwendet. Das Feuer kann als Metapher für die Handlungsabsicht der unbekannten Person stehen - diese Absicht könnte sich auf Verschiedenes beziehen. Anzunehmen ist jedoch, dass dieses Feuer bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen dieser Person verkörpert.
Dass diese Handlungen negativen Einfluss auf das lyrische Ich ausgeübt haben, ist deshalb zu vermuten, weil das Nomen "Feuer" als Zustand der Verbrennung auf diese Negativität verweist.
Eine Klimax ist ein Stilmittel, das durch Steigerung erfolgend einen Höhepunkt beschreibt. Ein solcher Höhepunkt kann in der ersten Strophe ausgemacht werden. Dabei gibt das lyrische Ich über drei Zeilen hinweg an, was es für die unbekannte Person alles getan habe. Dies mündet schließlich in der vierten Zeile in einem Schwur des lyrischen Ich: "und schwor dir ewig mein und dein zu sein" (V. 4).
Das Wort "Klimax" stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie "Leiter" oder "Stufe". Diese wörtliche Bedeutung überträgt sich auch auf die Funktion der Klimax: Durch die Klimax drückt man die Steigerung von Wörtern, Satzteilen oder sogar ganzen Sätzen aus.
Die Steigerung erfolgt in Stufen meist vom schwächsten zum stärksten Ausdruck. Allerdings kann die Steigerung auch nach der Wichtigkeit der Begriffe erfolgen. Das Wort, welches am höchsten gestellt ist, wird auch als "Höhepunkt" bezeichnet, was ein anderes Wort für Klimax ist.
Möchtest Du mehr über die Klimax erfahren, sieh Dir gerne die Erklärung "Klimax" auf StudySmarter an.
Mithilfe des Stilmittels "Klimax" hebt das lyrische Ich seine/ihre Aufopferung gegenüber der unbekannten Person hervor und verdeutlicht dabei die Intensität dieser Aufopferung. Hierdurch erhalten die Lesenden den Eindruck, dass sich das lyrische Ich der unbekannten Person vollständig hingibt.
In der zweiten Strophe des Gedichts können zwei Stilmittel gleichzeitig identifiziert werden: der Euphemismus und das Oxymoron:
"mit sanftem Feuer in das dünne Fell" (V. 6)
Ein Euphemismus bezeichnet eine Formulierung, die Personen, Gegenstände oder Sachverhalte beschönigt oder verhüllt. Man kann Euphemismen daher auch als Glimpfwörter, Beschönigungen, oder Hüllwörter bezeichnen. Euphemismen können verschieden interpretiert werden und sind oft erst im Kontext erkennbar. Sie können als Aufwertungen, Milderungen oder Verhüllungen verwendet werden.
Ein Oxymoron hingegen ist die Kombination aus zwei sich logisch widersprechenden oder in ihrer Bedeutung gegensätzlichen Begriffen. Ein Oxymoron kann Gegensätze vereinen und damit die Mehrdeutigkeit einer Situation hervorheben sowie die Aufmerksamkeit von Lesenden erregen. Durch den Einsatz unerwarteter Gegensatzpaare animieren Oxymora zudem zum Nachdenken.
In dem Gedicht "Mit Haut und Haar" beziehen sich diese beiden Stilmittel auf den angedeuteten Wendepunkt, der sich in der Beziehung des lyrischen Ich mit der unbekannten Person vollzieht. So gibt das lyrische Ich an, dass diese Person ihm ein "Zeichen" (V. 5) "mit sanftem Feuer in das dünne Fell" (V. 6) eingebrannt habe. Hierbei wird das Nomen "Feuer", dem im Kontext der Verbrennung eine starke, zerstörerische Bedeutung zukommt, mit dem Adjektiv "sanft" kombiniert, wodurch es in seiner Bedeutung gemildert oder abgeschwächt wird. Der Euphemismus wird hier folglich in Zusammenhang mit dieser Milderung verwendet: Er mildert die Absicht derjenigen Person, die im Kontext des Feuers steht, indem das lyrische Ich angibt, dass jene Person ihm das Zeichen "sanft" (V. 6) in "das dünne Fell" (V. 6) gebrannt habe. Gleichzeitig wird durch das rhetorische Stilmittel des Oxymorons der Widerspruch der beiden Begriffe "sanfte[s] Feuer" (V. 6) hervorgehoben. Durch diesen Widerspruch werden Lesende dazu angeregt, die Absichten des lyrischen Dus zu hinterfragen: Möchte es dem lyrischen Ich etwas Gutes oder Schlechtes? Ist es sich über ihre/seine Wirkung auf das lyrische Ich bewusst?
Anhand der folgenden Interpretation kannst Du die Bedeutung des Gedichts "Mit Haut und Haar" von Ulla Hahn erschließen.
Das Gedicht "Mit Haut und Haar" thematisiert die Aufgabe der eigenen Identität seitens des lyrischen Ichs, die durch eine Liebesbeziehung erfolgt. Dabei verweist der Titel bereits auf die Hingabe, die das lyrische Ich in dieser Beziehung zeigt: "Mit Haut und Haar" opfert es sich auf, um in seinem Gegenüber vollkommen aufzugehen. Letztlich realisiert das lyrische Ich jedoch, dass es die Gefahr, die diese Selbstopferung beherbergt, nicht bedacht hat.
Im Folgenden findest Du einige Interpretationsansätze zu den Inhalten der einzelnen Strophen.
Wie Du bereits aus der Inhaltsangabe erfahren hast, thematisiert die erste Strophe die innige Verbindung des lyrischen Ich zu jener unbekannten Person, die es in dem Gedicht anspricht. Außerdem ist zu entnehmen, dass diese innige Verbindung in der vollkommenen Hingabe des lyrischen Ich in Bezug auf diese Person liegt. Weil das Gedicht mit dem Hinweis darauf, dass das lyrische Ich diese Person "aus der Senke [seiner] Jahre" (V. 1) gezogen habe, beginnt, ist davon auszugehen, dass es sich um eine innige Beziehung, folglich eine Liebesbeziehung handelt. Mit dem Begriff "Senke" könnte im metaphorischen Sinne das fortgeschrittene Alter der Person gemeint sein, denn die Vertiefungen im Boden können auf die bereits verstrichenen Jahre hindeuten. Dass das lyrische Ich die angesprochene Person nun aus seinen alten Jahren herauszieht, kann bedeuten, dass es diese wieder aufleben lässt.
Während die unbekannte Person folglich durch fortgeschrittenes Alter charakterisiert wird, befindet sich das lyrische Ich im Sommer seines Lebens. Weil dieser Sommer eine Metapher für das jugendliche Dasein und die wachen Jahre des lyrischen Ich sein kann, ist davon auszugehen, dass das lyrische Ich noch jung ist, als es sich dieser Person hingibt. Das Verb "lecken" weist schließlich darauf hin, dass sich das lyrische Ich gegenüber der angesprochenen Person in vollkommener Hingabe befand, denn es "leckte [ihr/ihm] die Hand und Haut und Haare" (V. 3).
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